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RETRO Feature

Szene aus Douglas Sirk-Film
Douglas Sirk - Deutscher Meister des Melodrams

Pendler zwischen den Welten

"Ich möchte sie alle sehen, die 39 Filme, die Sirk gemacht hat", wünschte sich Rainer Werner Fassbinder. "Ich habe sechs Filme von Sirk gesehen. Es waren die schönsten der Welt dabei." Aufgrund dieser Lobpreisung kommt Douglas Sirk in Deutschland zu verspäteten Ehren. Wer ist der Verkannte, dessen Filme Pedro Almodóvar, Jean-Luc Godard und der Münchener Filmpionier Fassbinder für die besten halten, die je gedreht wurden?
Von  Timo Buschkämper, Filmreporter.de, 23. August 2019

Szene aus Douglas Sirk-Film

Szene aus Douglas Sirk-Film

Mit den großen Melodramen des amerikanischen Kinos verbinden eingefleischte Cineasten den Namen Hans Detlef Sierck. Und doch verbirgt sich hinter dieser unscheinbaren Fassade des Hollywoodregisseurs, der seine Nachfolger so nachhaltig inspirierte. Mit seinen neuartigen, mittlerweile charakteristischen Farb- wie Handlungskompositionen gilt er wichtigster Repräsentant des amerikanischen Kinos der 1950er Jahre. Die Leinwandbilder eines neuartigen, modernen Amerikas, das mit strahlenden Autolackfarben und stilvollen Werbetafeln besticht, macht den gebürtigen Hamburger zu einem Vorreiter der internationalen Pop-Art Bewegung.

Auf der anderen Seite sind seine Darbietungen schon damals als women's weepies - kitschige Schmachtfetzen - verschrien. Mit dem Vorwurf der schnöden Trivialität seiner Kunst sieht sich der Filmemacher zeitlebens konfrontiert, wobei der kritische Blick auf das mittelständisch kleinbürgerliche Amerika oftmals übersehen wird. Vor betont artifiziellen Kulissen agieren seine empfindsamen Charaktere in einer pessimistischen Welt und wehren sich vehement gegen den Konformismus gesellschaftlicher Normen. Mithilfe dieser Stilmittel verhilft er späteren Kinogrößen wie Rock Hudson und Lauren Bacall zu glanzvollen Auftritten im Kindesalter ihrer Karrieren.

Gar nicht kitschig sind die Anfänge seines Schaffens in Hollywood. Im Jahr 1937 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland nach Kalifornien geflohen, verfremdet Sierck dort erst einmal seinen Namen. In Hamburg, Leipzig und Berlin hat er sich zuvor als Theaterintendant, sowie aufstrebender Filmmacher erste Sporen verdient und auch die deutsch-schwedische Schauspielerin Zarah Leander erfolgreich protegiert. Als Douglas Sirk versucht er in Hollywood zunächst als Drehbuchautor Fuß zu fassen, erhält erst 1943 mit "Hitler's Madman" von den Metro-Goldwyn-Meyer Studios einen ersten Regieauftrag.

Wegen der Hetzjagd des Komitees für unamerikanische Aktivitäten zieht Sirk 1949 für kurze Zeit nach Deutschland. Desillusioniert von der unkreativen Neuausrichtung der deutschen Nachkriegsfilmindustrie kehrt er im Jahr darauf jedoch wieder nach Amerika zurück. In den folgenden Jahren inszeniert er in kurzen Abständen mit "Was der Himmel erlaubt" (1955), "In den Wind geschrieben" (1956) und "Zeit zu lieben und Zeit zu sterben" (1958) drei seiner berühmtesten Melodramen. 1959 verlässt er Hollywood endgültig um am Theater in München zu arbeiten. In einer weihnachtlich schneedurchstöberten Nacht lauert ihm dort Rainer Werner Fassbinder mit dem Anliegen auf, doch bitte sein Drehbuch zu "Händler der vier Jahreszeiten" (1974) zu lesen. Sirk gibt dem Flehen nach. Später gesteht Fassbinder, hätte Sirk das Drehbuch missfallen, wäre dies zugleich das Ende seiner hoffnungsvollen Karriere als Regisseur gewesen.

Vom intellektuellen Autorenkino seiner Zeit gelangweilt, fasziniert den bundesdeutschen Filmrevoluzzer besonders die humane Zärtlichkeit in Sirks Inszenierungen. Mit "Angst essen Seele auf" dreht Fassbinder im Jahr 1974 fast ein deutsches Remake von "Was der Himmel erlaubt". Sein großer Bewunderer ist es auch, der den erfahrenen Melodramatiker für eine Gastdozententätigkeit an der Hochschule für Fernsehen und Film in München empfiehlt, wo Sirk noch einige Jahre lehrt, bevor er 1987 in Lugano verstirbt.
Timo Buschkämper, Filmreporter.de - 23. August 2019

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