RETRO Feature
Der Stern
Heinz Rühmann
Naiver Schelm oder trauriger Clown?
Heinz Rühmann
Das man nicht besonders groß sein muss, um im Film die Herzen der Frauen zu brechen, hat Heinz Rühmann bewiesen. Wenn er mit einschläfernder Stimme davon singt, wie stürmisch und leidenschaftlich er doch sei, schmilzt auch heute noch manches Herz dahin. Sein Publikum gewinnt er mit seinem verschmitzten Lächeln im Ufa-Klassiker "Die Drei von der Tankstelle" und als braver Soldat Schwejk. Für viele ist seine Paraderolle aber die des Schlingels Pfeiffer in der "Die Feuerzangenbowle". Folgen wir der Spur Heinz Rühmanns durch das 20. Jahrhundert...
Von  André Weikard/Filmreporter.de,  1. November 2019
Der Stern
Heinz Rühmann
Tragischer Lebensbeginn
Geboren wird Heinrich Wilhelm Rühmann in Essen, wo sein Vater am Hauptbahnhof ein Hotel betreibt. Als die Gäste während des Ersten Weltkriegs ausbleiben, gibt die Familie das Unternehmen auf. Rühmanns Eltern lassen sich scheiden, der Vater begeht 1916 Selbstmord. Der junge Heinz ist zu diesem Zeitpunkt vierzehn Jahre alt. Die Familie zieht nach München.

Der Legende nach soll Rühmann als Dreijähriger Szenen aus Illustrierten nachgestellt haben. Während der Schulzeit wird das Theater zu seiner Obsession. Der Primaner bringt Stunden damit zu, vor dem Spiegel zu posieren, und hat selbst doch erst einige Märchenvorstellungen gesehen. Theaterlehrer Friedrich Basil, der später auch Adolf Hitler Unterricht in Deklamation und Rhetorik geben wird, lässt sich nach mehrfachem Vorsprechen erweichen und nimmt den jungen Mann als Schüler an. Der bekommt unter diesen Umständen das Einverständnis seiner Mutter, die Schule zu verlassen und hat seine Profession gefunden.
Universum
Die Drei von der Tankstelle
Stepptanz mit Theo Lingen
Schon nach einem halben Jahr holt ihn der Direktor des Breslauer Theaters, Richard Gorter an sein Haus. Die ersten Lacher, die der kleingewachsene Heinz auf der Bühne erntet, kommen leider an Stellen, an denen keine vorgesehen sind. Nach einem Jahr läuft sein Vertrag angesichts der mangelnden Begabung fürs dramatische Fach nicht verlängert.

Nach Stationen in Hannover - wo Theo Lingen ihm das Stepptanzen beibringt - Bremen und Braunschweig, gelingt es dem Nachwuchsschauspieler aber, sich doch noch in der deutschen Theaterlandschaft zu etablieren. Engagements in München und in Berlin, wo er mit Marlene Dietrich auf der Bühne steht, folgen. Angetan hat ihm aber nicht der blonde Vamp aus dem Norden, sondern die Münchner Kollegin Maria Bernheim. 1924 heiratet Heinz Rühmann die Schauspielerin, die für ihre Liebe den Beruf erstmal an den Nagel hängt - Rühmann ist eben konservativ.

1927 ist das Jahr, in dem der frisch gebackene Ehemann seinen ersten Spielfilm dreht. Als er gemeinsam mit seiner Mutter den Stummfilm "Das deutsche Mutterherz" anschaut, ist sie so entsetzt von den gespielten Bosheiten ihres Sohnes, dass sie ernsthaft krank wird. Für die zehntägigen Dreharbeiten bekommt der Nachwuchsstar eine Gage von fünfzig Mark pro Tag. Drei Jahre später handelt er für seine nächste Rolle schon stolze 7.000 Mark aus. "Die Drei von der Tankstelle" mit dem Schlager "Ein Freund, ein guter Freund" bringt einen enormen Popularitätssprung. Die Filmoperette wird in drei Sprachen gedreht und ist ein Vorläufer des US-Musicals.
Der Stern
Vier Mal Heinz Rühmann
Mittäter oder Mitläufer?
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird jeder Künstler in Deutschland mit der Frage konfrontiert, wie er sich dem Regime gegenüber verhält. Viele kooperieren, andere wandern aus. Heinz Rühmann zieht sich auf die Rolle des unpolitischen Künstlers zurück. Aus Karrieregründen lässt er sich aber im November 1938, nur zwei Wochen nach der Reichspogromnacht, von seiner jüdischen Ehefrau Maria scheiden. Es wird eine Scheinehe mit dem schwedischen Schauspieler Rolf von Nauckhoff arrangiert, die Rühmann einen Sportwagen kostet und es Maria ermöglicht, bis 1943 in Berlin wohnen zu bleiben. Danach muss sie nach Stockholm emigrieren. Rühmann, der zu diesem Zeitpunkt eine Jahresgage von 220.000 Reichsmark und eine Schenkung von 40.000 RM aus einem Privatfond Adolf Hitlers erhält, überweist ihr monatlich ganze 300 Reichsmark!
Der Stern
Heinz Rühmann als Regisseur
Bruchpilot in der NS-Wochenschau
Zu den Verstrickungen mit den Nationalsozialisten gehören fortan Auftritte in Propagandafilmen wie "Wunschkonzert" (1940) und "Fronttheater" (1942). Kontakte zu führenden Nazi-Größen aus der Filmbranche bezeugen seine Nähe zum Faschismus. So dreht Rühmann anlässlich des 43. Geburtstages von Joseph Goebbels einen Kurzfilm mit dessen Kindern. Immerhin tritt er nicht der NSDAP bei und vermeidet den Hitlergruß in der Öffentlichkeit. Er hält auch Kontakt zu jüdischen Freunden und heiratet im Juli 1939 mit Hertha Feiler eine Frau, die nach der nationalsozialistischen Terminologie Vierteljüdin ist. Der leidenschaftliche Flieger Rühmann erprobt während des Krieges Fahrgestelle für die Firma Böcker, um eine Flugerlaubnis zu bekommen. Filmaufnahmen in Uniform mit Feldwebelabzeichen, die in der NS-Wochenschau laufen und Rühmann als Kurierflieger zeigen, sind aber gestellt.

Rühmann fliegt die Kunstflug-Einlagen in "Quax, der Bruchpilot" (1941) allesamt selbst. Sein Freund Ernst Udets scherzt einmal wohlwollend, Rühmann habe viele schlechte Filme gedreht, um ein Flugzeug kaufen zu können. Seinen Pilotenschein gibt er erst 80-jährig auf Drängen seiner Frau ab. Bis ins hohe Alter verfolgen ihn Vorwürfe, zwar keine plumpe Nazi-Propaganda gedreht zu haben, aber dem Regime mit Unterhaltungsfilmen und mangelnder Distanzierung gedient zu haben.
Der Stern
Heinz Rühmanns angsteinflößender Blick
Kassengift treibt in Bankrott
Kriegsende und Nachkriegszeit sind für den Staatsschauspieler nicht leicht. Beim Einmarsch der Sowjettruppen muss er zusehen, wie seine Frau Hertha mehrfach vergewaltigt wird, das gemeinsame Anwesen in Berlin wird bei Bombardements zerstört, die Tätigkeit für die Ufa steht einer Tätigkeit als Schauspieler zunächst entgegen. Erst im Sommer 1946 kann Rühmann mit einer kleinen Theatertruppe auf Tournee gehen. Gegen den Rat seiner Frau, die besser weiß, dass ihr Künstlergatte mit Geld nicht umgehen kann, gründet er die Filmgesellschaft Comedia. Nach einigen Flops geht die Firma 1953 Konkurs, Rühmann haftet mit eineinhalb Millionen D-Mark und gilt zudem als Kassengift. Jahrelang bekommt er kaum Rollenangebote. Der Gerichtsvollzieher steht jede Woche zwei Mal vor der Tür. Der arbeitslose Filmschauspieler geht gezwungenermaßen zur Bühne zurück, spielt Samuel Beckett und Arthur Miller.
Filmrevue
Heinz Rühmann und Oliver Grimm
Filme gegen den Hunger
In den folgenden Jahrzehnten folgen Produktionen unterschiedlicher Qualität. Rühmann selbst gesteht: "Die mäßigen Filme waren gegen den Hunger - die guten für den Aufstrich." Zwei der besseren waren Helmut Käutners "Hauptmann von Köpenick" (1956) und Axel von Ambessers "braver Soldat Schwejk" (1960). Fritz Muliar, der in letzterem Schwank gerne die Hauptrolle gespielt hätte, hält sich bei den Dreharbeiten nicht zurück und macht ständig Vorschläge, wie die Figur anzulegen sei. Rühmann verbittet sich das. Als er Muliar später in einer achtteiligen TV-Serie als Schwejk sieht, schreibt er ihm ein Telegramm: "Lieber Kollege. Sie haben damals recht gehabt. Herzlichen Glückwunsch!"
Deutsches Filmmuseum
Helmut Käutners Klassiker: "Der Hauptmann von Köpenick"
Ein Clown tritt ab
Rühmanns Rollen bleiben schelmisch, kleinbürgerlich und deutsch. Vielleicht kommt er im Ausland deshalb nicht an und vielleicht liebt ihn das deutsche Publikum gerade deshalb so innig. In den Jahren von 1962 bis 1990 bekommt er insgesamt 14 Bambis. Die Bundesrepublik verleiht ihm das Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband. Der hoch dekorierte Schauspieler schlittert in den 1970er Jahren nach dem Tod seiner Frau Hertha in eine weiter schwere Krise. Längst nicht mehr der unbeschwerte Lausbub seiner frühen Filme, will er nie wieder vor die Kamera treten. Seine letzten Auftritte sind melancholisch, er entdeckt leisere Töne. Nach einem Resümee seines Lebens gefragt antwortet er: "Ich möchte allenfalls sagen: ich bin doch nicht das geworden, was ich eigentlich gern geworden wäre, nämlich ein großer Clown."

Dieser Traum wird ihm jedoch noch erfüllt. 1977 tritt Rühmann als Clown im Zirkus Krone auf. 1980 hat er einen Auftritt mit dem weltberühmten Clown Oleg Popov. In der TV-Show "Wetten, dass..?" verabschiedet er sich am 15. Januar 1994 von seinem Publikum. Minutenlange stehende Ovationen der Zuschauer rühren ihn zu Tränen. Eine Goldene Schallplatte, die der Schauspieler im gleichen Jahr für eine Neuaufnahme seines Schlaflieds "La-Le-Lu, nur der Mann im Mond schaut zu" bekommen soll, kann er nicht entgegennehmen. Heinz Rühmann stirbt am 30. Oktober 1994 und wird fünfhundert Meter von seiner Villa im kleinen Aufkirchen beigesetzt.
Von  André Weikard/Filmreporter.de,  1. November 2019

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