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RETRO Feature
Horst Buchholz
Salzgeber & Co. Medien

Berliner Steppke wird Weltstar

Halbstark: Horst Buchholz

Ein Straßenjunge aus dem Berliner Arbeiterviertel Neukölln erobert die internationale Kinoszene: Was sich auf den ersten Blick wie ein Filmstoff liest, wird für Horst Buchholz Mitte der 1950er Jahre wahr. Der 1,77 m große Junge mit den flackernden Augen und dem frechen Grinsen avanciert zu einem der beliebtesten deutschen Leinwandstars. Was das junge Publikum an dem flamboyanten Schauspieler so fesselt ist der von Buchholz verkörperte Freiheitsdrang und die Sehnsüchte seiner Generation. Doch hinter der Glamour-Fassade des Mädchenschwarms verbirgt sich ein lange gehütetes Geheimnis.
Von  Michael Wenk,  5. Februar 2020
Horst Buchholz beim Spazieren mit Myriam Bru
Der Stern
Horst Buchholz beim Spazieren mit Myriam Bru

Deutscher James Dean

September 1956. Im Essener UFA-Palast findet die Premiere des von "Die Halbstarken" statt. Als "Warnung für alle jungen Menschen" deklariert, schildert der Film den Alltag einer Gruppe Jugendlicher. Die Söhne und Töchter kleinbürgerlicher Eltern haben das Spießerleben ihrer Familien satt und machen als "Halbstarke" die Stadt unsicher. Ihr Anführer ist Freddy Borchert, der von einem Leben ohne Gängelung und dem großen Reichtum träumt. Er wird von dem damals 23-jährigen Horst Buchholz gespielt. Als Typ passt Buchholz perfekt zu jenem Bild, das sich das gediegene Kinopublikum der Nachkriegszeit von einem Großstadtrebellen macht: Das exotische Gesicht von Buchholz spiegelt Unberechenbarkeit und Aufsässigkeit. Sein schmaler, drahtiger Körper signalisiert Nervosität und Angriffslust. Von Buchholz geht jene Ausstrahlung aus, die in späteren Jahren als 'Coolness' bezeichnet werden wird. Kein Wunder, dass die Filmbranche ihn schon bald als den 'deutschen James Dean' vermarktet. Buchholz hat nicht die Statur des klassischen Leinwandhelden. Sein Rollenfach ist der großspurige Gassenjunge, der Freibäder und Espressobars zu seinen Revieren zählt. In "Endstation Liebe" kann Buchholz 1957 beweisen, dass er seiner Paraderolle auch sensiblere Seiten abzugewinnen vermag: Er spielt Vorstadtcasanova Mecky, der um einer Wette willen einer jungen Fabrikarbeiterin nachstellt und in ihr die Liebe seines Lebens findet.


Horst Buchholz trägt "Sissi" auf Händen.
Filmrevue
Horst Buchholz trägt "Sissi" auf Händen.

Blitzstart mit "Himmel ohne Sterne"

Zu Beginn seiner Karriere sind es Äußerlichkeiten, die Horst Buchholz zu ersten Filmengagements verhelfen. Aufgrund seiner slawisch anmutenden Gesichtszüge erhält er 1955 die Rolle des sowjetischen Soldaten Mischa in Helmut Käutners Ost-West-Drama "Himmel ohne Sterne". Die Figur ist insofern typisch für Buchholz, als sie bereits Merkmale späterer Rollen aufweist: Ein grimmiges Äußeres, lautstarkes Auftreten, Naivität und Hilfsbereitschaft. So wird Mischa zum selbstlosen Fluchthelfer an der deutsch-deutschen Grenze und bezahlt sein humanitäres Engagement mit dem Leben. Gleich mit seiner ersten größeren Leinwandrolle legt 'Hotte', wie der am 4. Dezember 1933 geborene Buchholz von Publikum und Presse liebevoll genannt wird, einen Blitzstart hin. Für seine schauspielerische Leistung in "Himmel ohne Sterne" erhält er 1956 das Filmband in Silber als bester Nachwuchsdarsteller. Fast sämtliche von Buchholz dargestellte Figuren stehen im Widerspruch zu bürgerlichen Normen und Werteordnung ihrer Zeit. In "Robinson soll nicht sterben" spielt er 1956 den ungeratenen Sohn des englischen Schriftstellers Daniel Defoe, der durch Hilfsbereitschaft und Herzensgüte eines von Romy Schneider dargestellten Mädchens auf den rechten Weg zurückfindet. Im Jahr darauf vereint Helmut Käutners Pariser Komödie "Monpti" die beiden Jungstars erneut vor der Kamera. Diesmal stehen sie im Mittelpunkt einer tragisch endenden Romanze zwischen einem verlotterten Studenten und einer armen, doch kapriziösen Näherin.


Horst Buchholz und Romy Schneider beim gemütlichen Kennenlernen.
Filmrevue
Horst Buchholz und Romy Schneider beim gemütlichen Kennenlernen.

Zwischen den Geschlechtern

Mit der liebreizenden Romy und dem schnodderigen 'Hotte' verfügt der deutsche Film über ein blitzjunges Traumpaar, das die Herzen des Publikums höher schlagen und die Kinokassen klingeln lässt. Doch Buchholz denkt nicht daran, sich einseitig auf Rollen in zartbitteren Melodramen festlegen zu lassen. Die Thomas Mann-Verfilmung "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" eröffnet ihm 1957 die Chance, sich erstmals als Charakterdarsteller zu beweisen. Die Figur des Schwindlers und Lebemannes Felix Krull, der zum Lustobjekt von Frauen wie Männern wird, scheint Buchholz geradezu auf den Leib geschrieben. Was das Publikum nicht ahnt: Auch im realen Leben fühlt sich der Schauspieler zu beiderlei Geschlechtern hingezogen. Obwohl ab 1958 mit seiner Schauspielerkollegin Myriam Bru verheiratet und Vater zweier gemeinsamer Kinder, unterhält Buchholz auch Beziehungen zu Männern. So zählt der Journalist und Sexualaufklärer Oswalt Kolle zu seinen Partnern. Buchholz weiß um die Brisanz seines Lebenswandels, der den Moralvorstellungen der prüden 1950er Jahre entgegensteht. Um sich vor Anfeindungen zu schützen, hält er sein Doppelleben jahrzehntelang unter Verschluss. Erst anlässlich eines Interviews im Jahr 2000 bekennt sich Buchholz öffentlich zu seiner Bisexualität.


Romy Schneider und Horst Buchholz in "Monpti"
Film und Frau
Romy Schneider und Horst Buchholz in "Monpti"

Sprung nach Hollywood

Mit der Darstellung des von persönlicher Schuld getriebenen russischen Fürsten in der deutsch-italienisch-französischen Koproduktion "Auferstehung" empfiehlt sich Buchholz 1958 auch für Aufgaben im internationalen Filmgeschäft. Sein markantes Äußeres trägt ihm Rollenangebote ein, bei denen Buchholz in erster Linie als exotischer Typ und weniger als wandlungsfähiger Schauspieler gefragt ist. So spielt er im englischen Kriminalfilm "Tiger Bay" einen polnischen Matrosen, der im Affekt einen Mord begeht und die einzige Tatzeugin auszuschalten versucht. Der langersehnte Sprung nach Hollywood gelingt Buchholz 1960: Im Westernepos "Die glorreichen Sieben" spielt er den Revolverhelden Chico, der ein mexikanisches Dorf verteidigen soll, den Kampf knapp überlebt und schließlich als Farmer sesshaft wird. Der Film wird zum internationalen Kassenerfolg, wird von Publikum und Kritik bejubelt. Horst Buchholz befindet sich nun auf dem Höhepunkt seines Leinwandruhms. Auch sein nächstes Projekt lässt sich vielversprechend an: Starregisseur Billy Wilder verpflichtet ihn für die in West-Berlin angesiedelte Filmkomödie "Eins, Zwei, Drei". Buchholz soll darin den Jungkommunisten Otto Ludwig Piffl spielen, der sich mit der Erbin des amerikanischen Coca-Cola-Konzerns einlässt und so über Nacht all seinen ideologischen Prinzipien untreu wird. Doch die Produktion steht unter einem Unstern: Zeitgleich zu den Dreharbeiten wird im August 1961 die Berliner Mauer gebaut. Wilder und sein Team müssen daraufhin ihre Zelte in West-Berlin abbrechen und auf die Bavaria-Filmateliers bei München ausweichen. Ein schwerer Autounfall des alkoholisierten Horst Buchholz führt zu einer weiteren Unterbrechung der Arbeiten an "Eins, zwei, drei". Buchholz überlebt nur knapp, kann die Dreharbeiten jedoch nach zweimonatiger Rekonvaleszenz beenden. Als der Film Ende 1961 in die Kinos kommt, wird er zum Flop. Weder das amerikanische noch das deutsche Publikum mag sich angesichts des Kalten Krieges über Billy Wilders rasanten Kino-Spaß aus dem geteilten Berlin amüsieren.


Horst Buchholz beim Hochzeitstanz
Der Stern
Horst Buchholz beim Hochzeitstanz

Opfer einseitiger Besetzungsstrategie

Obwohl "Eins, zwei, drei" zu den gelungensten Filmen von Horst Buchholz zählt, wird die Produktion zum Menetekel für seine weitere Karriere. Zwar erhält er weiterhin Angebote für internationale Filmprojekte. Künstlerisch tritt er jedoch auf der Stelle. Mit zunehmendem Alter wird Buchholz ein Opfer jener Besetzungsstrategie, die ihn Jahre zuvor in die vorderste Reihe des Filmgeschäfts katapultiert hatte. Seine einseitige Festlegung auf die Figur des jugendlichen Desperados rächt sich nun. Rollen, die ihm Gelegenheit zur darstellerischen Weiterentwicklung geben könnten, bleiben aus. Mitte der 1960er Jahre steht Buchholz noch im Mittelpunkt großangelegter Leinwandepen, spielt den Entdecker Marco Polo in "Im Reich des Kublai Khan" und die Titelrolle in "Cervantes - Der Abenteurer des Königs". Als bislang einziger deutscher Schauspieler verkörpert er 1972 in der amerikanischen Filmbiografie "Der große Walzer" den Wiener Walzerkönig Johann Strauß Doch die mit dem Aufkommen des Fernsehens einhergehende Filmkrise macht auch Buchholz zu schaffen. Zwar ist er vergleichsweise gut beschäftigt, verschleißt sich jedoch in Nebenrollen immer hastiger abgedrehter Action- und Agentenfilme.


O.W.Fischer, Horst Buchholz in "Herrscher ohne Krone"
Film Revue
O.W.Fischer, Horst Buchholz in "Herrscher ohne Krone"

Vom Leinwandhelden zum Gaststar

In den 1970er und 1980er Jahren pendelt Buchholz zwischen amerikanischer TV-Serie und deutschen Fernsehkrimis, denen der in seiner Heimat als 'Weltstar' verehrte Schauspieler einen Hauch von internationalem Glamour verleihen soll. Immer öfter wird der Handlungstragende Publikumsliebling von einst auf den Status des in Ehren ergrauten Gaststars reduziert. Eine Ausnahme ist 1994 der Fernsehfilm "Tödliches Erbe", in dem Buchholz Partner der ebenfalls zeitweise zu Hollywood-Ruhm gekommenen Hildegard Knef ist. Seine Darstellung des KZ-Arztes Dr. Lessing in Roberto Benignis Oscarprämierter Tragikomödie "Das Leben ist schön" verhilft Buchholz 1997 noch ein letztes Mal zu internationaler Aufmerksamkeit. Doch der "Halbstarke" von einst wirkt zunehmend müde und gebrechlich. Gerüchte um eine Magersucht des Schauspielers machen die Runde. Ab 2001 steht Buchholz nur noch für ein ihm gewidmetes Langzeitporträt seines Sohnes Christopher vor der Kamera. Die Fertigstellung der Hommage "Horst Buchholz... mein Papa" im Jahr 2005 erlebt er nicht mehr. Nach einem Klinikaufenthalt infolge eines schweren Sturzes sowie einer Lungenentzündung stirbt der Schauspieler 69-jährig am 3. März 2003 in seiner Heimatstadt Berlin.
Von  Michael Wenk,  5. Februar 2020

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