RETRO Feature
Pier Paolo Pasolini an der KameraLa Biennale
Liebe und Armut
Liebe und Armut - so definiert der italienische Schriftsteller Alberto Moravia den Schlüssel zu Pier Paolo Pasolinis Leben und Werk. Die zwei Intellektuellen sind befreundet, haben zusammen an Pasolinis "Das Gastmahl der Liebe" (1964) gearbeitet. Für die Dreharbeiten bereist der Filmemacher ganz Italien - von dem industrialisierten Norden bis hin zum konservativen, rückständigen Süden und stellt der Bevölkerung Fragen über Liebe und Sex. Aus der Volksnähe und der Atmosphäre in Roms Vororten schöpft Pasolini Inspiration für seine Filme. In Roms Vororten habe Pasolini zu sich selbst gefunden, meint Freund Moravia. Die Liebe zu seiner Mutter Susanna, einer zierlichen Grundschullehrerin, ist nicht weniger prägend.

Das Verhältnis zu seinem Vater ist von Spannungen gekennzeichnet. Die zwei Männer rivalisieren um die Gunst der Mutter. Der Sohn empfindet seinen Erzeuger - den faschistische Offizier Carlo Alberto - als gewalttätig und tyrannisch. "Von da an drehte sich mein ganzes Leben um meine Mutter", gibt er in einem Interview offenherzig preis. Mit der grenzenlose Liebe kommt auch die neurotische Angst, sie zu verlieren. Nachts träumt er, wie er der Mutter auf einer Treppe nachläuft. Zu dieser Zeit findet er unter Susannas Einfluss zum Antifaschismus. "Sie war eine Art Sokrates für mich. Sie hatte ein zweifellos idealistisches und idealisierendes Weltbild. Sie glaubte wirklich an Heroismus, an Barmherzigkeit, Frömmigkeit, Güte. Ich habe all das geradezu krankhaft in mich aufgesogen", erinnert sich Pasolini später.
Pier Paolo PasoliniLa Biennale
Feindbild Vater
Die Zuwendung zur Literatur ist für den Teenager Per Paolo eine Fortsetzung der Konfrontation mit dem Vater. Mit dem Schreiben rebelliert er gegen dessen faschistoide Geisteswelt. Für Pasolini stellt der Vater eine bürgerliche Autorität dar, die alte Wahrheiten wieder einsetzen will, wie er in einem frühen Gedicht schreibt. In die Bücher findet er Zuflucht vor dem Gedanken an den Verlust der väterlichen Liebe. Pier Paoli liest viel. In dieser Zeit festigt sich sein Glaube, dass in der Dichtung eine belebende Kraft sei, die der Gemeinschaft neue Impulse geben kann. In der Schule ist der Junge allseits beliebt. Liebt Fußball, eine Leidenschaft, der zeit seines Lebens nachgehen wird. In den gemeinsamen Spielen spürt er erstmals Genuss beim Anblick männlicher Kniekehlen. Später wird er seine Homosexualität offener ausleben. In der Kleinstadt riskiert er aber einen Prozess wegen Unzucht.

In der Anonymität der Großstadt Rom kann er sich eine gewisse Freiheit in seinen sexuellen Beziehungen erlauben. Pasolinis Biograf Enzo Siciliano dramatisiert ein wenig, als er Pier Paolos "innerem Dämon" schreibt. Die Vorstellung der Welt als "blinde Sinnlichkeit" bringt einen schmerzhaften Spalt in Pasolinis Persönlichkeit. Die Werte seiner Kindheit wie Familie, Religion und Tradition kollidieren mit dem berauschendem Traum von Freiheit und Revolution. Neben dieser "Erotisierung" seines Lebens macht Pasolini auch einen religiösen Wandel durch. Der Katholizismus der südlichen Teilen Italiens wird durch die atheistische Heidenwelt des Nordens angereichert. Diese Mischung aus Mystik, Glauben und Rationalität findet sich in seinen Filmen wieder. Sein marxistischer Glaube ist träumerisch, romantisch und populistisch. Ende der 1950er Jahren schlägt der Lehrer und Journalist Pasolini einen neuen beruflichen Weg ein. Er gibt an, dass er schon lange Kino habe machen wollen. Pier Paolo strebt eine Zusammenarbeit mit seinem bereits international bekannten Landsmann Federico Fellini an. Doch der lehnt ab und so kommt kein gemeinsames Projekt zustande.
Regisseur Pier Paolo PasoliniLa Biennale
Trauriger Ruhm?
Mit dem Film rückt Pasolini ins Rampenlicht der italienischen Öffentlichkeit. Zunächst ein trauriger Ruhm, denn sein Debütfilm "Accattone - Wer nie sein Brot mit Tränen aß" aus dem Jahr 1961 wird ein Skandal und sofort verboten. Die fast dokumentarischen Szenen des urbanen Elends verärgerten viele, Kinobesitzer ignorieren den Film und Kritiker schweigen ihn tot. Dem Regisseur wird Verunglimpfung religiöser Symbole und traditioneller Werte vorgeworfen.

Erst der internationale Erfolg rehabilitiert Pasolinis Werk. Dennoch wird sein Tun weiterhin misstrauisch beäugelt. Für "Mamma Roma" wird er dennoch für den Goldenen Löwen des Filmfestivals von Venedig nominiert. In Italien kommt es zu Handgreiflichkeiten bei der Kinopremiere. Immer wieder muss er vor Gericht seine Filme erklären, verteidigen, ja manchmal sogar entschuldigen. Die Prozesse sind sicherlich kraftraubend. Seine sexuellen Neigungen kein Geheimnis, doch die kurzen Affären auch mit Minderjährigen Strichern verstärken das Gefühl der Einsamkeit nur noch.
Die 120 Tage von SodomLegend
Ninetto Davoli - seine große Liebe!
Dennoch ist das Bild eines gebrochenen Mannes ist irreführend. Freunde und Verwandte bezeugen seine Lebensfreude. Die Liebe zu dem jungen Ninetto Davoli, der später in "Große Vögel, kleine Vögel" mitspielen wird, beflügelt Pasolini. Ninettos Nähe lindert sein emotionales Defizit. Die Verbitterung nimmt trotzdem zunehmend Besitz von ihm. "Einige Jahre habe ich mich selber täuschen können. Das Leben ist ein Trümmerhaufen ohne Bedeutung und voller Ironie". Schmerzhafte Erkenntnisse eines Mannes, der immer an leuchtende Augen und unbezwingbare Lebenskraft glauben wollte. Doch wie richtig ist Pasolinis bittere Überlegung. Ist es nicht ironisch, dass er Opfer genau dieser Jugendlichen geworden ist, die er in seinen Filmen so liebevoll besungen hat?

Es ist eine profunde Trauer in Pasolinis Worten, als er von der Rohheit der Armut schreibt. "Sie haben kein Leuchten in den Augen: Ihre Züge äffen Automaten nach, nichts Persönliches charakterisiert sie von innen heraus. Sie können nicht lächeln oder lachen. Sie können nur grinsen oder kichern. Ihre Stereotypie macht sie unberechenbar". Wie genau beschreibt dieses Bild Pasolinis vermeintlichen Mörder Pelosi. Die Unstimmigkeiten in seinem Geständnis veranlassten zu vielen Verschwörungstheorien. War es doch ein politischer Mord? Gab es vielleicht mehrere Täter? Pasolinis letztes und radikalstes Werk "Die 120 Tage von Sodom" sollte in Kürze erscheinen. Die Wahrheit lässt sich nicht mehr aufklären. Wer es auch gewesen ist, hatte kein Leuchten in den Augen.
Von  Tzveta Bozadjieva, Filmreporter.de,  25. Januar 2021

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