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Alfred Hitchcock
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Hollywoodlegende mit Hang zur Phobie

Brautjungfer Sir Alfred Hitchcock
Mit der Bemerkung "Immer nur Brautjungfer, nie die Braut" kommentiert Sir Alfred Hitchcock den Umstand sechsmal für den Oscar nominiert gewesen zu sein, ihn aber nie gewonnen zu haben. Für den legendären Filmemacher ist dies noch zu Lebzeiten eine schallende Ohrfeige, für die zuständige Academy of Motion Picture Arts and Sciences ein unverzeihliches Versäumnis. Doch auch ohne die kleine Goldstatuette bleibt der Verschmähte einer der wichtigsten Pioniere des internationalen Films und sein Werk ein unauslöschliches Zeugnis zeitloser Leinwandmomente.
Von  Timo Buschkämper, Filmreporter.de,  25. März 2020
Die Vögel
Universal
Die Vögel

Unverwechselbarer Stil

Hitchcock gilt als einer der großen Stilisten des Kinos. Er war berüchtigt für seine Pedanterie am Set und dem Hang zur absoluten künstlerischen Kontrolle. In seinen Thrillern verbindet sich knisternde Spannung mit feinsinnigem Humor. Wiederkehrende Motive wie Angst, Schuld oder Identitätsverlust bilden den roten Faden in seinem 53 Spielfilme umfassendem Gesamtwerk. Die Figurenzeichnung ist stark an Charakterzüge des Regisseurs angelehnt und bildet damit persönliche Eigenschaften und Phobien des Regisseurs leinwandgetreu ab. Neben der Vorliebe für Blondinen und Antihelden ist er ein Verfechter der Psychoanalyse nach Sigmund Freuds. Seine Darbietungen weisen zahlreiche Verbindungslinien zwischen Sex und Gewalt auf. Zudem gestattet er artverwandten Ausprägungen wie Fetischismus und Voyeurismus einen breiten dramaturgischen Entfaltungsraum. Aus Mangel an geeigneten Statisten sprang Jungregisseur Hitchcock bei seinen ersten Arbeiten selbst als Komparse ein und entwickelt, mit dem sogenannten Cameo-Aufritt, eines seiner Markenzeichen aus.


Alfred Hitchcock zeigt
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Alfred Hitchcock zeigt

Jugendjahre und erste Filmerfahrung

Im Jahr 1899 im Londoner Vorort Leytonstone als jüngster Sohn eines Gemüsehändlers geboren, leidet der kleine Alfred schon früh unter seinem kleinen Wuchs und seiner schnell wachsenden Korpulenz. Kinder sind grausam in ihrer Beurteilung Gleichaltriger und der angehende Regisseur verlebt eine weitgehend einsame Kindheit. Mit dem unvollendeten College und den Kursen in Technischem Zeichnen und Kunstgeschichte an der Londoner Kunstakademie bleibt die akademische Ausbildung unvollendet. In seiner Freizeit studiert der Heranwachsende mit Begeisterung Fahr- und Stadtpläne und vertreibt sich die Zeit mit Belletristik, Theater- und Kinobesuchen. Auch seinem Interesse für Kriminalistik geht Hitchcock nach, er verfolgt juristische Mordprozesse als Gerichtsbesucher.

Bei der Londoner Zweigstelle von Paramount wird er 1920 als Zeichner von Zwischentiteln angestellt. Durch seine gelungenen Überarbeitungen von Drehbüchern wird er bald Regieassistent und nimmt die Aufgaben eines Produktionsleiters wahr. Mit seiner Regiearbeit "Der Mieter" gelingt ihm 1926 in Großbritannien ein erster Durchbruch. Die junge Filmindustrie des Landes feiert Hitchcock als hoffnungsvollen Regiestar. Im gleichen Jahr heiratet Hitchcock seine Cutterin Alma Reville. Zwei Jahre später wird Tochter Patricia geboren.


Alfred Hitchcock zeigt
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Hollywoods Ruf

1938 gibt Alfred Hitchcock schließlich dem lukrativen Werben aus Kalifornien nach. Trotz Spannungen mit Produzent David O. Selznick wird sein Hollywooddebüt "Rebecca" ein internationaler Erfolg und wird 1940 gleich mehrfach für den Oscar nominiert. Sein erster Farbfilm "Cocktail für eine Leiche" stößt 1948 hingegen auf wenig positive Resonanz, gilt heute jedoch als stilprägendes Kinokammerspiel. Mitte der 1950er Jahre folgen mit "Bei Anruf Mord", "Das Fenster zum Hof", "Über den Dächern von Nizza" und "Der Mann, der zuviel wußte" triumphale Erfolge fast wie am Fließband. Vielleicht auch deshalb nimmt Hitchcock in dieser Zeit die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an. Obwohl das Psychodrama "Vertigo - Aus dem Reich der Toten" im Jahr 1958 bei Publikum und Kritik durchfällt, zählt der Film inzwischen längst zu den Klassikern der Filmgeschichte. Eine ähnliche Rezeptionsgeschichte durchläuft unmittelbar danach "Der unsichtbare Dritte", im Gegensatz zu "Psycho", der dem Regisseur in der Folge den größten kommerziellen Erfolg seiner Karriere beschert.


Marnie
Universal
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Wendepunkt und Spätwerk

Der animalische Horrorfilm "Die Vögel" bildet eine Zäsur in Hitchcocks Œvre. Durch den charakteristischen Spannungsaufbau und die eingesetzte Tricktechnik für den Betrachter unvergesslich, taucht darin mit Tippi Hedren letztmals eine Blondine als Protagonistin auf. Zugleich beendet der Regisseur die langjährige Zusammenarbeit mit Kameramann Robert Burks. Die Erfolge bleiben in den Folgejahren prompt aus und die Konflikte mit der mittlerweilen brünetten Tippi Hedren bei den Dreharbeiten zu "Marnie" zermürben den gebürtigen Briten zusehends. Anfang 1968 inszeniert Hitchcock mit dem Spionagethriller "Topas" seinen teuersten Film. Erfolg kann man jedoch bekanntlich nicht kaufen und das Werk bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. 1972 kehrt Hitchcock nach England zurück und beginnt mit den Dreharbeiten zu "Frenzy". Seine Frau Alma erleidet währenddessen einen Herzinfarkt und der Regisseur ist von dem Vorfall sichtlich geschockt. Das fast fertige Werk wird in Abwesenheit Hitchcocks abgeschlossen und ohne seinen Feinschliff zu einem großen Kassenerfolg.

Der morbide Unterhaltungsthriller "Familiengrab" von 1973 ist sein letzter Film. Die Dreharbeiten sind von seinem schlechten Gesundheitszustand geprägt, zudem wird Alma erneut Opfer eines Schlaganfalls - sie überlebt und bleibt bis zuletzt seine engste Vertraute und Beraterin. Zu Beginn des Jahres 1980 wird Alfred Hitchcock zum Knight Commander of the Order of the British Empire ernannt. Dreieinhalb Monate später verstirbt der zum Ritter geschlagene Regisseur am Morgen des 29. April in Los Angeles an Nierenversagen. Ein Schicksal was der Nachhaltigkeit seiner Schaffenskunst wohl auf ewig erspart bleibt.
Von  Timo Buschkämper, Filmreporter.de,  25. März 2020

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