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RETRO Feature

Billy Wilder
Der Spiegel

Billy Wilder, Multitalent mit Humor

Einer, der alles kann
Gebot Nummer eins: Du darfst das Publikum niemals langweilen! Unter dieser Prämisse zauberte Billy Wilder einige der besten Filme aller Zeiten auf die Leinwand, egal ob Komödie, Drama, Gerichtsthriller oder Kriegsfilm. Durch seine Vielseitigkeit machte er sich bereits in den 1950er und 60er Jahren zur Hollywood-Legende und schuf Filme, die noch heute Jung und Alt begeistern.
Von  Bettina Friemel/Filmreporter.de,  30. Juli 2020
Tony Curtis und Jack Lemmon in "Manche mögen's heiß"
Film Revue
Tony Curtis und Jack Lemmon in "Manche mögen's heiß"

Echter Goldjunge

Die Klassiker "Manche mögen's heiß", "Zeugin der Anklage" und "Boulevard der Dämmerung" haben außer dem schwarz-weiß Format noch eine andere Sache gemeinsam: ihren genialen Regisseur und Drehbuchautor Billy Wilder. Der vielseitige Meister der spritzigen Geschichten mit oft skurrilen Figuren fühlte sich in jedem Genre zuhause und prägte die Filmwelt wie kaum ein anderer. Kein Wunder, dass er zu Lebzeiten nicht nur häufiger Gast, sondern gleich einundzwanzigfacher Nominierter bei den Academy-Awards war. Immerhin sechs Oscars konnte er ergattern, wovon er alleine drei für "Das Apartment" (1960) erhielt. Damit gehört er zu den wenigen, die für einen Film in den Kategorien Bestes Drehbuch, Beste Regie und Bester Film mit der Trophäe nach Hause gehen konnten.


Regisseur Fred Zinnemann
Film Journal
Regisseur Fred Zinnemann

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Kontakte zur Filmbranche knüpfte Samuel Wilder bereits zu Schulzeiten, ohne es zu ahnen. Nachdem er während des Ersten Weltkrieges 1916 mit seiner Familie im Alter von zehn Jahren aus Angst vor der russischen Armee von Galizien nach Wien umsiedelte, ging er mit dem späteren Regie-Star Fred Zinnemann in dieselbe Klasse. Von da an verband die beiden eine enge Freundschaft, die sie über all die Jahre weiterhin pflegten. Nach der Matura nannte sich Wilder auch offiziell Billie - so rief ihn seine Mutter bereits als Kind - und verdiente sich sein Geld als Reporter für die Wiener Boulevardblätter "Die Stunde" und "Die Bühne". Ein Interview mit dem Jazzmusiker Paul Whiteman inspirierte ihn 1926 zu einer Reise nach Berlin, wo er die nächsten Jahre seine Zelte aufschlug. Dort lebte er im Stadtteil Schöneberg zur Untermiete Wand an Wand neben einer ständig rauschenden Toilette. Und wieder trat ein Mann aus der Filmbranche in sein Leben. Der Direktor der Maxim-Film stand eines Nachts in Unterhose vor seinem Bett, nachdem er aus dem Schlafzimmer einer Nachbarin flüchten musste. Wilder nutzte die peinliche Situation schamlos aus und drängte ihm sein Drehbuch auf.


Ninotchka
Warner Home Video
Ninotchka

Nie wieder Monroe!

Als Ghostwriter besserte er sich schon länger die Haushaltskasse auf und schrieb 1931 zusammen mit Erich Kästner am Skript zu "Emil und die Detektive". Kurz nach der Machtergreifung der NSDAP im Jahr 1933 packte er erneut seine Sachen, amerikanisierte seinen Namen in Billy und versuchte sein Glück in Paris. Er inszenierte 1934 seinen ersten Film "Mauvaise graine" und machte sich damit startbereit für den Sprung über den großen Teich nach Hollywood. Hier gründete er mit Peter Lorre eine Männer-WG und traf auf sein Idol Ernst Lubitsch. Für ihn verfasste er 1939 das Drehbuch zur Erfolgskomödie "Ninotschka". 1942 war es endlich soweit, und der Österreicher feierte mit "Der Major und das Mädchen" seinen ersten internationalen Erfolg als Regisseur. 1944 etablierte er mit "Frau ohne Gewissen" den film noir in Hollywood. Von da an stieg Wilder schnell zur festen Größe in der Filmbranche auf. In "Eine auswärtige Affäre" (1948), "Boulevard der Dämmerung" (1950), "Das verflixte siebte Jahr" (1955), "Zeugin der Anklage" (1957), "Manche mögen's heiß" (1959), "Das Apartment" (1960) und "Das Mädchen Irma la Douce" (1963) arbeitete er immer wieder mit den Schauspielern Jack Lemmon, William Holden, Shirley MacLaine, Marlene Dietrich und Marilyn Monroe zusammen. Letztere brachte ihn mit ihrer unkonzentrierten Arbeitsweise oft zur Weißglut, weshalb er sie nach "Manche mögen's heiß" auch nicht mehr besetzte.


Tony Curtis beim Bridge mit Billy Wilder am Set von "Manche mögen's heiß"
Film Revue
Tony Curtis beim Bridge mit Billy Wilder am Set von "Manche mögen's heiß"

Guter Ratgeber

An seine Glanzzeit in den 1950er und 60er Jahren konnten die späteren Filme "Extrablatt" (1974) und "Fedora" (1978) nicht mehr anschließen, und so verabschiedete sich der passionierte Kartenspieler 1981 mit "Buddy, Buddy" aus dem aktiven Filmgeschäft. Er machte jedoch weiter als Berater weiter, wann immer seine Hilfe gebraucht wurde. Anfang der 90er Jahre dachte er darüber nach "Schindlers Liste" zu inszenieren, um seine persönliche Vergangenheit aufzuarbeiten. Seine Eltern wurden in Auschwitz getötet. Er überließ die Regie dann aber Steven Spielberg und verhalf ihm damit zu einem Oscar.1999 übernahm er die Schirmherrschaft über das Billy-Wilder-Institute in Bonn, wo in erster Linie Drehbuchautoren und Produzenten gefördert werden sollten. 2002 musste die Einrichtung wieder schließen. Kurz darauf starb Billy Wilder im Alter von 95 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Mit Herz und Humor hat er sich mit seinen Filmen bereits zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt, das auch in Zukunft die Filmwelt beeinflussen wird.
Von  Bettina Friemel/Filmreporter.de,  30. Juli 2020

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