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RETRO Feature
Liselotte Pulver
Filmrevue

Fröhlichkeit vom Schicksal eingetrübt?

Liselotte Pulver hinterlässt Eindruck

Ob als kaugummikauendes Fräuleinwunder in Billy Wilders Komödienklassiker "Eins, Zwei, Drei" oder als umsichtige Lilo in der erfolgreichen Kinderfernsehserie "Sesamstraße" - Liselotte Pulver hinterlässt einen bleibenden Eindruck bei ihrem Publikum. Ihr Wände durchdringendes Lachen wirkt auf den Zuschauer ansteckend und erhöht zudem den Wiedererkennungswert der Schweizer Schauspielerin. Ihre herzhafte Fröhlichkeit wird im Laufe ihres Lebens jedoch immer wieder vom Schicksal geprüft.
Von  Timo Buschkämper, Filmreporter.de,  5. Oktober 2020
Piroschka und Andreas
Filmrevue
Piroschka und Andreas

Anfänge

Als am 11. Oktober 1929 in Bern die jüngste Tochter des Tiefbau-Ingenieurs Fritz Eugen Pulver und seiner Ehefrau Germaine das Licht der Welt erblickt, ahnen die Eltern noch nichts von der schauspielerischen Begabung ihres Kindes. Obwohl beide eigene künstlerische Ambitionen haben, der Vater als Kunstmaler, die Mutter Opernsängerin, beugen sie sich dem Diktat der Zeit und begnügen sich mit einer bürgerlichen Existenz sowie der Erziehung ihrer drei Kinder. Nach Abschluss der höheren Handelsschule und dem Diplom zur mehrsprachigen Sekretärin arbeitet Liselotte zunächst als Mannequin, bevor sie sich am Berner Konservatorium zur Schauspielerin ausbilden lässt. Es folgen Engagements am Stadttheater Bern und Schauspielhaus Zürich.


Eins, Zwei, Drei
20th Century Fox
Eins, Zwei, Drei

Filmkarriere

Nach kleineren Nebenrollen gelingt ihr mit "Ich denke oft an Piroschka" und drei Jahre später "Das Wirtshaus im Spessart" Mitte der 1950er Jahre zwei große Filmerfolge. Jetzt ist sie eine viel beschäftigte Darstellerin die bald an der Seite von Branchengrößen wie Gustaf Gründgens und Jean Gabin spielt. Ihre Popularität spricht sich auch in Hollywood herum. Im Jahr 1961 spielt sie unter der Regie des aus Deutschland emigrierten Regisseur Billy Wilder das Fräulein Ingeborg in "Eins, Zwei, Drei". Der Film wird nach dem ersten missglückten Kinostart doch noch ein anerkannt und Pulver profitiert von dem Erfolg. Nie zuvor und auch nie danach sah man sie so aus der Rolle fallen. Ihr frivoler Tanz auf dem Tisch macht Eindruck. Ihre wohl anspruchsvollste Rolle interpretiert sie in dem Skandalfilm "Die Nonne" des französischen Regisseurs Jacques Rivette. Lustiger wird es dann wieder in den Jahren 1977 bis 1983. Als Lilo macht sie in der Serie "Sesamstraße" die Kinder glücklich. Ende der 1980er Jahre zieht sich Lilo aus der Öffentlichkeit zurück.


Herrliche Zeiten im Spessart
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Herrliche Zeiten im Spessart

Ausgezeichnet

Liselotte Pulver gehört zu den populärsten deutschsprachigen Filmstars der 1950er und 1960er Jahre. Pulvers Darbietungen sind lustig, unkompliziert und strahlen eine ganz eigene Heiterkeit aus, die nie flach wirkt. Das sind Eigenschaften die in der tristen Nachkriegszeit gut ankommen. In dieser Zeit nimmt die Berner Schauspielerin der Zeit ihre Schwere - wenn auch nur für die Dauer eines Spielfilms. Es ist das leichte Unterhaltungskino, das ihren Ruhm begründet. Charakterrollen mit philosophischem Tiefgang werden von ihr nicht erwartet, sie steckt in der Klischee-Schublade. Dem Publikum gefällt's trotzdem. Liselotte Pulver sammelt im Lauf ihrer Karriere sechs Bambis, erhält im Jahr 1996 die Platin Romy, ist Gewinnerin des Bundesfilmpreises, der Goldenen Kamera sowie des Bayerischen Filmpreises und zudem Trägerin des Verdienstkreuzes 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, an der öffentlichen Anerkennung fehlt es ihr nicht.


Piroschka und Andreas
Filmrevue
Piroschka und Andreas

Schicksalsschläge

Privat siehts da schon anders aus: Am 6. Juni 1989 stürzt sich ihre drogensüchtige Tochter Melisande im Alter von 21 Jahren vom Berner Münster. Dieses tragische Ereignis markiert eine Zäsur in Lilos Leben. Sie zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Drei Jahre nach Melisandes Tod stirbt auch noch Ehemann Helmut Schmid an den Folgen eines Herzleidens. Das Paar war 30 Jahre zusammen, ihr Zusammenleben war frei von Skandalen oder Trennungsgerüchten. Bleibt noch Sohn Marc-Tell, der sie regelmäßig in ihrem Domizil im schweizerischen Perroy am Genfersee sowie der Altersresidenz in Bern besucht. Nach den Schicksalsschlägen konzentriert sich Lilo ganz auf das Schreiben. In ihren Büchern gibt sie Einblicke in ihr wahrlich nicht einfach verlaufenes Leben. Auf die Frage, ob sie nach all den Geschehnissen der letzten Jahre ihr Lachen nicht verloren habe, entgegnet sie im Jahr 2009: "Nein, es ist da. Ich habe schon noch Lust zu allerlei Späßen. Wenn ich über etwas lachen muss, dann ist in dem Moment jede Traurigkeit vergessen." Bleibt zu wünschen, dass die fröhlichen Augenblicke wieder in den Vordergrund treten.
Von  Timo Buschkämper, Filmreporter.de,  5. Oktober 2020

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