RETRO Feature
Film und Frau
Hildegard Knef
Nie unterkriegen lassen!
Die wilde Hilde Knef
Mit Glück ist sie schon als Kind nicht reich beschenkt. Krankheiten und Misserfolge prägen ihr Leben. Dennoch lässt sich Hildegard Knef von nichts und niemandem unterkriegen. Können Ärzte nicht helfen, sucht sie eben nach alternativen Heilmethoden. Will keiner ihre Filme sehen, hat sie eben mit ihrem tiefen Gesang Erfolg. Die Knef ist ein Stehaufmännchen! Sie ist ein starkes Vorbild für das erwachende Selbstbewusstsein der sich zunehmend emanzipierenden Frauen.
Von  Bettina Friemel/Filmreporter.de,  1. Mai 2021
Filmrevue
Hildegard Knef in jungen Jahren.
In jungen Jahren ahnt noch niemand, dass das Kind einmal ein ebenso umjubelter wie umstrittener Star werden würde. 1925 in Ulm geboren erlebt Hildegard Knef die Schrecken des Zweiten Weltkrieges. Nach dem frühen Tod des Vaters kommt sie 1926 mit ihrer Mutter nach Berlin, wo sie zeitweise mit dem geliebten Opa in einer Wohnung lebt. Erste gesundheitliche Probleme kündigen sich mit Kinderlähmung und rheumatischem Fieber an. Die zweite Heirat ihrer Mutter beschert der kleinen Hilde Brüderchen Heinz Wulfestieg, der später ein bekannter Jazztrompeter werden wird. Bereits in ihrer Jugend malt sie gerne Bilder, am liebsten Portraits. Ihr Talent kann sie 1942 als Zeichnerin bei den UFA-Studios beweisen, wo sie eine Lehre in der Malabteilung beginnt. Doch schon bald bemerkt Personalchefin Else Bongers ein weiteres Talent des außergewöhnlichen Mädchens und ermöglicht ihr Probeaufnahmen für die Schauspielabteilung. Kurz darauf erhält Hilde ein Stipendium und hat erste Engagements.
Film Revue
Hildegard Knef posiert für die Film Revue
Auf der Flucht
In der Endphase des Krieges wird sie von ihrer Mutter getrennt und macht sich als Soldat verkleidet auf den Weg zu ihr. Die Charade fliegt zwar auf, bleibt jedoch unbestraft. Dafür wird sie in ein polnisches Lager gesperrt, wo sie an Typhus erkrankt und sich am Kiefer verletzt. Nach drei Monaten gelingt ihr die Flucht, sie schafft es bis nach Berlin. Schon bald nimmt sie ihre Theaterkarriere wieder auf und wird von Wolfgang Staudte für die Hauptrolle in "Die Mörder sind unter uns" besetzt, dem ersten deutschen Nachkriegsfilm. In der sowjetischen Militärzone ein Erfolg, wird er in der BRD erst zwölf Jahre später gezeigt. Hilde ziert das Titelblatt des Spiegel und die erste Ausgabe des Stern. Sie genießt die erste Welle ihres Starruhms. Selbst in Amerika wird man auf sie aufmerksam. Hollywood-Produzent David O. Selznick macht der Hilde ein Angebot, und so siedelt sie Anfang 1948 mit ihrem ersten Ehemann Kurt Hirsch in die USA und nennt sich wegen der einfacheren Aussprache Hildegard Neff. Währenddessen wird "Film ohne Titel" in Deutschland zum Erfolg, der ihr mehrere Auszeichnungen einbringt. Außerdem nimmt die Astrologie einen größer werdenden Stellenwert in Hildes Leben ein.
Arthouse (Kinowelt Home Entertainment)
Hildegard Knef in "Die Sünderin"
Von den Deutschen verstoßen
Das Hoch sollte nicht von Dauer sein. 1950 nimmt sie die Rolle in "Die Sünderin" an und kehrt nach Deutschland zurück. Mit einer Nacktszene sowie den Themen Selbstmord und Sterbehilfe sorgt der Film im prüden Nachkriegsdeutschland für eine Protestwelle, wie sie die junge Republik noch nie zuvor gesehen wurde. Insbesondere die Katholische Kirche rebelliert, Demonstranten besetzten die Kinos, die sich trauen, den Film zu spielen. Schließlich darf "Die Sünderin" in Bayern gar nicht mehr gezeigt werden. Von da an ist das Verhältnis der Knef zum deutschen Publikum eher gespalten. Direkte und unverblümte Äußerungen in der Öffentlichkeit schüren die Hass-Liebe noch, die sie mit Deutschland verbindet. So lässt sie sich 1952 von ihrem Mann scheiden und produziert mehrere Flops, bei der Kritik fällt sie ebenfalls durch. Zugleich wird sie jedoch als Star gefeiert und verehrt. Immer wieder verletzt sie sich bei den Dreharbeiten und muss operiert werden. Sie wendet sich immer mehr der Musik zu und veröffentlicht mit "Ein Herz ist zu verschenken" ihre erste Platte, die großen Zuspruch findet. Aufträge als Werbemodell zieht sie ebenfalls an Land.
Film Revue
Marlene Dietrich wird von Hildegard Knef empfangen
Star am Broadway
Zurück in den USA nimmt Hildegard Knef 1955 als erste Deutsche eine Hauptrolle in einem Broadway-Musical an. "Silk Stockings" wird ein großer Erfolg. Sie soll auch in der Verfilmung mitspielen. Allerdings darf sie durch die vertragliche Bindung an 20th Century Fox nicht in einer MGM-Produktion mitwirken. Die Rolle geht an ihre Freundin Marlene Dietrich, Hilde kehrt wutentbrannt und enttäuscht nach Deutschland zurück. Hier kann man sie wegen dem Skandal mit "Die Sünderin" immer noch nicht besonders leiden. Deshalb dreht sie in Frankreich und England, wo sie ihren zweiten Ehemann David Cameron kennen lernt. Auch damit setzt sich die Knef in die Nesseln. Da Cameron noch verheiratet ist, wird sie als Ehebrecherin beschimpft. Aber Hilde wäre nicht Hilde, wenn ihr die Meinung der anderen nicht herzlich egal wären.
Crossing Pictures
Hildegard Knef - A Woman and a Half
Zweites Standbein
Nach der eher unglamourös zu Ende gegangenen Filmkarriere widmet sich Hildegard Knef zunehmend ihrer Karriere als Sängerin. Sie begeistert dabei weniger mit einer virtuosen Gesangstechnik, als vielmehr durch ihre tiefe, rauchige Stimme, die den Chansons einen effektiven Nachdruck verleiht. Sie fängt an, ihre Texte selbst zu schreiben, was beim Publikum ankommt. Das 1968 erschienene "Für mich soll's rote Rosen regnen" wird zur Erkennungsmelodie der Knef. Im selben Jahr kommt Tochter "Tinta" zur Welt. Bei der Geburt schwebt Hildegard in Lebensgefahr und trägt einige gesundheitliche Schäden davon, die in den folgenden Jahren immer wieder Probleme bereiten werden. Wissen die Ärzte keinen Rat, begibt sie sich eben in die Hände von Geistheilern. 1970 erscheint ihr autobiografisch geprägtes Buch "Der geschenkte Gaul", zu dem sie schon sechs Jahre zuvor das erste Kapitel geschrieben hat. Nach der Vorlage entsteht 2009 "Hilde", in dem Heike Makatsch die Hauptrolle spielt.
Warner Bros. Pictures
Hilde
Ein langer Kampf geht zu Ende
Es folgen weitere Bücher, weitere Platten und 1977 eine weitere Ehe mit Paul von Schell. Dabei verschlechtert sich ihre finanzielle Situation zunehmend. Zurück in Los Angeles kann sie nicht mehr Fuß fassen, zurück in Deutschland plagen sie nicht unerheblichen Schulden. Auch die Gesundheit lässt den in die Jahre gekommenen Star immer wieder im Stich. Darmprobleme, Leber- und Lungenkrankheiten und Brustdrüsenkrebs bestimmen ihr Leben zunehmend. Da sie ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen in der Öffentlichkeit über ihre Krebserkrankung spricht, sorgt sie erneut für einen Skandal, legt damit jedoch den Grundstein zur Enttabuisierung des Themas. Auch ihr offener Umgang mit ihrer eigenen Schönheitsoperation sorgt für Wirbel. Doch die ständigen Reibereien mit der Presse und Probleme ihrer körperlichen Verfassung zehren an den Energiereserven. Am 1. Februar 2002 gibt die Kämpfernatur Hildegard Knef sich endgültig geschlagen. Sie verstirbt im Alter von 76 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung.
Von  Bettina Friemel/Filmreporter.de,  1. Mai 2021

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