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RETRO Feature

Karlheinz Böhm synchronisiert Pixars "Oben"
Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Sissis Fluch

Ewiger Kaiser Karlheinz Böhm
Eine Rolle macht den Sohn eines berühmten Dirigenten schlagartig weltberühmt. Als Kaiser Franz glänzt Karlheinz Böhm in den fünfziger Jahren an der Seite von Roy Schneider in der "Sissi"-Trilogie und wird danach auf das Image des sauberen Strahlemans festgelegt. Um sich davon zu befreien, spielt er in "Augen der Angst" einen psychopathischen Serienkiller. Der Imagewechsel gelingt, auch wenn Böhm in Deutschland mit einem Bann belegt wird. Ende der siebziger Jahre kehrt Böhm dem Film den Rücken und findet eine neue Aufgabe. Als Botschafter der Menschlichkeit kämpft er gegen Unrecht und Armut.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  15. April 2019
Karlheinz Böhm
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Karlheinz Böhm

Karriereziel Pianist

Als Sohn des berühmten Dirigenten Karl Böhm und der Sopranistin Thea Linhart scheint der berufliche Werdegang von Karlheinz vorbestimmt. Wie die Eltern soll auch der einzige Sohn in der klassischen Musik Karriere machen. Böhm lernt früh, Klavier zu spielen, mit der festen Absicht, Pianist zu werden. Doch die berühmten Namen seiner Eltern legen ihm einen Stein in den Weg. "Für den Sohn vom Böhm ist es bisschen dürftig“, heißt das niederschmetternde Urteil der Jury nach einem Klaviervortrag, wie Böhm in seiner Biografie "Mein Leben" schreibt.

Auf Drängen seines Vaters studiert Böhm ab 1947 Anglistik und Germanistik, ohne das Studium abzuschließen. Später schreibt er sich in Rom für die Kunstgeschichte ein und bricht erneut ab. Böhm interessiert sich ohnehin eher für Theater und den Film und diesem Interesse geht er seit frühester Jugend nach. Bereits in der Schulzeit engagiert er sich im Schülertheater und spielt unter anderem im "Urfaust" mit. Während der Studienzeit inszeniert er sein erstes Theaterstück, bald arbeitet er als Regieassistent bei Karl Hartl in "Der Engel mit der Posaune" (1948). Das Drama mit Maria Schell und Paula Wessely bringt Böhm auch sein erstes schauspielerisches Engagement im Film, er darf eine kleine Rolle spielen.


Das Dreimäderlhaus
Film Revue
Das Dreimäderlhaus

Engagement am Theater

Neben dem Film ist Böhm auch vom Theater angetan. So findet er sich Ende der vierziger Jahre wieder in Wien, wo er an der Schauspielschule des Burgtheaters Unterricht nimmt. Wenig später schon erhält er sein erstes Engagement an der renommierten Bühne und debütiert an der Seite von O.W. Fischer in "Der junge Herr von vierzig". Für Böhm zwar eine "unbedeutende und kleine Rolle", wie er gesteht (zitiert nach: Erich Schaake: Karlheinz Böhm, 1985). Trotzdem bekommt er einen Jahresvertrag, den er "natürlich mit größter Freude" annimmt. Böhm bleibt erst mal am Theater und erhält ein Engagement am Theater an der Josefstadt, wo er von 1949 bis 1953 spielt.


Karlheinz Böhm und Romy Schneider wieder vereint.
Filmrevue
Karlheinz Böhm und Romy Schneider wieder vereint.

"Sissi"-Trilogie: Segen oder Fluch?

Böhms Weg zurück zum Film ist mit dem Namen Willi Forsts verbunden. Der Regisseur gibt ihm 1952 eine kleine Rolle in "Haus des Lebens". Seinen ersten großen Kinoerfolg erlebt Böhm noch im selben Jahr, als er in Arthur Maria Rabenalts Romanadaption "Alraune" an der Seite von Hildegard Knef und Erich von Stroheim mitspielt. In den folgenden Jahren ist er in zahlreichen Produktionen zu sehen, wobei Böhm oft den Typus des aufrichtigen und seriösen jungen Mannes gibt. Dieses Image mag auch der Grund dafür sein, dass Böhm die Rolle des jungen Kaisers Franz Joseph anvertraut wird. In den "Sissi"-Filmen verkörpert er an der Seite von Romy Schneider den gut aussehenden, integeren österreichischen Monarchen. Böhm bringt die Rolle Weltruhm, die deutschsprachige Filmindustrie feiert die Geburtsstunde des neuen Traumpaars Böhm-Schneider.

Den Ruhm empfindet Böhm als Segen und Fluch. Das Image des sauberen Leinwandidols wird er nicht wieder los. Bis heute ist er Kaiser Franz. Zahlreiche Ausflüge ins düstere und zwiespältige Rollenrepertoire reichen nicht, das Image loszuwerden. "Ich weiß nicht, wie viele Prinzen, Fürsten, Könige und Kaiser ich damals hätte spielen sollen […]. Wirklich gute Angebote kamen nicht mehr", so Böhm (Schaake, 1985). Dass er danach immer wieder anspruchsvolle Rollen spielt, dass er unter Rainer Werner Fassbinder einige seiner besten Auftritte hat, gerät allzu leicht in Vergessenheit. Das ist die Tragik des Schauspielers Karlheinz Böhm, dessen Kampf gegen die Windmühlen vergeblich bleiben.


Karlheinz Böhm hat Pamela Green im Griff in "Augen der Angst"
Film Revue
Karlheinz Böhm hat Pamela Green im Griff in "Augen der Angst"

Imagewechsel und Skandale

Böhm unternimmt wie Schneider alles, um den "Sissi"-Fluch abzuschütteln. Er dreht in Frankreich, England und Amerika, wobei es ihm durchaus gelingt, einige differenzierte Charaktere zu verkörpern. Seine Bemühungen sind dabei so konsequent und radikal, dass sie ihm den Vorwurf einbringen, er sei krampfhaft bestrebt, alles bisher Geleistete zu verdrängen. In "Augen der Angst" spielt einen perversen Serienmörder, der seine weiblichen Opfer vor laufender Kamera tötet. "Ich hatte die Rolle nicht angenommen, um bewusst etwas zu zertrümmern. Ich wollte wegkommen von meinem rosaroten Marzipanschweinchen-Image der fünfziger Jahre." (zitiert nach: Rolf Leo Phelix, Rolf Thissen. (Hrsg.): "Pioniere und Prominente des modernen Sexfilms").

Der Film provoziert einen Skandal und wird von der zeitgenössischen Kritik gnadenlos verrissen. "Einen peinlicheren, schmierigeren, ekelhafteren Film kann man sich kaum denken, schreiben die Stuttgarter Nachrichten im April 1960. "Für diesen in klinischem Detail farbig auf der Leinwand festgehaltenen Wahn- und Unsinn hat sich der sonst so sympathische Böhm hergegeben." Erst 1979 wird der Psychothriller von Michael Powell auf dem New Yorker Filmfestival von Martin Scorsese präsentiert und als genuines Meisterwerk des Genres gefeiert.


Martha
Arthaus
Martha

Begegnung mit Rainer Werner Fassbinder

Der Skandal um "Augen der Angst" versperrt Böhm über ein Jahrzehnt lang attraktive Rollenangebote aus Deutschland, doch in seiner Karriere markiert der Part des psychopathischen Voyeurs einen positiven Bruch. Sei dem spielt er vermehrt Charaktere, die sich an der Grenze zum Pathologischen bewegen. So ist er in Vincente Minnellis "Die vier apokalyptischen Reiter" (1962) als Nazi-Offizier zu sehen und in Jerry Thorpes "Mitternacht Canale Grande" (1966) verkörpert er einen sadistischen Agenten. Ähnlich veranlagte Charaktere spielt Böhm dann auch in den 1970er Jahren, nachdem er sich von 'Papas Kino' mit dem Harald Reinl-Drama "Schloß Hubertus" (1973) endgültig verabschiedet. Vor allem unter der Regie von Rainer Werner Fassbinder verkörpert er immer wieder autoritäre Figuren mit Hang zum Sadismus, so in "Fontane Effi Briest" (1972-74), "Martha" (1973), "Faustrecht der Freiheit" (1974) und "Mutter Küsters' Fahrt zum Himmel" (1975).


Karlheinz Böhm synchronisiert Pixars "Oben"
Walt Disney Studios Motion Pictures Germany
Karlheinz Böhm synchronisiert Pixars "Oben"

Humanitäres Engagement

Die Begegnung mit Fassbinder bedeutet für Böhm auch in einer anderen Hinsicht ein einschneidendes Erlebnis. Beeinflusst vom kritischen Impetus der Filme des herausragenden Vertreters des Neuen Deutschen Films, beginnt sich auch Böhm zunehmend für die globalen Probleme zu interessieren. Er kämpft fortan aktiv für eine bessere Welt. Typisch für den humanitäre Einsatz Böhms ist sein denkwürdiger Auftritt bei "Wetten, dass..?" im Jahr 1981. Da wettet der Schauspieler, dass "nicht jeder dritte Zuschauer eine Mark, einen Franken oder sieben Schilling für Menschen in der Sahelzone spendet".

Er verliert die Wette und fliegt mit dem gespendeten Geld nach Äthiopien. Hier gründet er noch im selben Jahr die Hilfsorganisation Menschen für Menschen. Immer wieder tritt Böhm seither im deutschen Fernsehen auf, um auf die Zustände der ärmsten Regionen unserer Welt aufmerksam zu machen. Die Motivation für sein Engagement diene ihm nach eigenen Aussagen "das kleine Wort Wut, Wut über die ungerechte und menschenverachtende Diskrepanz zwischen Arm und Reich" (zitiert nach: menschenfuermenschen.de).


Synchronsprecher Dirk Bach und Karlheinz Böhm in Berlin
Disney
Synchronsprecher Dirk Bach und Karlheinz Böhm in Berlin

Äthiopischer Ehrenbürger

Böhm wird am 16. März 1928 in Darmstadt geboren. Er ist vier Mal verheiratet und hat sieben Kinder. Mit seiner Frau Almaz Teshome lebt er in Äthiopien und Baldham bei München. Seit 2003 ist er äthiopischer Ehrenbürger. 1983 wird er für sein 'langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film' mit dem Filmband in Gold ausgezeichnet. 2009 erhält er den UNESCO-Ehrenpreis. Am 29. Mai 2014 stirbt Böhm mit 86 Jahren nach langer Krankheit.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  15. April 2019

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