Fritz Lang Sonderedition
Universum Film
Fritz Lang Sonderedition
Ankläger gesellschaftlicher Missstände
Retro Feature: Fatalist und Menschenfreund Fritz Lang
Fritz Lang ("Metropolis") behauptete immer, sein filmisches Schaffen habe nichts mit seinem Leben zu tun. Spätestens seit der Entdeckung Langs durch die Regisseure der Nouvelle Vague, gilt er als großer Meister des Kinos. Warum seine Negation der Verbindung von Leben und Kunst? Spricht daraus die Angst eines Künstlers, sich den Menschen auf einem Servierteller zu präsentieren, sich zu entblößen? Merkwürdigerweise erreichte Lang genau das Gegenteil. Unzählige Interpreten haben sich seinem immensen Werk gewidmet, nicht wenige erkannten etliche Verbindungslinien zwischen Person und Werk. Hier ein Versuch die Person Fritz Langs aus seinem Werk zu beschreiben.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  19. Juli 2021
Meister Fritz Lang bei der Arbeit
Film Revue
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Liebe zu Kunst und Weiblichkeit
Lang wird 1890 in Wien geboren. Von der Kunst zeigt er sich von klein auf begeistert. 1907 beginnt er ein Architekturstudium, wechselt ein Jahr später zum Kunststudium, das er in Wien beginnt und ab 1911 in München fortsetzt und abschließt. 1913 ist Lang in Paris als Maler tätig. Bei Kriegsausbruch kehrt er allerdings nach Österreich zurück und wird eingezogen. Danach strebt er eine Karriere beim Film an. Zunächst als Autor, später auch als Regisseur. Um sein Privatleben hat Lang nicht viele Worte verloren. Das mag der Grund dafür sein, wieso sich um seine Person Legenden ranken. Die mysteriöseste von allen ist wohl die Geschichte um den Todesfall seiner ersten Frau Elisabeth Rosenthal.
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Möder öder Unglücksrabe?
Diese kommt im September 1920 in der gemeinsamen Wohnung durch einen Schuss in die Brust ums Leben. Die Diagnose des Arztes lautet trotzdem auf "Unglücksfall". Wenig später wird Rosethal beerdigt, Lang entgeht einer strafrechtlich Verfolgung. Dennoch wirft dieses Ereignis einen Schatten auf sein Leben. Immer wieder ist von der schuldhaften Verwicklung des damals 30-Jährigen die Rede. Immer wieder wird er von Redakteuren und Biographen des Mordes bezichtigt.

Auch Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen vom Filmmuseum Berlin schließen in ihrem Text- und Bildband zur Lang-Retrospektive auf der Berlinale 2001 eine Beteiligung des Regisseurs nicht aus. Sie kommen zu dem Schluss "dass es in der Wohnung zu einem Handgemenge gekommen ist, in dessen Verlauf eine Person eine andere, die im Begriff war aus Emotion eine Tat zu begehen, vom Schießen abhalten wollte, sich dann aus der Waffe aber ein tödlicher Schuss gelöst hat". Es ist zwar kein Beweis, aber eine These, die überzeugt. Lang befindet sich zum Zeitpunkt der Tat am Anfang seiner Karriere und hat noch keinen Bekanntheitsgrad, der sich strafrechtlich begünstigend auswirken könnte.
Das Testament des Dr. Mabuse
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Dandy und Despot
Die Persönlichkeit Langs mag im Dunkeln liegen, für sein äußeres Erscheinungsbild gilt dies sicher nicht. Ins kulturellen Gedächtnis hat er sich als Künstler mit "eleganten Anzug, mit dezenter Krawatte über dem weißen Hemd, mit sorgfältig nach hinten gebürsteten Haaren und dem Monokel vor dem linken Auge" eingeschrieben, so Norbert Grob in der Zeit vom 08.02.2001. Zu Beginn seiner Karriere in Berlin gilt Lang als modebewusster Snob, der keine Party auslässt.

Auf dem Filmset aber ist er von Anfang an ein "diktatorisches Ekel" (Grob), der seine Schauspieler regelrecht in den Wahnsinn treibt. Wie ein Besessener achtet er während der Aufnahmen penibel auf jede Bewegung der Schauspieler. "Ich war etwas, was in Hollywood überall verhasst ist - ein Perfektionist", gestand Lang in späteren Jahren (zitiert nach: Michael Töteberg: "Fritz Lang", 1985) In Deutschland umgibt ihn eine "selbstverständliche Autorität" (Michael Töteberg. "Fritz Lang"), in Hollywood stößt seine Exzentrik auf heftigen Widerstand. Während der Dreharbeiten zu "Fury - Blinde Wut" gerät er in Konflikt mit Hauptdarsteller Spencer Tracy. Auch Henry Fonda beschwert sich über seine despotischen Arbeitsauffassung: "Er war ein meisterhafter Puppenspieler, aber ohne jedes Gefühl, und er konnte sehr brutal sein. Er war völlig absorbiert von der Kamera und er war zu sehr damit beschäftigt, wie alles Mögliche aussah" (zitiert nach: Töteberg. "Fritz Lang").
Gehetzt
Arthaus
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Fatalistische Weltanschauung
Perfektionist, Pedant, Despot - das sind die Eigenschaften, die einem immer wieder bei der Beschäftigung mit Lang begegnen. Trotzdem sind es Charakterzüge, die sich vor allem bei der Arbeit zeigen. Immer dann, wenn es um die Kunst ging, die es durchzusetzen galt. Wie war aber der private Fritz Lang? In jedem Fall ist er ein Fatalist und diese Weltsicht findet ihren Ausdruck auch in seinem Werk. Seine Figuren sind vom Schicksal geplagt, Gefangene gesellschaftlicher Systeme und Denkmuster.

Die Geschlossenheit der Bildkomposition Langs, deren optische perfekte Ausgewogenheit erzeugen eine Dichte, die das klaustrophobische und Ohnmachtsgefühl des Menschen angesichts des Schicksalswaltens widerspiegelt. Nur wenige Kollegen sind in der Lage, die Korrespondenz zwischen Weltanschauung, Schaffen und Arbeitsmethode zu erkennen. Konflikte und Reibereien sind die logische Konsequenz. Lang muss ein einsamer Mensch gewesen sein. Dass er sich in seinen späteren Jahren immer mehr von der Öffentlichkeit zurückzieht, mag seine Ursache hierin haben.
Metropolis
Universum Film
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Versuch der politischen Vereinnahmung
Wie steht es mit der Politik? Filme wie der "Nibelungen"-Zweiteiler ("Die Nibelungen: Siegfried", "Die Nibelungen: Kriemhilds Rache") oder "Metropolis" bewirken, dass Lang immer wieder mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird. Versuche der Faschisten, ihn politisch zu vereinnahmen, bleiben nicht aus. Berühmt ist in diesem Zusammenhang das Angebot Joseph Goebbels an Lang, die Leitung der Deutschen Filmproduktion zu übernehmen.

Dass dieser Hals über Kopf Deutschland verlassen haben soll, wie er betont, gilt heute als widerlegt. Sein Reisepass bezeugt, "dass er sich vor der Abreise noch einige Wochen mit Devisen versorgte" (Grob). Dennoch bleibt seine Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus zumindest zeitweise indifferent. In den 1920er Jahren ist Lang in erster Linie Künstler, die Politikerin ist seine Ehefrau, Drehbuchautorin Thea von Harbou. Die durchaus vorhandenen ideologischen Tendenzen in den Stoffen von Harbous, einem Mitglied der NSDAP, betrachtet Lang eher als "Spielmaterial" (CineGraph Lexikon zum deutschsprachigen Film) für seine ästhetischen Visionen.
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Kritischer Liberalismus
Im Exil wendet sich Lang deutlicher gegen die nationalsozialistische Ideologie. Zahlreiche Dokumente belegen sein Engagement gegen Hitler-Deutschland. Er hilft intellektuellen Exilanten in Not, setzt sich für Kurt Pinthus, Bertolt Brecht und Theodor W. Adorno ein, wobei ihn seine Kontakte zu linken Kreisen des deutschen Exils später auf die berüchtigte Liste des Komitees gegen amerikanische Aktivitäten bringen - war ihn ehrt.

Seine politische Indifferenz der 1920er Jahre erfährt durch die Erfahrung des Exils eine grundlegende Wandlung. Lang entwickelt sich zu einem "kritischen Linken", wie Grob formuliert. Das äußert sich auch in seinen Filmen. Von Anfang an ist Lang bestrebt, Zeitbilder zu schaffen. Das gilt umso mehr für sein Hollywoodwerk, in dem er das Individuum in Konfrontation mit der Gesellschaft zeigt. Nur so ist seine Kritik an "Lynchjustiz, schematischer Rechtsprechung und Selbstzufriedenheit" (Francois Truffaut, zitiert nach Norbert Grob, Die Zeit, 2001) zu erklären, seine radikalen Anklagen gesellschaftlicher Missstände.
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Der Menschenfreund
Lang ist zwar Fatalist, der das Schicksal des Menschen als besiegelt betrachtet. Zugleich aber ist er auch ein überzeugter Humanist, dem das Wohl des Menschen am Herzen liegt. Dafür spricht nicht zuletzt das Motiv der menschlichen Schuld, das sein Werk durchzieht. Der Mensch ist mit einer Entscheidungsfreiheit ausgestattet und hat damit die Freiheit, sich für das Gute zu entscheiden. Dass Lang ein Menschfreund ist belegt nicht nur sein humanitäres Engagement für seine Kollegen, sondern auch seine zahlreichen Freundschaften. Um Adorno, den er liebevoll "Nilpferd" nennt, stirbt, trauert er lange: "Ohne ihn ist es wieder viel leerer geworden um mich." (zitiert nach: Rolf Aurich/Wolfgang Jacobsen. Fritz Lang). Langs Blick auf die Welt mag "kalt" (Grob) gewesen sein", doch "gefühllos", wie Fonda ihn schimpfte, war er keinesfalls.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  19. Juli 2021
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