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RETRO Feature

Ingrid Bergman in "Indiskret"
Stardasein mit Höhen und Tiefen

Nur ein Mensch - Ingrid Bergman

Ingrid Bergman lebt von 1915 bis 1982. Im Großteil ihrer 67-jährigen Lebenszeit ist sie eine höchst erfolgreiche Schauspielerin. Die Schwedin erlebt zahlreiche Höhen und Tiefen, feiert Triumphe und erträgt Skandale. Bergman spielt eine Heilige und wird zu einer solchen stilisiert. Moralische Fehltritte werden ihr dennoch lange nicht verziehen. Neuerliche Erfolge stimmen die Schauspielerin mit ihren Bewunderern wieder versöhnlich. Es ist ein langer Weg von einer Heiligen zu einer Hure und wieder zurück zu einer Heiligen, resümiert Bergman ihr Leben.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  5. Dezember 2018

Neue Filmwelt 1947, Heft 5, Ingrid Bergman, Seite 12

Neue Filmwelt 1947, Heft 5, Ingrid Bergman, Seite 12

Berufung Schauspielerei
Ingrid Bergman (wird nicht Ingrid Bergmann geschrieben) wird für die Schauspielerei geboren. Das ist keine pathetische Feststellung im Rückblick auf die einzigartige Karriere der Stockholmer Schauspielerin. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man sich die Kinderjahre vor Augen führt. Vater Justus Samuel Bergman wollte seine Tochter allzu gerne als Opernsängerin sehen. Der Künstler und Photograph lässt sie drei Jahre lang Gesangsunterricht nehmen.

Doch die kleine Ingrid hat ihren eigenen Kopf, weiß von klein auf, sie will Schauspielerin werden. Heimlich zieht sie die Kleider ihrer Mutter an, um im Studio des Vaters Theater-Proben aufzuführen. Der Wille der Tochter ist stärker. Doch auch wenn der Vater die Oberhand behalten hätte, eine Opernkarriere von Ingrid hätte er nie erlebt. Als Ingrid dreizehn ist, stirbt er und macht sie zur Vollwaise. Die deutschstämmige Mutter Friedel, geb. Adler, verliert Ingrid mit gerade drei Jahren. Der Tod, so zeigt sich früh, ist ein ständiger Begleiter in Bergmans Kindheit. Nach dem Verlust des Vaters wird sie in die Obhut ihrer Tante gegeben, um nach nur sechs Monate auch deren Tod mitzuerleben.

Ingrid Bergman mit Charles Boyer in "Das Haus der Lady Alquist".

Ingrid Bergman mit Charles Boyer in "Das Haus der Lady Alquist".

Zweifel
Ingrid ist ein sensibler Charakter. Jahre später in Hollywood, als sie bereits als Schauspielgröße etabliert ist, beschreiben Beobachter sie als äußerst schüchtern. Vor allem ist sie ein bescheidener und skeptischer Mensch. Lange zweifelt sie an ihrem Schauspieltalent, selbst dann noch, als die Lobeshymnen auf ihre Leistung immer lauter werden. Als sie die Aufnahmeprüfung der Schauspielschule des Königlichen Dramatischen Theaters macht, zweifelt sie keinen Augenblick daran, dass ihr Vortrag katastrophal war. "Als ich von der Bühne gegangen bin, habe ich getrauert", beschreibt Bergman rückblickend ihre Gefühle nach dieser Erfahrung. "Ich war auf einer Beerdigung. Auf meiner eigenen. Es war der Tod meines kreativen Selbst. Mein Herz war gebrochen" (Zitiert nach: Charlotte Chandler. Ingrid: Ingrid Bergman, A Personal Biography. 2007).

Eine mehr als bescheidene Selbsteinschätzung. Als sie später einem der Juroren persönlich begegnet, erfährt sie, dass das Entscheidungskomitee von ihrer Leistung begeistert war. "Wir liebten dich", heißt es diesbezüglich in der Chandler-Biographie. " Wir wussten, dass du natürlich und großartig bist. Deine Zukunft als Schauspielerin war besiegelt". Wenig später erhält sie ihr erstes Engagement im Stück "Ett Brott" von Sigfrid Siwertz. Das verstößt gegen die Regeln der Schule, da die Schauspieler mindestens eine dreijährige Ausbildung absolvieren müssen, bevor erste Theater-Auftritte in Frage kommen. Bergman ist frühreif in ihrer Kunst, schon nach einem Ausbildungsjahr spielt sie in ihrem ersten Film mit ("Munkbrogreven", 1935) und verlässt die königliche Schauspielschule endgültig für die neue Kunstform. Es folgt eine Rolle nach der anderen und spätestens mit "Intermezzo" (1936) ist Bergman in Schweden ein Star.

Ingrid Bergman in "Stromboli"

Ingrid Bergman in "Stromboli"

Nazi-Deutschland oder Hollywood?
Das deutsche Machwerk "Die vier Gesellen" (1938) werden für sie stets mit einem schlechten Gewissen verbunden bleiben. Als sie für das Projekt in Deutschland ist, verkennt sie die politische Situation des Landes. Das Nazi-Regime nimmt sie nicht ernst, glaubt nicht, dass es einen Weltkrieg anzetteln würde und vertraut auf die guten Menschen im Land, die eine Fortdauer der Diktatur verhindern werden. Sie macht sich lange Vorwürfe, blind für die Wahrheit gewesen zu sein.

Den Ausbruch des Krieges wird Bergman in den USA erleben. Inzwischen ist Hollywood auf das Talent und die Ausstrahlung Bergmans aufmerksam geworden. Produzent David O. Selznick holt sie in die Traumfabrik und inszeniert mit ihr "Intermezzo: A Love Story" (1939), ein Remake ihres schwedischen Erfolges. Ihre Hollywoodkarriere betrachtet Bergman zunächst mit Skepsis, will hier höchstens einen Film drehen und dann wieder nach Schweden zurückkehren. Sie zweifelt, dass das amerikanische Publikum sie akzeptieren wird, nicht nur wegen ihres mangelhaften Englisch. Die Zweifel scheinen berechtigt, auch Selznick betrachtet den Hollywoodneuling zunächst mit Vorsicht. Er hält er sie für zu groß, ihre Augenbrauen sind ihm zu dick und außerdem klingt ihr Name zu deutsch.

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