Film Revue
Eine zwiespältige Person: Erik Jan Hanussen (O.W. Fischer)
Einsamer Publikumsliebling
Retro Feature: Frauenschwarm O.W. Fischer
O.W. Fischer ist in den 1950er Jahren einer der populärsten Schauspieler des deutschen Kinos. In der Zeit des Wirtschaftswunders spielt er vornehmlich Herzensbrecher und Lebemänner und gibt dem weiblichen Publikum, wonach es sich sehnt. Eine Hollywood-Karriere scheitert an seinem Eigenwillen, was seinem Erfolg in Deutschland keinen Abbruch tut. Der Erfolg hält bis in die 1960 Jahre, danach zieht er sich langsam aus der Öffentlichkeit zurück.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  10. September 2021
Gong
O.W. Fischer und Klaus Kinski
Erste Erfahrungen - Leichte Komödien
Otto Wilhelm Fischer wird am 1. April 1915 als Sohn des Anwalts Franz Karl Fischer und seiner Frau Maria, geb. Schoerg, in Niederösterreich geboren. Nach der Matura im Jahr 1933 studiert er einige Semester Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Wien. 1936 bricht er das Studium ab und wechselt an das Max-Reinhardt-Seminar. Noch während der Ausbildung erhält er sein erstes Enagement am Theater an der Josefsstadt. 1937 steht er auf der Bühne der Münchner Kammerspiele, von 1938 bis 1944 ist er Ensemble-Mitglied des Deutschen Volkstheaters Wien. Hier fällt er durch Rollen auf, für die er später im Film Berühmtheit Erlangen wird. Er spielt gutaussehende Beaus und glänzt zugleich als Charakterdarsteller.

1936 debütiert Fischer mit einer kleinen Rolle in Willi Forsts "Burgtheater" im Kino. Es folgen Auftritte in Filmen, die in der Zeit des Dritten Reichs weder propagandistischen Inhalts sind, noch durch einen besonderen künstlerischen Anspruch auffallen. Es sind reine Unterhaltungsfilme, meist Komödien, die sich von der Politik nicht vereinnahmen lassen und sich einer eskapistischen Funktion verschreiben. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Fischer neben seiner Filmarbeit wieder vermehrt auf der Bühne zu sehen. Bis 1952 steht er auf den Brettern des Wiener Burgtheaters und fällt 1950 bei den Salzburgern Festspielen als Orsino in William Shakespeares "Was ihr wollt" auf.
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Hanussen (O.W. Fischer) mit seiner Geliebten Priscilla (Erni Mangold)
Karrierehöhepunkt im Wirtschaftswunder
Der Höhepunkt seiner Filmkarriere erreicht Fischer in den 1950er Jahren. Das Jahrzehnt des Wirtschaftswunders ist sein Jahrzehnt. Er entwickelt sich zu einem der beliebtesten und bestbezahlten Schauspieler im deutschen Sprachraum und spielt mit Maria Schell ("Bis wir uns wiedersehn", 1952; "Solange du da bist", 1953) und Ruth Leuwerik ("Ein Herz spielt falsch", 1953; "Bildnis einer Unbekannten", 1954) vom Publikum verehrte Liebespaare. Fischer ist in den meist leichten Unterhaltungsfilmen der charmante Herzensbrecher und ungebundene Lebenskünstler - ein Rollenbild, nach dem sich die Menschen in der durch Pragmatismus und Tatendrang geprägten Aufbruchszeit offenbar sehnen.

Der Erfolg bringt Fischer neben Auszeichnungen auch Einfluss ein. Er sichert sich vertraglich Mitspracherecht an den Filmprojekten und nimmt Einfluss auf die Konzeption seiner Rollen. Zu seinen Paraderollen in diesen Jahren gehört unter anderem die Titelrolle in Helmut Käutners stark romantisiertem Historienfilm "Ludwig II. - Glanz und Elend eines Königs" (1955) sowie die George Bernard Shaw-Verfilmung "Helden" von Franz Peter Wirth, die 1958 mit einer Oscar-Nominierung für den besten ausländischen Film bedacht wird.
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Auf der Jagd nach dem Schatz: O.W. Fischer als Peter Voss
Rausschmiss aus Hollywood
Der Erfolg macht jetzt Hollywood auf Fischer aufmerksam. Doch die Zeit in der Traumfabrik ist für den Schauspieler alles andere als erfolgreich. Der eigensinnige Österreicher verkracht sich mit Regisseur Henry Koster und wird nach wenigen Drehtagen zu "Mein Mann Gottfried" wegen 'unüberbrückbarer Differenzen' aus dem Vertag entlassen. Seiner Popularität in Deutschland tut das keinen Abbruch. Neben "Helden" dreht er am Ende des Jahrzehnts den erfolgreiche Spielfilm "Peter Voss, der Millionendieb" von Wolfgang Becker sowie die Fortsetzung "Peter Voss, der Held des Tages" (1959) unter der Regie von Georg Marischka.

Mit Unterstützung von Marischka realisiert Fischer in dieser Zeit auch seinen ersten Film als Regisseur. Mit "Hanussen" dreht er 1955 eine Filmbiografie des gleichnamigen Hellsehers und wird von der Kritik mit Lob für die filmischen Qualitäten und Tadel für die insgesamt verklärende Haltung zum Nazigünstling Hanussen überschüttet. Gespalten ist die Kritik auch hinsichtlich seiner zweiten und letzten Regiearbeit "Ich suche dich" (1956), wo Fischer mit der Rolle eines Trinkers und Zynikers wie schon in "Hanussen" auch die Hauptrolle übernimmt.
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Ingrid Andree und O.W. Fischer
Eigenbrötlerischer Philosoph
In den sechziger Jahren zieht sich Fischer allmählich aus dem Filmgeschäft zurück, bis er Ende der 1960er Jahren gar keine Kinofilme mehr macht. Lediglich im Fernsehen und auf der Bühne ist er bis Mitte der 1970er hin und wieder zu sehen. Im Alter zieht sich Fischer immer mehr vom öffentlichen Leben zurück. Im Tessiner Vernate lebt er bis zu seinem Tod das einsame Leben eines zurückgezogenen Eigenbrötlers. Das Anwesen, in dem er bis zu seinem Tod im Jahr 2004 lebt, wird von den Leuten als 'Fischerburg' bezeichnet, nicht nur der Größe wegen, sondern auch weil sich der ehemalige Schauspieler rigoros von der Welt abriegelt. "Ich konnte seine Entfremdung von unserem Beruf, von seinen Freunden, von der Welt nie verstehen", sagt Schauspielkollege und Freund Maximilian Schell nach Fischers Tod.

Die einzigen Gefährten Fischers bleiben bis zuletzt seine geliebten Katzen. Zu den Tieren scheint der Schauspieler zeitlebens einen besseren Draht gehabt zu haben als zu den Menschen, wie die Film Zeitschrift Film Revue 1959 in einem frühen Blick auf das Leben des Schauspielers berichten. Fischer hinterlässt sein gesamtes Vermögen dem Hundeheim in Lugano sowie der Theologischen Fakultät der Stadt. Seine einstige Geliebte Dagmar F. geht dagegen leer aus. Warum der Fakultät? Weil nur "Organisationen mit absolut seriösen Strukturen sein Vermögen erben" sollen, so Fischers Anwalt. Zudem widmet sich der Schauspieler nach seiner Filmlaufbahn immer mehr der Philosophie und der Theologie und hält an mehreren Universitäten Vorlesungen. 1970 wird ihm vom österreichischen Bundespräsidenten der Professorentitel verliehen. Es ist ein Rückzug in die Geistigkeit. Damit ist die Frage von Schells Unverständnis wohl auch beantwortet.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  10. September 2021
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