Retro-Starportrait: Denunziant Walt Disney | FILMREPORTER.de
Filmreporter-RSS

RETRO Feature

<< Seite zurück Denunziant Walt Disney   (Seite 2)
Donald Duck

Donald Duck

H-i-l-b-e-r-m-a-n
Am 24. Oktober 1947 sitzt Amerikas Märchenonkel, Walt Disney, vor einem Gremium des amerikanischen Repräsentantenhauses. Es ist das Komitee für unamerikanische Umtriebe, das den 46-jährigen erklärten Patrioten und Antikommunisten geladen hat. Disney sagt über jene Mitarbeiter und Kollegen in Hollywoods Filmbranche aus, von denen er glaubt, sie würden dem Kommunismus nahestehen. Zahlreiche Namen werden genannt. Disney soll sie sogar buchstabieren: "H-i-l-b-e-r-m-a-n".

Auf die Frage, was jenen, ehemals beim ihm beschäftigten David Hilberman in seinen Augen zu einem verdächtigen Kommunisten mache, sagt Disney: "Erstens hab ich in seinen Akten gelesen, dass er keiner Religion angehört und zweitens hat er sich eine beträchtliche Zeit am Moskauer Theater aufgehalten und Kunst oder so etwas studiert." Disney erklärt weiter, dass er eine kommunistische Bedrohung der Filmwirtschaft wahrnehme. Der Vorsitzende bedankt sich überschwenglich bei Disney für seine konstruktive Mitarbeit und ehrt ihn als großen verdienstvollen Filmemacher, der Amerika und die ganze Welt so gut unterhalte. Es ist ein Tiefpunkt in Hollywoods Geschichte!

Schneewittchen und die sieben Zwerge

Schneewittchen und die sieben Zwerge

Angst vor der schwarzen Liste
Die Befragung findet in der Gründungszeit der US-Filmgewerkschaften statt. Um den Forderungen der Gewerkschaftler Ausdruck zu verleihen, wird ab 1941 auch der Disney-Konzern bestreikt. Jener beschuldigte Gewerkschaftler namens Hilberman hat für den Zeichentrick-Tycoon an den ersten abendfüllenden Filmen "Schneewittchen und die sieben Zwerge" und "Bambi" mitgearbeitet. Dann verlässt Hilberman das Studio, als er die gewerkschaftlichen Ziele nicht erreicht sieht. Doch nach der Aussage seines früheren Arbeitgebers, hat er Schwierigkeiten beruflich Fuß zu fassen. Er gründet das Unternehmen Tempo Productions, muss es aber bald wieder schließen, weil Klatsch-Kolumnist Walter Winchell bei den Verleumdungen Disneys sekundiert und Hilbermann öffentlich als Kommunisten beschimpft.

Walt Disney sieht in den Arbeitsniederlegungen kommunistische Bestrebungen und wehrt sich dagegen mit seiner Denunziation vor dem rechtsradikalen Gremium, das von dem auch ideologisch immer erbitterter werdenden kalten Krieg zwischen den vormals alliierten politischen Machtblöcken geprägt ist. Namen die hier genannt werden, kommen auf die berüchtigte schwarze Liste des Kommunistenjägers Joseph McCarthy. Der Senator entfacht in der amerikanischen Gesellschaft und Politik der 1950er Jahre eine regelrechte Kommunistenhatz. Künstler, Beamte, Wissenschaftler, deren Namen auf der jener Liste stehen, müssen mit Prozessen, Berufsverbot oder Verhaftungen rechnen. Einer der prominenten Opfer des Eiferers ist Charles Chaplin. Der freisinnige Pazifist lässt seine tolerante Lebenseinstellung auch in seinen hintergründig parodistischen Filmen durchscheinen. So eine Haltung passt für McCarthy und den verbündeten Kommunistenfänger vom FBI, J. Edgar Hoover, nicht ins Bild eines rechtschaffenen amerikanischen Künstlers. Chaplin wird kurzerhand unter Kommunismusverdacht gestellt. Nach einem Kurzbesuch in England wird dem britischen Komiker die Rückreise in die USA verweigert. Damit ist seine Filmkarriere in Amerika beendet.

Good Night, and Good Luck

Good Night, and Good Luck

Geschäftsmann gegen Gewerkschaften
Zeichner und Trickfilmproduzent Disney sieht sich im Recht. Seit er in den 1920er Jahren nach Los Angeles zog, um dort als Zeichner zu arbeiteten, hat er ein beeindruckendes Filmunternehmen aufgebaut. 1944 wird er Mitglied der rechtskonservativen Motion Picture Alliance for the Preservation of American Ideals, die vermeintliche kommunistische Umtriebe im traditionell eher libertären Hollywood bekämpft. Disney, der als Filmemacher technisch visionär ist und in seinen Filmen fantastische Geschichten erzählt, ist ein harter Geschäftsmann, wenn es um die Entwicklung seiner Firma geht. Gewerkschaften und Streiks schaden dem Geschäft, so seine Ansicht.

Die antikommunistische Hexenjagd von Senator McCarthy in Zusammenarbeit mit dem FBI haben mehrere Filme zum Thema, darunter "The Majestic" (2001) mit Jim Carrey. Zuletzt hat George Clooney in "Good Night, and Good Luck" (2005) das politisch-publizistische Ringen zwischen einem freiheitlichen Fernsehjournalisten und dem Senator portraitiert. In seinem Film hat Clooney die Atmosphäre von Angst und Misstrauen, die in der McCarthy-Ära in Künstler- und Intellektuellenkreisen herrscht, eindrücklich herausgearbeitet. In der hysterisch aufgeladenen, antikommunistischen Stimmungslage der damaligen USA verabschiedet der Moderator seine Zuschauer mit der Floskel: "Gute Nacht. Und viel Glück." Dieses Glück hätten viele, von McCarthy Gejagte gebraucht. So manche Pirsch im Filmgeschäft hat Märchenerzähler Disney dem Senator ermöglicht.
Lena Pauli/Filmreporter.de - 5. Februar 2019

Seite: 2 << Seite zurück

Zum Thema

Porträt zu Walt Disney

Walt Disney

Regisseur, Produzent
Walter Elias Disney wächst als Sohn eines Bauunternehmers mit vier Geschwistern auf einer Farm im US-Bundesstaat Missouri auf. Früh interessiert... weiter

Weitere Retrofeatures: Sophia Loren: La Diva

Sophia Lorens Schönheit ist legendär. Schon als Jugendliche nahm sie erfolgreich an... weiter

Scharfrichter beim Film

Die Laufbahn vieler deutscher Filmschaffender endet mit dem Jahr 1945. In eben diesem... weiter

Ironie eines Todes

"Ich hasse alles, was ich tue." Das Essen sollte an einem der kommenden Tage in London... weiter
© 2019 Filmreporter.de