RETRO Feature
© Deutsches Filminstitut
Stilikone Audrey Hepburn in "Frühstück bei Tiffany" 1961
Stilikonen werden geboren, nicht gemacht
Mode und Magie: Audrey Hepburn
Als am 20. Januar 1993 die Medien Audrey Hepburns Tod vermelden, ist seit dem Drehschluss ihres letzten großen Films ein Vierteljahrhundert vergangen. Ihre engelsgleiche Grazie war im Laufe von 64 Lebensjahren etwas verblasst. Trotzdem sprechen alle von der schönsten Modeikone des 20. Jahrhunderts. Sie stirbt weder frühzeitig noch spektakulär - beides eigentlich wichtige Vorraussetzungen für eine Heiligsprechung durch die Pop-Gesellschaft. Wie schaffte sie es nur, so viele Menschen zu verzaubern?
Von  Katja Schübl/Filmreporter.de,  28. März 2021
© StudioCanal Germany
Cary Grant & Audrey Hepburn in "Charade" (1967)
Die Engländerin mit den Rehaugen
Audrey Hepburn sticht unter den Schönheitsidolen ihrer Zeit hervor. Sie ist ihnen in Sachen körperliches Ebenmaß und erotische Ausstrahlung nicht überlegen. Doch die platinblonde Kim Novak wirkt kühl, Grace Kelly in ihrer Makellosigkeit zu erhaben und die anrüchige Marilyn Monroe etwas zu einfältig. Audrey ist dunkelhaarig und schlaksig. Sie besticht durch ihre Menschlichkeit. Auch über die Mode kommt sie ihrem Publikum nahe. Hier ein gepunktetes, um die Hüfte geschlungenes Tuch, dort eine überdimensionale Sonnenbrille. Ihre modischen Innovationen konnten mit einfachen Mitteln nachgeahmt werden. Diese Zugänglichkeit half, das Frauenbild der westlichen Kultur zu verändern.

Die zierliche Engländerin mit den Rehaugen wird 1929 in Brüssel geboren. Sie studiert zunächst im Arnhem Konservatorium Ballett, findet jedoch schnell den Weg zum Film. In ihrem großen Debüt "Ein Herz und eine Krone" spielt Audrey ihren Co-Star Gregory Peck an die Wand. Voller Selbstsicherheit führt sie modische Stilbrüche vor, die bis heute unvergessen sind. Seitdem hat sie die ungeteilte Aufmerksamkeit von Medien und Publikum. Die größten Designer des 20. Jahrhunderts begleiten fortan jeden Schritt ihrer Karriere. Es folgen die längst zu Kultstatus emporgestiegenen Filme "Sabrina", " Frühstück bei Tiffany", "My Fair Lady" und "Das Rosarote Mannequin".
© Paramount Pictures
Audrey Hepburn & Gregory Peck in "Ein Herz und eine Krone" ("Roman Holiday", 1953)
Audreys Lieblingsdesigner
Dass sich gefragte Designer um Audrey scharren, wird oftmals ihrem Körperbau zugesprochen. Sie ist außerordentlich zierlich - entspricht damit auch dem Schönheitsideal ihrer Zeit. In Folge schlechter Ernährung in jungen Jahren betragen ihre Maße knabenhafte 81, 50 und 88 cm. Die Kleiderpuppe, die 1954 zur Herstellung ihrer Garderobe angefertigt wird, muss bis zu ihrem Lebensende nicht mehr geändert werden.

Doch sie weckt das Interesse der Designer nicht, weil die Kleider an ihrem schmalen Körper so gut sitzen, als vielmehr wegen der Art, wie sie sie zu tragen weiß - voller Ausdruck, Würde und Erfindungsgeist. Hubert de Givenchy, langzeitiger Berater und Lieblingsdesigner von Audrey sagt "sie nahm immer die Kleidung, die für sie gemacht wurde einen Schritt weiter, trug irgendein kleines, persönliches Detail bei, das das gesamte Bild aufwertete."
© Paramount
Audrey Hepburn, Frühstück bei Tiffany
Givenchy erwartet Katherine Hepburn
Givenchy wurde kurz vor den Dreharbeiten zu "Sabrina" von Audrey persönlich angesprochen. Sie hatte sich in seine Kollektionen verliebt. Eines Tages geht sie in sein Pariser Atelier, um ihn kennen zu lernen. Laut audrey1.com erzählt Givenchy von ihrer ersten Begegnung: "Als mir gesagt wurde, dass Miss Hepburn eingetroffen war, nahm ich an, es handele sich um Katherine Hepburn, die ich vergötterte. Ich eilte zu ihr, und fand eine junge Frau, die als Gondoliere verkleidet war! Ich war sehr erstaunt. Noch mehr erstaunte mich, dass sie mich darum bat, die Kostüme für ihr bevorstehendes Filmprojekt zu entwerfen. Sie war so charmant, dass ich ihr erlaubte, Einzelstücke aus meiner Kollektion mitzunehmen. [...] Regisseur Billy Wilder hatte ihr angeboten, die Garderobe der Kostümbildnerin Edith Head mit echter Kleidung zu ergänzen. Und sie wollte nur meine."

Givenchy schuf fortan alle Outfits für Audreys Filme, soweit diese in der Gegenwart spielten: "Sabrina", "Das rosarote Mannequin", "Ariane - Liebe am Nachmittag", "Frühstück bei Tiffany" "Charade", "Wie klaut man eine Million? " und "Zusammen in Paris ". Aus dieser Zusammenarbeit stammen viele Trends, die bis heute als Beweis zeitlos guten Geschmacks gelten: flache Ballerinas, Dreiviertelärmel, der fransige, androgyne Kurzhaarschnitt, Trenchcoats, Lederhandtaschen mit Kettenriemen, das Foulard um die Stirn oder um der Taille gewickelte Männerhemden. Allen voran steht das "kleine Schwarze" aus "Frühstück bei Tiffany", das heutzutage aus keinem Kleiderschrank Stil sicherer Damen von Welt wegzudenken ist.
© Deutsches Filminstitut
Audrey Hepburn in "Sabrina" 1954
Wie Botticellis Venus in vollendeter Form
Viele Hollywood-Größen arbeiteten vor ihrer Filmkarriere als Kellnerin oder Verkäuferin - sie mussten von ihren Studios überpudert und zu Diven dressiert werden. Audrey Hepburn erschien wie Botticellis Venus in vollendeter Form auf der Muschelschale. So spazierte sie an jenem Tag in Givenchys Atelier, die vollendete Vereinigung von Glamour und Raffinesse, mal majestätisch, mal kindlich. Erotisch war sie nicht - zumindest nicht offenkundig - vielmehr war sie der Inbegriff der Weiblichkeit. Dieses gewisse Etwas kann man nicht lernen. Man hat es, oder nicht.

Heutigen Stars, denen ein gutes modisches Gespür nachgesagt wird wie Chloe Sevigny oder Gwyneth Paltrow, vergleicht man oft mit den Größen aus vergangenen Zeiten - nie mit Audrey Hepburn. Da kommen Greta Garbo, Jackie Kennedy oder Coco Chanel der Sache schon näher. Man weiß von ihrem vollendeten Stil und auch, wie sie sich über die Jahre hinweg als Modeikonen bewährten. Doch auch hier bleibt der direkte Vergleich aus. Was unterscheidet einen Star von einer Filmgöttin? Audrey berührte nicht nur unser Leben, sie verwandelte es. In der Modewelt - und vor allem in unserem Bild der Weiblichkeit - bewirkte sie Veränderungen, die so gravierend und andauernd sind, dass man sie wegen ihrer Selbstverständlichkeit kaum noch wahrnimmt. Das ist unvergleichlich - und unvergänglich.
Von  Katja Schübl/Filmreporter.de,  28. März 2021

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