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RETRO Feature

Fritz Lang

Heinz-Juergen Goettert/dpa/Corbis

Wirklichkeit immer im Blick
Fritz Langs Zeitbilder
Fritz Lang gehört neben Friedrich Wilhelm Murnau und Georg Wilhelm Pabst zu den drei großen Filmemachern der Weimarer Republik, deren Bedeutung bis heute nachhallt. Wie diese geht auch Lang auf dem Höhepunkt seiner Karriere nach Hollywood. Während Pabst an den Erfolg seiner deutschen Jahre nicht anknüpfen kann und Murnau nach wenigen Filmen einen tragischen Unfalltod erleidet, gelingt Lang eine fulminante zweite Karriere. In Hollywood kann Lang nicht nur qualitativ an seine früheren Filme anknüpfen, sondern auch Themen und Motive seines Frühwerks weiterführen. Filmreporter.de hat sich das Werk des Ausnahmeregisseurs angesehen.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  20.06.2019
Die Nibelungen: Siegfried

Filmmuseum im Münchner Stadtmuseum

Der Visionär: Fritz Lang

Fritz Lang - der Monokel-Träger im eleganten Anzug - ist ein Mann mit Haltung. Er ist klug, gebildet und hat aristokratische Umgangsformen. Sein Blick ist kalt, scharfsinnig und prophetisch. Kaum ein Regisseur der Weimarer Republik ist in der Lage, so feinfühlig gesellschaftliche Entwicklungen wahrzunehmen und ihre inneren Strukturen und unsichtbaren Kräfte zu erkennen. Selbst in den großen fantastisch-märchenhaften Epen der 1920er Jahre, in "Der müde Tod", dem mythischen "Nibelungen"-Diptychon, dem epochalen Science-Fiction "Metropolis" oder dem Spionage-Thriller "Spione" hallt die Realität bei Lang spürbar nach.

Dennoch sind diese Werke keine filmischen Realitätsabbildungen der vorgefundenen Wirklichkeit im klassischen Sinne, als vielmehr Verdichtungen in symbolischer Form, welche die Wirklichkeit in Form von "Verschiebungen" kristallisieren, wie der Filmwissenschaftler Thomas Koebner treffend formuliert. (vgl: Thomas Koebner. Fritz Lang. In: Ebd (Hg.). Filmregisseure. Reclam, 2002). Lang ist ein aufmerksamer Zeitgenosse, der wie eine "osmotische Membrane" Zeit und Umwelt, Wünsche aber auch Ängste seiner Zeitgenossen in "die fantastischen Phantasiekonstruktionen seiner Filme einfließen lässt" (Koebner). In Hollywood, wohin Lang nach 1933 emigriert, lässt der kritisch-liberale Filmemacher die Umwege sein und nennt die Missstände beim Namen.


Auch Henker sterben

Absolut Medien

Stationen einer großen Karriere

1890 in Wien geboren, interessiert sich Lang früh für die Kunst. Er malt und zeichnet, studiert später Archetektur in Wien, dann Kunst in Wien und München. Um seinen Wissensdurst zu stillen, reist er um die Welt. Als Künstler ist er in Paris tätig, bis ihn der Erste Weltkrieg nach Österreich zurückholt, wo er als Soldat eingezogen, später verwundet, dann ausgezeichnet wird.

Bereits in Paris fühlt er sich "ganz im Banne des Films" (Fritz Lang. Zitiert nach: Norbert Grob. Der obsessive Zeitgenosse: Ein neuer Blick auf Fritz Lang. In: Die Zeit, 08. Februar 2001). Nach dem Krieg setzt er zielstrebig seine Filmkarriere in Gang. Er wird zunächst Autor für Joe May, später für Erich Pommer. Seine Vorliebe für die Abenteuer-Romane von Karl May äußert sich auch in seinen ersten filmischen Gehversuchen. Sein Debüt "Halbblut" (1919) sowie der profiliertere "Die Spinnen" konzentrieren sich ganz auf die Jagd nach den Verbrechern rund um den Globus, "so dass für die Liebe keine Zeit bleibt" (Koebner).

Für die Arbeit an "Die Spinnen" hat Lang die Regiearbeit zu "Das Cabinet des Dr. Caligari" aufgeben müssen. Ob die Idee für die berühmt berüchtigte Rahmenhandlung dieses Meisterwerks des expressionistischen Films von Lang stammt, gehört in den Bereich der Legende.


Meister Fritz Lang bei der Arbeit

Film Revue

Zeitbilder - Verschiebungen der Wirklichkeit

Immer ist vom kolportagehaften Element in seinen Filmen der Weimarer Zeit die Rede, vom Gewicht des Melodrams und der Spannung. Dass diese allerdings nur Folie für den feinfühligen Blick auf die Zustände der Umwelt sind, gerät oft in den Hintergrund. Von Anfang an habe er "Zeitbilder" schaffen wollen, was ihm in Ansätzen bereits in "Der müde Tod" gelingt. Der Film, der Luis Buñuel zum Filmemachen bewogen haben soll, nimmt in Form einer melodramatisch-abenteuerlichen Geschichte um den Kampf einer Frau gegen den Tod ihres Geliebten Bezug auf den vorausgegangenen Krieg und seine Auswirkungen. Die Erscheinung des düsteren, kantigen Todes erinnert an eine "Kämpfer-Physiognomie, der als heimgekehrter Soldat identifizierbar wäre", so Koebner.

Am deutlichsten lassen sich Zeitbezüge in Langs Zweiteiler "Dr. Mabuse, der Spieler" ("Teil 1: Der große Spieler - Ein Bild unserer Zeit" und "Dr. Mabuse, der Spieler Teil 2: Inferno, ein Spiel von Menschen unserer Zeit") erkennen. Eindringlich wird hier die "wirre Epoche der Nachkriegszeit", die "Depression des verlorenen Krieges", die "Misere der Inflation", die "hoffnungslose Arbeitslosigkeit", die "hemmungslose Genusssucht, die Gier der Kriegsgewinnler und Spekulanten" (Lotte H. Eisner. Zitiert nach: Norbert Grob) geschildert.


Metropolis (Special Edition)

Warner Bros

Spiegel der Zeit: "Die Nibelungen" und "Metropolis"

Selbst "Die Nibelungen" ist nur vordergründig ein "Heldenlied des Deutschen Volkes". Lang will seinen Sagenstoff eher als Zeitbild sehen. Die Burgunder-Könige interpretiert er als eine "im Absteigen begriffene dekadente Gesellschaftsklasse", die sich durch das Zusammenstoßen "mit einer neuen, sich erst bildenden, wilden Gesellschaftsschicht" gefährdet sieht. (Fritz Lang. Zitiert nach: Norbert Grob).

"Metropolis" wurde von vielen Kritikern nicht nur als Zukunftsvision gesehen, sondern zugleich als "Ausdruck des fragmentierten Raum- und Zeitempfindens des modernen Städters" (Enno Patalas. Zitiert nach: Norbert Grob). Und die Manipulatoren und Super-Kriminelle in seinem Werk: symbolische Verdichtungen der "Kommandogewalt im kaiserlichen Staat vor 1914" (Patalas) einerseits, Prefigurationen (Vorausdeutung) der Gewaltherrscher und Meister-Manipulatoren des Dritten Reich andererseits.


M - Eine Stadt sucht einen Mörder (Special Edition, Digitally Remastered)

Universum Film

"M - Eine Stadt sich einen Mörder"

Den Hohepunkt der Zeitbild-Ästhetik erreicht Lang mit seinem Meisterwerk "M - Eine Stadt sucht einen Mörder". Im Unterschied zum vorausgegangenen Werk sind die Zeitbezüge nun evidenter. Hier seien keine "Übermenschen" mehr wie Dr. Mabuse oder Siegfried die tragenden Gestalten, sondern Durchschnittsbürger, "Avarage Joes", wie Lang seinen neuen Helden in einem Interview mitPeter Bogdanovich nennt. "M" ist ein Werk im Geiste der Neuen Sachlichkeit, ein Tatsachenbericht, der ganz auf Fakten aufgebaut ist. Lang integriert Kriminalfälle aus der Zeitung, spielt auf die "entsetzliche Angstpsychose der Bevölkerung" an und behandelt "die Selbstbezichtigung geistig Minderwertiger" sowie deren "Versuche zur Irreführung der Kriminalpolizei teils aus böswilligen Motiven, teils aus Übereifer".


Film Noir Collection #6: Du und ich

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Innovativer Inszenierungsstil

Dem Zeitgeistkonzept entspricht Langs innovativer Inszenierungsstil. Er verabschiedet sich vom Konzept des homogenen Werkganzen und baut seine Filme heterogen auf. Er entwickelt die Methode des totalen, allwissenden Blicks. Die Kamera verharrt nicht auf einer Perspektive, sondern gleitet von einem Standpunkt zum anderen. "Wie ein wandernder Scheinwerfer" sollte ein Film aufgebaut sein, indem er "das am deutlichsten zeigt, worauf er im Augenblick seinen Lichtkegel richtet" (Fritz Lang. Zitiert nach: Norbert Grob).

Dadurch werden mit formalen Mitteln verborgene Strukturen offengelegt, Zusammenhänge hergestellt. So etwa, wenn das kleine Mädchen zu Beginn von "M" vom Triebtäter entführt und ermordet wird, während die Mutter zu Hause immer verzweifelter über das Verbleiben ihrer Tochter sinniert. Oder wenn Lang die Arbeit der ratlosen Polzisten mit den Plänen der organisierten Kriminalität parallel schneidet. Stets ist hinter den Bildern die Vision des Autors Lang auszumachen, der mit formalen Mitteln Bezüge zwischen den einzelnen Szenen herstellt.


Rache für Jesse James (Edition Western-Legenden #2)

Koch Media

Der gefangene Mensch

Zentrales Thema Langs ist das Gefangensein des Individuums. Seine Figuren sind Zappelnde unter ihren eigenen Obsessionen ("M", "Straße der Versuchung"), Opfer des Systems Gesellschaft ("M", "Fury - Blinde Wut", "Die Bestie") oder willenlose Werkzeuge von machtbesessenen Willkürherrschern ("Dr. Mabuse"-Trilogie). Lang ist Fatalist, der den Menschen als Spielball des Schicksals betrachtet. Es gibt für ihn kein Entrinnen aus dem Vorherbestimmten, der Mensch hat keine Freiheit und keinen Willen zur Selbstbestimmung.

Motivisch findet diese Weltsicht in Szenerien wie Gefängnissen, Unterwelten oder Zellen ihren Ausdruck. Selbst in seinen Westernfilmen, einem Genre, das für seine unbegrenzten Landschaften bekannt ist, gibt Lang den Blick selten frei ("Rache für Jesse James"). Inszenatorisch findet Langs Fatalismus in der perfekt durchstrukturierten und künstlichen Bilderwelt ihre Umsetzung. Nichts ist bei seinen Einstellungen dem Zufall überlassen, alles dem Gestaltungswillen des Regisseurs unterworfen. Die Protagonisten sind nicht nur Gebeutelte des Schicksals, sondern wähnen sich auch in der Beklemmung der Bilder gefangen, in denen sie immer Teil eines kompositorischen Ganzen sind.


Das Testament des Dr. Mabuse

Freiheit und Schuld

Doch der Mensch nimmt seine Gefangenschaft nicht widerstandslos hin. Der Einzelne rebelliert und kämpft gegen seine Einengung. Zwar ist diese Rebellion oft aussichtslos oder jeder Ausweg entpuppt sich als eine neue Falle, wie Norbert Grob in einem Aufsatz bemerkt. Dennoch gibt es immer wieder Figuren, die ihren Willen durchsetzen. Das ist die bemerkenswerte Ausnahme im Werk Langs. Er gesteht dem Einzelnen Entscheidungs- und Handlungsfreiheit zu, wobei ihm manchmal auch die Flucht gelingt.

Etwa in "Das Testament des Dr. Mabuse", als die in einer Zelle aussichtslos eingesperrten Kent und Lilli sich mittels einer Explosion befreien können. Das ist zweifelsohne die optimistische Seite Langs. Dass die Handlungsfreiheit jedoch oft mit einer Schuld des Einzelnen zusammenfällt, ist ein weiteres großes Motiv Langs und bezeugt die düstere Weltanschauung dieses ausgesprochenen Fatalisten des Kinos.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  20.06.2019

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