RETRO Feature
© Marcus Winslow
Der Schwarm aller Frauen - mit Cowboyhut und ernstem Blick.
Mythos James Dean lebt
Unsterblicher Narziss
Eigentlich war der 30. September 1955 wie jeder Tag in Kalifornien: sonnig, warm und wolkenlos. James Dean ist in seinem silbernen Porsche Spider auf dem Highway unterwegs zu einem Rennen in Salinas. Um 15.30 Uhr wird er in Bakersfield wegen überhöhter Geschwindigkeit geblitzt. Gegen 17 Uhr kauft er sich in einem Laden einen Apfel und eine Cola. Knapp 45 Minuten später rast der 24-Jährige an einem menschenleeren Wüstenabschnitt in den Tod - und wird dadurch unsterblich.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  25. März 2021
© Marcus Winslow
James Dean
Wenn ein Mann eine Brücke zwischen Tod und Leben schlagen kann...
Ich meine, wenn er auch nach seinem Tod weiterlebt...
dann war er ein großer Mann!'
(James Dean kurz vor seinem Tod)

"Ich hatte mit so etwas gerechnet", sagt der Starfotograf Phil Stern heute. "Seine exzessive Abenteuerlust und sein ständiges Verlangen nach mehr mussten ihn zwangsläufig in Schwierigkeiten bringen." Kennen gelernt hatten sich die beiden Jahre vor seinem Tod, als der aufstrebende Jungschauspieler ihm auf seinem Motorrad die Vorfahrt nahm. "Wir gingen einen Kaffee trinken, lachten schon kurz danach über den Vorfall und landeten schließlich im Fotostudio. So war Jimmy eben." Aus der flüchtigen Bekanntschaft entstanden einige von Deans besten Portraits, unter anderem eine mimische Interpretation von Komödie und Tragödie. Lustig und traurig, schillernd und düster, leichtlebig und schwermütig - zwischen diesen Extremen pendelte auch sein Leben. Dean war ein Suchender, der trotz seines Weltruhm alleine blieb. Ein Einzelgänger, der mit gerade mal 24 Jahren seinen Traum lebte - und trotzdem nie wirklich glücklich werden konnte.
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Der Schauspieler in seiner Lieblingsrolle als Rennfahrer.
Ich will berühmt werden!
Als einziger Sohn einer Farmerfamilie in Marion, Indiana, geboren, erzieht ihn seine Mutter zu einem kreativen Talent. Er nimmt Tanzunterricht, spielt Geige und gelegentlich Theater. Doch die trügerische Harmonie nimmt ein jähes Ende, als die Weltwirtschaftskrise den Vater zur Zahntechnik und die Familie nach Kalifornien treibt. Als er neun Jahre alt ist, stirbt seine Mutter überraschend an Krebs. Der Vater ist überfordert und steckt den traumatisierten neunjährigen Jimmy mit dem Sarg seiner Mutter in einen Zug Richtung Heimat. Von da an lebt er auf der Farm seines Onkels in Fairmount.

Jimmy beteiligte sich an allem, was Publikum anzog", erinnert sich sein jüngerer Cousin Marcus Winslow. "Theateraufführungen, Debattierrunden und Sportevents. Er brauchte das Publikum. Trotzdem ahnte damals niemand, dass er später mal Filmstar werden würde." Der Vater stellt sich gegen seine Ambitionen, doch Jimmy geht seinen Weg, schmeißt das Jura-Studium, setzt alles auf eine Karte und zieht nach New York, dem damaligen Mekka der TV-Industrie. Als jüngstes Mitglied wird er in das "Actors Studio" von Lee Strasberg aufgenommen und trifft dort zum ersten Mal auf Marlon Brando, Idol und Konkurrent in einem. Dean geht dreimal pro Tag ins Kino, studiert die Karrieren großer Stars und arbeitet an seinen eigenen Fähigkeiten. In den Folgejahren spielt er in über dreißig TV-Shows, doch Fernsehen ist noch nicht Massenmedium und sein Erfolg nur regional. Er wird sich selbst der härteste Kritiker. Seinen Zieheltern schreibt er damals: "Ich will euch stolz machen und berühmt werden - so schnell es nur irgendwie geht."
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James Dean mal ungewohnt.
Der Rebell, der es allen vormacht
Die Chance dazu bekommt er 1954, als ihn die Regielegende Elia Kazan nach Hollywood zitiert, um mit ihm "Jenseits von Eden" zu drehen. In der damaligen Zeit vollzog sich in der Kinolandschaft ein Wandel. Man wollte weg von der Künstlichkeit, hin zum natürlichen Spiel. Plötzlich musste man nicht mehr jedes Wort artikulieren, sondern konnte stottern, nuscheln und soviel Emotion in eine Szene legen, wie man wollte. James Dean trieb diesen Stil zur Perfektion. "Seine Rolle als Mittelklassekid, die vom vorgezeichneten Weg der Eltern abkommt - das war sein Ding und damit revolutionierte er damals alles", erklärt sein Biograph George Perry. Eine neue Generation, traumatisiert von den Kriegswirren und dem Versagen der Eltern, findet in ihm die rettende Lichtfigur. Er ist der Rebell, der es allen vormacht. Der Raucher, Trinker und Charmeur. Man hört von privaten Eskapaden und seinem exzessiven Drang nach mehr.

Doch in seinen Blick liegt diese Schwermut, aus der ihn jeder befreien will, aber nicht kann. "Jimmy litt an starken Schlafstörungen", erinnert sich der Fotograf Dennis Stock, der Dean monatelang begleitete und zu seinen besten Freunden zählte. "Er war eine gequälte Seele. Menschen mit einer düsteren Nuance sind oft die besten Schauspieler. Sie lassen das Publikum in ihre Tiefe blicken und schaffen so einen einmaligen Ausdruck. Von genau der Universalität und Intensität, die so viele andere vergeblich suchen." Dean spielt mit diesem Image und entscheidet sich für die Hauptrolle in "... denn sie wissen nicht, was sie tun". "Ab diesem Moment hatte er seinen Ruf weg", bestätigt Stock. "Ein ängstlicher, ausgestoßener und verschüchterter Junge. Und trotzdem ein Rebell. Filmstudios, Presse, Fans und nicht zuletzt er selbst schufen aus diesen Vorgaben eine Ikone mit leicht wehmütigem Blick."
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Sein Lieblingsspielzeug - das Auto
Pier Angeli brach ihm das Herz
Aus der schüchternen Halbwaise ist ein Star geworden. Und Dean genießt seinen neuen Status in vollen Zügen. Er beginnt eine Affäre mit seiner letzten Filmpartnerin Natalie Wood, trifft sich mit dem späteren Bond-Girl Ursula Andress und verliebt sich schließlich Hals über Kopf in die italienische Schönheit Pier Angeli. Doch die Mutter, eine strenge Katholikin, ist gegen den Quäker von der Farm. "Als sie jemand anderen heiratete, brach ihm das sein Herz", glaubt Michael J. Sheridan zu wissen, der mit der Jubiläums-Dokumentation "James Dean: Forever Young" seinen Mythos neu beleuchtet. Als die Hochzeitsgäste die Kirche verlassen, steht der geknickte Jimmy mit seinem Motorrad auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Jahre später wird sich Pier Angeli nach zwei gescheiterten Ehen das Leben nehmen und in ihrem Abschiedsbrief schreiben: "Den einzigen Mann, den ich wirklich geliebt habe, war James Dean".

Doch nicht nur die Frauen scharen sich um Hollywoods Darling. Er wird mit attraktiven Männern gesichtet und bis heute sind die Gerüchte nicht verstummt, der junge Adonis sei bisexuell gewesen. "Ich persönlich habe von Jimmys Jet Set-Leben nicht allzu viel mitbekommen", erinnert sich sein Cousin. "Aber nach seinem Tod bestätigten mir viele seiner engen Freunde, dass sie nichts dergleichen bemerkt hätten. Fakt ist, dass er sich gerne in der Nähe hübscher Männer aufhielt, aber wohl eher, um sie für seine Rollen zu studieren. Er war ein Beobachter, der sich am liebsten stundenlang in ein Cafe setzte, um die Manierismen der unterschiedlichsten Leute in sich aufzusaugen." Auch Dennis Stock erinnert sich an die Anziehungskraft seines Freundes: "Die Welt lag ihm zu Füßen, doch er konnte nie wirklich akzeptieren, geliebt zu werden. Er wollte Liebe wie nichts anderes, aber er konnte sie nicht annehmen."
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James Dean - Der Träumer.
Er lotete seine Grenzen immer mehr aus
"Jimmy hatte einen starken Hang zur Selbstzerstörung. Er lotete seine Grenzen immer mehr aus - und niemand konnte etwas dagegen tun." Immer stärker begeistert sich Dean für Luxusartikel und vor allem schnelle Autos. Für knapp 7.000 Dollar kaufte er sich seinen ersten Porsche. Er fährt professionell Rennen - und gewinnt. Sein Leben verläuft auf der Überholspur, und im Taumel der Erfolge unterschreibt er den Vertrag für seinen nächsten und letzten Film "Giganten". Doch obwohl seine Darstellung des Farmhelfer Jett Rink, der im Laufe der Jahrzehnte zum Ölmogul aufsteigt, brillant und authentisch ist, ihm sogar posthum noch eine Oscarnominierung einbringt, kommt es am Set zu Streitigkeiten. Der exzentrische Dean macht die Dreharbeiten zu seiner eigenen Zurschaustellung, hält sich nicht an die Anweisungen und verärgert so den etablierten Regisseur George Stevens. Als er seine erste gemeinsame Szene mit der glamourösen Filmdiva Liz Taylor vermurkst, unterbricht er kurzerhand die Dreharbeiten, tritt einen Schritt zur Seite und uriniert vor 4.000 Schaulustigen, die in der texanischen Wüste die Dreharbeiten verfolgen. Auf die Frage nach dem Warum, wird er Dennis Hopper später erklären: "Ich brauchte das für mein Selbstbewusstsein. Wenn ich vor 4.000 Zuschauern pinkeln kann, sind Szenen mit Elizabeth Taylor auch nur ein Klacks". Rock Hudson, der die eigentliche Hauptrolle in "Giganten" spielt, hasst seinen Nebenbuhler zutiefst - und bricht trotzdem zusammen, als man ihn später vom Tod seines härtesten Konkurrenten informiert. Während der Dreharbeiten war es James Dean per Vertragsklausel verboten gewesen, seiner Rennleidenschaft nachzugehen. Zu riskant der eventueller Unfall, der nur zwei Wochen nach Drehschluss zur bitteren Wirklichkeit wird.
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Der Charmeur und Frauentröster.
Man hört oft, er wäre viel zu schnell gefahren. Das ist eine Lüge.
"Es war eine Sensation. Bis heute nur vergleichbar mit dem Tod von Lady Diana", erinnert sich Biograph George Perry. "Eine Generation war traumatisiert. Auch die Branche in Hollywood war am Boden zerstört und wusste nicht, ob man den kurz vor der Veröffentlichung stehenden Film "... denn sie wissen nicht, was sie tun" wirklich in die Kinos bringen sollte." Man entschied sich dafür, und der Film schlug ein wie eine Bombe. George Perry erinnert sich: "Die Story trieb jedem einen eiskalten Schauer über den Rücken. Sie handelte von Tod, Autorennen und der zerrissenen Jugend eines Jugendlichen. Der Film schien sich erschreckend mit der Wirklichkeit zu decken und trug ein großes Stück zu seinem Mythos bei." Dabei weiß man heute, dass der Unfall weit unspektakulärer ablief, als in den letzten Jahrzehnten vermutet. "James Dean trug definitiv keine Schuld", erklärt Perry das Ergebnis der Unfallrekonstruktion. "Der junge Student Donald Turnupseed nahm ihm die Vorfahrt. Der robuste Ford bohrte sich regelrecht in die Karosserie seines leichten Sportwagens. Dean starb, sein Beifahrer Rolf Wütherich überlebte. Man hört oft, er wäre viel zu schnell gefahren. Auch das ist eine Lüge. Dean wurde kurz vorher wegen überhöhter Geschwindigkeit geblitzt, aber zum Zeitpunkt des Unfalls hielt er sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung und fuhr nur 55 Meilen pro Stunde. In diesem besonderen Fall war es also weniger Leichtsinn, als eine tragische Verkettung von Ereignissen."

Die Kleinstadt Fairmount erlebte das größte Begräbnis ihrer Geschichte. Die Kirche war überfüllt und auf den Straßen ringsum drängten sich die Trauergäste. "Gott selbst ist der Regisseur", soll der Pfarrer an seinem Grab gepredigt haben. "Unser Leben wurde aus den Angeln gehoben", erklärt sein Cousin und erzählt von der aufbrausenden Hysterie der Fans. "Die Fanbriefe verdreifachten sich. Hunderte strömten zu unserer Farm und wollten Einblick in Deans Privatleben. Zwangsläufig mussten wir irgendwann ein Museum in der Nähe errichten, um den Besucherstrom etwas zu verlagern." Heute ist die Stadt eine kommerzielle Gedächtnisstätte: James Dean an jeder Ecke, in jedem Shop, auf jeder Kaffeetasse. Mehr noch: zum fünfzigjährigen Todestag veranstaltete die Region bereits zur Hochsaison im Juni ein dreitägiges James Dean-Festival, Besuch am Grab und im 'James-Dean Memorial Park' natürlich inbegriffen. Es lebe die Kommerzialisierung einer Legende.
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James Dean - wie er leibt und lebt!
Er muss mich doch sehen...
"Der Unfall war das Beste, was seiner Karriere passieren konnte", schildert Filmemacher Sheridan das Phänomen. "Er war zwar bereits ein Star und er wurde von der Öffentlichkeit geliebt. Doch erst sein früher Tod machte ihn zu der schillernden Ikone, die Jahre überdauern konnte." Dennis Stock ist ähnlicher Meinung: "In der Jugend eines jeden Menschen gibt es zwangsläufig eine Phase, in der man idealistisch ist und diese gewisse Unschuld besitzt. In der man so intensiv träumt, als ob man ewig Leben würde. Und in der man so exzessiv lebt, als ob man am selben Abend sterben würde. James Dean hatte nie die Möglichkeit, so alt, gemäßigt und runzelig zu werden wie ich heute. Also hält man an der schillernden Ikone fest, die all das bewahrt und Jugendträume in sich bündelt."

"Du bist unverbesserlich." Diese vermeintliche Rüge des Vaters in "Jenseits von Eden" ist also vielleicht genau das Geheimnis, das den Mythos Dean so schillernd macht. Eine Figur, die das Leben an den Polen spüren wollte - und sich nichts ausreden ließ. Diese Tatsache, ein tragischer Unfall in jungen Jahren und die unerfüllbaren Wunschprojektionen seiner Fans machen ihn zu dem, was er ist: Ein Rebell für die Ewigkeit. Der unsterbliche Narziss. Der Prototyp eines Egomanen, der vom Leben nicht genug kriegen konnte - und trotzdem daran zerbrach.

Seine letzten Worte sollen übrigens: "Er muss mich doch sehen, warum sieht er mich denn nicht?" gewesen sein.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  25. März 2021

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