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RETRO News

Gong, 21. 11. 1954, Heft 47, S. 8, Joachim Fuchsberger

Gong

Stromgewinnung fordert Leben

Mensch gegen Natur

Das österreichische Kraftwerk Kaprun steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Sein Bau begann nach der deutschen Machtübernahme 1938 mit dem ersten Spatenstich von Hermann Göring. Bis Kriegsende waren über 10.000 Zwangs- und Fremdarbeiter am Bau beteiligt, der 56 Leben kostete. Die Bauarbeiten dauern bis heute an und haben seit 1946 weitere Opfer gefordert. Regisseur Anton Kutter dreht nun einen Film über die tragische Geschichte des Wasserkraftwerks.

Gong, 21. 11. 1954, Heft 47, S. 8, Luis Trenker

Gong

Das Lied von Kaprun

Der einzigartige Stoff wurde schon von vielen Zeitschriften und Magazinen sensationslüstern aufbereitet. Das erregte den Unmut der Regierung in Wien ebenso wie den der Bauleitung in Kaprun. Nur zwei Filmgesellschaften wurde es gestattet, die spektakuläre Großbaustelle in Schnee und Eis als Kulisse zu verwenden. Bergsteiger Luis Trenker drehte einen abendfüllenden Dokumentarfilm und Regisseur Anton Kutter den Spielfilm "Das Lied von Kaprun". Die Drehbücher mussten jeweils von der Generaldirektion abgesegnet werden.

Die Zeitschrift Gong druckt in ihrer November-Ausgabe 1954 erste Bilder der Dreharbeiten. Mittelpunkt von Kutters Spielfilm ist Sicherheitsingenieur Peter Dahle (Albert Lieven), der im gefährlichen Berg immer mehr einen persönlichen Feind sieht. Um seine Arbeiter zu beschützen, bittet er den erfahrenen Bergführer Hans Dribusser (Eduard Köck) um Hilfe. Für den "Glocknerkönig" kommt der massive Eingriff in die Natur einer Gotteslästerung gleich, er verweigert seine Unterstützung. Das ruft seine ehemalige Geliebte auf den Plan. Die reiche Barbara Fuller (Waltraut Haas) kann den Naturburschen umstimmen, beschwört durch ihr Eindringen in die Männerdomäne aber neues Unheil herauf.


Die Baustelle in Kaprun

Gong

Ein neues Genre entsteht

Als Anton Kutter "Das Lied von Kaprun" drehte, hatte er sich als Macher von Heimatfilmen einen Namen gemacht. Klassische Heimatfilme sind von Natur aus zivilisationskritisch und negieren die Vorzüge des technischen Fortschritts. In seinem letzten Film versuchte Kutter diese Definition zu erweitern, in dem er Elemente des Industrie- und Katastrophenfilms integrierte und somit moderne Technik in einen Heimatfilm einbrachte. Die Errichtung des Kraftwerks wird als heroischer Kampf gegen die grausamen Naturgewalten dargestellt.

Nach Abschluss der Dreharbeiten widmete sich Kutter verstärkt seiner zweiten Leidenschaft, der Astronomie. Schon 1940 hatte er ein neuartiges Spiegelteleskop entwickelt, den sogenannten Kutter-Schiefspiegler. Er verfasste auch eine Anleitung zum Nachbauen desselben. Nach der Veröffentlichung eines wissenschaftlichen Traktats in einer amerikanischen Zeitschrift fand die Erfindung Ende der 1950er Jahre internationale Anerkennung. Kutter betrieb in seiner Geburtsstadt Biberach eine eigene Sternwarte, bis er 1985 nach längerer Krankheit verstarb.

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