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Harry Tenbrook in Geheimakten Solvay

Der Spiegel

Defa-Schauspieler in Mißkredit
Umtausch verweigert
In Westberlin gibt es fast 2.000 Schauspieler ohne feste Anstellung, die sich mit schlecht bezahlten Gelegenheitsrollen über Wasser halten. Wie weit darf ein solcher Schauspieler gehen, um den Lebensunterhalt für sich und seine Familie zu verdienen? Schauspieler Harry Tenbrook wandte sich an die sowjetzonale Filmgesellschaft Defa in Babelsberg und wurde prompt engagiert. Er spielte unter anderem im Thriller "Geheimakten Solvay", was ihm erheblichen Ärger einbrachte.
Das Cover des Spiegels vom 17. August 1955

Der Spiegel

Kommunistischer Propagandist?

Der Schauspieler hat Probleme, an seine verdiente Gage zu kommen. Der Grund: Ihm wird vorgeworfen, kommunistische Propaganda zu betreiben. Der Spiegel berichtet in seiner Ausgabe am 17. August 1955 über den Fall. Normalerweise können Westberliner, die im Osten arbeiten, die verdienten Ostmark über die Westberliner Lohnausgleichskasse zum Kurs 1:1 in Westmark umtauschen. Müssten die Ostarbeiter ihre Löhne zu Wechselstubenkursen von 5:1 umtauschen, bliebe vom mühsam erarbeiteten Geld nicht viel übrig.

Zwei Jahre lang tauschte Tenbrook sein Geld nach dem 1:1-Prinzip, dann verweigerte ihm die Ausgleichskasse weitere Zahlungen. Auf Nachfrage erfuhr er, dass kommunistische Propagandisten keinen Anspruch auf den vergünstigten Lohnumtausch hätten. Kurz zuvor hatte das "Spandauer Volksblatt" über Schauspieler gewettert, die bei der Defa wüste Hetzrollen übernähmen. Explizit wurde auch der Name Tenbrooks genannt. Der reichte vor dem Verwaltungsgericht eine Klage ein. Als diese abgewiesen wurde, legte er Berufung ein. Daraufhin studierte das Gericht das Drehbuch des fraglichen Films und brachte mit seinem Urteil endlich die ersehnte Rehabilitierung.

Laut Urteilsspruch hat Tenbrook sich nicht bewusst für die Anti-West-Hetze zur Verfügung gestellt. Zudem könne nicht unterstellt werden, dass die gesamte Filmproduktion der Defa im Dienste der politischen Propaganda gegen die westliche Staatsform stehe. Das Oberverwaltungsgericht kam zum Schluss, dass die Mitwirkung des Klägers nicht seiner politischen Einstellung entsprach, sondern dass er sich zur Annahme dieses Engagements nur durch die unzureichenden Beschäftigungsmöglichkeiten in Westberlin veranlasst sah.


Tod in den USA

Nach dem Urteilsspruch war die angeklagte Behörde angehalten, "nunmehr erneut unter Berücksichtigung der vorstehenden Rechtsausführungen im Rahmen ihres pflichtgemäßen Ermessens zu entscheiden." Leider ist heute nicht mehr bekannt, ob Harry Tenbrooks erneut eingereichtem Antrag stattgegeben wurde oder nicht. Zumindest zog es Henry Olaf Hansen, so sein bürgerlicher Name, im Alter in die USA. 1960 starb er in Los Angeles. Der gebürtige Norweger erlag einem Lungenkrebsleiden. Er wurde 72 Jahre alt.

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