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Jean-Pierre und Luc Dardenne

Jean-François Martin/Ricore Text

Stille unter dem Wahnsinn der Welt
Die Realität der Dardennes
Ein Film, so Nouvelle Vague-Regisseur Jean-Luc Godard, besteht aus 24 Bildern pro Sekunde und damit aus 24 Wahrheiten. Das belgische Brüderpaar Jean Pierre und Luc Dardenne erhebt diese Metapher zur Maxime. Ihre Filme behandeln soziale Themen, ohne politisch zu sein. Sie zeigen Menschen am Kreuzweg einer moralischen Entscheidung, ohne zu moralisieren. In der Tristesse des Arbeitermilieus findet das Duo ihre Figuren. Arbeitslosigkeit, Migration und Einsamkeit sind wiederkehrende Themen ihres Œuvres. "Natürlich wollen wir das Publikum ansprechen, es beunruhigen, aber wir hoffen nicht, dass wir die Welt verändern können". Und doch schwebt in den psychologischen Portraits ihrer Charaktere immer die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Verbitterung und Glaube - die zwei unzertrennliche Aspekte des Schaffen der Gebrüder Dardenne.
Luc Dardenne (Cannes 2008)

Jean-François Martin/Ricore Text

Cannes, 1999. Das internationale Filmfestival lässt das 20. Jahrhundert mit einer Überraschung ausklingen. David Lynchs versöhnliches Road-Movie über Vergebung "The Straight Story - Eine wahre Geschichte", Pedro Almodóvars exzentrisches Werk "Alles über meine Mutter" und Peter Greenaways "8 1/2 Women" konkurrieren um die Goldene Palme und gelten als aussichtsreichste Anwärter auf die Auszeichnung.

Die Jury entscheidet sich aber anders. Ein kleiner Film über einen 17-jährigen Teenager findet das Lob des Gremiums und so wird "Rosetta" der erste belgische Beitrag, der den angesehenen Filmpreis bekommt. Die Regisseure - die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne haben Mitte der 1990er Jahre mit dem Sozialdrama "La Promesse" (Das Versprechen) erstmals auf sich aufmerksam gemacht, sind dem breiten Publikum aber nicht bekannt.


Jean-Pierre Dardenne (Cannes 2008)

Jean-François Martin/Ricore Text

"Rosetta" ist die Geschichte einer jungen Frau, die in einem Wohnwagen mit ihrer alkoholisierten Mutter lebt. Das Drama portraitiert ihre Sinn- und Arbeitsuche, die psychologischen, emotionale und gesellschaftlichen Aspekte der Erwerbslosigkeit. "Der Arbeitsmarkt ist heute wie das bekannte Kinderspiel mit den Stühlen. Es gibt acht Leute und nur sieben Stühle. Wenn die Musik aus ist, wird einer eliminiert. So macht sich Rosetta auf die Suche nach Arbeit, als würde sie in den Krieg ziehen. Sie denkt, dass wenn sie nicht einen Platz in der Gesellschaft findet, sie zu existieren aufhören wird", erklärt der ältere Jean-Pierre.

Der Kampf um Integration und Zugehörigkeit zu einer Gruppe und der Preis, den die Protagonisten, zu zahlen bereit sind, bilden ein Problemenkomplex, das die Brüder antreibt. Der Gedanke liegt nahe, dass die Filme der Dardenne-Brüder Ausdruck politischen Bewusstseins sind, sie kritisieren und klagen an. Dabei lassen sie ihren Figuren großen Raum, lassen sie für sich sprechen. Diese verfolgen meist kein Ziel, außer Verständnis für ein ethisches und moralisches Dilemma zu fordern. Umso überraschender ist Belgiens Gesetzesinitiative für den Schutz junger Arbeiter, die auf den Namen "Rosetta Low" getauft wird. " Zufall? Der Entwurf wurde diskutiert, denn die Politiker wollten an den Filmerfolg anknüpfen. Wir haben nie beabsichtigt, Gesetze zu ändern", trennt Jean-Pierre seine Kunst von der Tagespolitik.


Lornas Schweigen

Piffl Medien

Die Grenze ist in ihren Werken fließend. 1975 gründen Jean-Pierre und Luc die Produktionsfirma "Derives". Zu dieser Zeit studiert Jean-Pierre Dramaturgie in Brüssel, sein Bruder Philosophie an der Universität Lüttich. Ihre Zuwendung zum Film beginnt mit Dokumentationen über das Arbeitermilieu in Wallonien. Die Brüder stammen aus einem Vorort der Industriestadt Seraing in der belgischen Provinz Lüttich. Die Thematik geht ihnen unter die Haut, und das ist nicht nur sprichwörtlich: "Unsere Schule liegt neben einer Fabrik. Wenn der Wind aus einer bestimmten Richtung wehte, war der Schulhof von dem dicken, roten Rauch der Stahlschmelzöfen vernebelt. Dann mussten wir mit dem Fußballspielen aufhören.

So haben wir diese Atmosphäre wortwörtlich eingeatmet", erinnert sich Jean-Pierre. Seine Bettlektüre aus dieser Zeit sollte das Denkschema der Brüder prägen. Als 15-jähriger bewundert Jean-Pierre den belgischen Fußballstar Roger Claessen. In einem Interview erklärte der Sportler, dass er Fjodor Michailowitsch Dostojewski auf seinem Nachttisch liegen habe. Der treue Fan stellt seine Liebe unter Beweis und verschlingt fast das ganze Werk des russischen Moralisten. Aus der kindischen Verneigung vor dem Idol wird mit der Zeit die Neugierde auf das moralische Dilemma des Werks. Bald ist auch Luc interessiert, Jahre später gibt er an, dass "Verbrechen und Strafe" zu seinen Lieblingsbüchern gehöre.


Der Sohn
Ein anderer Mann beeinflusst die Brüder nicht minder. Der monegassische Filmemacher Armand Gatti unterrichtet Jean-Pierre an der Universität, seine Videoexperimente sind ihm Inspiration. Als Reaktion der Begegnung mit Gatti entschließen sich Luc und sein älterer Bruder ins Filmgeschäft einzusteigen. Drei Monate arbeiten sie in einer Zementfabrik, um Geld für eine Kamera anzusparen. Der Dokumentarfilm "Le Chant du rossignol" aus dem Jahr 1978 hat den belgischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus zum Thema. Bis in die späten 1980er Jahre produzieren sie fast 60 kürzere und längere Dokumentationen, welche die Probleme der Migration, der Arbeiterschaft und anderer gesellschaftspolitischen Themen aufgreifen. "Wir haben sozialschwache Haushalte besucht und Leute interviewt, die etwas aus ihrem Leben gemacht haben, die aktiv in der Widerstand- oder Arbeiterbewegung tätig sind. Sonntags haben wir die Filme dann in Garagen oder kleinen Appartements gezeigt. Wir wollten mit den Videos Leute zusammenbringen." Bald erkennen die Brüder, dass sie kein Neuland betreten haben. Dann kommt die Wende in ihrem Werk.

Die Gegenwart mit ihren globalen Veränderungen bietet ihnen genug Motive für Spielfilme. Nach zwei Versuchen, die Luc später als "unglückliches Abenteuer" bezeichnet, drehen sie 1996 "La Promesse". Die Geschichte des 15-jährigen Igor, dessen Vater den Tod von Hamidou, einem illegalen Emigranten aus Burkina Faso, auf dem Gewissen hat, wird gut aufgenommen. Das Drama zeige die Geburt eines politischen Bewusstseins, applaudiert ein Kritiker. Filmredakteur Stanley Kauffmann schreibt: "Die Dardenne Brüder bekennen sich zu einer Bürde. Sie glauben aber auch an die Hoffnung. Sie glauben, dass sich unter dem Wahnsinn unserer Welt Stille verbirgt". Drei Jahre später bringt "Rosetta" den endgültigen Durchbruch.


L'Enfant

Kinowelt

Ihr nächstes gemeinsames Projekt "Der Sohn" ist eine komplexe philosophische Auseinandersetzung mit der Vergebung. Schreinermeister Olivier (Olivier Gourmet) stellt einen 16-jährigen Straftäter ein, um dessen Rehabilitation in der Gesellschaft zu unterstützen. Allmählich stellt sich heraus, dass der Junge an dem Tod seines Sohnes schuld ist. Das düstere Psychogramm erhält den Sonderpreis der Cannes-Jury. Die Kritiker preisen die Einfachheit der Handlung und die minimalistische Ästhetik des Films. "Rossellini nannte es 'das trockene Auge' - nicht zu viel Pathos", kommentiert Luc Dardenne diesen Stil.

Die Protagonisten ihres vierter Spielfilms, "L'Enfant", bewegt sich ebenfalls an den Rändern der Gesellschaft. Das Drama des jungen Paares Sonia und Bruno, das dank ihres neugeborenen Sohnes ihrer finanziellen Misere entkommen will, beschert den Brüdern die zweite Goldene Palme. Auch "Lornas Schweigen" gilt bei den 61. Filmfestpielen von Cannes als Favorit und bekommt immerhin den Preis für das beste Drehbuch.


Jean-Pierre (links) und Luc Dardenne mit Arta Dobroshi

Jean-François Martin/Ricore Text

Die Arbeit mit ihrem eingespielten 20-köpfigen Team habe etwas von einem Familientreffen. "Wir arbeiten zusammen und entwickeln gemeinsam unsere Ideen", erklärt Jean-Pierre. Ihre Beziehung sei "organisch", komme ohne große Worte und Erklärungen aus. "Wie eine Person mit vier Augen", scherzt Luc. "Wie ein altes Ehepaar." Jean-Pierre: "Natürlich kann das - wie bei alten Ehepaaren - mit einem Mord enden". Das hoffen wir nicht und freuen uns auf die kommenden Filme der Dardennes.

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