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Starfeature
Sylvester Stallone
20th Century Fox

Armer Schlucker oder Film-Idol?

Sylvester Stallones Kämpfe

Von der Gosse zum umjubelten Hollywoodstar. Die etwas abgenutzte Plattitüde lässt sich auf Sylvester Stallones gut anwenden. Als er 1976 in "Rocky" einen Helden darstellt, der von den Slums zum gefeierten Boxchampion aufsteigt, verkörpert er niemand anders, als sich selbst und seinen frustrierenden Kampf um Erfolg und Anerkennung. Mit "Rambo" kreiert er einen weiteren Helden des Kinos und legt damit zugleich den Grundstein für eine Karriere als Actionheld. Seither ist Stallones Filmlaufbahn eine Achterbahn zwischen Erfolg und Misserfolg, Akzeptanz und Ablehnung.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  22. September 2010
Sylvester Stallone in "The Expendables"
Splendid Film
Sylvester Stallone in "The Expendables"

Frustrationen und Konflikte

Sylvester Stallone wird am 6. Juli 1946 als Sohn eines Friseurs italienischer Abstammung und einer ehemaligen Tänzerin und Sport-Promoterin in New York geboren. Die Geburt verläuft nicht ohne Komplikationen, in deren Folge ein Nerv im Gesicht des Babys verletzt wird .Deshalb leidet Stallone an einer partiellen Gesichtslähmung. Später wird daraus resultierende Beschränkung seines Ausdruckes und sein Sprachfehler zum Markenzeichen des Schauspielers. Als Kind und Jugendlicher leidet Stallone sehr unter dem Handicap, weil er von Gleichaltrigen immer wieder gehänselt wird."Ich war kein glückliches Kind", bekennt er gegenüber dem Männermagazin Playboy im September 1978. "Kinder mögen es, sich lächerlich über einen zu machen. Sie nannten mich immer Schrägmaul".

Der Unfrieden im Elternhaus ist für das Selbstbewusstsein des Kindes nicht gerade förderlich. Die Eltern streiten permanent, lassen sich 1957 scheiden und Sylvester sowie sein jüngerer Bruder Frank Jr. können ihre Eltern von nun an nur abwechselnd sehen. Eine gewisse Stabilität kehrt erst im Leben Stallones ein, als er sich mit 15 in die Obhut seiner Mutter in Philadelphia begibt. Vielleicht ist die frustrierende Erfahrung der Ablehnung, vielleicht auch der Konflikt in der Familie der Grund dafür, dass Stallone als Jugendlicher ein schwieriger Charakter ist. Er gilt als Raufbold, wird wegen Schlägerei und Vandalismus zwei Mal von der Schule verwiesen und findet sich letztlich in einer Schule für schwer erziehbare Jugendliche wieder. "Ich war ein Alptraum", resümiert Stallone diese Phase rückblickend im Playboy-Interview.


Sylvester Stallone und Dolph Lundgren in "The Expendables"
Splendid Film
Sylvester Stallone und Dolph Lundgren in "The Expendables"

Hunger und Verzweiflung

Das konfliktreiche Auf und Ab der Kinder- und Jugendjahre prägt auch das berufliche Leben Stallones. Früh entwickelt er den Wunsch, Schauspieler zu werden. Doch auch hier ist die Ablehnung groß. Trotz kleiner erfolgreicher Auftritte in Stücken in seiner Schulzeit, wird Stallone immer wieder nahegelegt, von der Schauspielerei die Hände zu lassen. Diese Haltung ist auch der Grund, wieso er sein Schauspielstudium in Miami letztlich abbricht, und in New York weiter macht. Die ersten Jahre in der Millionenmetropole sind eher von Elend als von Erfolg gekrönt. Er spielt immer wieder in kleineren Rollen auf der Bühne, doch der ersehnte Erfolg im Film will sich nicht einstellen. Das Leben am Existenzminimum gibt Stallone auch den Grund für seinen Ausrutscher mit dem Softporno "Randy - Die Sexabenteuer des Sylvester Stallone" (1970). "Ich habe gehungert, als ich diesen Film machte", so Stallone gegenüber dem Playboy. "Ich musste entweder den Film machen oder jemanden ausrauben. Denn ich war am Ende angelangt. [...] Ich war verzweifelt“. Der Sexploitation-Film wurde einige Jahre später als "Italian Stallion" noch einmal vermarktet, um die mittlerweile erlangte Popularität des Schauspielers auszunutzen.


Rocky
20th Century Fox
Rocky

Durchbruch nach langem Kampf

Statt aufzugeben, kanalisiert Stallone seine Frustration in das Verfassen von Drehbüchern, die er gewinnbringend zu verkaufen hofft. Sein erstes verfilmtes Skript ist "Brooklyn Blues - Das Gesetz der Gosse" (1974), in dem er auch die Hauptrolle übernimmt. Doch es soll bis 1976 dauern, bis der große Durchbruch mit dem Sportfilm "Rocky" gelingt. Bis dahin steht Stallone mehrfach in kleinen Rollen vor der Kamera, so etwa in Woody Allens "Bananas" (1971) und in Alan J. Pakulas Thriller-Klassiker "Klute" (1971). Inspiriert vom Boxkampf zwischen Muhammad Ali und Chuck Wepner im Jahr 1975, schreibt Stallone das Drehbuch zu "Rocky" in nur drei Tagen. Äußerst geschickt geht er auch bei der Vermarktung des Buches vor.

Nur unter der Bedingung, dass er selbst die Titelrolle spielt, will er seine Geschichte verkaufen. Die Produzenten zögern anfänglich, sind aber von Stallones Drehbuch so überzeugt, dass sie die Forderung akzeptieren. Das Risiko lohnt sich. Der Sportfilm über den Aufstieg eines Niemand zu einem erfolgreichen Boxweltmeister begeistert nicht nur die Massen, sondern erhält auch zehn Oscar-Nominierungen, darunter jeweils eine Nominierung für Stallone als bester Hauptdarsteller und bester Drehbuchschreiber. Die Kritiken sind voll des Lobes für den Newcomer, feiern ihn sogar als neuen Marlon Brando.


Sylvester Stallone
20th Century Fox
Sylvester Stallone

Schauspielerische Anerkennung

Die Anerkennung schlägt sich Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahren auch in den Rollen-Angeboten nieder. Es gelingt Stallone, in seinem Rollenrepertoire Anspruch und das Image des rauen und wortkargen Helden zu verbinden. 1978 spielt er in Norman Jewisons Gewerkschaftsdrama "Ein Mann geht seinen Weg" die Hauptrolle und bekommt erneut gute Kritiken. 1981 dreht er unter der Regie von John Huston das Sportdrama "Flucht oder Sieg" und steht im selben Jahr an der Seite von Rutger Hauer in "Nachtfalken" vor der Kamera. 1982 lanciert er die zweite große mythische Figur seiner Karriere. In "Rambo" spielt er einen Vietnamveteranen, der in der Gesellschaft nicht mehr Fuß fassen kann. Der Actionfilm verbindet geschickt Genre-Elemente mit der Kritik gegen soziale Intoleranz und Voreingenommenheit und wird sowohl beim Publikum und einigen Kritikern gut aufgenommen.


Sylvester Stallone als John Rambo
Warner Bros. Pictures
Sylvester Stallone als John Rambo

Neuer Actionheld

"Rambo" markiert zugleich die Richtung, in die sich Stallones Karriere in den folgenden Jahren entwickeln sollte. Der Film entsteht zu Beginn eines Jahrzehnts, in dem sich im Mainstream-Kino ein Umbruch vollzieht. Das Publikum sehnt sich nach einfach gestrickten Helden, die die Probleme der Welt ohne viele Worte, dafür mit umso mehr Körpereinsatz bewältigen. Es ist die Geburtsstunde des Action-Genres und mit Arnold Schwarzenegger und Stallone finden sich die idealen Heldentypen. Der eine ein Ausländer mit auffälligem Akzent, der andere mit einem Sprachfehler und beide mit reichlich Muskeln ausgestattet - die Idealbesetzung für ein Genre, das auf geballte Aktion nicht aber ausgefeilte Dialoge und Handlungslogik setzt.

Vor diesem Hintergrund ist es nur konsequent, dass Stallone seine zwei erfolgreichsten Rollenfiguren aufgreift, um damit die Sehnsucht des Publikums zu bedienen. "Rocky" folgen bis 1990 vier weitere Teile, "Rambo" bringt es bis 1988 auf zwei nicht minder erfolgreiche Fortsetzungen. Während das überwiegend männliche Publikum die Reihen feiert, distanziert sich die Kritik von den brachialen Machwerken. Moniert wird vor allem die Tatsache, dass die Filme im Vergleich zu den ersten Teilen den sozialen Aspekt zugunsten Zurschaustellung exzessiver Gewalt mit überdies deutlich zutage tretenden konservativen politischen Ideologien vernachlässigen.


Sylvester Stallone als Rocky
United Artists
Sylvester Stallone als Rocky

Versuch eines Imagewechsels

Beeindruckt von der immer schärfer werdenden Kritik, versucht Stallone in den 1980er Jahren sein Image des Actionhelden los zu werden. Doch sowohl der Musikfilm "Der Senkrechtstarter" (1984) als auch das Vater-Sohn-Drama "Over The Top" (1987) sind sowohl ökonomische als auch künstlerische Reinfälle. Im gleichen Spannungsfeld zwischen dem versuchten Imagewechsel und der resignierten Rückkehr zum Actiongenre bewegt sich Stallone durch die 1990er Jahre. Er möchte endlich Filme machen, die länger im Gedächtnis haften bleiben, als der Weg vom Kino zum Auto, äußert er 1997 gegenüber dem Time Magazin. Dabei ist "Cop Land" (1997) eine eindrucksvolle Bemühung zum Richtungswechsels. Für den Thriller nimmt Stallone in Method-Acting-Manier 15 kg zu und kann laut Meinung mancher Kritiker selbst neben Schauspiel-Größen wie Robert De Niro, Harvey Keitel und Ray Liotta bestehen.

Ansonsten sind die Neunziger eine Berg und Talfahrt für den alternden Actionhelden. Bemerkenswert ist dabei, dass offenbar auch Stallone neben Schwarzenegger im Zeitalter des postmodernen Actionfilms angekommen ist. Immer häufiger nimmt er sich und sein Image aufs Korn. Ob es in den Komödien "Oscar - Vom Regen in die Traufe" (1991) und "Stopp! Oder meine Mami schießt" (1992) oder den Actionkrachern "Demolition Man" (1993) und "Judge Dredd" (1995) - mit Ironie und Parodie versucht Stallone verkrampft dem Niedergang seiner Popularität entgegen zu wirken. Vergeblich. Das Zeitalter des Actionfilms neigt sich spätestens Mitte des Jahrzehnts dem Ende zu. Zwar gelingt Stallone noch der eine oder andere Erfolg ("Cliffhanger - Nur die Starken überleben", 1993; "Demolition Man"), doch letztlich überwiegen die Filme, die kaum jemand sehen will.


The Expendables
Splendid Film
The Expendables

Auf der Revival-Welle

Mit "Rocky Balboa" (2006) und "John Rambo" (2008) gelingt Stallone ein viel beachtetes Comeback. Doch auch diese Filme bewegen sich lediglich im aktuellen Trend des Revivals von Action-Filmen im Stil der 1980er Jahre. In dieselbe Reihe ist auch "The Expendables" einzuordnen, wobei auch diesem Versuch die Balance zwischen Ironie und Hommage nicht gelingt. Seit dem Durchbruch "Rocky" und dem Karrierehöhepunkt "Rambo" ist Stallone viele Wege gegangen, um sich im Kino zu positionieren. Zuweilen hat man den Eindruck, dass seine Suche noch nicht zu Ende ist. In diesem Sinne darf man gespannt sein, welche Richtung er mit seinen nächsten Filmen einschlagen wird.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  22. September 2010

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