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Mathieu Amalric
Jean-François Martin/Ricore Text

Wo geht die Reise hin?

Mathieu Amalric: Regie oder Schauspiel?

Mit der Rolle eines im eigenen Körper gefangenen Intelektuellen in Julian Schnabels "Schmetterling und Taucherglocke" spielt sich Mathieu Amalric in die Riege der Charakterdarsteller. Hollywood nimmt Notiz und besetzt ihn prompt mit dem Part des Bösewichts in "James Bond 007: Ein Quantum Trost". Die Rolle passt zwar nicht in Amalrics bisheriges Repertoire. Doch gerade das reizte ihn, schätzt er doch die Vielseitigkeit seines Berufs. Die Schauspielerei betrachtet Amalric aber als zweites Standbein. Seine eigentliche Leidenschaft ist die Regiearbeit.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  4. Oktober 2010
Mathieu Amalric und  Marie-Joseé Croze in: "Schmetterling und Taucherglocke"
Monopole Pathé
Mathieu Amalric und Marie-Joseé Croze in: "Schmetterling und Taucherglocke"

Im eigenen Körper gefangen befreit

Seine größte Rolle ist die, in der er körperlich am wenigsten tun muss, die ihn aber, wie er einmal gestand, am meisten erschöpft hatte. In Julian Schnabels "Schmetterling und Taucherglocke" spielt Mathieu Amalric einen Intellektuellen, der einen Gehirnschlag erleidet, seit dem im eigenen Körper gefangen ist und nur noch seine Augenlider bewegen kann. Sie sind sein einziges Werkzeug, um mit seinen Mitmenschen Kontakt aufzunehmen.

Schnabels Drama basiert auf einer wahren Begebenheit, wobei der Regisseur die tragischen Ereignisse zu einer Hymne auf die Fantasie des menschlichen Geistes verdichtet. So glänzend die Inszenierung auch ist, wird sie doch durch die Leistung des Hauptdarstellers fast in den Schatten gestellt. Mit seiner Darstellung beweist Amalric, dass es keiner großen Gesten bedarf, um große Schauspielkunst zu erreichen. Mit den kleinsten Mittel mimischer Regung und der bloßen Bewegung des Augeslides drückt er die gesamte Tragik des im Bett gefesselten Mannes aus. Für seine Darstellung wurde Amalric mit dem César als bester Schauspieler ausgezeichnet.


Mathieu Amalric beim Photocall zu "James Bond 007 - Ein Quantum Trost"
Sony Pictures
Mathieu Amalric beim Photocall zu "James Bond 007 - Ein Quantum Trost"

Instinkt oder Verstand?

Er finde es interessant, an seinem Körper und seiner Seele Dinge und Zustände auszuprobieren, äußert Amalric gegenüber der Berliner Zeitung im November 2008. Seinen Schauspielstil bezeichnet er als instinktiv, er agiere beim Spielen wie ein Tier und passe sich immer an den Willen und den Rhythmus des Regisseurs an. Man sei als Schauspieler nichts anderes als ein "Roboter, dem nicht bewusst ist, dass er spielt", so Amalric sehr über seinen Beruf. Andererseits lässt sich nicht übersehen, dass Amalric seine Arbeit mit Verstand und Reflexion über das eigene Tun angeht. Es grenze für ihn überhaupt an ein Wunder, dass so etwas wie Schauspielerei zustande kommen kann.

Er verstehe nicht "wie die Zunge mit dem Gehirn zusammenarbeitet, und wie man es schafft, im richtigen Moment das Richtige zu sagen". Solche und ähnliche Fragen begleiten Amalric bei der Arbeit unentwegt, Fragen, die die Technik des Schauspielens betreffen und die bestmögliche Leistung zum Ziel haben. Es sind aber auch Fragen, die aus dem Selbstzweifel herrühren könnten, in jedem Fall auch zu Unsicherheiten führen. Die Schauspielerei sei für ihn beängstigend, was ihm besonders zu schaffen macht, als er in "James Bond 007: Ein Quantum Trost" den Bösewicht vor einem größer als gewohnten Mitarbeiterstab geben muss. Doch diese Angst sei für ihn nicht lähmend, vielmehr eine Antriebsfeder, genau wie seine Schüchternheit ein Ansporn sei, das Beste aus sich herauszuholen. "Wenn ich keine Angst mehr habe, ist es vielleicht Zeit aufzuhören", sagt er der Berliner Zeitung.


Mathieu Amalric noch unversehrt in "Schmetterling und Taucherglocke"
Monopole Pathé
Mathieu Amalric noch unversehrt in "Schmetterling und Taucherglocke"

Intellektuelles Umfeld

Das Reflektierende und Grüblerische in Amalrics Charakter kommt nicht von ungefähr. Er wächst in einem intellektuellen Umfeld auf. Sein Vater, Jacques Amalric, ist Chefredakteur und Korrespondent der führenden französischen Zeitungen Le Monde und des Libération, seine aus Polen Stammende Mutter, Nicole Zand, Literaturkritikerin. In die Fußstapfen seiner Eltern will der junge Mathieu aber nicht treten. "Vielleicht war ich einfach zu prätentiös", gesteht er im Observer-Interview im Mai 2008. Was er vielmehr werden will, steht für ihn früh fest.

Schon als 17-jähriger träumt er davon, Regie zu führen. An eine Schauspielkarriere denkt er nicht, eher durch Zufall gerät er in diese Bahn. Seine Eltern machen in Moskau die Bekanntschaft mit Otar Iosseliani und stellen so die Verbindung zwischen dem großen georgischen Filmemacher und ihrem Sohn her. Iosseliani ist dafür bekannt, dass er seine Filme mit Laiendarstellerin besetzt und so engagiert er den damals 16-jährigen Amalric für "Ritter der Finsternis" (1984). Bei diesem Einstand sollte es zunächst bleiben, erst 1991 ist er wieder als Schauspieler in einem Film zu sehen. Bis dahin bemüht er sich, Filmregisseur zu werden.


Auf Wiedersehen, Kinder
Concorde
Auf Wiedersehen, Kinder

Regieaspirant Amalric

Es sind erneut seine Eltern, die ihre Beziehungen spielen lassen. Ein gemeinsamer Freund vermittelt Amalric 1987 an Louis Malle, der den Regieaspiranten für "Auf Wiedersehen, Kinder" als Assistenten einstellt. Eine weitere Assistenz für Peter Handkes "Die Abwesenheit" folgt 1993. Der Einstieg ins Regiefach gelingt Amalric über die praktische Tätigkeit, nicht über eine Ausbildung. Als er sich an der Pariser Filmhochschule IDHEC bewirbt, wird er abgelehnt.

Immerhin begegnet Amalric in der Filmschule Arnaud Desplechin, der ihm dem Weg für erste praktische Erfahrungen beim Film ebnet. "Ich studierte dort nicht, durfte aber nachts wie andere Durchgefallene Filme schneiden und arbeitete an meinem ersten Kurzfilm", so Amalric gegenüber der Berliner Zeitung. Desplechin ist es auch, der das Schauspiel-Potential seines Freundes erkennt und ihm eine kleine Rolle in seinem Thriller "Die Wache" (1993) anvertraut. Er "bat mich, bei ihm mitzuspielen. Er sah wohl Dinge in mir, derer ich mir nicht bewusst war", so das bescheidene Statement Amalrics gegenüber der Berliner Zeitung.


Mathieu Amalric
Jean-François Martin/Ricore Text
Mathieu Amalric

Persönliches Regiedebüt

Nicht nur der Schauspieler Amalric drängt immer mehr ins öffentliche Bewusstsein, auch der Regisseur realisiert erste Filme. 1997 inszeniert er mit "Es wird aufgegessen" seinen ersten Kinofilm, zu dem er auch das Drehbuch verfasst. Dass autobiografische Element ist bereits in diesem Erstling zu spüren. Darin setzt sich Amalric mit dem schwierigen Verhältnis zu seinen Eltern auseinander, die sich scheiden lassen, nachdem Amalric als junger Mann von zu Hause auszieht. Der Film handelt von einer egozentrischen Literaturkritikerin, die in der Welt der Bücher lebt und für familiäre Belange keine Zeit findet. "Es ist eine pure Tragödie, obwohl ich eigentlich eine Komödie machen wollte", gibt Amalric dem The Observer an. Die Wunden der familiären Erfahrung müssen zum Zeitpunkt der Filmherstellung noch tief sein. Heute ist er selbst Vater von drei Kindern. Ob seine eigene Vaterschaft das "komplizierte" Verhältnis zu seinen Eltern - wie er selbst sagt - verbessert hat? Auf die Frage, ob seine Eltern heute stolz auf ihn sind, antwortet er: "Wissen Sie, es ist wie mit allen Eltern, man fühlt, dass sie stolz sind, aber sie sagen es nicht. Man hört es eher von Freunden".


Mathieu Amalric in Cannes (2006)
Jean-François Martin/Ricore Text
Mathieu Amalric in Cannes (2006)

Schauspieler wider Willen

Trotz erster Regieprojekte ist es vor allem die Schauspielerei, die Amalric in den kommenden Jahren vereinnahmen. Seinen Durchbruch schafft er 1996 mit Arnaud Desplechins Tragikomödie "Ich und meine Liebe". Es folgen Auftritte in den Werken der bedeutendsten zeitgenössischen Regisseure. Er dreht weiterhin mit Desplechin ("Rois et reine", 2004), steht unter der Regie von Olivier Assayass in "Ende August, Anfang September" (1998) vor der Kamera, arbeitet mit André Téchiné in "Alice und Martin" (1998) zusammen. Sein Entdecker Iosseliani holt ihn für "Marabus!" (1999) vor die Kamera. Diese Erfolgswelle würde so manchen Schauspeiler glücklich machen, für Amalric ist sie nichts anderes als ein Umweg von seinen wahren Zielen.

"Ich glaube, es wäre ein Alptraum, würde ich nur als guter Schauspieler wahrgenommen werden", bekennt Amalrci dem The Observer. Gleichzeitig fügt er hinzu: "...aber vielleicht ist man in etwas umso besser, je weniger du dich dafür interessierst". Das ist ja gerade das Paradoxe an diesem Schauspieler, der kein Schauspieler sein will. Er ist ein großartiger Schauspieler, mag er sich noch so sehr davon distanzieren. Die Erklärung dafür ist einfach. Es ist der Ernst, die Konsequenz, der Perfektionismus aber auch der Selbstzweifel, die ihn zu Höchstleistungen antreiben. "Ich denke, er ist besessen, und doch immer bei klarem Verstand", sagt Nicolas Klotz über Amalric. "Er ist sehr präzise und lässt sich auch gerne führen. Er hat tiefschürfende Gedanken, wenn er aber an die Arbeit geht, ist diese für ihn nur eine Aufgabe. Weil er auch ein Regisseur ist, weiß er immer Probleme zu lösen" (zitiert nach: The Observer).


Später Triumph als Regisseur

Den Regisseur kann Amalric auch als Schauspieler nicht ausblenden. "Ich liebe es zu inszenieren, ich denke an nichts anderes, als an das", sagt er dem The Observer. Wie groß muss Amalrics Befriedigung sein, als seine Tragikomödie "Tournée" 2010 mit dem Regiepreis auf den 63. Filmfestspielen von Cannes ausgezeichnet wird. Darin tritt er auch als Schauspeiler auf, doch den Preis bekommt er als Regisseur. Die langersehnte Bestätigung dessen, zu dem er sich berufen fühlt, sich durch lange Umwege davon aber immer wieder entfernt hatte. Man gönnt ihm diese Genugtuung - und kann doch nicht umhin zu hoffen, dass er weiter schauspielern wird.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  4. Oktober 2010

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