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Interview

Nadine Labaki
Alamode Film

Beirut steht nicht in Flammen

Caramel aus dem Libanon
Nadine Labaki ist im arabischen Raum für ihre freizügigen Musikvideos bekannt. Ihr erster Spielfilm "Caramel" beobachtet den Alltag und das Liebesleben libanesischer Frauen sehr genau. Er zeigt den Zwiespalt zwischen den Ansprüchen von Familie und Tradition und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und Modernität. In unserem Interview berichtet die Regisseurin von einem Beirut jenseits politischer Auseinandersetzungen und religiöser Konflikte. Sie erzählt von den Dreharbeiten, verrät ihre Lieblingsszene und erklärt, warum sie so gerne mit Amateuren dreht.
Von  André Weikard/Filmreporter.de,  31. März 2008
Caramel
Alamode
Caramel
Ricore: Sie sind sowohl Schauspielerin als auch Regisseurin. Was von beidem liegt ihnen mehr? Nadine

Labaki: Ich glaube, dass es eine gute Sache ist, sich auf beide Art und Weisen auszudrücken. Als ein Regisseur schafft man Welten, die ganz verschieden von der Realität sind. Aber auch als Schauspieler kann man mit unterschiedlichen Verhaltensweisen experimentieren. Ich begann ja als Regisseurin. Aber gerade im Mittleren Osten ist der Schutz, den die Rolle eines Schauspielers bietet, sehr wichtig. Es fiele mir wirklich schwer, mich für eines von beiden zu entscheiden.

Ricore: Ist es schwierig in ihrer Heimatstadt Beirut als Regisseurin zu arbeiten?

Labaki: Ich habe nie Probleme gehabt, weil ich eine Frau bin. Auch für Männer ist das kein leichter Beruf. Obwohl es noch eine ganze Reihe von Tabus gibt, ist der Libanon ein sehr freies Land. Ich glaube, dass er ein Vorbild für den gesamten Mittleren Osten ist. Die Menschen sind genau so gekleidet wie im Westen. Es ist ein mediterranes Land, nicht so sehr ein arabisches.

Ricore: Während der Dreharbeiten zu "Caramel" gab es politische Unruhen im Libanon. Hat sich das auf den Film ausgewirkt?

Labaki: Der Film ist keine Komödie. Er wurde aber in einer Zeit konzipiert, in der es große Hoffnung auf Veränderung gab. Es ist richtig, dass fünf oder sechs Tage nach dem Ende der Dreharbeiten erneut militärische Auseinandersetzungen begannen. Aber der Film ist geprägt von einer positiven Stimmung. Christen und Muslime leben im Libanon nach wie vor friedlich zusammen. Es gibt immer wieder Spannungen, die von außen in dieses Land hineingetragen werden. Aber die Menschen im Libanon versuchen dem zu widerstehen.


Caramel zeigt gewöhnliche Libanesinnen in ihrem Alltag. Hier Nadine Labaki als Kosmetikerin.
Alamode Film
Caramel zeigt gewöhnliche Libanesinnen in ihrem Alltag. Hier Nadine Labaki als Kosmetikerin.
Ricore: Die meisten Ihrer Darsteller sind keine professionellen Schauspieler. Wie sind Sie auf ihre Darsteller gestoßen?

Labaki: Ich mag es, Amateure zu besetzen. Ich glaube das echte Leben gibt so viel Schönheit her. Ich wollte dass die Menschen in meinem Film so sind, wie das Publikum. Ich glaube, dass es dann leichter fällt, sich zu identifizieren. Ich wollte nicht, dass der Film künstlich wird. Ich wollte das Gefühl vermitteln, dass wir die Geschichte von einfachen Menschen erzählen. Also suchte ich Menschen aus, die wirklich so waren, wie ich sie im Film haben wollte. Ich wollte nicht, dass sie in eine Rolle hineinschlüpfen müssen. Ich habe von ihnen einfach nur verlangt, so zu sein, wie sie sich sonst auch verhalten würden.

Ricore: Haben Sie die Dialoge auch improvisiert?

Labaki: Es gab ein Drehbuch mit einem ausgeschriebenen Text. Die Amateure sind es aber natürlich nicht gewohnt, einen Text auswendig zu lernen und zu sprechen. Also habe ich einige Male Veränderungen zugelassen. Da ich selbst mitgespielt habe, war das einfacher. Ich konnte sehr schnell reagieren, wenn die Szene anders wurde, als ich es mir eigentlich vorgestellt hatte.

Ricore: War es nicht schwierig, zugleich Schauspielerin und Regisseurin zu sein?

Labaki: Ich ging oft zu den Monitoren und sah mir an, was wir gerade gedreht hatten und veränderte dann die Szene. Ich arbeite sehr vertrauensvoll mit dem Kameramann zusammen. Wir kennen uns schon lange und wissen sehr gut voneinander, was wir eigentlich wollen. Jeder am Set ist wichtig. Ich war auf das Vertrauen der Crew angewiesen.


Sehnsucht gehört zu den großen Themen in Nadine Labakis Regieerstling "Caramel"
Alamode Film
Sehnsucht gehört zu den großen Themen in Nadine Labakis Regieerstling "Caramel"
Ricore: In ihrem Film geht es um sehr spezifische Probleme arabischer Frauen. Warum sollten sich etwa Männer aus Deutschland für den Film interessieren?

Labaki: Ja, das ist ein spezifisch libanesischer Film, aber er ist auch universell. Die Menschen sind durch mehr verbunden, als nur durch ihre Sprache. Ich glaube, dass es sehr aufschlussreich sein kann, diesen Film anzuschauen. In Europa weiß man vom Libanon nur, dass dort Krieg geführt wird. Man weiß hier nichts über die libanesische Bevölkerung, ihre Kultur, ihre Musik oder ihre Kleidung. An den Reaktionen des Publikums bemerke ich immer wieder. Viele sind zu mir gekommen und waren sehr erstaunt über das, was sie im Film gesehen haben.

Ricore: Haben Sie eine Lieblingsszene in "Caramel"?

Labaki: Die Szene, die ich am meisten mag, ist die, an der ich auch am härtesten gearbeitet habe. Es ist die Szene, in der Rose sich entscheidet, nicht länger auf Charles zu warten und ihr Make-up aus dem Gesicht wischt. Ich bin mit dieser Szene so zufrieden, weil ich das Gefühl habe, alles getan zu haben, was ich kann. Da das mein erster Film ist, hatten wir nicht viel Geld und nur wenig Zeit. Wir standen beim Dreh sehr unter Druck. Mit dieser Szene war ich schon während des Drehs sehr zufrieden. Es gab keine Frustration, weil keine Zeit war, eine weitere Aufnahme zu machen.

Ricore: In Ihrem Film geht es auch um Tabus, zum Beispiel um Homosexualität. Ist das noch ein schwieriges Thema im Libanon?

Labaki: Einige Menschen leben ihre Homosexualität ganz offen. Aber sehr viele leiden darunter, ihre sexuellen Neigungen nicht zeigen zu können. Sie kommen mit sich selbst, mit ihrem Körper nicht zurecht. Das Thema ist gesellschaftlich immer noch ein Tabu. Viele haben Angst, sich zu outen. Das ist kein Problem der sozialen Schicht. Es hängt viel mehr mit der jeweiligen Familie zusammen. Manchmal hängt es davon ab, ob man Christ oder Muslim ist oder welche Schulbildung man hat. Ich glaube, es gibt keine Statistik.
Von  André Weikard/Filmreporter.de,  31. März 2008

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