Harrison Ford
Jean-François Martin/Ricore Text
Harrison Ford
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Interview: Amerika braucht messianische Führer!
Fast drei Jahrzehnte ist es her, dass Harrison Ford zum ersten Mal in die Rolle des Archäologen und Abenteurers Indiana Jones schlüpfte. Drei Mal suchte er in den 1980er Jahren nach religiösen Heiligtümern und magischen Steinen, kämpfte gegen eine indische Sekte mit Weltherrschaftsambitionen und die Nazis. Jetzt kommt mit "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" der vierte Indy-Film in die Kinos. Im Gespräch mit Filmreporter.de klärt Hauptdarsteller Harrison Ford die Frage, warum seit dem letzten Teil 19 Jahre vergehen mussten und warum Sean Connery nicht vom Golfplatz wegzukriegen ist.
Von  Julia Manfredi, Filmreporter.de,  22. Mai 2008
Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels
Paramount
Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels
Ricore: Erzählen Sie uns doch etwas über den ersten Drehtag zum vierten Teil von Indiana Jones.

Harrison Ford: Ich erinnere mich ehrlich gesagt nicht mehr so genau, was wir am ersten Tag gemacht haben. Doch, ich erinnere mich. Der neue Kostümdesigner hat mir die Kleider zugeschickt, und ich sollte sie anprobieren, für den Fall, dass noch etwas geändert werden muss. Als ich die Dinge anprobierte, fühlte ich mich gleich in meinen Charakter hinein. Das war so seltsam. Die Jacke, der Hut und die Peitsche, das war ziemlich seltsam. Die Schuhe waren bereits ausgelatscht, und ich fühlte wirklich, wie der Geist von Indiana Jones zu mir zurückkehrte. Insgesamt war der ganze Dreh fantastisch, eine coole Erfahrung. Wir haben insgesamt 80 Tage lang gedreht und ich hatte nur einen Tag Pause, also ziemlich anstrengend das Ganze. Aber jeder einzelne Tag war einfach wundervoll.

Ricore: Was gefällt Ihnen an Indiana Jones?

Ford: Es ist nicht so sehr die Figur, sondern eher die Arbeit mit Steven Spielberg und George Lucas, die mich fasziniert. Die Chance, einen Charakter zu spielen der dermaßen erfahren und vielseitig ist und ein großes Potential hat, ist großartig. Im vierten Teil lassen wir ja auch seine andere Seite, nämlich die familiäre Seite zum Zuge kommen. Das war sehr aufregend für mich als Schauspieler und ich hoffe, es wird auch aufregend für das Publikum. Ich betrachte es also als großes Glück, diese Chance noch ein weiteres Mal bekommen zu haben.

Ricore: Wie viele Drehbücher haben Sie gelesen, bevor das passende gefunden war?

Ford: Ich habe mir etwa drei angesehen. Einige Ideen aus dem ersten überlebten auch das zweite Drehbuch, und so ging es immer weiter. Aber natürlich war es ein langer Prozess, bis wir die Geschichte endlich soweit hatten, an dem ich kaum teilgenommen hatte. George hat in diesem Fall so eine Art globale Autorität über die Geschichte. Er hat das Drehbuch in Zusammenarbeit mit Steven ausgearbeitet, ich kam dann am Ende dazu und zu dritt entschieden wir dann, ob es uns gefällt oder nicht. Wir waren während dieser Zeit natürlich auch mit anderen Dingen beschäftigt. Das war auch ein Grund, warum sich das so lange hinzog. Keiner von uns saß zu Hause herum und wartete, bis ein neues Indy-Skript daher geflogen kam.
Traute Zweisamkeit: Karen Allen und Harrison Ford
Jean-François Martin/Ricore Text
Traute Zweisamkeit: Karen Allen und Harrison Ford
Mit Peitsche und Fedora
Ricore: Wann haben Sie es ernsthaft in Betracht gezogen, erneut in Indys Klamotten zu schlüpfen?

Ford: Ich glaube, das geschah schon einige Jahre nach dem letzten Teil der Saga. Vor rund elf Jahren hat mich Barbara Walters mal interviewt und die Frage gestellt, ob ich mir vorstellen könnte, noch mal Indy zu spielen. Ich sagte damals Nein. Aber ich sehe meinen Job als Geschichtenerzähler, und wenn ich das Gefühl habe, das Publikum hat mich satt, dann suche ich mir einen anderen Job. Aber die drei Abenteuer mit Indy waren nun wirklich sehr erfolgreich und die Arbeit mit dem Regisseur machte auch Spaß, also gab es für mich nie einen Zweifel, dass ich es nochmals tun würde.

Ricore: Es scheint, als hätten Sie den Jungbrunnen entdeckt. Sie sprühen nur so vor Vitalität, schauen fantastisch aus und nehmen nach wie vor Actionrollen an. Arbeiten Sie so hart oder haben Sie einfach nur gute Gene?

Ford: Ich arbeite nicht wirklich sehr hart daran. Vieles habe ich vielleicht tatsächlich meinen Genen zu verdanken. Aber schauen wir uns doch ältere Menschen heutzutage an. Es gibt viele 75-jährige Männer und Frauen, die den Marathon mitlaufen. Die medizinische Versorgung klappt natürlich auch besser als noch vor 100 Jahren. Ich fühle mich einfach großartig. Es ist einfacher, sich regelmäßig fit zu halten, als immer wieder lange Pausen zwischen den Besuchen im Fitnessstudio einzulegen. Bei mir hat es weniger mit dem Aussehen zu tun, als viel mehr die Gesundheit, die ich pflege.

Ricore: Warum eigentlich Indiana Jones? Hatten Sie nie das Bedürfnis, andere Personen wie Han Solo erneut darzustellen?

Ford: Han Solo ist bei weitem nicht so interessant. Er war der Geschichte nur begrenzt nützlich, allerdings für meine Karriere unerlässlich. Damals hat es mir auch sehr großen Spaß gemacht, aber ich würde nicht mehr in die Rolle schlüpfen. Es gibt einfach Charaktere, die es wert sind, noch einmal gespielt zu werden, da sich auch die Geschichte weiterentwickelt und du den Charakter sehr gut verstehst. Manche Figuren sind eindimensional, wo es keinen Sinn machen würde, sie noch einmal wieder zu beleben, aber beispielsweise die Tom-Clancy-Filme, das wäre toll, wenn die wieder aufgenommen würden. Ich war ein großer Fan der Romane.
Ricore
Reale Action oder Animation?
Ricore: Was ist mit Indiana Jones 5? Können wir uns darauf freuen?

Ford: Ich weiß nicht. Ich würde mich zur Verfügung stellen, aber das ist im Moment noch verfrüht.

Ricore: Als die ersten drei "Indiana Jones"-Filme herauskamen, waren es vor allem große Stars, die die Massen in die Kinos gelockt haben. Ist das heute noch genauso wichtig? Schließlich gibt es ganz andere Möglichkeiten wie zum Beispiel Animation.

Ford: Je nachdem in welchem Alter die Leute sind und was sie für Erfahrungen gemacht haben, gibt es eine ganze Bandbreite von Dingen, die sie in die Kinos treiben. Die 1980er Jahre waren wirtschaftlich gesehen wahrscheinlich die beste Zeit für Filme. Es gab wahnsinnig viele Kinobesucher. DVDs gab es noch nicht und auch die Videorecorder kamen später. Die Leute strömten in die Kinos, weil es die einzige Möglichkeit war, sich einen Film anzusehen. Der Kinoindustrie ging es sehr gut. Natürlich gingen manche Leute wegen bestimmten Schauspielern ins Kino, andere standen auf Action- oder Historienfilme. Es gab tausend Gründe sich einen Film anzusehen. Heute gibt es die Möglichkeit, sich die Filme zuhause anzusehen, und das hat die gesamte Industrie verändert. Es gehen vor allem Leute ins Kino, die gerne ausgehen, und das sind die Jüngeren. Denen gefällt es immer noch. Es hat immer noch etwas, mit einem Mädchen an einem dunklen Ort zu sein, das zieht bis heute. Ältere Leute sind weniger geneigt, die Kosten und den Aufwand auf sich zu nehmen, wenn sie denselben Film auch zuhause sehen können. Die Jungen sind die Kinogänger, und die wollen natürlich Menschen in ihrem Alter sehen. Deren Geschichten interessieren sie, deren Leben und Erfahrungen, weil sie sich daran orientieren und davon lernen. Das Business hat sich verändert, aber es gibt noch genügend Arbeit für alte Schauspieler. Es gibt großartige Geschichten über Menschen in meinem Alter, und dafür braucht man auch Schauspieler meines Alters. Das Business hat sich verändert, aber nicht weil man früher Filme mochte und heute nicht mehr, so läuft das nicht. Das ist viel komplizierter.
George Lucas
Jean-François Martin/Ricore Text
George Lucas
Ricore: Die Zeiten sind härter als früher.

Ford: Ihr Journalisten habt viel zu viel Zeit, Euch über so etwas Gedanken zu machen. Ihr braucht immer eine Theorie. Über so etwas denke ich nicht nach.

Ricore: Was ist Indys Botschaft an die Welt? Ist es noch dieselbe wie vorher?

Ford: Die ersten drei Filme haben sich die Leute in den letzten 17 Jahren mit ihren Familien angeschaut, sie wurden immer wieder neu ausgestrahlt und waren sehr erfolgreich. Jetzt gibt es die Chance, frischen Wind in den Charakter und den ganzen Film zu bringen. Ich denke, dafür gibt es ein großes Publikum. Untersuchungen besagen, es wird der meist besuchte Film des Jahres. Ich fühle mich wie ein Bankräuber der vor der Polizei flüchtet und noch keine Zeit hatte, in die Tasche zu schauen um zu sehen wie viel er erbeutet hat. Es besteht kein Zweifel daran, dass es ein Erfolg wird. Die Frage ist nur noch, wie erfolgreich, und das ist auch nicht so interessant. Der Dreh war sicher keine Geldverschwendung.

Ricore: Wenn Sie sich die USA ansehen, sind Sie da optimistisch?

Ford: Ja. Aber wir brauchen einen effektiven Wandel. Und wir müssen einige Dinge einstellen, die wir bisher getan haben, zum Beispiel Geld für die falschen Dinge ausgeben. Und - verzeihen Sie mir - aber dieses Land war immer ein Land, das auf Idealen gegründet wurde. Hohen Idealen, wir haben uns selbst immer hohe Standards gesetzt. Wir haben sie in vielen Bereichen nie erreicht, aber wir haben uns immer am Ideal orientiert, an der Idee echter Demokratie. Aber die Ideale werden unschärfer wie die Gesichter im Mount Rushmore. Wir sind immer gut gefahren mit unserer, das ist vielleicht nicht das richtige Wort: messianischen Führerschaft, mit der Rückbesinnung auf Ideale. Die letzte Periode dieser Art war das Aufbegehren gegen Adolf Hitler im Zweiten Weltkrieg. Wahrscheinlich hatten wir seit damals nie mehr dieses Gefühl eines gemeinsamen Ziels. Große Bewegungen wie die der Bürgerrechte haben funktioniert, weil ein Mann wie Martin Luther King die messianische Führung übernommen hat. Und jetzt haben wir diesen starken jungen Idealisten, der aus dem Herzen des Landes kommt, und der könnte diesem Land wieder eine Energie verleihen, die es lange nicht mehr gesehen hat.
Steven Spielberg
Jean-François Martin/Ricore Text
Steven Spielberg
Böse Frauen, gute Männer
Ricore: Wie schaffen Sie es, Privatleben und Schauspiel unter einen Hut zu bringen?

Ford: Da muss man nicht jonglieren, es gehört alles zusammen. Ich kann das auch nicht trennen. Ich bin froh über meinen Beruf. Wenn ich nur zuhause wäre, wäre ich weniger glücklich. Ich brauche die Arbeit und die Herausforderung. Ich brauche die Möglichkeit, mit neuen Menschen zu arbeiten und meine Fähigkeiten zu trainieren. Auf der anderen Seite bietet mir meine Familie unglaubliche Möglichkeiten. Kinder sind großartig. Sie lernen so schnell und sind so offen für Alles, das hält einen auch emotional jung. Zu sehen, wie die Kinder und Enkel ihren Platz in der Welt finden fasziniert mich. Leben besteht nun mal aus Arbeit und Familie, ich sehe das als Ganzes.

Ricore: Wie wichtig ist der weibliche Part in den" Indiana Jones"-Filmen?

Ford: Die Beziehung zu einer Frau spielt in jedem der Teile eine große Rolle. Die Darstellerinnen waren sehr unterschiedlich. Wir konnten also verschiedene Arten von Beziehungen ausprobieren, je nachdem, was der Natur der jeweiligen Frau und den speziellen Umständen der Geschichte am meisten entsprach. Im zweiten Teil haben wir auch mit der Beziehung zu einem Jungen experimentiert. In "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" ist die Frau der Bösewicht. Ein unglaublich starker Bösewicht. Für eine Schauspielerin ist eine derartige Rolle eine große Chance. Ich glaube, sie hat es genossen. Sie ist eine wundervolle Schauspielerin, einfallsreich und sehr unterhaltsam. Ich hatte eine wunderbare Zeit mit ihr.

Ricore: Wird Sean Connery zurückkommen?

Ford: Sean ist alt genug, meinen eigenen Vater zu spielen. Natürlich war ich etwas enttäuscht, ich hätte Sean liebend gern zurück gehabt. Aber ich glaube, er zieht das Golfspielen der Schauspielerei vor, wahrscheinlich verdient er damit auch mehr Geld.
Ricore
Jungspunt gegen Erfahrung
Ricore: Haben Sie Shia LaBeouf unter Ihre Fittiche genommen?

Ford: Unter meine Fittiche genommen? Das braucht er gar nicht. Er weiß genauso viel von der Schauspielerei wie ich, den muss man nicht beschützen. Er arbeitet hart und wohl überlegt. Er weiß sehr genau, wie Filme funktionieren und wie man mit anderen zusammen arbeitet. Es war toll mit ihm zu arbeiten, ich habe das sehr genossen.

Ricore: Was hat Indy in den letzten 20 Jahren gemacht?

Ford: Sich seine alten Filme angesehen! Wir haben uns dazu keine Geschichte überlegt, das kann jeder selbst tun. Vielleicht hat er an der Universität gelehrt oder sich in seine archäologischen Forschungen gestürzt wie letztes Mal. Aber die Zeit ist weiter gelaufen, die Geschichte spielt in einer anderen Ära mit eigenen Problemen.

Ricore: Ist es schwer, den Plot geheim zu halten?

Ford: Nun ja, was wissen Sie denn? Sicher nicht viel.

Ricore: Nein, nicht sehr viel.

Ford: Es gibt sehr viel mehr zu erfahren. Natürlich geben wir unser Bestes um die Leute überraschen zu können. So macht es am meisten Spaß, wenn man nichts weiß. Wenn Sie also nicht selbst nachbohren und nichts wissen wollen, sind Sie sicher.
Von  Julia Manfredi, Filmreporter.de,  22. Mai 2008
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