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Interview

Benicio del Toro

Jean-François Martin/Ricore Text

Steven Soderbergh revolutionär
"Che war 40 Jahre zu früh"
"Guerrilla" ist ein monumentales Werk. Das Biopic über den argentischen Revolutionär Ernesto 'Che' Guevara de la Serna dauert mehr als vier Stunden. Wir befragten Drehbuchautor Peter Buchman, Berater John B. Anderson und Starregisseur Steven Soderbergh zu den Hintergründen. Für Benicio Del Toro war Che Guevara eine große Herausforderung. Wie es ihm bei den Recherchen ergangen ist und ob er seine Einstellung zu der längst zu einer Popikone gewordenen Revolutionär geändert hat, können Sie in unserem Interview erfahren.
Von  Barbara Mayr/Filmreporter.de,  24.05.2008
Steven Soderbergh (Cannes 2008)

Jean-François Martin/Ricore Text

Ricore: Sie leben in einem Land, das seine ungewöhnliche Beziehung zu Kuba hat. Die beiden Völker hassen sich geradezu. Sie als amerikanischer Filmemacher haben ein sehr sympathisches Portrait von 'Che' Guevara und seiner Revolution gemacht. Was war ihre Motivation?

Steven Soderbergh: Das Thema Che ist für mich wichtiger als Kuba. Er ist ein großartiges Thema für einen Film. Che war einer der faszinierendsten Menschen des letzten Jahrhunderts. Wir fassten den Entschluss, Bolivien als wichtigsten Aspekts seines Lebens zu behandeln. Mit dieser Periode sind nicht viele vertraut. Die Leute wissen keine Details über die Kampagnen in Bolivien. Wenn man nicht die Vorgeschichte mit Kuba erzählt, kann der Zuseher keinen Zusammenhang herstellen.

Ricore: Wie verkörpert man einen Charakter, der mehr als Ikone auf T-Shirts, denn als Person bekannt ist?

Benicio Del Toro: Ich habe viel gelesen und Zeitgenossen getroffen, die ihn gekannt haben. So fühlst du schnell das Pro und das Contra des Charakters. Ich bin in Puerto Rico groß geworden, das ist ähnlich, wie in Amerika aufzuwachsen. Ich habe als Kind nicht viel über Che gelernt. Ich habe immer nur eine Seite gehört: Dass er ein schlechter Mensch war. Einmal war ich in Mexico City in einem Buchladen. Da habe ich ein Bild von Che gesehen. Er hatte ein wirklich warmherziges Lächeln. Ich dachte mir, irgendwas stimmt nicht mit dem Buchladen. Da waren so viele Bilder von Che. Ich habe mir ein Buch gekauft und ein wenig darüber gelernt. Ich interessierte mich dafür und wollte mehr darüber wissen. Auch über die Leute die diesen Menschen bewunderten. Ich bin dann nach Kuba gefahren und habe Tonnen von Menschen getroffen, die diesen Mann anhimmeln. Das hat mich Respekt gelehrt.


Regisseur Steven Soderbergh (Cannes 2008)

Jean-François Martin/Ricore Text

Ricore: Wie finden Sie es, diesen großen Film in einer Zeit zu veröffentlichen, in der die Linken in Lateinamerika wieder aufleben?

Soderbergh: Es ist ein interessantes Timing, dass Evo Morales gerade so aktuell ist. Man könnte glauben, das Che einfach 40 Jahre zu früh da war. Vielleicht kann John B. etwas zur aktuellen Stimmung in dem Land sagen, was Ches Ideen waren und was nicht.

John B. Anderson: Es gibt unterschiedliche Ches für unterschiedliche Menschen. In der ersten Welt ist er ein T-Shirt, in den industriellen Ländern, die eine rosige Zukunft haben. In vielen Entwicklungsländern und Lateinamerika hingegen ist er eine Ikone. Dort gibt es noch immer die Idee der bewaffneten Revolution. Ich glaube Ches Ideen sind mehr symbolisch gemeint, als eine aktive Fortsetzung seiner Revolution der 1960er. Er ist eine der wenigen Figuren aus dem Kalten Krieg, den die Menschen im Gedächtnis behalten. Che Guevara hat in seinem Leben und auch nach seinem Tod seine Ideologie verkörpert. Deshalb hat er diesen besonderen Status.

Ricore: Mir ist aufgefallen, dass der Film wenig emotional und dramatisch ist. Warum?

Peter Buchman: Ich habe sehr viel gelernt während der Arbeit mit Steven. Denn überall, wo ich bis jetzt in Hollywood an einem Drehbuch gearbeitet habe, wollten die Produzenten mehr Movie-Momente einbauen. Es war von Anfang an klar, dass der Film Stevens Ästhetik haben soll. Und er wollte keine Movie-Momente. Er wollte ein konventionelles Biopic machen, dass ein traditionelles Set-Up hatte. Es musste zur Geschichte passen und sich mit dem Genre vereinbaren lassen. Der Charakter von Che sollte auf eine andere Weise herausgearbeitet werden. "Guerrilla" ist eine konstante Offenbarung von Ches Charakter. Er war ein Schriftsteller und ein Denker. Er handelte stets nach seinen Überzeugungen.


Benicio Del Toro als Che Guevara

Central Film

Soderbergh: Ich bin verwundert. Es gibt Leute, die ärgern sich über den Film und sagen wie konventionell er sei. Auf der anderen Seite streiten sie darüber, dass er nicht konventionell sei. Wir wollen nur ein Gefühl rüber bringen, wie es war, mit Che Zeit zu verbringen. Das ist alles. Wir wollen darstellen, was er und seine Aktionen uns vermitteln können. Das war das Schwierige an der Geschichte. Und dann alles auf vier und eine halbe Stunde zu kürzen!

Ricore: Hat sich Ihre eigene Einstellung zu Che Guevara während der Produktion verändert?

Del Toro: Als ich die Recherchen für den Charakter machte, fühlte ich mich mehr und mehr wie ein Rotwild im Scheinwerferlicht. Ich hatte immer mehr Angst, mehr über ihn zu erfahren und zu lernen. Ich hatte immer mehr Ideen, wie wir etwas machen können. Aber ich musste mich mit Steve absprechen.

Demián Bichir: Es war verrückt, als ich den Anruf bekam. Ich habe mir ein Bier geschnappt und hab mich vor den Spiegel gestellt. Ich wollte heraus finden, warum ich. Es war unglaublich der ganze Prozess. Ich bin in Mexico aufgewachsen. Und bei uns gab es viel Information. Alles was ich machen musste, war das Ganze zusammen zu fügen. Alleine hier zu sein, ist eine große Ehre für mich. Nicht zuletzt Maradonas Hand zu schütteln - das war der Gipfel!
Von  Barbara Mayr/Filmreporter.de,  24.05.2008

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