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Interview

Keanu Reeves ist Neo in: Matrix Revolutions
Warner Bros.

Erst die Philosophie macht Keanu Reeves gesprächig

Neo wortkark
Keanu Reeves ist auf der Leinwand besser als im Leben. Denn im Kino schreibt ihm jemand seine Dialoge. In Wirklichkeit würde er seine Zeit am liebsten wortlos verbringen. Das schadet in Beziehungen und gestaltet Konversationen mit seiner Umwelt schwierig. In Interviews baut sich so auf beiden Seiten eine Hürde auf - Reporter und Interviewpartner in peinlicher Verkrampftheit. Richtig locker wird Reeves allerdings, wenn man ihn über Mystizismus, Religion, Kultur und Spiritualität philosophieren lässt.
Von  Elisabeth Sereda, Filmreporter.de,  1. November 2003
Keanu Reeves Alias Neo muss nicht nur gegen virtuelle Gegner antreten: Matrix Revolutions
Warner Bros.
Keanu Reeves Alias Neo muss nicht nur gegen virtuelle Gegner antreten: Matrix Revolutions
Ricore Medien: Welcher "Matrix"-Teil liegt Ihnen am meisten am Herzen?

Keanu Reeves: Wie meinen Sie das?

Ricore: Welcher Film gefällt Ihnen persönlich am besten? Haben Sie einen Lieblingsteil?

Reeves: Nein.

Ricore: War einer schwieriger zu drehen als die anderen?

Reeves: Nein.

Ricore: Sind Sie während der Dreharbeiten die gesamte Zeit in der Rolle stecken geblieben, oder konnten Sie Neo ablegen, wenn die Klappe fiel?

Reeves: Das hängt davon ab. Wenn ich eine Szene mehrere Tage lang drehen musste, dann habe ich versucht, den Rhythmus nicht zu unterbrechen und blieb in der Rolle. Besonders bei den Kampfszenen. Ich mochte es gar nicht, wenn eine Kampfszene durch ein Wochenende oder einen freien Tag unterbrochen wurde. Ich wollte nicht mit anderen Dingen konfrontiert werden, oder meine Konzentration durch andere Dinge zerstören. Denn da brauchte ich immer gleich zwei Tage um wieder in die richtige Groove zu kommen.


Neo versus Mr. Smith; Keanu Reeves in: Matrix Revolutions
Warner Bros.
Neo versus Mr. Smith; Keanu Reeves in: Matrix Revolutions
Ricore: Neo ist fast eine Art religiöse Figur. Wie geht man an so eine Rolle heran, ohne sie übermäßig missionierend zu spielen?

Reeves: Der Film bedient sich vieler mythischer, mystischer und religiöser Themen. Für mich ist der Part also eine Synthese aus all diesen Themen, aber nicht spezifisch ein Verbreiter einer bestimmten Religion oder Überzeugung. Da geht's um Wiedergeburt, um die Freiheit des Denkens, um die Befreiung von Zwängen, die einen davor zurückhalten die Wahrheit, das große Bild, das Licht zu sehen. In diesem Sinne ist Neo also fast ein Siddhartaartiger Charakter. Ich versuchte all das zu kombinieren, ohne offensichtlich zu sein oder zu predigen.

Ricore: Wie haben die Regisseure das kommuniziert?

Reeves: Erst mal in der Art und Weise wie die Drehbücher geschrieben haben. Und wenn ich Fragen hatte, dann gab's Antworten wie: schau dir Jesus Christus an, schlag nach bei Schopenhauer, Hume oder Nietzsche. Aber vor allem fiel der Satz: "Spiel den Moment. Lass dich nicht von Hintergrundsthemen verwirren. Der Mann ist auf der Suche, auf einer Reise in die Erkenntnis".

Ricore: Die Wachowskis geben ja bekanntlich keine Interviews. Wissen Sie, welche historischen Thematiken und Figuren "Matrix" inspiriert haben?

Reeves: Ich bin mir nicht sicher. Wir hatte diese Konversation ab und an am Set. Manche sind, wenn ich mich recht erinnere, Wickinger-Ikonen. Einiges kommt aus der Merowingischen Tradition. Und dann natürlich der Templer Orden. Die sind ganz wichtig. So wie die Artus-Ritter, die für das Gute und zum Schutz des Guten kämpften.


Ricore: Die Spiritualität überträgt sich auch auf die Beziehung zwischen Neo und Trinity. War der tiefere Aspekt ihrer Verbindung für Sie von Anfang an klar?

Reeves: Dieser Teil der Geschichte ist für mich der menschlichste Teil der Filme. Da wird Menschlichkeit von Grund auf erforscht. Die Liebesverbindung von Neo und Trinity ist für mich der integrale Teil der Filme, das stärkste Motiv. Liebe macht stark, aber sie jagt auch Angst ein.

Ricore: Ein weiteres starkes Thema der Filme ist klarerweise die Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Glauben Sie, dass die Wachowskis die Zukunft Matrix-artig sehen?

Reeves: Vermutlich, ja. Es ist eine sehr provokative Vorstellung. Die Verbindung zwischen Mensch und Maschine ist eine Zweckgemeinschaft. Die Frage ist nur, wer beherrscht wen. Sind wir die Sklaven der Maschinen? Oder sind sie nur Werkzeuge? Sind sie etwas, das wir dazu gebrauchen, ein neues System zu erschaffen um die Umwelt zu kontrollieren, oder sind sie nur ein Werkzeug, dass uns Wasser pumpt, das wir zum Überleben brauchen. Wir entscheiden das. Das sind die Fragen, die hier aufgeworfen werden.

Ricore: Wie ist Ihre Beziehung zu Maschinen?

Reeves: Naja, ich liebe mein Motorrad! (lacht)

Ricore: Wie ist das mit Computern?

Reeves: ich persönlich besitze keinen. Ich bitte manchmal Freunde, wenn ich etwas suche, dass sie mir nachschauen.


Keanu Reeves in: Matrix Revolutions
Warner
Keanu Reeves in: Matrix Revolutions
Ricore: Eine britische Schauspielerin sagte mal, es gibt zwei Arten von amerikanischen Schauspielern. Die einen verbringen die ganze Zeit verbarrikadiert in ihrem Trailer und die anderen spielen Basketball mit der Filmcrew. Sie haben die Einnahmen an Ihrem Teil des "Matrix"-Merchandising der Crew geschenkt. Gehören Sie also zur letzteren Art?

Reeves: Ich mag die Beziehung zur Crew. Ich finde besonders die Leute, die die Cateringstände bedienen lustig. Die sind immer gut drauf. Ich sitze gern am Set rum und beobachte die Leute. Ich erfreue mich an solchen Sachen. Mich freut, wenn ich Menschen zusehe, die gern und gut ihre Arbeit machen. Ein Film ist nichts anderes als Teamwork. Ich finde es daher sehr wichtig, dass sich das Team kennt und respektiert. Ohne einen Teil des Teams, bricht das Team zusammen. Ich bin nicht besser als der Rest des Teams, ich kriege nur mehr bezahlt.

Ricore: Wie lang waren die Dreharbeiten für "Matrix Revolutions"?

Reeves: Kann ich nicht sagen, denn wir drehten ja Reloaded und "Revolutions" gleichzeitig. Für beides brauchten wir 270 Drehtage. Ich verbrachte also - Proben und Vorbereitungen eingeschlossen - mein gesamtes 37.Lebensjahr am Set.

Ricore: In Australien ...

Reeves: Ja, in Australien. Ich liebe dieses Land, liebe Sydney und kanns gar nicht erwarten bald wieder hin zu fahren.
Von  Elisabeth Sereda, Filmreporter.de,  1. November 2003

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