Zorro Film
August Diehl
Grenze zwischen Realität und Fiction
Interview: August Diehl im Slum
Filmfiguren sind meist fiktive Gestalten, die kaum etwas mit ihren Darstellern zu tun haben. Für August Diehl sind Figuren jedoch etwas ganz Besonderes. Vor allem jene in "Dr. Alemán". Der neue Film von Tom Schreiber dreht sich um den jungen Arzt Marc (Diehl), der ein Praktikumsjahr im kolumbianischen Slum Siloé macht. In einem entspannten Gespräch spricht Diehl mit uns über seine unbestimmte Affinität zu gebrochenen Figuren und darüber, was die Dreharbeiten in Kolumbien bei ihm persönlich bewirkten.
erschienen am 10. August 2008
Zorro Film
August Diehl in "Dr. Alemán"
Ricore: Wie würden Sie Ihre Filmfigur Marc charakterisieren?

August Diehl: Nun ja, er entscheidet sich, etwas Neues zu tun, sich in ein Abenteuer zu stürzen und geht nach Kolumbien. Dort wird er ein neuer Mensch. Gleichzeitig hat er aber auch einen stark konservativen Wunsch, eine Familie zu finden und einen Platz, wo er leben kann und sich zu Hause fühlt. Ich glaube, er ist auf der Suche nach einem Zuhause. Insofern ist der Film nicht nur ein Film über Kolumbien, sondern es ist auch ein Film über uns Europäer. "Dr. Alemán" hat ganz stark etwas mit mir selbst zu tun, weil ich mich durch die vielen Umzüge immer wieder gefragt habe, wo gehöre ich eigentlich hin? Da kam das Angebot von Tom Schreiber, "Dr. Alemán" zu machen, genau richtig für mich.

Ricore: Ihre Filmfigur Marc ist sehr zwiespältig, und verändert sich im Laufe der Geschichte. Können Sie Marc verstehen oder sich mit ihm identifizieren?

Diehl: Ich verstehe grundsätzlich Figuren besser, die ein Problem für sich selber darstellen. Und das ist Marc. Das war auch ein großes Thema zwischen Tom Schreiber und mir, wir wollten jemanden in der Tradition von Figuren aus amerikanischen Filmen der 1970er Jahren, die keine Identifikationsfiguren waren, sondern angeeckt sind und sich mit dem Publikum gerieben haben. Marc bringt in die Geschichte Chaos hinein. Und er ist fremd für die Einheimischen. Beispielsweise die Tanzszene. Dabei hat man den Eindruck, dass die Einheimischen eigentlich im Ausland sind und die Welt nicht mehr verstehen. Das zu thematisieren war unser Ziel.

Ricore: Sie mögen zwiegespaltene, gebrochene Figuren lieber als geradlinige Charaktere?

Diehl: Mich interessiert beides, sofern die Geschichte gut ist. Aber ich habe bestimmt eine Affinität zu Personen, die nicht gleich durchschaubar sind. In der Realität erlebe ich Menschen aber auch so. Es gibt immer etwas, was man nicht gleich erkennt, sondern was man erst entdecken muss. Vielleicht nennt man das innerlich zerrissen. Bei Marc ist das natürlich sehr stark der Fall. Aber es stimmt schon, es ist schon etwas was mich anzieht.
Zorro Film
August Diehl als deutscher Arzt in Kolumbien
Ricore: Woher kommt diese Affinität?

Diehl: Das weiß ich nicht. Das zu beurteilen, überlasse ich anderen.

Ricore: Waren Sie vor den Dreharbeiten schon einmal in Kolumbien?

Diehl: Nein, ich hatte bis zu diesem Film keine Beziehung zu Kolumbien.

Ricore: Wie haben Sie sich auf die Dreharbeiten in Kolumbien vorbereitet?

Diehl: Nun ja, wir haben den ganzen Film dort gedreht. Drei Monate lang. Und bis vor eineinhalb Jahren konnte ich kein Wort Spanisch. So habe ich zunächst einmal die Sprache gelernt. Ich habe einen vierwöchigen Intensivkurs in Salamanca, in Spanien gemacht. Den Rest habe ich in Kolumbien gelernt. Das hat mir sehr großen Spaß gemacht und hatte nicht zuletzt etwas mit meiner Rolle zu tun.

Ricore: Wie haben Sie sich psychologisch auf Kolumbien vorbereitet? Ich nehme an, ein Teil der Dreharbeiten haben auch in den gezeigten Slums stattgefunden…

Diehl: Ja, klar. Alles was man im Film sieht, ist echt, keine Kulissen. Wir haben im Slum Siloé gedreht, was ein Viertel in Cali ist, wo niemand hinein geht, nicht einmal die Polizei. In diesem Viertel gibt es eigene Gesetze, wo sogenannte Clanführer die Macht in den Händen halten. Die waren einverstanden damit, dass wir dort einen Film drehen. Die meisten Jungs, die in unserem Film auftreten, kommen aus diesem Viertel.
Zorro
Dr. Alemán
Ricore: Gab es Probleme während der Dreharbeiten?

Diehl: Nein, die Guerilla war aber immer ein Thema. Und gerade als wir dort waren, gingen die Bandenkriege wieder verstärkt los. Die Spannungen zwischen Regierung und Guerilla wurden stärker. Wir hatten einige Probleme mit unseren Darstellern. Als wir in bestimmten Vierteln drehen wollten, durften sich einige von ihnen dort beispielsweise nicht sehen lassen. Weil sie auf irgendwelchen schwarzen Listen standen und so. Aber wir waren sehr gut geschützt. So hatte ich auch sehr viele positive Erlebnisse mit den Menschen vor Ort.

Ricore: Die Szenen im Krankenhaus sind auch sehr schockierend…

Diehl: Ja, aber dort ist es so. Auch bei diesen Szenen haben wir keine Kulissen verwendet. Wir hatten teilweise echte Verletzte. Die Realität hat sich während dieser Zeit sehr mit dem Film vermischt.

Ricore: Inwiefern?

Diehl: Beispielsweise jene Szenen im Krankenhaus. Man konnte teilweise gar nicht mehr unterschieden was Maske und was ein echter Verletzter ist.

Ricore: Hatten diese Erlebnisse Einfluss auf den Film oder Ihre Rolle?

Diehl: Ja, das alles hatte mit der Rolle zu tun. Auch dass ich vorher nie in Kolumbien war. Wie meine Filmfigur kam ich dort an und musste mich dem Ganzen aussetzen. Ich war sehr viel mit den Jungs aus Siloé zusammen und habe versucht, mich einzufügen und zu Hause zu fühlen. Ich denke auch heute noch sehr viel und intensiv an diese Zeit.
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Dr. Alemán ist verliebt...
Ricore: Haben diese Erlebnisse Sie persönlich nachhaltig beeinflusst?

Diehl: Ganz bestimmt. Ich kann es nur noch nicht benennen, dafür ist es noch zu nah dran. Aber ich denke schon, dass ich dadurch geprägt wurde. Man wird durch jedes stärkere Erlebnis geprägt. Aber oft stellt sich erst Jahre später heraus, was sich verändert hat.

Ricore: Hatten Sie während der Dreharbeiten Zweifel, ob es das Richtige ist, was Sie da tun?

Diehl: Man hat bei jeder Arbeit Zweifel, ob es das Richtige ist was man tut. Sekündlich eigentlich. Das ist nichts Neues. Das ist auch bei einem Film so, den man in Deutschland dreht. Aber diese Rolle gehört schon in die Kategorie, die am meisten mit mir gemacht hat in dieser Zeit.

Ricore: Haben Sie noch Kontakt mit ihren Filmpartnern in Kolumbien?

Diehl: Ja, ich schreibe Emails mit einigen von ihnen. Aber ich habe noch die Hoffnung, dass wir eine Premiere in Kolumbien haben werden. Und dass wir dadurch noch einmal alle gemeinsam dorthin fahren können. Schön war auch die Festivalteilnahme in Karlovy Vary.
Ricore: Wie kam es zu diesem Engagement? Hat Sie Tom Schreiber angerufen?

Diehl: Ja, er hat mich angerufen und wir haben uns getroffen. Zu diesem Zeitpunkt war das Drehbuch schon relativ fertig und er hatte auch schon einen Preis damit gewonnen. Bei dem Treffen waren wir uns sofort einig, was die Geschichte betraf.

Ricore: Schreiber ist ja relativ neu im Regiegeschäft. Gab es da sofort eine Vertrauensbasis?

Diehl: Ja, weil ich wusste, dass die Geschichte sehr viel mit ihm persönlich zu tun hatte, und die niemand anders machen kann. Der Film beruht auf einer wahren Geschichte. Ein Freund von ihm war vor 15 Jahren in Cali und hat Briefe geschrieben, und so hat sich das Drehbuch entwickelt. Am Ende der Dreharbeiten war er kurz da und wurde sogar wiedererkannt von den Menschen dort. Aber unser Film ist natürlich ein Spielfilm und vieles darin ist erfunden.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
erschienen am 10. August 2008
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