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Interview
Anika Decker
Warner Bros.

Dreamteam Anika Decker und Til Schweiger

Ein Traum hat sich erfüllt

Leicht verschnupft und hustend begrüßt mich Anika Decker am Telefon. Es ist Freitagmorgen. Die Drehbuchautorin der Erfolgskomödie "Keinohrhasen" entschuldigt sich für ihre kranke Stimme. Ich möchte Frau Decker auch Details zur Fortsetzung entlocken. Doch diese gibt sich zunächst hartnäckig. Lieber erzählt sie über ihre Zusammenarbeit mit Til Schweiger und warum der sie zu Beginn ihrer Zusammenarbeit als "Heulsuse" betitelte.
Keinohrhasen
Warner Home Video
Keinohrhasen
Ricore: Wie haben Sie Til Schweiger kennengelernt?

Anika Decker: Ich arbeite seit circa zehn Jahren in der Filmbranche und da kennt man sich locker. Wir haben uns auf einigen Veranstaltungen gesehen. Dann gab es einen schönen Abends das legendäre Essen. Wir haben uns den ganzen Abend kaputtgelacht und unseren gemeinsamen Humor entdeckt. Als Til erfuhr, dass ich seit einiger Zeit nicht mehr fest bei Produktionsfirmen, sondern als Autorin arbeite, wollte er etwas von mir lesen. Nach vier Gläsern Wein hat er mir meinen Memorystick abgeluchst. Er hat ein paar Minuten gelesen und gelacht. Dann hat er hochgeguckt und zu mir gesagt: "Willst du einen Kinofilm für mich schreiben?"

Ricore: Das ging ja ziemlich schnell…

Decker: Ja, in der Tat. Zack, hatte ich schon einen Drehbuchvertrag, und wir haben angefangen zu arbeiten.

Ricore: War das Ihre erste Komödie?

Decker: Ich hatte gerade angefangen, mich selbstständig zu machen und habe ein paar Sachen für Sitcoms geschrieben, aber "Keinohrhasen" war mein erstes verfilmtes Drehbuch und mein erster Kinofilm.

Ricore: Wie frei waren Sie in der Drehbucharbeit?

Decker: Sehr frei. Til ist ein offener Mensch - auch für neue Ideen. Er ist dramaturgisch extrem fit. Man setzt sich ja nicht einfach hin und schreibt mal eben ein Drehbuch. Ich habe die letzten zehn Jahre nichts anderes getan, als mich mit Dramaturgie zu beschäftigen. Til ließ mir total freie Hand und hat mir sehr vertraut. Wir haben das Buch dann auch zusammen geschrieben.


Ricore: Das Drehbuch entstand innerhalb von sechs, acht Wochen. Das ist doch sehr schnell…

Decker: Ja, aber wir standen auch unter extremen Zeitdruck, da Til die Regie machen wollte, und das ging nur zu diesem Zeitpunkt. Daher musste das Drehbuch auch schnell fertig werden, um finanziert werden zu können. Wir hatten auch einen totalen Run. Das passiert sehr selten im Leben. Wir konnten nicht aufhören zu schreiben. Ich hatte danach zwar einen verrenkten Rücken und wir waren beide ziemlich lädiert. Aber wenn es läuft, muss man die Chance ergreifen, wer weiß, wann so etwas noch mal passiert.

Ricore: Woher hatten Sie ihre Inspiration? Bei manchen Szenen habe ich mich gefragt, ob es einen bösen Freund in Ihrer Vergangenheit gab...?

Decker: Nein. Jemanden etwas auszuwischen war nicht der Ansatz. Wir haben uns überlegt, dass es sehr viele lustige und traurige Verwirrungen zwischen Frauen und Männern gibt. Wir wollten einen Film über beide Geschlechter machen, beide Seiten beleuchten. Es ist zwar eine Komödie, aber auf der tieferen Ebene wollten wir ein bisschen mehr Verständnis für das andere Geschlecht erzielen. Dafür haben wir uns unsere peinlichsten und lustigsten Geschichten erzählt. Ich glaube nicht, dass ein Film funktionieren kann, den man aus schlechten Gefühlen macht, wie Neid oder Rache.

Ricore: Waren Sie bei den Dreharbeiten auch dabei?

Decker: Ja, ich war fast jeden Tag am Set. Natürlich ist die Inszenierung alleinige Sache der Regie. Aber was toll war, ich durfte immer da sein, wenn ich wollte. Wenn ich eine Idee oder Anmerkung hatte, konnte ich das auch jederzeit einwerfen. Da herrschte eine sehr große Offenheit am Set. Und wenn was umgeschrieben werden musste, konnte ich das direkt machen.

Ricore: Wie kann man sich das vorstellen?

Decker: Beispielsweise Dialoge kürzen, oder die Situation mehr auf den Schauspieler anpassen, der die Rolle gerade spielt.


Nora Tschirner in "Keinohrhasen"
Warner Bros. Pictures
Nora Tschirner in "Keinohrhasen"
Ricore: Standen die Schauspieler von Anfang an fest?

Decker: Nora Tschirner stand von Anfang an fest. Der haben wir quasi die Rolle auf den Leib geschrieben und sie hat sie auch unglaublich toll gespielt. Besser als ich es mir je erträumt habe. Überhaupt waren alle Schauspieler bei "Keinohrhasen" bis in die kleinste Rolle handverlesen und haben ihre Aufgabe großartig gemeistert. Besonders begeistert war ich auch von Jürgen Vogel und Matthias Schweighöfer, die mit viel Spaß und großem Können bei der Sache waren.

Ricore: Stand Til Schweiger als Hauptdarsteller ebenfalls von Beginn an fest?

Decker: Ja. Auch seine Rolle haben wir ihm auf den Leib geschrieben und sein komödiantisches Timing ist wahnsinnig beeindruckend. Überhaupt ist das das Tollste, was einem passieren kann beim Schreiben: eine Rolle maßzuschneidern. Immer wenn ich gedacht habe, eine Szene funktioniert nicht, dann konnte ich sagen: "Spiel mal!". Das war sehr praktisch.

Ricore: Kam der Erfolg für Sie überraschend?

Decker: Als das Buch fertig war, waren wir unglaublich glücklich damit und sehr stolz darauf. Wir wussten auch, dass der Run, den wir hatten, nur sehr selten vorkommt. Den Erfolg haben wir uns gewünscht, aber damit rechnen darf man nicht.

Ricore: Wann war klar, dass es einen zweiten Teil geben wird?

Decker: Eigentlich schon während der Dreharbeiten zum ersten Teil. Der zweite Teil hat mit dem Erfolg nichts zu tun. Es ist natürlich die beste Grundlage, aber wir hatten noch so viele Ideen und Geschichten. Wir sind jetzt mit dem zweiten Buch wirklich sehr glücklich.


Nora Tschirner und Til Schweiger in "Keinohrhasen"
Warner Bros. Pictures
Nora Tschirner und Til Schweiger in "Keinohrhasen"
Ricore: Ist das Drehbuch denn schon fertig?

Decker: Fertig kann man in einem solchen Fall nie sagen. Aber die Geschichte steht grundsätzlich. Bis dann irgendwann gedreht wird, verändert sich die Geschichte immer wieder und man arbeitet daran.

Ricore: Gibt es bereits einen Drehstart?

Decker: Nein.

Ricore: Bleiben die Schauspieler dieselben?

Decker: Ich möchte jetzt eigentlich nicht zu viel verraten. Die Zuschauer sollen ja auch gespannt sein. Es wird auf jeden Fall Schauspieler geben, die im ersten Teil ebenfalls schon mitgespielt haben.

Ricore: Ich wollte Ihnen gerade eine Anekdote aus dem zweiten Teil entlocken…

Decker: Ich würde gerne einen Denkanreiz geben: Der erste Teil dreht sich um das Verlieben und die Verwicklungen die sich ergeben, bevor man eine Beziehung hat. Der zweite Teil könnte ja zum Beispiel darum gehen, wie viele Verwirrungen und Verwicklungen es gibt, wenn man eine Beziehung hat. Da gibt es natürlich genauso viele lustige, traurige und spannende Momente wie im ersten Teil - oder vielleicht sogar noch mehr. Und wir sind immer noch offen für Ideen. Alle Zuschauer, die lustige Geschichte erlebt haben, sollen auf die Homepage gehen und diese uns zuschicken.

Ricore: Wenn Sie schon nicht über die Zukunft reden wollen….

Decker: Ein paar Sachen habe ich ja schon verraten…

Ricore: Aber nur wenige. Können Sie uns denn einen Einblick geben, was der aufregendste Moment beim ersten Teil war?

Decker: Beim Schreiben gab es viele schöne Momente. Kurz vor Drehstart, als ich Nora Tschirner beim Casting getroffen habe, und sie zum ersten Mal beim Spielen gesehen habe, war ich überglücklich. Es war alles da, was wir wollten und brauchten und noch viel mehr. Sie hat mit einem solchen Feingefühl für die Rolle und einer Natürlichkeit gespielt, ohne auf jeden Gag künstlich draufzudrücken, dass ich völlig hin und weg war.


Armon Rohde in "Keinohrhasen"
Warner Bros. Pictures
Armon Rohde in "Keinohrhasen"
Ricore: Gab es auch weniger angenehme Momente?

Decker: Ich wollte schon immer mit Til Schweiger arbeiten. Als das Angebot aber kam - ich hatte noch nie ein Kinodrehbuch geschrieben - hatte ich erstmal Angst. Ich habe zwar gesagt, klar mach ich das. Aber später fiel mir ein, dass ich das vielleicht gar nicht kann. Aber Til sagte dann zu mir: "Jetzt hör auf zu heulen, mach einfach. Ich such mir ja keine Vollidioten aus." Und dann hab ich aufgehört rumzujammern und mich an die Arbeit gesetzt.

Ricore: Was hat sich jetzt für Sie persönlich geändert?

Decker: Ich habe sehr viele Angebote erhalten. Und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich den Luxus, das herauszupicken, worauf ich Lust habe. Als ich das erste Mal eine Sitcom geschrieben habe, wurde mir gesagt, ich sei nicht lustig. Wenn man vielleicht eine absurde Idee hat, ist es sehr schwer, das anderen Leuten plastisch darzustellen. Insofern werde ich jetzt mehr respektiert, und die Leute denken mehr darüber nach, wenn ich sage, dass ich glaube, dass dieser Gag oder die Figur funktioniert.

Ricore: Wo lassen Sie Ihren Ideen demnächst freien Lauf?

Decker: Ich schreibe derzeit eine Komödie. Aber ich bin für alles offen. Grundsätzlich habe ich Lust auf jedes Thema, das mich interessiert. Ich möchte gerne von Situation zu Situation entscheiden, ob dies eine Serie, ein Film oder ein Roman ist. Wenn mir jemand was anbietet, guck ich auch mal, ob ich mir das zutraue. Es gibt ja auch Themen, wo man merkt, da bin ich nicht die Richtige dafür. Da muss man schon sehr ehrlich mit sich sein und wissen, wo die Grenzen und die Kompetenzen liegen.

Ricore: Liegen Ihre Kompetenzen vor allem im Genre der Komödie?

Decker: Nein, ich könnte mir durchaus auch vorstellen, ein Drama zu schreiben. Ich glaube, eine Komödie, die keinen ernsthaften Unterbau hat, ist auch nicht wirklich gut.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.

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