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Interview

Kathryn Bigelow
Rufus F. Folkks/Ricore Text

Heißer Anwärter auf Goldenen Löwen

"Tödliches Kommando" erntet Beifall
Basierend auf den Erfahrungsberichten von Mark Boal drehte Kathryn Bigelow das Irak-Kriegsdrama "Tödliches Kommando". Auf dem Lido kam das Werk gut an. Stehende Ovationen am Ende der Pressevorführung sind der Beleg. Mit Boal erarbeitete Bigelow das Drehbuch. Authentisch sollte dieses die Gefühle der in den Krisengebieten stationierten Soldaten wiedergeben. Im Gespräch mit Filmreporter.de stellten sich Regisseurin und Drehbuchautor sowie die Hauptdarsteller Brian Geraghty, Anthony Mackie und Jeremy Renner unseren Fragen.
Anthony Mackie (Venedig 2008)
Rufus F. Folkks/Ricore Text
Anthony Mackie (Venedig 2008)
Filmreporter.de: Meine erste Frage geht an die Regisseurin. Warum haben Sie als Einstieg in den Film ein Zitat gewählt?

Kathryn Bigelow: Das Zitat stammt von einem preisgekörnten Journalist. Er versucht anhand der Psychologie, das Kriegsgeschehen und die Passion vieler Soldaten für den Krieg zu erklären. Diesen Psychologieansatz, welche er in seinen Büchern zu beschreiben versucht, konnte mein Drehbuchautor Mark gut nachvollziehen, als er in Bagdad 2003 und 2004 als Journalist gearbeitet hat. Viele Soldaten sind Freiwillige, die selbst entschieden haben, in Kriegsgebiete zu gehen. Mark beschreibt diese bestimmte Anziehungskraft, welche der Krieg auf manche Menschen ausübt. Daher ist sein großartiges Skript auch psychologisch aufgebaut.

Filmreporter.de: Die Soldaten in ihrem Film werden äußerst menschlich dargestellt, sie haben Angst, zeigen Mitgefühl und überlegen drei Mal, bevor sie auf ein potenzielles Ziel schießen. Riskieren sie dadurch nicht, ein zu optimistisches Bild der Armee zu zeichnen?

Bigelow: Ich bin fest davon überzeugt, dass jener Soldat zu Beginn des Films, der von Guy Pearce dargestellt wird, mit Ihnen übereinstimmen würde. Ich glaube, in jedem Krieg finden unzählige Tragödien statt. Nicht zuletzt ist der Krieg selbst eine Tragödie. Dieser Krieg ist da keine Ausnahme. Aber zur gleichen Zeit wollte ich diesem Konflikt ein menschliches Gesicht verpassen. Ich wollte auch dem Publikum die Möglichkeiten geben, all das zu erfahren, was ein Soldat im Krieg erfährt. Das basiert aber natürlich nur auf Marks Beobachtungen, die er aus dem Irak mitgenommen hat. Das war mir wichtig darzustellen. Ich bin auch davon überzeugt, dass der Film die Realität gut widerspiegelt.


Jeremy Renner (Venedig 2008)
Rufus F. Folkks/Ricore Text
Jeremy Renner (Venedig 2008)
Filmreporter.de: Glauben Sie, dass es weniger Kriege geben würde, wenn mehr Frauen an der Macht wären?

Bigelow: Eine gute, aber höchst hypothetische Frage. Ich weiß nicht, wie ich auf die Frage zuerst antworten soll. Ich weiß es einfach nicht. Ich kann nur hoffen, dass die Zeit kommt, in der Kriege unnötig sind.

Filmreporter.de: Wurden sie von Kriegsfilmen inspiriert oder haben Sie sich einfach nur die Nachrichten angesehen?

Bigelow: Ich habe nur sehr wenig Fernsehmaterial gefunden, das ich für meinen Film verwenden konnte. Das ist ein Krieg, der vor allem in meinem Land wenig Aufmerksamkeit erhält. Das war auch ein Grund, den Film zu machen. Vielleicht kann diese Frage Drehbuchautor Mark besser beantworten als ich.

Mark Boal: Der Großteil des Drehbuchs basiert auf Beobachtungen, die ich im Irak gemacht habe und auf den Interviews mit den Soldaten. Ich glaube, für Kathryn war es vor allem wichtig, dass das Drehbuch so authentisch wie möglich wird. Sie wollte einen beobachtenden Film machen.

Bigelow: Ich möchte hier noch einen Gedanken loswerden. Ich glaube, um in einem Krieg überleben zu können, muss man immer wachsam sein. Diese Männer sind tagtäglich mit leidvollen Situationen konfrontiert.


Brian Geraghty (Venedig 2008)
Rufus F. Folkks/Ricore Text
Brian Geraghty (Venedig 2008)
Filmreporter.de: Wie haben Sie die Schauspieler körperlich und mental auf die Dreharbeiten vorbereitet?

Jeremy Renner: Ich muss Sie leider enttäuschen, wir wurden äußerlich nicht aufgemotzt. Wir haben im Verlauf der Dreharbeiten sogar an Gewicht verloren und wurden krank, es war sehr heiß. Wir haben uns natürlich vorbereitet, wurden speziell trainiert, aber das hatte mehr mentale als physische Gründe. Die Dreharbeiten waren sehr, sehr anstrengend, es war unglaublich heiß.

Bigelow: Ich muss sagen, auf den Schauspielern lastete eine große Verantwortung, die sie mit Bravour gemeistert haben.

Anthony Mackie: Eine physische Vorbereitung haben wir eigentlich nicht richtig in Betracht gezogen, weil wir die Idee und die Elemente bereits kannten, die auf uns zukamen. Als wir mit dem Flugzeug ankamen, ins kleine Hotelzimmer führen und schließlich am Set ankamen, ging die Vorbereitung mit der Erfahrung einher. Kathryn war unglaublich gut vorbereitet und hat uns viel von ihren Erfahrungen weitergegeben. Ich glaube, dass man dieses Vertrauen zwischen uns dem Film absieht. Gewissermaßen wussten wir ja, was wir tun mussten, aber manchmal eben auch nicht, und da hat dieses Vertrauen sehr geholfen.

Brian Geraghty: Ich habe im Gegensatz zu meinen Kollegen an Gewicht zugelegt. Ich habe tatsächlich vorher trainiert, bin aber während den Dreharbeiten auch durch eine schwere Zeit gegangen, musste ständig gegen Mauern laufen und diese zu überwinden. Kathryn hat mich ständig hin- und hergejagt, obwohl ich immer wieder sagte: "Ich kann nicht mehr". Sie kannte kein Pardon!

Filmreporter.de: Vielen Dank für das Gespräch.

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