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Interview

Natalia Avelon (in "Far Cry")
Natalia Avelon nicht abgehoben

Ausflug ins Actionfach

Die Anspannung vor dem Interview ist groß. Das Bild der Soldatin Tschernov, die mit rollendem "R" autoritär Befehle erteilt und ohne Zögern Querulanten aus dem Weg räumt, ist noch frisch. In Uwe Bolls Videospiel-Adaption "Far Cry" wird die zierliche Frau zum schwarz gekleideten mordenden Powerweib. Umso größer ist die Überraschung, als Natalia Avelon mir in elegantem rückenfreiem Wollkleid freundlich entgegenlächelt. Ohne Spur von Arroganz beantwortet sie unsere Fragen. Ein glamouröser Star ohne Allüren.
Von  Tzveta Bozadjieva, Filmreporter.de,  3. Oktober 2008

Far Cry

Far Cry

Ricore: Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Natalia Avelon: Ich hatte das Drehbuch und wusste, worum es geht. Ich konnte mich nicht an den Charakteren in einem Computerspiel orientieren. Sie sind ja keine Menschen, sondern fiktive Gestalten. Insofern habe ich mir nach den Vorgaben des Drehbuchs selbst zurechtgelegt, wie ich diesen Charakter spielen wollte.

Ricore: Hatten Sie einen weiblichen Bösewicht aus einem anderen Film als Vorbild?

Avelon: Anfangs dachte ich an Angelina Jolie in "Lara Croft: Tomb Raider": Damit lag ich aber völlig falsch. Die Rolle der vollbusigen, sexy Frau war mir zu langweilig. Ich wollte eine männlichere, burschikose, fiese, verbitterte, gemeine, eklige Frau spielen. Die nicht geschminkt ist und die Haare ganz streng nach Hinten trägt.

Ricore: Was hat Sie an der Rolle gereizt? Sie hätten bestimmt auch eine gute Journalistin abgegeben.

Avelon: Ja. Aber für mich hatte die Rolle, die ich gespielt habe, mehr Aussage. Ich hatte bis dahin weder einen Bösewicht gespielt, noch einen Actionfilm gedreht. Ich habe mit dem Film über Uschi Obermaier ein komplett anderes Bild abgeliefert. Es war also spannend für mich, völlig konträr dazu einen solchen Charakter zu spielen.

Ricore: Haben Sie Actionfilme für sich entdeckt?

Avelon: Es war spannend reinzuschnuppern und zu erleben, wie Actionfilme gedreht werden, worauf es in diesem Genre ankommt. Ich mag eher "schwere Kost", also Filme, die sich mit menschlichen Abgründen, dem Unterbewusstsein und der Psyche befassen mit all ihren Geheimnissen. Deshalb mag Ich alle Filme von David Lynch. Natürlich schaue ich mir ab und an auch Actionfilme an, ich bin ja schließlich nicht Genre-fixiert, sonder liebe einfach gute Filme. es hat Spaß gemacht mit zu spielen, weil ich in eine völlig andere Welt eintauchen durfte, die ich, was meine Arbeit betrifft, vorher noch nicht kannte.

Natalia Avelon ("Far Cry")

Natalia Avelon ("Far Cry")

Ricore: Könnten Sie sich vorstellen, eine "Tatort"-Kommissarin zu spielen?

Avelon: Klar. Der "Tatort" ist ja deutsche Geschichte. Kult sozusagen. Ich hab mir noch keine Gedanken darüber gemacht. Aber warum nicht?

Ricore: Haben Sie eine Lieblingskommissarin aus der "Tatort"-Reihe?

Avelon: Ich mag die Folgen mit Maria Furtwängler und Hannes Jaenicke. Sie wirken super authentisch und ich schaue ihnen gerne zu. Ebenso zum Beispiel bei Dominic Raacke und Boris Aljinovic. Aber ich will mich jetzt nicht festlegen.

Ricore: Sie mussten für die Dreharbeiten zu "Far Cry" eine strenge Spezial-Diät einhalten. Worauf haben Sie am schwersten verzichtet?

Avelon: Süßigkeiten und Alkohol. Man kennt es sicherlich. Man sitzt abends da und isst was Nettes, trinkt ein Gläschen Wein oder Bier dazu, isst ein Dessert und raucht manchmal noch eine Zigarette. Also das Leben auf Diät machte einfach keinen Spaß.

Ricore: Mussten Sie auch spezielles Training machen?

Avelon: Ja. Ich hatte eine Fitnesstrainerin, die ein spezielles Programm, Ernährungsplan inklusive, erstellt hat. Ich hatte acht kleine Mahlzeiten am Tag, durfte nur Steak, Hähnchen, Süßkartoffeln und Reis essen, für den Muskelaufbau. Ich musste dann auch richtig "Bericht erstatten".

Natalia Avelon wehrhaft in "Far Cry"

Natalia Avelon wehrhaft in "Far Cry"

Ricore: Was hat Sie daran gereizt, mit Uwe Boll zu drehen? Er hat unter Kritikern nicht den besten Ruf.

Avelon: Ich habe Uwe vorher nicht gekannt. Also hatte ich keine Vorurteile. Ich habe mich im Internet über ihn erkundigt und bin quasi ins kalte Wasser gesprungen. Ausschlaggebend waren die Herausforderung der Rolle und meine Kollegen, die zugesagt haben. Ich dachte: "Wenn sie mitmachen, wieso soll ich nicht mitspielen?" Das Geld war auch ein Aspekt. Dass man sagen kann: "Gut, mit dem Geld kann ich mir einiges leisten, kann Schauspielunterricht nehmen, schöne Möbel kaufen, kann meinen Eltern vielleicht irgendwas Tolles schenken". Und privat ist Uwe auch ein Supertyp. Er ist total nett, auch wenn er gerne provoziert. Er hat immer einen Spruch auf Lager und teilt aus wie verrückt. Dafür kocht er gut. Unter seiner Regie zu arbeiten war ein Experiment für mich.

Ricore: Wie war es mit solchen internationalen Größen des Filmgeschäfts zu arbeiten?

Avelon: Ich habe viel daraus gelernt, viel mitgenommen. Es sind einfach Kollegen, die sehr lange im Geschäft sind und viel mehr Erfahrung haben als ich. Udo Kier hat mir zum Beispiel einiges von Projekten, Regisseuren, von internationalem Arbeiten und Los Angeles erzählt. ich habe gespannt zugehört und viel davon profitiert.

Ricore: Würden Sie auch nach Hollywood gehen?

Avelon: Natürlich. Wenn ein tolles Angebot kommt. Aber bis dahin ist noch ein langer, langer Weg. Ich muss mich erstmals national behaupten. Ich habe noch viele Projekte vor mir, in denen ich zeigen will, was ich kann, wie viele Seiten ich habe. Insofern ist Hollywood für mich ganz weit weg.

Durchbruch mit "Das wilde Leben": Natalia Avelon

Durchbruch mit "Das wilde Leben": Natalia Avelon

Ricore: Welcher von Ihren Rollen ähnelten Sie als Kind eher? Die burschikose Tschernov oder die feminine Uschi Obermeier?

Avelon: Als Kind habe ich Ballspiele oder Klettern an Bäumen geliebt. Es hat sich erst später entwickelt, dass ich auch Kleidchen tragen wollte. Früher, aber eigentlich auch heute habe ich mehr männliche Freunde. Ich komme mit Jungs viel besser klar, weil sie oft natürlicher und direkter als Frauen sind. weibliche Eifersucht oder Neid. verletzen mich immer und ich kann damit nichts anfangen. ich habe früher viel lieber geklettert und bin Skatebord gefahren als Barbie gespielt.

Ricore: Also sind Freundschaften zwischen Männern und Frauen möglich?

Avelon: Es ist definitiv möglich. Wobei ich glaube in 90 Prozent der Fälle verliebt sich dann doch einer der beiden.

Ricore: Dann hat die Rolle als Tschernov wie die Faust aufs Auge gepasst?

Avelon: Von Tschernovs Bösartigkeit abgesehen. (lacht) Ja, das war wirklich ein Test. Ich wusste, ich setze keinen Meilenstein. Es ist auch kein Projekt, wofür sich jeder Kritiker vor mir verneigt. Aber wie gesagt. Es gab viele Faktoren, die dafür gesprochen haben.

Ricore: Wie würden Sie den Film einschätzen? Til Schweiger hat ihn als B-Movie bezeichnet.

Avelon: Ja, es ist definitiv kein Hollywood-Blockbuster. Es ist auch kein intellektuelles deutsches Kino. Also man kann es schon so sagen. Ich glaube, alle Uwe Boll-Filme waren B-Movies. Das weiß er und es ist auch keine Beleidigung. Es gibt A, B, C, D und das muss es auch geben. Ich denke, es ist ein Film vor allem für die Jungs, die das Videospiel kennen. Ich denke nicht, dass Männer mittleren Alters da reingehen. Vielmehr Teenager, die auf Spezialeffekte stehen und Ralf Moeller und Til Schweiger als Typ cool finden. Und die sich vielleicht erhoffen, dass Natalia Avelon mal wieder nackt zu sehen ist. (lacht) Was leider nicht der Fall ist für die Jungs. Also "Far Cry" ist für eine ganz spezielle Klientel gemacht und da braucht man sich nichts vormachen.

Ausflug ins Actionfach: Natalia Avelon

Ausflug ins Actionfach: Natalia Avelon

Ricore: Wie hat sich Ihr Leben nach dem Erfolg von "Das wilde Leben" verändert?

Avelon: Ich war zwar viel in der Presse zu sehen, aber es hat sich gar nicht so viel verändert. Außer dass mich ab und zu jemand auf der Straße anspricht. Ich bin manchmal total ungeschminkt unterwegs und jemand fragt mich: "Sag mal, bist du nicht eigentlich die und die?" Dann wundere ich mich immer, wie man mich erkannt hat. Ich bin ein bisschen öffentlich geworden, das ist der Unterschied zu früher. Man muss vielleicht aufpassen, was man sagt. Man muss sich der Konsequenzen bewusst sein, dass man eine gewisse Vorbildfunktion hat. Ich habe das Glück, dass ich kein Star bin wie Til Schweiger zum Beispiel. Ich kann tun und sagen, was ich will. Meine Freunde sind immer noch die gleichen. Meine Eltern sehen mich immer noch ungekämmt und ungeschminkt morgens. Dann lachen sie sich schlapp, weil sie es immer noch nicht fassen können, wenn sie mich irgendwo auf dem Roten Teppich sehen.

Ricore: Inwieweit unterschied sich die Arbeit zu "Far Cry" und "Das wilde Leben"?

Avelon: Auf die Rolle der Uschi Obermeier habe ich mich ein Jahr vorbereitet. Die Rolle in "Far Cry" habe ich natürlich auch ernst genommen. Aber ich wusste, es ist eine kleinere Rolle, die nicht so viel Inhalt hat. Bei den Dreharbeiten zu "Das wilde Leben" haben wir uns für jede Szene hingesetzt und sind emotional jede Szene durchgegangen. Und hier war es mehr die Präsenz, die zählt. Einfach mehr da sein, als spielen. "Das wilde Leben" war für mich die Arbeit, die ich vorziehe, weil sie emotional und nicht technisch war.

Ricore: Sie stehen noch am Anfang Ihrer Karriere, aber dennoch haben sie den ins Kinogeschäft geschafft. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Avelon: Mein Erfolg. Mein Gott, so erfolgreich bin ich noch nicht. Ich bin mit "Das wilde Leben" ins Kinogeschäft einfach hereingeplatzt. Zuvor hatte ich irgendwann auch mal ein paar Drehtage bei "Verbotene Liebe" und "Marienhof", weil ich einfach Geld gebraucht habe. Ich war froh, dass ich 10 Drehtage hatte. Das war für mich grandios zu diesem Zeitpunkt. Zuhause haben wir Luftsprünge gemacht. Ich habe es mir von einem, zwei, drei Drehtagen angearbeitet. Es gibt einige Soap-Schauspielerinnen, die ganz viele Kinofilme gemacht haben. Man muss Glück und Talent haben, aber auch die richtigen Entscheidungen treffen. Es heißt nicht automatisch, dass Soap-Darsteller kein Talent haben. Doch da kann man es nicht zeigen, denn es gibt wirklich strikte Richtlinien. An diese muss man sich halten.

Ricore: Im Film kriegt Jack Carver die Journalistin mit einem sehr platten Spruch rum. Welche ist die schlechteste Anmache, die sich persönlich erdulden mussten?

Avelon: Es war erst kürzlich bei einer Veranstaltung. ein Mann kam auf mich zu, wollte mit mir anstoßen. Ich wollte nett sein und hab mit ihm angestoßen. Dann fing er an, mich auszufragen, woher er mich kennt. "Ich glaube, wir kennen uns": Ich denke, er hat mich erkannt, aber wusste nicht, wie er mich anbaggern soll. Anstatt mich direkt darauf anzusprechen, haben wir ewig lang um Nichts und wieder Nichts geredet. Aber sonst sind die Jungs eigentlich sehr nett zu mir. Da habe ich wirklich Glück.

Ricore: Vielen Dank für das nette Gespräch!
Tzveta Bozadjieva, Filmreporter.de - 3. Oktober 2008

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