Arsenal Filmverleih
Hiyam Abbas
Hiyam Abbas im Zwiespalt
Interview: Über starke Frauen
In stoischer Ruhe sitzt die israelische Schauspielerin Hiyam Abbas mir gegenüber. Interviews mit neugierigen Journalisten scheinen ihr nichts auszumachen. In ihrem neuen Film "Lemon Tree" spielt sie schließlich auch eine starke Frau, die sich nicht mal was von einem Verteidigungsminister sagen lässt. Offen erzählt sie uns, warum sie nichts von "political correctness" hält und wie sie die Zukunft ihres Landes und des israelischen Films einschätzt.
erschienen am 18. Oktober 2008
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Hiyam Abbas in einer Szene von "Lemon Tree"
Filmreporter.de: Inwiefern spiegelt der Film Ihre Erfahrungen und Ihr eigenes Leben wieder?

Hiyam Abbas: Zunächst bin ich eine in Israel geborene Palästinenserin, das ist ein Berührungspunkt. Auf der anderen Seite spiele ich natürlich eine Rolle, die ich darauf aufgebaut habe, was im Drehbuch stand und was der Regisseur von mir erwartete. Dabei lasse ich natürlich eigene Erfahrungen in die Arbeit einfließen. Alles, was man über Salma erfährt, sind Dinge, die ich selbst so oder so ähnlich schon gesehen habe. Ich kenne Frauen wie sie, war aber selbst noch nie in einer vergleichbaren Situation.

Filmreporter.de: Aber mit der Diskriminierung von Palästinensern haben Sie schon Erfahrung gemacht?

Abbas: Die kenne ich natürlich. Wenn man wie ich als Palästinenserin in Israel lebt, hat man so etwas wie eine doppelte Identität. Auf der einen Seite bin ich Israelin, weil ich nach israelischen Gesetzen lebe und israelische Staatsbürgerin bin. Gleichzeitig fühle ich mich als Palästinenserin und bin bewegt vom Kampf auf der anderen Seite der Grenze. Ich fühle mit den Unterdrückten und identifiziere mich mit den Menschen, die täglich für ein annehmbares Leben kämpfen. Ich kenne diesen Zwiespalt also sehr gut. Jenseits der Frage von Israeli-oder Palästinensertum bin ich ein Mensch, der Gerechtigkeit und Fairness will. Ich respektiere alle Menschen, egal, in welcher politischen Situation sie leben. Die Palästinenser werden seit Jahren durch die israelische Politik unterdrückt. Vielleicht kann ich als Künstlerin dazu beitragen, manch einem die Augen zu öffnen. Indem man ihnen zeigt, dass die Leute auf der anderen Seite der Grenze ihre Nachbarn sind. Und die wollen genauso leben wie sie selbst.

Filmreporter.de: Sie machen vorrangig politische Filme. Sehen Sie sich selbst als politische Person?

Abbas: Auf diese Frage habe ich zwei Antworten. Die Erste: Nicht alle Sachen, die ich mache, sind politisch. Vielleicht sind diese Filme nur nicht so bekannt. Ich lebe seit 19 Jahren in Frankreich und habe vor einigen Jahren auch in Amerika eine Filmkarriere gestartet. Es haben lange nicht alle meine Filme mit Politik zu tun. Zweitens: Ich glaube nicht, dass ich mir die Politik aussuche, sondern die Politik sucht sich mich aus. Weil ich so bin, wie ich bin. Die ganze Welt wird von der Politik bestimmt, damit kommt jeder in Berührung. Man kann sich nicht einfach im Hintergrund halten, sich das Geschehen ansehen und sagen: "Das interessiert mich nicht." Ein bisschen Verantwortung sollte man schon übernehmen und jeder hat das Recht, für ein gerechtes und würdiges Leben zu kämpfen. Es ist egal, ob es sich dabei um Franzosen, Jugoslawen, Bosnier, Serben oder was auch immer handelt. Ich bin mir einfach bewusst, dass viele Menschen in Leid leben, das so nicht existieren sollte. Vielleicht bin als Schauspielerin und Künstlerin aufgrund meiner Herkunft aber besonders sensibel für diese Art von Geschichten.
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Hiyam Abbas
Filmreporter.de: Hatten Sie Angst davor, wie der Film in Isreal ankommen würde?

Abbas: Eigentlich nicht. Diese Ängste haben wir schon bei "Die syrische Braut" ausgestanden, in der Hinsicht hatten wir schon Erfahrung. Auch dieses Drama hatte einen politischen Hintergrund und wir befürchteten, dass die Leute den Film meiden würden. Aber so wie Eran Riklis seine Geschichten umsetzt, packt er die Leute immer und interessiert sie für seine Sicht der Dinge. Meiner Erfahrung nach interessieren sich die Menschen schon für andere Leute und wie sie leben. Ich bin eine Optimistin und hoffe einfach immer auf das Beste.

Filmreporter.de: Wie würden Sie Ihren Charakter in "Lemon Tree" beschreiben?

Abbas: Salma ist eine sehr einsame Frau, die sich selbst und ihr Frausein ein Stück weit verloren hat. Ihre Feminität und ihr Intimleben wurden von ihrer Art zu leben völlig ausgelöscht. Als der Verteidigungsminister in das Haus gegenüber ihres Zitronenhains zieht, verändert das ihr ganzes Leben. Plötzlich werden ihr Dinge bewusst, an die sie seit Jahren nicht mehr gedacht hat. Dieser ganze Kampf um den Zitronenhain und die Liebesaffäre mit dem jungen Mann bringen ihr wieder die Frau zu Bewusstsein, die sie wirklich ist. Diese Wiederentdeckung ihrer wahren Persönlichkeit war für mich sehr interessant.

Filmreporter.de: Auf den Internationalen Filmfestspielen von Berlin 2007 waren Sie Mitglied der Jury, 2008 besuchten Sie das Filmfest in ihrer Funktion als Schauspielerin. Was hat Ihnen besser gefallen?

Abbas: Ich mochte beides. In der Jury zu sitzen war wirklich eine große Freude. Das war eine sehr nette und interessante Jury und ich bin froh, ein Teil davon gewesen zu sein. So eine Chance bekommt man nicht oft. Es war toll diese ganzen Filme zu sehen und sie zu beurteilen, auch wenn ich das Wort eigentlich nicht mag. Man diskutiert eben sehr unterschiedliche Filme mit sehr unterschiedlichen Menschen, das ist ein großer Spaß. Aber es ist nicht mein Job in einer Jury zu sitzen. Ich bin Schauspielerin und mag es, meine Filme mit anderen zu teilen und sie ihnen vor zu stellen. Das Festival in Berlin ist mir wirklich das Liebste. Da diskutiert man wirklich über Kino und hat ein tolles Publikum, das alles was man ihm anbietet an- und aufnimmt. Es ist toll, die unterschiedlichen Reaktionen auf die vielen ausländischen Filme mit zu bekommen. Als ich 2001 oder 2002 zum ersten Mal mit "Roter Satin" in Berlin war, haben mich die Reaktionen wirklich erstaunt. Die Leute verstehen immer, was man mit seiner Darstellung ausdrücken wollte. Das ist der Beweis, dass Filme eine universelle Sprache sind.
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Lemon Tree
Filmreporter.de: Salma ist eine Frau die Tabus bricht. Hatten Sie oder der Regisseur Angst vor den Reaktionen in der arabischen Welt?

Abbas: Eigentlich nicht. Ich habe keine Angst, weil ich keine Angst vor der Wahrheit habe. Die Geschichte ist zwar fiktional, aber die Figur der Salma ist in ihrer Art sehr echt. Wenn man auch die zerbrechlichen Seiten der Charaktere zeigt und den Druck, unter dem sie stehen, den Zuschauer deren Entwicklung nachvollziehen lässt, dann ist das auch ehrlich und wahr. Bei "Roter Satin" war es genauso, auch da hätten die Leute auf einige Handlungen der Hauptperson schockiert reagieren können. Aber all diese Charaktere haben ihre Daseinsberechtigung. Es kommt darauf an, wie sich die Zuschauer zu den Figuren stellen und wie sie sie beurteilen.

Filmreporter.de: Was erhoffen Sie sich vom deutschen Publikum? Viele Deutsche scheuen sich wegen des Holocaust eine klare Stellung im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu beziehen.

Abbas: Ich glaube nicht, dass es Aufgabe eines Films sein sollte, die Menschen zu einer klaren Stellungnahme zu bewegen. Ich selbst stelle mich auch nicht gerne auf eine Seite. Wir wollen den Menschen vor allem verschiedene Realitäten vorführen. Zwar berichten die Nachrichten beinahe täglich über die Geschehnisse, aber dadurch bekommt man keinen wirklichen Eindruck von der Situation der Menschen. Das kratzt nur an der Oberfläche. In einem eineinhalbstündigen Kinofilm kann man eine ganz andere Geschichte erzählen und rüberbringen. Das Kino ist eine gute Form der Kommunikation. Dadurch erkennt man auch, wie sich Situationen in verschiedenen Ländern gleichen können, zum Beispiel in Hinsicht auf die frühere Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland. Der Film ist eine universelle Sprache die jeden berühren kann.

Filmreporter.de: In Deutschland wird viel Wert auf political correctness gelegt. Wie stehen Sie dazu?

Abbas: Auf political correctness lege ich keinen Wert, es gibt viel wichtigere Dinge, die man beachten sollte. Ich finde es fragwürdig, hier zu sitzen und die Politik zu kritisieren. Ich bin da mit vielem nicht einverstanden, aber ich als Schauspielerin fühle mich nicht berufen, die Politiker verändern zu wollen. Meine Aufgabe ist es eher, Geschichten mit anderen zu teilen. Egal, ob sie politisch aktiv sind und über den Tellerrand hinausschauen wollen oder nicht.
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"Lemon Tree"
Filmreporter.de: Wie sieht der Alltag in Israel aus? Sind Freundschaften zwischen Palästinensern und Juden, wie sie im Film vorkommen, wirklich die krasse Ausnahme?

Abbas: Ja, leider ist das so. Ich bin in Israel geboren und aufgewachsen, die Barrieren stimmen oft nicht mit den realen Grenzen überein. Natürlich sind die Kontakte stark eingeschränkt, man kann nicht einfach auf die andere Seite der Grenze gehen, obwohl manche das trotzdem tun. Im Film wird das schon sehr realistisch dargestellt. Es gibt diese Mauer, diese Grenze, und die Menschen leben da nebeneinander ohne sich zu kennen.

Filmreporter.de: Ist das in Tel Aviv anders?

Abbas: Im inneren Israel ist das anders, da leben Israelis und Palästinenser zusammen. Das kann man nicht vergleichen. Es gibt auch arabische Städte, In Haifa zum Beispiel sind die Religionen gemischt, in anderen Städten verteilen sich Israelis und Palästinenser auf verschiedene Viertel.

Filmreporter.de: Wie schätzen Sie die Zukunft des israelischen Films ein?

Abbas: Ich glaube, dass sich da Einiges tut. Die Filmindustrie wächst und das finde ich toll. Außerdem arbeiten darin Israelis und Palästinenser zusammen. Es gibt einen Film namens "Die Band von nebenan", in dem der Hauptdarsteller ein Jude ist, der einen Ägypter spielt. Zwei oder drei andere Schauspieler sind Palästinenser und auch sie stellen Ägypter dar. So bieten israelische Filme den verschiedenen Gruppen eine Möglichkeit, zusammen zu arbeiten. Ich setze da große Hoffnungen hinein, dass sich die Situation durch solche Projekte nachhaltig verändert. Auf der künstlerischen Ebene ist die Frage wo jemand herkommt einfach nicht so interessant. Das habe ich schon bei vielen Filmprojekten festgestellt.

Filmreporter.de: Im Film gibt es eine große Solidarität zwischen den Frauen. Sehen Sie darin auch eine Chance?

Abbas: Es gibt bereits viele von Frauen initiierte Bewegungen, zum Beispiel Mütter von Opfern von Selbstmordattentätern, die sich zusammen tun. Ich möchte die Hoffnung des Landes aber nicht auf weibliche Sensibilität reduzieren. Diese Sensibilität ist vielmehr einfach menschlich als ein Unterschied zwischen Männern und Frauen.

Filmreporter.de: "Lemon Tree" enthält auch einige lustige Szenen die den Menschen vermitteln, dass sich die Dinge zum Guten verändern, wenn Leute über sich selbst lachen können.

Abbas: Humor ist sehr wichtig. Gute Menschen müssen über sich selbst lachen können.

Filmreporter.de: Vielen Dank für das Gespräch.
erschienen am 18. Oktober 2008
Zum Thema
Hiyam Abbas gehört zu den bedeutendsten israelischen Schauspielerinnen unserer Zeit. In Deutschland wurde sie vor allem durch Filme wie "Die syrische Braut" oder "Paradise Now" einem breitem Publikum bekannt. Auch stand sie bereits für Steven Spielberg für "München" vor der Kamera. Mit Deutschland verbindet die Israelin aber noch mehr. 2007 war sie Jurymitglied der Internationalen Filmfestspiele von Berlin. Ein Jahr später stellte sie dort ihren neuen Film "Lemon Tree" vor.
Lemon Tree (Kinofilm)
Wenn Salma (Hiyam Abbas) um ihren Zitronenhain kämpft, dann kämpft sie immer auch für die Rechte der vertriebenen und enteigneten Palästinenser. Denn ihre Bäume sollen wegen Sicherheitsbedenken israelischer Militärs abgeholzt werden. Regisseur Eran Riklis macht aus dem politischen Stoff einen Frauenfilm um eine Protagonistin, die sich in ihren jüngeren Anwalt verliebt. Es wäre besser gewesen, er hätte auf seine Geschichte vertraut und auf das Beiwerk verzichtet.
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