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Interview

Bryan Singer

20th Century Fox

Über Wolverine zu Stauffenberg

Einzelgänger Bryan Singer

Bryan Singers Vorliebe für Einzelgänger ist bekannt. Einen Vergleich zwischen Stauffenberg und Wolverine aus "X-Men" zu ziehen, wäre aufgrund der ernsten historischen Lage allerdings nicht angebracht. Dennoch weist "Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat" Parallelen zu seinen früheren Werken auf. Dem Regisseur gelang mit der Darstellung der Ereignisse um den 20. Juli 1944 ein packender Thriller mit Starbesetzung. Wir fragten Singer, was ihn veranlasste, ausgerechnet diesen Teil der deutschen Geschichte fürs Kino zu adaptieren. Seine Antwort lässt uns staunen.

Tom Cruise ist Stauffenberg

20th Century Fox

Ricore: Roland Emmerich erwähnte 2008, dass Sie über die Diskussionen, ob Tom Cruise als Scientologe Stauffenberg spielen könne, sehr enttäuscht waren. Wie beurteilen Sie das heute?

Brian Singer: Ich erinnere mich nicht an diese Diskussion. Ich habe nie ein Problem mit dem, was Leute sagen. Ich weiß nicht genau, in welche Richtung diese Unterhaltung gehen soll.

Ricore: Es ging darum, ob man im Brendler-Block drehen soll und ob Cruise Stauffenberg spielen sollte.

Singer: Als Filmemacher sah ich nie ein Problem. Er war ideal für die Rolle. Ich verstand nie, woher all diese Probleme kamen. Wir haben im Bendlerblock gedreht, sogar zweimal, weil wir kaputtes Filmmaterial hatten. Ich denke, der Wiederstand dem wir begegneten, kommt daher, dass der Ort eine Gedenkstätte ist. Und dass wir mit unserer Produktion in einer Gedenkstätte filmen. Ich verstand das. Aber schließlich durften wir auch hier drehen.

Ricore: Sie sagten damals über die deutschen Reaktionen: Es ist so, als ob ein Deutscher nach Amerika kommt und einen Film über Abraham Lincoln drehen würde.

Singer: Genau. Darüber sprach ich mit meinem Freund Emmerich, über die Wahrnehmung der Deutschen von Stauffenberg. In den Monaten der Vorproduktion sah ich die Notwendigkeit, so genau wie möglich, an den Tatsachen zu bleiben, obwohl die Geschichte eher ein Attentats-Thriller ist. Die Genauigkeit der Figuren und des Films wurde immer wichtiger, je mehr Zeit ich hier in Deutschland verbrachte.


Thomas Kretschmann und Bryan Singer stellen sich den Fotografen

20th Century Fox

Ricore: Warum hatten Sie dann das Bedürfnis, nach Deutschland zu kommen?

Singer: Weil es eine deutsche Geschichte ist! Wenn ich Lincoln verfilmen würde, würde ich in Gettysburg drehen. Oder ich würde versuchen, in jenem Theater zu drehen, wo er erschossen wurde.

Ricore: Warum haben Sie ausgerechnet ein deutsches Thema in Angriff genommen?

Singer: Ich war immer von Nazi-Deutschland fasziniert. Schon als ich ein kleiner Junge war. Ich habe mich darauf in zwei meiner Filme bezogen, "X-Men" und "Der Musterschüler". Auch mochte ich das Drehbuch und ich konnte wieder mit Christopher McQuarrie arbeiten, wir haben seit "Die üblichen Verdächtigen" nicht mehr zusammengearbeitet. Und es war das Richtige für mich, künstlerisch gesehen. Auch wusste ich, dass das Publikum von dem Stoff unterhalten und fasziniert sein würde, und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Vereinigten Staaten.

Ricore: Erinnern Sie sich noch an Tom Cruises Reaktion, als Sie ihn zum ersten Mal mit dem Drehbuch besuchten?

Singer: Ja klar! Wir hatten einen Vertrag mit United Artists. Daher trafen wir uns erst einmal, um über das Drehbuch zu sprechen. Im zweiten Treffen nach dem Rollenangebot sprachen wir über die Figur Stauffenberg. Als ich sein Haus verließ, nahm er mich beiseite und sagte: "Das wird großartig!" und klopfte mir auf die Schulter. Das war seine Art zu sagen, ich mache das als Schauspieler. Am Tag danach fuhr ich mit Christopher McQuarrie in seinem Oldtimer-Cadillac und sagte: Tom Cruise wird Stauffenberg spielen. Er sagte: "Wow, das ist wunderbar". Und wir stellten ihn uns mit der Augenklappe vor. Beim Probelesen zog er dann die Wehrmachtsuniform zum ersten Mal an und lief so in seinem United-Artists-Büro herum. Ich sagte nur, zieh das besser aus.


Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat

20th Century Fox

Ricore: War von Anfang an klar, dass ein Ensemble aus internationalen Stars beteiligt sein würde?

Singer: Ja. Aufgrund der Tradition. Auch in "X-Men" spielten Ian McKellen, Patrick Stewart und andere Briten mit. Ich habe gerne eine Mischung aus Schauspielern aus unterschiedlichen Ländern am Set.

Ricore: Ist ihr Interesse an der Nazizeit mit ihrer Familiengeschichte verknüpft?

Singer: Meine jüdische Herkunft beeinflusst sicher mein Interesse am Zweiten Weltkrieg und an Nazideutschland. Als Einzelkind identifiziere ich mich natürlich auch mit Figuren, die immer allein sind. Das beginnt mit Wolverine, Dr. House, Superman oder Stauffenberg, all diese Charaktere sind auf einer Reise und machen eine Verwandlung durch. All diese Figuren haben ein Handicap oder irgendetwas, dass sie von anderen unterscheidet. Sie müssen alle außergewöhnliche Dinge tun, die manchmal auch heroisch sind. Aber sie müssen das alleine tun, mit ihren Identitäten und ihren Handicaps. Ich kann mich mit ihnen identifizieren, denn auch als Regisseur arbeite ich allein. Diese Figuren interessieren mich und sie kommen immer wieder. Stauffenberg ist einer von ihnen.

Ricore: Für mich ist "Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat" nicht unbedingt ein politischer Film. Es geht eher um menschliche Verantwortung.

Singer: Ja. Wenn man die Botschaft des Filmes formulieren müsste, wäre es folgende: Egal, ob es eine Gesellschaft oder eine Gruppe, ein Land, eine Armee ist, es geht immer darum, dass nicht alle so sind. Nicht alle sind gleich, nicht jeder glaubt daran. Und Menschen sollten nicht als Ganzes verurteilt werden. Sie sollten nur als Individuen beurteilt werden. Der zweite Punkt ist, wir kennen die Schrecken des Nationalsozialismus. Aber was wäre, wenn man zu dieser Zeit leben würde und man hätte Kinder. Könnte man diese persönlichen Entscheidungen treffen? Ich habe oft Tom Cruise und Christopher McQuarrie angeschaut, beide haben Kinder. Sie fragten sich, was würden wir in dieser Situation machen? Klar, Hitler war schrecklich. Aber wer hat den Mut, das zu tun, was Stauffenberg und die anderen Männer planten?


Tom Cruise und Thomas Kretschmann

20th Century Fox

Ricore: Hat sich etwas in der Wahrnehmung der Menschen geändert? Vorher hieß es, böser Nazi, ist das jetzt anders?

Singer: Ich wuchs mit der Fernseh-Comedy "Ein Käfig voller Helden" auf. Darin empfand ich Sympathie für Oberst Klink und Feldwebel Schultz. Und ich konnte differenzieren zwischen diesen beiden Lageraufsehern und den Leuten von der SS. Meine Mutter war in den 1980ern bei der Familie von Helmut von Moltke zu Gast, als sie Umweltwissenschaften in Bonn studierte. Moltke war einer der Verschwörer und wurde ebenfalls von den Nazis hingerichtet. Meine Mutter kehrte aus Deutschland zurück und erklärte mir, dass die Deutschen versucht hätten, Hitler in die Luft zu sprengen. Alle starben. Ich war beeindruckt und dachte, gut zu wissen, dass nicht nur Franzosen, Engländer und Amerikaner Widerstand gegen Hitler leisteten, sondern auch Deutsche. Ich dachte mir, nicht alle Deutschen waren Nazis. Auf der anderen Seite des Ozeans ist es oft schwierig, das herauszufinden. Sogar Darth Vader hat einen deutschen Wehrmachtshelm auf.

Ricore: Im Gegensatz zu deutschen Verfilmungen des Stauffenberg-Attentats zeigen Sie einen neuen historischen Aspekt. Das Attentat misslang nicht nur, weil die Bombe nicht zündete, sondern auch weil Stauffenberg auch von Feiglingen umgeben war.

Singer: Ich würde sie nicht Feiglinge nennen. Aber wie General Beck im Film sagt, das ist eine militärische Operation. Nichts geht nach Plan. Wenn Albrecht Graf von Bernstorff die Ersatz-Armee zu früh ausgelöst hätte, hätte der Versuch scheitern können und es hätte mehr Menschenleben gekostet. Die Bombe tötete Hitler nicht. Seiner Ansicht nach traf er die richtige Entscheidung und war kein Feigling. General Fromm war eher ein Wackelkandidat. General Remer war ein erklärter Nazi.

Ricore: Ist Stauffenberg für Sie ein Held?

Singer: Ja, er ist eine Art Held für mich. Er riskierte sich und seine Familie, um zu zeigen, dass nicht alle mit dem Strom schwimmen und nicht alle das Falsche tun, nur weil es ihnen befohlen wurde. Er konnte es nicht einmal seinen Kindern erzählen, weil sie es auf dem Spielplatz weitererzählen hätten können.

Ricore: Vielen Dank für das Interview.

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