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Interview

Paolo Sorrentino bei den Dreharbeiten zu "Il Divo"
Cannes 2008

"Mir kommt der Gedanke an Diktatur"

Paolo Sorrentino macht Politik
Eine Biographie über den ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti hat in Italien vergangenes Jahr für Aufsehen gesorgt. Unter anderem werden darin die Verbindungen der italienischen Politik zum organisierten Verbrechen thematisiert. Ebenso werden Parallelen zum aktuellen Regierungschef Silvio Berlusconi angedeutet. In Cannes gewann "Il Divo - Der Göttliche" 2008 den Jury-Preis, im April kommt der Film auch in die deutschen Kinos. Wir sprachen mit Regisseur Paolo Sorrentino über Italien.
Von  Jassien Kelm/Filmreporter.de,  15. April 2009
Il Divo
Delphi Filmverleih
Il Divo
Doch nicht die Toskana, die dolce vita und die gute Küche waren unser Thema. Wir wollten etwas zur Abhängigkeit der Medien, die Angst des Künstlers vor der Mafia und der Einmischung der Politik in den Fall der Komapatientin Eluana Englaro erfahren. Außerdem erklärt uns der Regisseur, warum es in Italien gefährlich sein kann, viele Zuhörer zu haben.

Ricore: "Il Divo" beginnt mit Action. In schneller Folge werden Morde an bekannten italienischen Persönlichkeiten gezeigt. Indem Sie die Szenen mit Popmusik untermalen, schaffen Sie einen starken Kontrast. Ist das für die Biographie eines Politikers nicht sehr ungewöhnlich?

Paolo Sorrentino: Wenn ich mir einen Film ansehe, liebe ich kurze und heftige Szenen. Es war für mich als Regisseur eine Herausforderung, dem Zuschauer in zwei Minuten eine Zusammenfassung der Geschichte Italiens zu präsentieren.

Ricore: Die Geschichte Italiens ist für nicht-italienische Zuschauer schwer nachvollziehbar. Meinen Sie, dass der deutsche Zuschauer die Prinzipien Giulio Andreottis versteht?

Sorrentino: Die Italiener verstehen diese Prinzipien selbst nicht. Es ist einfach schwierig, das ganze Chaos der italienischen Politik zu begreifen, das gilt nicht nur für Ausländer. In meinem Film wie in der Politik gibt es ein Gemenge verschiedener Fakten und Informationen, sowie viele kleine Nebengeschichten, die generell schwer in einen Zusammenhang zu bringen sind. Doch mir geht es in diesem Film nicht darum, dass die Leute all das verstehen, sondern dass sie von diesen Zuständen Kenntnis nehmen. Die Italiener sind müde, haben keine Lust mehr auf Politik. Gerade in den letzten Jahren habe ich festgestellt, dass in Italien ein ganz großes Desinteresse für die Politik herrscht.


Toni Servillo als Giulio Andreotti
Delphi Filmverleih
Toni Servillo als Giulio Andreotti
Ricore: Die Italiener sind Politikmüde, werden aber trotzdem ständig zum Wählen geschickt. Meinen Sie, dass man mit einem Film wie Ihrem zumindest bei der jungen Generation etwas bewirken kann?

Sorrentino: Ein Film kann nicht die Haltung einer Person komplett verändern. Doch er hat auf jeden Fall etwas bewirkt. Immerhin haben viele junge Leute den Film gesehen, womit ich nicht gerechnet hatte. Das hilft vielleicht ein wenig, dass die jungen Leute eine klarere Vorstellung von der Politik bekommen.

Ricore: Es kann gefährlich werden, wenn man in Italien über die Mafia spricht. Jüngstes Beispiel ist der Journalist Roberto Saviano, der sein normales Leben aufgeben musste und nun unter permanenter Polizeibewachung steht. Hatten Sie Bedenken, "Il Divo" zu drehen?

Sorrentino: Die Gefahr in Italien besteht nicht darin, über etwas Unbequemes zu sprechen, sondern darin, viele Zuhörer zu finden. Saviano veröffentlichte sein Buch, doch wirklich gefährlich wurde es für ihn erst später, als so viele Menschen es gelesen hatten. Bei mir war es nicht so riskant, ich habe bestimmte Leute lediglich in Verlegenheit gebracht. Das sieht man beispielsweise daran, dass alle Politiker quer durch die Bank zu meinem Film geschwiegen haben.

Ricore: Es gibt einen Wendepunkt in Andreottis Leben. Als er Staatspräsident werden will, scheitert er. Meinen Sie, dass das ein Bruch war, der auch den Menschen Giulio Andreotti veränderte?

Sorrentino: Das war sicherlich die erste Etappe einer Veränderung im Leben von Andreotti. Er war sehr enttäuscht, denn er hatte fest damit gerechnet, dass dieser letzte Baustein in seiner Karriere noch erreicht wird. Eine echte Lebenskrise hatte er jedoch, als er wegen der Verbindungen zur Mafia angeklagt wurde. Doch er wurde ja bekanntlich freigesprochen, danach ist es normal weitergelaufen.


Eine Szene aus dem italienischen Parlament: "Il Divo"
Delphi Filmverleih
Eine Szene aus dem italienischen Parlament: "Il Divo"
Ricore: Wobei es sich immer um Freisprüche zweiter und dritter Klasse handelte: Einstellung wegen Verjährung, Einstellung wegen Verfahrenshindernissen - eine wirkliche Entlastung sieht anders aus.

Sorrentino: Der juristische Aspekt ist ziemlich kompliziert. Oft wurden die Verfahren eingestellt, einige Male wurde Andreotti tatsächlich freigesprochen. Man muss aber immer beachten, dass diese ganzen Prozesse auf sehr wackeligen Beinen standen. Das heißt, es war sehr schwierig, eine Verurteilung zu bekommen. Die Beweislage war sehr schwach. In erster Linie hatte man Erklärungen und Aussagen von Kronzeugen, sogenannten pentiti (ehemalige Mafiosi, die mit der Justiz zusammenarbeiten d. Red.). Die ganzen gescheiterten Verfahren gegen Andreotti haben auch dazu geführt, dass dieses System der Kronzeugen in Italien gescheitert ist. Heutzutage gibt es in Italien nur noch sehr wenige Kronzeugen im Gegensatz zu damals, als man stark auf sie baute.

Ricore: Der Fall der Komapatientin Eluana Englaro hat in Italien kürzlich eine äußerst heftige Kontroverse über Sterbehilfe ausgelöst. Darin nahm der aktuelle italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi eine sehr aggressive Position ein. Eine seiner Zeitungen titelte am Tag nach dem Tod der Frau: "L'hanno uccisa!" - Sie haben Sie umgebracht. Wie beurteilen Sie die Rolle Berlusconis in dieser Debatte?

Sorrentino: Ich finde das sehr schamlos. Berlusconi hat sich da in eine private Sache eingemischt. Ich empfinde es als sehr beängstigend, dass er sich das Recht herausnehmen kann, sich in so etwas einzumischen. Das erinnert mich doch sehr an die Vorbrücken eines autoritären Staates. Wenn es passiert, dass die Politik in das Privatleben der Bürger eingreift, kommt mir sofort der Gedanke, der Vergleich an die Diktatur.


Eine Szene aus dem italienischen Parlament: "Il Divo"
Delphi Filmverleih
Eine Szene aus dem italienischen Parlament: "Il Divo"
Ricore: Es gibt eine weitere gesellschaftliche Gruppe, die in Italien sehr stark ist, sich auch in diesem Verfahren eingemischt hat: Die katholische Kirche, die ja auch in ihrem Film eine Rolle spielt. Wie beurteilen Sie die Macht und den Einfluss der katholischen Kirche in der italienischen Politik im Vergleich zur Hochzeit Andreottis?

Sorrentino: Mehr oder minder gleich. Die italienischen Politiker verhalten sich der Kirche gegenüber ja sehr unterwürfig. Vielleicht gibt es einen kleinen Unterschied. Vorher waren es immer nur die rechten Politiker, inzwischen unterwirft sich auch die Linke den Werten der katholischen Kirche. Früher gab es eine kommunistische Partei, die sich der Kirche offen entgegengestellt hat. Heute ist das überhaupt nicht mehr so. Die Linke nimmt das alles hin, akzeptiert es. Insofern kann man sogar sagen, dass die Situation schlechter geworden ist.

Ricore: Früher gab es in Italien die politische Partei "Democrazia Cristiana", die sich sehr stark auf die Werte der Kirche berief. Sind Berlusconi und seine Partei so etwas ähnliches?

Sorrentino: Die Democrazia Cristiana ist Anfang der 1990er Jahre verschwunden. Doch die Mitglieder sind weiter in der politischen Szene geblieben, haben sich auf die verschiedenen Parteien aufgeteilt. Nicht nur Rechts und Zentrum, sondern auch in der Linken. Das heißt, die Macht ist verstreut. Früher war es nur eine Partei, jetzt sind diese Politiker überall. Der zweite Mann in Berlusconis Partei ist ein Ehemaliger aus der Democrazia Cristiana. Auch der Parteichef der jetzigen linken Partei stammt aus dieser Liga.

Ricore: Weite Teile der italienischen Medienlandschaft, Printmedien wie Fernsehen, werden von Berlusconi kontrolliert oder stark beeinflusst. Tragen in diesem Zusammenhang Filmemacher und Regisseure eine besondere Verantwortung, wenn es darum geht, aufzuklären, Missstände anzuprangern?

Sorrentino: Ich bin der Meinung, dass sie diese Verantwortung theoretisch hätten. Ich für meinen Teil denke, sie übernommen zu haben. Auch andere Regisseure tun das. Andere erachten das nicht für notwendig. Das Fernsehen hat leider nicht die Möglichkeit, Missstände aufzuzeigen. Dafür ist das Medium zu unfrei, es wird zu sehr kontrolliert. Manche Zeitungen übernehmen Verantwortung, klären auf und prangern an.
Von  Jassien Kelm/Filmreporter.de,  15. April 2009

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