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Interview

John Cusack
20th Century Fox

Rache ist verschwendete Energie

Der talentierte Mr. Cusack
Es gibt keine Rolle, die John Cusack nicht perfekt spielt. Der gebürtige Chicagoer wollte nie einer von jenen Stars werden, die sich mit ihrem eigenen Ruhm im Weg stehen. Charakterdarsteller - fast ein Schimpfwort in Hollywood - ist für Cusack eine ehrenhafte Bezeichnung. Chamäleon ebenfalls. In der John Grisham-Verfilmung "Das Urteil - Jeder ist käuflich" beweist er wieder einmal sein Talent.
Von  Elisabeth Sereda, Filmreporter.de,  27. April 2004
Im richtigen Leben nicht auf Rache aus
20th Century Fox
Im richtigen Leben nicht auf Rache aus
Ricore: In "Das Urteil - Jeder ist käuflich" spielen Sie einen Geschworenen. Sind Sie jemals mit dem Gesetz in Schwierigkeiten gekommen?

John Cusack: Mit 21 war ich mit der Band Fishbone befreundet, übrigens ganz großartige Typen. Die waren damals in den späten 80ger Jahren ziemlich revolutionär. Ich hatte vergessen, einen Strafzettel für Geschwindigkeitsübertretung zu zahlen. Wir fuhren in einem schnellen Auto und wurden angehalten. Die Typen hatten alle Irokesenschnitte und ich trug eine alte Lederjacke. Und als die Cops in den Computer schauten, entdeckten sie meinen unbezahlten Strafzettel und legten mir Handschellen an. Ich war ein paar Stunden im Gefängnis bis jemand die Kaution zahlte.

Ricore: Im Film verbringen Sie eine lange Zeit damit Ihre Rache zu planen. Wie stehen Sie privat zu Rache und Vergeltung?

Cusack: Ich versuche schlimme Dinge, die mir einer antut, lieber schnell zu vergessen. Das frisst dich sonst auf. Ich habe ein gutes Gedächtnis und vergesse nichts, aber Rache zu üben ist verschwendete Energie.

Ricore: Sie spielen Seite an Seite mit zwei der besten Schauspieler ihrer Generation, Dustin Hoffman und Gene Hackman. Beschreiben Sie bitte die Zusammenarbeit.

Cusack: Als ich in Chicago aufwuchs ging ich in dieses alte Kino, das Varsity Theatre in Evanstown. Heute gibt es diese widerlichen Cineplex-Anlagen mit winzigen Leinwänden und 50 Sitzen. Das Varsity Theatre war das Gegenteil, ein riesiger Saal mit einer riesigen Leinwand und Balkon und 800, vielleicht 900 Sitzplätzen. Im Sommer hatten sie immer ein Festival. Eine Woche nur Dustin Hoffman-Filme oder eine Woche nur Gene Hackman-Filme. Ich besuchte regelmäßig zwei Vorstellungen pro Tag, und diese Filme und diese Schauspieler waren der Grund, dass ich Schauspieler geworden bin. Daher war es mehr als surreal nicht nur eines Tages beide zu treffen, sondern auch gleich mit beiden auf einmal zu arbeiten.


Prominenter Vertreter des liberalen Amerikas: John Cusack
20th Century Fox
Prominenter Vertreter des liberalen Amerikas: John Cusack
Ricore: Welche Arbeitsweise ist Ihnen näher?

Cusack: Ich bin kein Kaliber wie die beiden, bei mir kommt es auf den Film an. Manchmal folge ich meinem ersten Instinkt, und manchmal probiere ich rum. Ich habe noch keinen festgelegten Stil.

Ricore: Die Figur, die Gene Hackman spielt hat nichts anderes zu tun, als illegal die Geschworenen und damit das Urteil zu beeinflussen. Das ist sein Job. Glauben Sie, dass es solche Leute tatsächlich gibt?

Cusack: Klar! Erinnern Sie sich nur an die Präsidentschaftswahl und die Florida-Wahlzettel! (lacht) Ich bin überzeugt, dass alles im Buch und im Film auf Fakten beruht.

Ricore: Die amerikanischen Waffengesetze sind das Zentralthema des Films. Wo stehen Sie in dieser ewigen Diskussion?

Cusack: Michael Moore hat es in "Bowling for Columbine" am besten gesagt. Lose Waffengesetze sind der Grund für sinnlose Gewalt. Die Amerikaner, die so für Waffenbesitz sind, verstecken sich hinter der Konstitution und einer völlig falschen Auslegung des zweiten Verfassungspunktes, der jedem Amerikaner das Recht einräumt, Waffen zu besitzen. Es gibt keinen Grund, warum Schusswaffen unter dem Vorwand des Jagens oder des Schutzes in den Privathäusern von Zivilbürgern sein sollten. Das führt nur zu Irrsinn.

Ricore: Interessanterweise schieben die Befürworter des Waffengesetzes Hollywood die Schuld für die hohe Verbrechensrate in die Schuhe. Was halten Sie davon?

Cusack: Es stimmt, dass es verdammt viele Filme, TV-Shows und Videospiele gibt, in denen die Gewalttätigkeit keine Folgen für den Täter hat. Viele Kinder leben in der Illusion, dass auch sie ungestraft alles tun können, was sie wollen. Aber ohne Zugang zu einer Waffe, kann trotzdem kein Kind zum Verbrecher werden. Also ist diese Argumentation Unsinn.

Ricore: Abgesehen davon werden dieselben Filme und TV-Shows in anderen Ländern mit viel niedrigerer Kriminalrate gezeigt, und die Videospiele genauso verkauft.

Cusack: Ja, aber leider lassen Amerikaner dieses Argument nicht gelten, denn wir sind ja die besten und einzigen und wissen alles besser.

Ricore: Sind Sie politisch aktiv?

Cusack: Für die richtigen Dinge, ja. Manchmal ist es nur ein Film, den ich machen will, weil er den richtigen Standpunkt vertritt, manchmal ist es mehr. Dann gehe ich auch an die Öffentlichkeit damit. Nur will ich nie den Eindruck erwecken als würde ich nur für mich selbst Werbung machen.
Von  Elisabeth Sereda, Filmreporter.de,  27. April 2004

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