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Interview

Christian Ulmen in "Maria, ihm schmeckt's nicht!"
Christian Ulmen über lästige Schwiegerväter

Zu dumm für den Glauben

Er ist provokativ, hemmungslos und dennoch charmant. Letzteres bewies uns Christian Ulmen in einem interessanten und heiteren Gespräch zu seiner neuen, sommerlich-leichten Komödie "Maria, ihm schmeckt's nicht!". Er verriet uns Details aus seiner ersten Begegnung mit dem Schwiegervater, warum er nicht in Hollywood arbeiten will und was seine geheimen Ängste sind. Außerdem erklärte und der passionierte MTV-Moderator, warum er Stefan Raabs Bambi-Rede geistreicher fand, als jene von Marcel Reich-Ranicki.
Von  Andrea Niederfriniger, Filmreporter.de,  3. August 2009

Christian Ulmen und Lino Banfi in "Maria, ihm schmeckt's nicht!"

Christian Ulmen und Lino Banfi in "Maria, ihm schmeckt's nicht!"

Ricore: Guten Morgen Herr Ulmen. Haben Sie München schon genossen?

Christian Ulmen: Nein, München genieße ich nicht (lacht).

Ricore: Sie hatten also noch keine Weißwürste zum Frühstück?

Ulmen: Doch, Weißwürste esse ich gerne. Aber ich habe gelesen, da ist Hirn drin. Und seitdem habe ich ein ambivalentes Verhältnis zu Weißwürsten.

Ricore: Das ist ein Gerücht.

Ulmen: Was? Da ist gar kein Hirn in der Weißwurst?

Ricore: Aber Ihnen dürfte das nicht viel ausmachen. Sie haben doch mit seltsamen Essensgewohnheiten in Italien genug Erfahrung gesammelt, oder?

Ulmen: Ich habe das geschwänzt. Aber das Klischee stimmt. Lino Banfi hat uns jeden Abend nach Drehschluss eingeladen. Jeden Abend. Auch wenn wir bis 22 Uhr gedreht haben. Es musste einfach gegessen werden. Das habe ich nur die ersten zwei Male mit gemacht.

Ricore: Was haben Sie gegessen?

Ulmen: Nun ja, es ist ja nicht mit einem Teller getan. Es kommen noch acht weitere Gänge, Seeigel, Hoden... Absurde und hochinteressante kulinarische Einblicke in die italienische Küche. Aber jeden Abend, das war hart. Wir haben in Gravina gedreht, ein kleiner, schöner Ort, in dem die Restaurants total stylisch aussehen, wie in Berlin Mitte. In München kenne ich mich nicht aus. Aber in Berlin Mitte gibt es ganz schicke Nobelitaliener. Und so waren die da auch. Nicht wie diese Touristen-Italiener. Die Italiener lieben das Essen und zelebrieren es, mit allem was dazu gehört. Essen ist daher auch das Gesprächsthema Nummer eins.

Christian Ulmen möchte am liebsten schreien!

Christian Ulmen möchte am liebsten schreien!

Ricore: Haben Sie über die Klischees zwischen Deutschen und Italienern auch während der Dreharbeiten geredet?

Ulmen: Es gab schon Auseinandersetzungen. Beispielsweise hat unser deutscher Ausstatter bei einer Essszene Gläser mit Grissini und Brot auf den Tisch gestellt. Die italienischen Kollegen haben aufgeschrien und gesagt: "Das gibt es bei uns nicht. Das wird anders serviert". Im Prinzip konnten die Italiener alle Klischees bestätigen und nachvollziehen. Das liegt auch daran, dass sie ihre Klischees mit Würde und Stolz vor sich hertragen. Sie finden das Bild, das wir von ihnen haben toll, die dolce vita und das alles.

Ricore: Haben die Italiener dann auch an Ihnen typische Klischees der Deutschen festgemacht?

Ulmen: Mit Sicherheit. Ich sprach ja kein Wort italienisch und habe auch nicht den Versuch unternommen, die Sprache zu lernen. Meine Figur spricht es ja auch nicht. Ich habe mir immer die Ohren zugehalten, wenn ich auch nur halbwegs in Gefahr geriet, mir eine italienische Vokabel merken zu müssen. Ich blieb meiner Figur method-acting-artig treu. Ich habe abends die gemeinschaftlichen Essen geschwänzt, auch weil ich für den Film abnehmen musste. Und die Pasta ist ja wahnsinnig füllend. Ich bin jeden Abend ins Hotelzimmer zum Schlafen. Klar werden die gedacht haben, die Deutschen, die sind wirklich so.

Ricore: Haben Sie noch andere Klischees erfüllt?

Ulmen: Ja, die Produktion hatte einen Ablaufplan, um wie viel Uhr wir am nächsten Tag anfangen und was wir drehen. Das kannten die Italiener nicht. Sie sagen, lasst uns doch mal morgen um zehn Uhr treffen und dann gucken wir weiter. Dann drehen wir halt das, was im Drehbuch steht. Ich bin mir ganz sicher, dass wir umgekehrt ihre Klischees von den Deutschen ebenso erfüllt haben.

Ricore: Wie haben Sie es geschafft, zwölf Kilos abzunehmen?

Ulmen: Mit dem Verzicht auf Kohlehydrate.

Ricore: Strikte Diät also? Und Joggen?

Ulmen: Ja klar, der ganze Quatsch. Wie man das halt so macht. Nur Eiweiß gegessen und Sport gemacht.

Ricore: War es schwer?

Ulmen: Ja. Ich mach das nicht gerne. Ich tu es nur, wenn ich unter Druck bin, dann habe ich keine andere Wahl. Aber schön ist es nicht. Es ist auch nicht gesund. So eine Crash-Diät macht immer Janet Jackson. Man hat dadurch den absoluten Jojo-Effekt. Nach der letzten Klappe war alles sofort wieder drauf.

Christian Ulmen

Christian Ulmen

Ricore: Würden Sie für eine Rolle noch weiter gehen?

Ulmen: Absolut. Ehrlich gesagt, ich fand es gar nicht schlimm, ein bisschen abzunehmen. Ich freute mich auch über den Druck, denn ohne kann ich es ja nicht. Müsste ich mich auf ein Knochengerippe herunter magern, würde ich das machen.

Ricore: Was essen Sie denn besonders gerne?

Ulmen: Ich esse alles. Ich habe auch früher in Jugendherbergen nie das Essen zurückgegeben. Das war wie so ein Sport. Ich hab auch Reste von denen, die die verklebten Spaghetti oder die ranzige Butter nicht essen wollten, gegessen. Es gibt nichts, was ich nicht mag. Ich esse sehr gerne. Fast alles, auch Fast Food.

Ricore: Und sonstige Leidenschaften?

Ulmen: Ulmen.tv, meine Webseite. Das was ich jetzt beruflich mache, war ja schon immer mein Hobby. Jetzt mache ich das weiter und es ist immer noch mein Hobby. Abgesehen davon, habe ich keine weiteren Hobbys. Das ist einfach so.

Ricore: Haben Sie das Buch "Maria, ihm schmeckt's nicht" vorher gelesen?

Ulmen: Nein, ich kannte nur das Hörbuch.

Ricore: Haben Sie sich gleich gedacht, das bin ich?

Ulmen: Das denkt ja jeder. Es ist das Geheimnis eines guten Buches, dass sich jeder mit der Hauptfigur identifizieren kann. Insofern habe ich das auch gemacht.

Ricore: Sie waren der Wunschkandidat der Drehbuchautoren und der Regisseurin. Fühlt man sich dadurch geschmeichelt?

Ulmen: Ja, schon. Das ist sehr nett. Nicht?

Maria, ihm schmeckt's nicht!

Maria, ihm schmeckt's nicht!

Ricore: Sie sind selbst mit einer Halbitalienerin verheiratet. Wie haben Sie sich kennengelernt?

Ulmen: Meine Frau ist in Deutschland groß geworden. Man sieht ihr zwar noch an, dass sie italienische Gene hat, aber sie hat keine Familie mehr in Italien. Unser Kennenlernen war ganz normal.

Ricore: Wer hat den Heiratsantrag gemacht?

Ulmen: Den habe ich gemacht.

Ricore: Ganz klassisch?

Ulmen: Nun ja, ich habe es ein paar Mal versucht, dann hat es irgendwann geklappt.

Ricore: Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Ihrem Schwiegervater erinnern? War diese ähnlich erfolgreich wie jene im Film?

Ulmen: Mein Schwiegervater ist nicht der italienische Pate, er ist Deutscher, aber nichts desto trotz, unabhängig davon, welche Nation der Vater der Freundin hat, ist es immer schwierig. Solche Treffen sind verbunden mit Schwitzen, Angst, Nervosität. Es ist wie eine mündliche Abiturprüfung: man hat Angst, etwas Falsches zu sagen. Es ist nie entspannt. Und das wissen die Schwiegerväter auch. Sie kennen das aus ihrer eigenen Jugend. Viele haben total Spaß daran, das auszunutzen und sagen Sachen wie: "Hier, schneid doch mal die Zigarre an." Obwohl man das noch nie gemacht hat und dann vor den geladenen Geburtstagsgästen die Zigarre anschneidet und die total zerbröselt. Man ist der Depp. Ich werde es später aber auch so machen. Wenn ich mal ne Tochter habe und die einen Typen mitbringt, werde ich alles zurückgeben, was ich erfahren habe, um das zu kompensieren. Es ist so, der Schwiegervater ist immer schwierig.

Ricore: Klischees sind eigentlich nichts anderes als Angst vor dem Fremden, nicht?

Ulmen: Ich glaube, es ist weniger die pure Angst vor dem Fremden, sondern die Angst, sich dem Fremden gegenüber falsch zu verhalten. Die Angst, vor dem Fremden dazustehen, wie ein Idiot, sich in ein falsches Licht zu setzen oder nicht ernst genommen zu werden. Man will ja immer einen guten Eindruck machen. Es ist vielleicht auch die Angst, nicht geliebt zu werden. Meine Figur Jan will, dass sie ihn mögen, er will alles richtig machen und isst sogar Muscheln, obwohl er wegen seiner Allergie gar nicht kann. Das kennt, denke ich, jeder von uns.

Christian Ulmen und Lino Banfi in "Maria, ihm schmeckt's nicht!"

Christian Ulmen und Lino Banfi in "Maria, ihm schmeckt's nicht!"

Ricore: Wie sieht es denn mit dem Klischee über die deutsche Sinnlichkeit aus?

Ulmen: Das ist eine gute Frage. Da fällt mir so schnell nichts ein. Man hat ja immer das Gefühl, deutsch und sinnlich, das passt nicht zusammen. Volksmusik und Carolin Reiber. Sie würde sagen, wenn wir gemeinsam schunkeln und einen lustigen Liederabend feiern, ist das sinnlich. Technofans würden sagen, die Love-Parade ist sinnlich. Das ist aber auch nicht mein Ding. Aber wahrscheinlich stimmt das sogar.

Ricore: Was ist für Sie sinnlich? Fußball?

Ulmen: Ja, stimmt, das ist aber nichts rein Deutsches. Das hebt uns nicht von der Masse ab, wir sind nicht die einzigen, die Fußball spielen. Das ist ein internationaler Sport, außer den Amerikanern lieben doch alle Fußball.

Ricore: Es kann auch etwas typisch Deutsches sein.

Ulmen: Bei mir war es tatsächlich Fußball. Obwohl ich an den Sport spät herangeführt wurde, da ich in einer Hockey- und Tennisgegend aufgewachsen bin und zum Tennisspielen gezwungen wurde. Als das Leben aber immer unstetiger wurde, sehnte ich mich nach etwas Konstantem. Manche gehen ja jeden Sonntag in die Kirche, um sich an diesem Ritual festzuhalten. Bei mir war es dann Fußball. Das kommt einmal die Woche und wurde ritualisiert und versinnlicht.

Ricore: Apropos Kirche. Sie haben sich auf der Uni in die theologische Fakultät eingeschrieben!

Ulmen: Das war rein pro Forma, nur um meine Eltern zu beruhigen, damit sie mich in Ruhe lassen. Nach dem Abitur wollte ich erst mal weiter Sendungen im offenen Kanal machen und hoffen, dass mich irgendwann ein amerikanischer Talentscout von MTV entdeckt. Das haben meine Eltern als leichtfüßige Lebensplanung aufgefasst und meinten, ich solle was machen. Sie haben mich sogar gezwungen, in einem Schuhladen zu arbeiten, damit ich nach dem Abitur nicht nichts mache, schließlich sollte ich Geld verdienen. Aber im Schuhladen war es furchtbar, da hatte ich keine Lust drauf und dachte mir, da studiere ich lieber.

Ricore: Was war so schrecklich?

Ulmen: Es war unfassbar. Von morgens halb neun bis abends halb sieben zwischen Schuhen herumstehen und sie sortieren. Die haben mich teilweise sogar Leute beraten lassen, mich als Aushilfskraft, bei Karstadt Spiel und Sport! Der Chef war in Mittagspause, dann musste ich ran. Teilweise kamen Frauen und hatten Probleme mit ihrem Knie, und brauchten schonende Schuhe. Ich habe ihnen dann einfach einen hingehalten, wo ich mir gedacht habe, der müsste sicherlich schonend sein. Keine Ahnung, ob der wirklich geholfen hat, das war absurd. In der Uni hat man es nicht so schwer, daher das Theologie-Studium. Ich redete mir natürlich ein, dass mich die Sache interessiert, wegen Psychologie und Griechisch und so. Aber zwei Wochen vor Antritt bin ich dann zum Glück nach London gezogen.

Christian Ulmen und seine zukünftige Filmgattin Mina Tander

Christian Ulmen und seine zukünftige Filmgattin Mina Tander

Ricore: Gibt es etwas, an das Sie sich anhalten müssen?

Ulmen: Nein, ich brauche so etwas gar nicht. Fußball war für mich ein Ritual, ich habe gewusst, das kommt jeden Samstag, das war toll. Aber ich beneide Menschen, die glauben. Ich selbst habe es auch oft versucht, ich bin auch evangelisch getauft und so weiter aber ich kann es nicht. Obwohl das die dümmere Wahl ist. Es gibt ja genauso wenig Beweise für die Existenz Gottes wie dagegen. Es ist also schlauer zu sagen, wenn wir eh nix wissen, glaube ich einfach. Aber dafür bin ich zu dumm.

Ricore: Haben Sie Ängste oder Lampenfieber, wenn Sie auf die Bühne müssen?

Ulmen: Nein, das einzige, was ich nicht ertragen kann, sind Preisverleihungen. Wenn man dann noch unter Umständen auf die Bühne und einen Preis entgegen nehmen muss, macht mich das fertig. Ich hoffe immer, dass dieser Kelch an mir vorübergeht, wenn ich als Nominierter im Publikum sitze. Obwohl man sich hinterher ärgert und denkt: "Ach, den Preis hätte ich doch gerne gewonnen." Aber in dem Moment, will ich nicht hinauf.

Ricore: Woher kommt diese Aversion?

Ulmen: Schon als Kind fand ich Preisverleihungen wahnsinnig peinlich. Selbst wenn ein Schauspieler souveräne Reden hielt, fand ich das peinlich. Ich habe mich immer geschämt und ins Kopfkissen gebissen, ich konnte das nicht mit ansehen. Geguckt hab ich es dennoch, ich habe mich ja gerne fremdgeschämt. Aber plötzlich selber da oben zu stehen und danke zu sagen, das ist furchtbar. Da habe ich echt Lampenfieber. Auch weil ich dank meines Naturells Freude nie richtig zeigen kann. Ich freue mich innerlich. Beim Bayerischen Fernsehpreis wurde mir nachher auch gesagt: "Mensch, du hast dich ja gar nicht gefreut." Ich hab mich gefreut aber konnte es nicht zeigen. Mein Lampenfieber wird teilweise so schlimm, dass ich die Namen von Schauspielerkollegen durcheinanderbringe, wenn ich mich bei denen bedanke. Das ist schlimm. Da schäme ich mich dann für mich selbst.

Ricore: Da muss Ihnen die Oscarverleihung viel Spaß machen?

Ulmen: Absolut. Ich gucke das immer und schäme mich.

Ricore: Was war der schlimmste Moment?

Ulmen: Das war nicht bei den Oscars. Das war bei den Bambis. Aber das kann ich nicht erzählen, das betrifft eine Kollegin und das macht man nicht. Aber ihre Rede war unfassbar. Das hier und jetzt zu sagen, wäre unfair. Das kann ich nicht machen.

Neele Vollmar und Hauptdarsteller Christian Ulmen

Neele Vollmar und Hauptdarsteller Christian Ulmen

Ricore: Und die tollste Dankesrede?

Ulmen: Die war zweifelsohne von Stefan Raab, ebenfalls bei den Bambis. Davor habe ich Hochachtung. Er sagte: "Ich danke, dass ich diesen Preis bekommen habe, um in einer Liste zu stehen mit….". Dann las er vor, wer noch alles den Bambi bekam, darunter Klaus Zumwinkel, DJ Bobo, Maria und Margot Hellwig, Marianne und Michael. Das war tausendmal geistreicher als Marcel Reich-Ranicki. Raab hat nämlich im Grunde auch gesagt, das alles scheiße ist, aber ihm konnte man nichts anhaben. Mit seiner Liste war klar, was er damit sagen wollte. Das war die schlauste Dankesrede, die ich je gehört habe.

Ricore: Gibt es bereits Gespräch über die Verfilmung von Jan Weilers "Antonio im Wunderland"?

Ulmen: Nein, ich habe noch nichts davon gehört. Keine Ahnung, ob das ansteht. Ich denke, sowas hängt immer davon ab, wie erfolgreich ein Film ist.

Ricore: Das wäre doch vielleicht das Sprungbrett nach Hollywood?

Ulmen: Für Jan Weiler? Ja!

Ricore: Nein. Für Sie!

Ulmen: Nur weil man einmal in den USA dreht, bedeutet das noch lange nichts. Dort drehen viele. Niemand wird sagen: "Oh, da kommt ein Filmteam aus Deutschland. Das schauen wir uns mal an!" Das glaube ich nicht.

Ricore: Bei Ihnen geht es grade so richtig los. "Maria, ihm schmeckt's nicht", "Männerherzen" mit Til Schweiger und dann noch "Jerry Cotton"…

Ulmen: In "Jerry Cotton" schlüpft meine Figur in mehrere Rollen, unter anderem einen japanischen Alleinunterhalter. Hierfür bekam ich Tanztraining beim Lehrer von Mónica Cruz, die da auch mitmacht. Er hat uns dann gefragt: "Na, wie wärs mit Hollywood?" Ich habe ihm gesagt: "Das ist Quatsch, daran denke ich nicht. Ich mache jetzt hier meine Sachen und freue mich, wenns läuft." Dafür hat er mich total geohrfeigt. Er hat gemeint, das ist eine typisch deutsche Haltung. Nie nach den Sternen greifen, immer mit dem Hier und Jetzt sich abfinden, nie weiter nach oben streben.

Ricore: Sie greifen also nie nach den Sternen?

Ulmen: Doch, ich finde schon, dass ich manchmal, in dem was ich mache, nach den Sternen greife. Ich habe vor kurzem einen Internetfernsehsender gegründet, "ulmen.tv", das ist auch ein Experiment und kann schiefgehen. Ich verschwende aber keinen einzigen Gedanken daran, in Hollywood zu arbeiten, das ist absurd.

Am Set von "Maria, ihm schmeckt's nicht!"

Am Set von "Maria, ihm schmeckt's nicht!"

Ricore: Sehen Sie sich als Glückskind?

Ulmen: Ich hab schon wahnsinnig viel Glück gehabt. Andererseits hab ich, um das mit den Worten von "Liebling Kreuzberg" zu sagen, dem Glück auch eine Chance gegeben. Wenn ich nicht mit zwölf im offenen Kanal dauernd Fernseh- und Radiosendungen gemacht hätte, hätte mich auch nicht mit 18 Jahren ein Talent-Scout von MTV zufällig gesehen. Ich habe immer etwas gemacht und bin nicht auf der Straße rumgelaufen. Klar hatte ich unfassbares Glück, dass dieser Typ im Hotelzimmer in Hamburg saß und den offenen Kanal guckte, mich sah, anrief und zum Casting einlud. Ich war ja schon vorher im offenen Kanal. Daher hat sich das so ergeben. Eine Aneinanderreihung glücklicher Umstände.

Ricore: Hat ihr Sohn einen ähnlichen Humor wie Sie?

Ulmen: Ja, Schadenfreude, wie jedes Kind. Wenn man stolpert, dann lacht er. Aber ich denke, das machen fast alle Kinder, oder?

Ricore: Welchen Spaß würden Sie nicht ertragen?

Ulmen: Ich bin relativ schmerzfrei. Ich mag es, wenn einem das Lachen im Halse stecken bleibt, diesen bitteren Humor. Wenn man die Pointe schon auf 300 Metern riechen kann, damit kann ich nicht viel anfangen. Sachen aus England, wie Ricky Gervais, waren bisher immer sehr inspirierend.

Ricore: Sie können auch über sich selbst lachen?

Ulmen: Wenn mir etwas geschieht, ein Missgeschick? Ja, davon zehre ich. Die eigenen peinlichen Momente sind sehr inspirierend. Gerade bei Sachen, die wir auf ulmen.tv oder bei "Mein neuer Freund" gemacht haben, ist es hilfreich, wenn man selbst auch in peinliche Situationen gerät und nachher dann aufschreibt, was da passiert ist.

Ricore: Was denn zum Beispiel?

Ulmen: Tausend Sachen.

Ricore: Peinlichstes Date zum Beispiel?

Ulmen: Dates sind immer peinlich. Es geht gar nicht so sehr um diese Situation, sondern um das Gefühl oder auch den Wunsch, etwas Peinliches zu machen, gerade wenn es ganz bieder zugeht.

Ricore: Gibt es noch so eine Art Lebensprojekt, das Sie unbedingt verwirklichen wollen?

Ulmen: Nein, so etwas habe ich nicht.

Ricore: Gib es Pläne, Ihren Roman "Für Uwe" zu verfilmen?

Ulmen: Das ist ja nicht mein Roman, das ist Uwes Roman. Der wird definitiv verfilmt. Es gab schon vor dem Buch die Verfilmungsidee. Ist man erst mal im Fernsehen, kommen immer Verlage an. Ich war ein halbes Jahr bei MTV, da kam der erste Verlag mit der Frage, ob ich ein Buch schreiben will. Wieso denn? Aber es ist so, sobald jemand im Fernsehen ist, muss der auch ein Buch schreiben. Ich habe es nie gemacht, aber bei Uwe hat es gepasst. Die Figur wird im Netz permanent hinterfragt. Da dachten wir, machen wir vorab doch ein Buch, um zu sehen, was passiert.
Andrea Niederfriniger, Filmreporter.de - 3. August 2009

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