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Interview

Gus van Sant in Cannes 2007
Jean-François Martin/Ricore Text

Milk-Macher klären auf

"Harvey war einzigartig"
Harvey Milk war der erste Homosexuelle, der es in den USA in ein gewähltes Amt geschafft hat. Mit großem Enthusiasmus kämpfte er dafür, dass sich in der Gesellschaft etwas verändert, dass Schwule und Lesben akzeptiert werden. Gus van Sant erinnert mit seinem Oscar-prämierten Drama "Milk" an die großen Taten Harvey Milks, die nicht in Vergessenheit geraten sollen. Gemeinsam mit dem Oscar-ausgezeichneten Drehbuchautor Dustin Lance Black spricht er über die Situation der Schwulen in Alltag und Hollywood.
Von  Ulrich Blanché/Filmreporter.de,  11. August 2009
Milk
Constantin Film
Milk
Ricore: Gibt es heute noch solche Politiker oder war Harvey Milk einfach ein außergewöhnlicher Typ?

Dustin Lance Black: Harvey war einzigartig. Ich denke nicht, dass es heute noch einen zweiten Harvey Milk gibt. Aber es gibt wieder charismatische Politiker. Barack Obama ist sehr charismatisch. Er hat viele Anhänger für sich gewonnen. Und er macht auf jeden Fall bessere Witze. Harveys Witze waren abgedroschen. Aber es gibt sicher keinen wie Harvey. Besonders nicht für die Schwulengemeinschaft.

Ricore: Sie haben aber nicht an Obama gedacht, als Sie den Film gedreht haben?

Gus van Sant: Er hatte nicht wirklich damit zu tun.

Black: Man denkt nur an Harvey, während man so einen Film macht. Viele fragen, ob man einen Schauspieler im Kopf hat. Aber das kann man nicht. Man hat über die Jahre genug damit zu tun, Harvey Milk zu verstehen. Man musste die Geschichten der Freunde entschlüsseln, der Menschen, die er geprägt hat. Wir haben versucht, dort anzusetzen. Sie haben dieselben schlechten Witze erzählt, hatten dieselbe Art, sich zu präsentieren. Aber es gibt keinen Ersatz für Harvey.

Ricore: Wenn Harvey Milk heute noch am Leben wäre, wäre er noch immer Politiker und würde durch dieses ganze System gehen? Er war ja eher ein Aktivist der Schwulengemeinschaft.

Black: Darüber kann man nur spekulieren. Ich denke, er wäre anders an die AIDS-Krise herangegangen. Er hätte die Regierung dazu gebracht, sich mehr einzusetzen. Das Wort auszusprechen und die Gemeinschaft aufzuklären, damit es keine Epidemie gibt. Ich denke, alles hätte viel schneller aufgehalten werden können. Es war das Schweigen über das Thema, das eine ganze Generation in San Francisco umgebracht hat. Er hätte es nie zugelassen, dass darüber geschwiegen wird. Und er war drauf und dran, Bürgermeister zu werden, weil Moscone Gouverneur werden sollte. Damals war Harvey bei weitem der beliebteste Stadtrat. Dianne Feinstein stand kurz davor, es zu verlassen. Ich denke, es stand außer Frage, dass er Bürgermeister werden würde, wahrscheinlich sogar Gouverneur. Er hätte wahrscheinlich bis Ende der 1980er Jahre landesweit Gesetze für schwule Menschen durchgesetzt. So jemanden gibt es heute nicht.


Gus van Sant
Constantin Film
Gus van Sant
Ricore: Zum Thema AIDS, wie war es, in ein San Francisco einer unschuldigen Zeit zurück zu kehren?

Van Sant: Es war für mich schwierig die Nachbarschaft darzustellen, wie sie wahrscheinlich ausgesehen hatte. Wir hatten Fotos von Menschen auf der Straße. Sie haben mehr gezeigt als das, was wir in unseren geschriebenen und gespielten Szenen darstellen konnten. Die Menschenmassen auf den Straßen waren viel größer als unser Budget, um sie so umzusetzen. Aber es war umwerfend darüber nachzudenken, wie es wohl zu der Zeit gewesen ist. Ich war nie in der Castro während dieser Zeit. Ich kam 1985 in die Castro mit einem Film, der in Berlin im Panorama gezeigt wurde, und ich ging ins Schwulen- und Lesben-Festival in San Francisco. Es war alles ganz anders, viel hat sich verändert. Deshalb konnte ich nie sehen, wie er gewesen ist. Aber es war interessant, es sich vorzustellen.

Ricore: Was halten Sie von der Dokumentation "The Times of Harvey Milk"?

Van Sant: Sie ist großartig. Dadurch habe ich überhaupt von Harvey erfahren. Ich hatte vorher nicht Randy Shiltses Buch "The Mayor of Castro Street" gelesen. Ich hatte mit einem Projekt über Harvey Milk zu tun. Es war das Drama eines Filmemachers aus Harveys Zeit, der erfuhr, dass Oliver Stone daraus eine dramatische Version drehen würde. Das wollte er nicht und sie haben jemanden gesucht, um ihn zu ersetzen. Die Dokumentation war eine wichtige Informationsquelle für mich.

Ricore: Warum haben Sie sich für dieses Thema entschieden und warum wollten Sie es nach jahrelanger Überlegung gerade jetzt umsetzen?

Van Sant: Die frühe Phase war 1992. Als wir "Even Cowgirls Get The Blues" geschnitten haben, bin ich nach San Francisco gefahren, um zu recherchieren. Es war eine großartige Story, die erzählt werden musste. Es ist genug Zeit vergangen, jetzt gibt es einen geschichtlichen Grund, sie zu erzählen. Damals, 1992, hätten wir Harvey Milk eher gefeiert, heute 2009 ist die Geschichte aus historischer Sicht wichtig, um nicht in Vergessenheit zu geraten.


Sean Penn als schwuler Politiker in "Milk"
Constantin Film
Sean Penn als schwuler Politiker in "Milk"
Ricore: Wann haben Sie davon gehört, dass Bryan Singer auch an dem Thema arbeitet?

Van Sant: Bryan Singer war der aktuellste Regisseur in einer langen Reihe von Regisseuren, mich eingeschlossen, die für das Projekt vorgesehen waren. Es waren ungefähr zehn, deshalb wusste ich von ihm als der Letzte in einer langen Reihe. Ich wusste nicht, wie weit dieser Film inzwischen war, ob sie ein Drehbuch hatten. Ich wusste, dass er gerade "Walküre" drehte. Ich wusste nicht, ob er nur "Walküre" machte oder ob er auch "The Mayor of Castro Street" drehte. Oder würde es ein Projekt werden, das sie über mehrere Jahre entwickeln und dann doch nicht machen wollten. Es schien nicht, als würde es schnell voran gehen. Das ließ unseren Film umso wichtiger erscheinen, weil wir ihn genau da machen wollten.

Black: Ich habe 2004 angefangen zu schreiben. Zu dem Zeitpunkt gab es "The Mayor of Castro Street" noch gar nicht. Es gab keinen Regisseur. Es gab keinen Drehbuchautor. Nachdem ich schon ein Jahr recherchiert hatte, habe ich gehört, dass sie das Projekt wieder aufleben lassen wollen. Es war seltsam, dass Bryan den Job bekommen hat. Es war schwierig zu ignorieren, dass ein großes Studio dasselbe macht. Ich bekam ja noch kein Geld dafür. Es wurde erst real, als ich es 2007 Gus gab.

Van Sant: Es ist ein Projekt mit eigener Recherche durch die Charaktere, die die Story erleben. Es hat seinen eigenen Ursprung, seine eigene Quelle. Es kam nicht aus einem Buch, es kam von keiner Dokumentation, es kam von den Menschen, die die Story erlebt hatten. Plötzlich rief Cleve Jones an und sagte, dass Lance das Drehbuch geschrieben habe. Plötzlich nahm alles Formen an. Es war aufregend und interessant und eine tolle Gelegenheit.

Ricore: Warum ist es so wichtig, die Geschichte heute zu erzählen?

Black: Als ich 2004 anfing darüber zu schreiben, hatte man Harvey Milk politisch vergessen - sogar meine Freunde. Ich habe die gefragt, die schwul und politisch engagiert sind. Das ist gefährlich, weil er diesen Stil, diese Strategie hatte, Kämpfe zu gewinnen, die eindeutig erfolgreich war. Innerhalb von zwei Jahren hat er das Unmögliche geschafft. Er wurde gewählt und hat die Erfolgswelle der religiösen Rechten gestoppt. In eineinhalb Jahren. Irgendetwas, das er tat, schien zu funktionieren. Und irgendetwas, das wir in den letzten zehn Jahren getan haben, hat nicht funktioniert. George Bush wurde wiedergewählt, indem er die religiösen Gemeinschaften gegen Schwule und Lesben polarisierte. Wir bekamen keinen Zuspruch, sonst hätten wir nicht weitere vier Jahre aushalten müssen. Das gleiche gilt für Proposition 8. Wir hätten in der Lage sein müssen, diese Antischwuleninitiative zu besiegen, haben es aber nicht geschafft. Harvey Milks Message ist verloren gegangen. Proposition 8 hat in Kalifornien schwulen und lesbischen Paaren das Recht genommen, zu heiraten. Es kommen auch kaum schwule und lesbische Paare in der Werbung oder in der Literatur auf. Es gibt nicht einmal den Versuch, sich mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zu verbünden, um gemeinsam an etwas zu arbeiten. Darin war Harvey großartig.


The Times of Harvey Milk
Salzgeber & Co. Medien
The Times of Harvey Milk
Ricore: Was haben die Menschen, die mit Harvey gelebt haben, gesagt, wenn sie die Situation heute mit der politischen Situation, für die sie gekämpft haben, vergleichen?

Black: Cleve Jones lacht immer und kann es nicht glauben, dass die Schwulen heute für das Recht kämpfen, zum Militär zu dürfen oder heiraten zu können. Das waren die zwei Dinge, die sie niemals machen wollten (lacht). Das war die Hippi-Generation. Sie wollten nicht in den Krieg ziehen oder heiraten. Er findet es ziemlich lustig, wie sich das alles entwickelt hat. Gleichzeitig geht er von Kirche zu Kirche und spricht zu unterschiedlichen Anlässen. Niemand wird je zufrieden sein, bevor nicht alle im ganzen Land die gleichen Rechte haben. Auf der neuen Agenda stehen bundesweit geltende Bürgerreche für Schwule und Lesben. Sie wollen gleiche Rechte in den ganzen USA. Nicht Staat für Staat. Das sind keine gleichen Rechte, wenn man in Kalifornien ein Kind adoptieren kann, und in Texas wird es einem wieder weggenommen. Alle versuchen jetzt, mehr in Richtung der Menschen zu denken, die die Bundesregierung führen. Sie fordern einen Civil Rights Act wie damals bei der Schwarzen-Bewegung

Ricore: Ich kenne außer Jodie Foster keinen Hollywood-Schauspieler, die bekennende Homosexuelle sind. Warum ist das so?

Black: Das kann ich nicht beantworten. Es gibt langsam Fortschritte in dieser Richtung. Anscheinend kann man im Fernsehen bekennend schwule Schauspieler hetero Rollen spielen lassen, und es ist ok. Es sind erfolgreiche Serien. Ich denke, sie haben Angst sich zu outen, weil danach jeder weiß, dass sie schwul sind und sie ihren Boxoffice-Sexappeal verlieren würden.

Van Sant: Ich denke, diejenigen, die wirklich groß sind, müssen die Branche beschützen. Es gibt einige, die schwul sind und sich dann irgendwie hetero gaben, als sie bekannte Schauspieler wurden. Wenn sie zuerst in L. A. herumhängen und keinen Job haben, führen sie ein gewisses Leben. Wenn sie dann aber ihren ersten Erfolg haben und im Auge der Öffentlichkeit stehen, suchen sie mehr Schutz. Wie in den 1950er Jahren Montgomery Clift, Troy Donahue und Rock Hudson. Sie bekamen vom Studio Dates, mit denen sie fotografiert werden, um ihre Heterosexualität zu beweisen. Jetzt machen das die Stars selbst, sie haben ihre eigenen Pressesprecher, die ein Image erschaffen. Ein Jahr zuvor, als sie noch niemand kannte, konnten sie ein entspanntes Leben führen und offiziell schwul sein. Das sind Anforderungen der Industrie an Schauspieler. Tobey Maguire, Leonardo DiCaprio, Keanu Reeves, sie sind Teil dieser riesigen Industrie. Und wer weiß, was hinter der Fassade dieser Industrie steckt und was für ein Leben sie tatsächlich führen.

Black: Es braucht ja nur einen Schauspieler, der es macht, damit es funktioniert. Wir haben einige davon im Fernsehen, aber noch nicht in Hollywood-Filmen. Wir bräuchten einen Schauspieler, der mutig genug ist, sich zu outen. Das ist bisher noch nicht passiert. Sie stehen unter sehr viel Druck, weil eine ganze Industrie mit dranhängt. Ich habe von einem nicht-bekennendem schwulen Schauspieler gehört, dass sie Druck von den Publizisten, von den Agenten, von den Managern kriegen, die von ihnen abhängen. Dadurch bekommen sie eine Menge Druck, sich nicht zu outen.


Gus van Sant in Cannes 2007
Jean-François Martin/Ricore Text
Gus van Sant in Cannes 2007
Ricore: Wie sehen sie den Zwiespalt, dass "Milk" für 8 Oscars nominiert ist, es auf der anderen Seite aber Kritiken gibt, die vertuschen wollen, dass es um einen schwulen Politiker geht?

Van Sant: NBC, ABC und CBS hatten schon immer eine seltsame Einstellung, über Veranstaltungen der Schwulen-Kultur zu berichten. Ich habe wirklich unglaubliche Dinge gesehen, die speziell diese Sender getan haben. Das schlimmste war der Marsch nach Washington 1994. Ich war dort und kam zurück ins Hotel. Eine Million Menschen waren da. In den Nachrichten auf ABC wurden Bilder von Washington am Vortag gezeigt, als nur ein paar Menschen auf dem Rasen waren. Sie berichteten, der Schwulenmarsch sei eine große Enttäuschung, niemand sei gekommen. Dabei waren vor dem Fenster gleich neben dem Sender Menschenmassen auf den Straßen. Die haben ihre eigene Vorstellung davon, wie sie mit Schwulen-Themen umgehen.

Ricore: Warum haben Sie nicht bei "Brokeback Mountain" Regie geführt?

Van Sant: Ich wollte große Schauspieler oder ganz unbekannte Schauspieler. Die originale Geschichte von "Brokeback Mountain" war sehr simpel, was ich mochte. Larry hat das Drehbuch jedoch sehr üppig und groß gemacht. Ich wollte lieber zurück zur ursprünglichen Einfachheit der Story, aber das konnte ich nicht, weil ich mich durch Larrys Skript gearbeitet habe. Ich konnte auch nicht die Besetzung kriegen, die ich wollte, was Leonardo DiCaprio und Matt Damon gewesen wären. Sie waren zwar interessiert, hatten aber ein bisschen Angst davor. Die Alternative war Brad Pitt. Ich habe fünf oder sechs Schauspieler gefragt. Ich dachte, ich brauche entweder große Namen oder völlig unbekannte Schauspieler. Dabei habe ich die Begeisterung dafür verloren. Das Projekt ging auch alleine weiter. Die Typen, die es am Leben erhalten haben, haben jemanden gefunden, der es finanziert. Und letztendlich hat es Ang Lee gemacht.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Ulrich Blanché/Filmreporter.de,  11. August 2009

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