Interview
Walt Disney Studios Motion Pictures
Wigald Boning im Synchronstudio
Heulkrampf wegen Schuh
Wigald Boning in der Krise
In Disneys "G-Force - Agenten mit Biss" retten zu Spezialagenten trainierte Meerschweinchen die Menschen vor gewalttätigen Haushaltsgeräten. Wigald Boning leiht in der deutschen Fassung dem gefräßigen Meerschweinchen Hurley seine Stimme. Stets zu Späßen aufgelegt, verrät er uns, welchen Bezug er zu der Sprechrolle hat und welches Tier er gerne sein würde. Boning hat seit "G-Force" keine Angst vor Haushaltsgeräten mehr. Als leidenschaftlichen Marathonsportler hat er ganz andere Sorgen.
Von  Gudrun Schmiesing/Filmreporter.de,  12. Oktober 2009
Gudrun Schmiesing/Ricore Text
Wigald Boning
Ricore: Wie haben Sie sich darauf vorbereitet, einem Meerschweinchen die Stimme zu leihen?

Wigald Boning: Ich hatte als Junge ein Meerschweinchen, genau genommen ein Rosettenmeerschweinchen. Es hieß Friedolin. Nun gibt es in dem gesamten Film nur ein Rosettenmeerschweinchen und ausgerechnet ich darf seine Stimme machen! Da hatte ich gleich einen besonderen Zugang zu der Rolle. Friedolin sah auch genauso aus wie Hurley. Er war aber nicht ganz so schlau.

Ricore: Welche Schwierigkeiten hatten Sie beim Synchronisieren von Hurley?

Boning: Die Rolle stellte unerwartet große Anforderungen an mich. Denn es gibt da eine enorme Bandbreite aus Geschrei und Stöhnen in allen Formen. Das kannte ich als Synchronsprecher so bisher nicht. Da bin ich bisher immer mit wesentlich weniger Einsatz davongekommen.

Ricore: Haben Sie sich zur Vorbereitung auch das Original mit der Stimme von Jon Favreau angehört?

Boning: Ja wir haben die Originalsynchronisation nicht nur angehört sondern auch genau analysiert. Wir haben schon angefangen als der Film noch gar nicht fertig gestellt war. Da mussten wir uns mit dem bisschen was an vorläufigen Tonspuren vorlag, zufriedengeben. Dann habe ich versucht, so präzise wie möglich und entsprechend der Silbenaufteilung des Originals zu sprechen.

Ricore: Hatten Sie Einfluss auf den Sprechtext?

Boning: Weniger. Wenn man ins Studio kommt, gibt es in der Regel schon einen Text. Dabei weiß man aber noch nicht, wie er sich in den Film einfügt, weil man beim Einsprechen ja immer nur die eigenen Takes sieht. Dabei hört man aber schon, welche Parts sich gut einsprechen lassen und welche nicht. Da kann man dann nach Absprache mit dem Regisseur auch eine Alternative suchen.
Walt Disney Studios Motion Pictures
Wigald Boning im Synchronstudio
Ricore: Nach dessen Aussage ist der Film Technikkritisch, da Haushaltsgeräte die Weltherrschaft an sich reißen wollen. Wie stehen Sie zu neuen technischen Geräten?

Boning: Ich durfte gestern auf der IFA Neuigkeiten im Bereich Weißwaren für eine deutsche Firma präsentieren. Dabei habe ich über den Fortschritt bei Kaffeemaschinen gesprochen, intelligente Kaffeemaschinen. Anschließend saß ich im Film und sah wieder intelligente Kaffeemaschinen - dieses Mal jedoch von der bösen Seite. Das war wohl der haushaltsgerätelastigste Tag meines Lebens. Bezogen auf neue Geräte bin ich außerordentlich unkritisch seit ich gestern erfahren habe, welche Wasser- und Energiesparleistungen sie bieten. Sowas sollte gefördert werden. Weiter forschen damit bei Spülmaschinen nochmal sieben Liter Wasser pro Spülgang eingespart werden können!

Ricore: Was ist das modernste Haushaltsgerät, das Sie besitzen?

Boning: Das ist auf jeden Fall die Kaffeemaschine die man mir gestern in die Hand gedrückt hat. Ansonsten bin ich etwas rückständig was neueste Technik im Haushalt angeht.

Ricore: Sie sind, anders als der gefräßige Hurley, sehr sportlich und brechen ständig ihre eigenen Rekorde bei Radrennen oder Marathon. Was treibt Sie an, sich immer wieder zu neuen Leistungen herauszufordern?

Boning: Ich empfinde das eigentlich gar nicht so sehr als Herausforderung. Für mich ist ein Tag auf dem Fahrrad eher wie Urlaub. 24 Stunden lang im Kreis fahren ist natürlich etwas anderes. Vor kurzem bin ich vom Allgäu aus nach Mailand gefahren, in zwei Tagen. Das war für mich erholsamer als wenn ich drei Wochen lang am Strand verbracht hätte. Übrigens schließen sich bei mir Sportlichkeit und Gefräßigkeit nicht aus. Ich bin abends um 18 Uhr vom Fahrrad gestiegen und habe mir erst mal in einer Pizzeria den Bauch vollgeschlagen. Dabei bin ich Hurley schon gefährlich nahe gekommen.

Ricore: Haben Sie Ihre Grenzen schon mal soweit überschritten, dass Sie das Gefühl hatten, es geht nicht mehr?

Boning: Beim Fahrradfahren ist das nicht so ein Problem. Ich könnte absteigen und ein Taxi rufen. Aber bis das kommt, vergeht so viel Zeit, da könnte ich genauso gut noch bis ins nächste Dorf rollen. Da könnte ich mir zur Stärkung dann ein Stück Kuchen holen. Dafür bekomme ich regelmäßig Krisen. Die finde ich dann aber interessant. Wenn ich bei Radrennen 24 Stunden im Kreis fahre, passiert es dass mich eine Art moralische Einstellungskrise befällt und ich anfange zu heulen. Ein Freund von mir dagegen bekommt in so einer Situation schlechte Laune und scheißt alle zusammen. Aber da lacht man dann anschließend drüber. So wie ich über mein Heulen lachen muss. Nach einer halben Stunde ist das auch wieder weg.
Walt Disney Studios Motion Pictures
G-Force - Agenten mit Biss
Ricore: Funktioniert so eine Krise als Motivation, um weiterzumachen?

Boning: Als mir das zum ersten Mal passierte, war ich natürlich irritiert. Ich musste anfangen zu weinen, nur weil mein Schuh kaputt war. Da dachte ich schon "Huch, was ist denn mit mir los?" Aber das kenne ich ja jetzt schon. So streng bin ich im Übrigen auch nicht mit mir, dass ich mich zwinge, um jeden Preis weiter zu machen. Notfalls lege ich mich in einen Straßengraben und ruhe mich aus, wenn ich nicht mehr kann.

Ricore: Beneiden Sie manchmal die Meerschweinchen?

Boning: Nee, überhaupt nicht. Ich kann mich da jetzt aber auch nicht komplett in so ein Tier reindenken. Der Mangel an Einflüssen von außen in den handelsüblichen Meerschweinchenkäfig würde mich vor allem stören. Das käme mir langweilig vor. Mein Meerschweinchen Friedolin war jedoch eher einfach gestrickt. Ich glaube, dem hat sowas gereicht.

Ricore: Hurley hat ja drei unterwürfige Mäuse und einen paranoiden, jähzornigen Hamster als Gefährten. Da hat er wahrscheinlich eher zu viele Einflüsse.

Boning: Hurley rettet aber auch die Welt. Er ist schon ein Spezialfall.

Ricore: Wenn Sie selbst in die Haut eines Tieres schlüpfen könnten, was für eines würden Sie wählen?

Boning: Ein Vogel! Wahrscheinlich so etwas wie ein Albatross oder so. Es kann aber auch ein Spatz sein. Wichtig ist, dass ich aus eigener Kraft fliegen kann. Das hat auch mit meinen Träumen zu tun. Einmal im Jahr träume ich, dass ich über den Ärmelkanal fliege. Ich schätze in uns Menschen ist irgendwo eine tief verwurzelte Sehnsucht, es den Vögeln gleich zu tun. Denn wir haben das bisher ja nicht hingekriegt, trotz unserer Überheblichkeit, durch die wir uns für was Besseres halten als die Tiere. Einmal über die Lange Anna auf Helgoland hinweg, nur 100 Meter raus, das wäre schon was.
Gudrun Schmiesing/Ricore Text
Wigald Boning, Synchronsprecher bei "G-Force - Agenten mit Biss"
Ricore: Haben Sie denn schon mal einen Flugsport gemacht, wie Paragliding oder Fallschirmspringen?

Boning: Ich habe mal einen Tandemsprung gemacht. Auch Parabelflüge für "Clever!" Das käme der Sache vielleicht am nächsten. Aber Fliegen wie ein Vogel ist doch etwas ganz anderes.

Ricore: Neben renommierten Preisen wie dem Grimmepreis haben Sie auch den Preis für den "Brillenträger des Jahres bekommen". Welcher Preis bedeutet Ihnen persönlich am meisten?

Boning: Das kann man ja gar nicht miteinander vergleichen! Der Vor- und Nachteil beim Brillenträger des Jahres ist ja, dass ich nichts dafür gemacht habe. Mit elf oder zwölf Jahren habe ich meine Brille bekommen. Ich habe nicht so sehr drunter gelitten wie andere Kinder, wenn sie eine Zahnspange tragen müssen. Aber es ist schon eine späte Genugtuung, wenn man plötzlich wegen der Brille von den Journalisten fotografiert wird.

Ricore: Sie haben zwei Patenkinder in Guatemala. Wie weit reicht der Kontakt?

Boning: Nee, die hat meine Frau. Ja, ich schaue mir auch die Grußkarten an, die sie ab und zu von ihnen bekommt.

Ricore: Wenn Sie es sich aussuchen könnten, was für eine Figur würden Sie gern mal synchronisieren?

Boning: Oh, schwierig. Grundsätzlich fände ich es spannender, sowas wie einen Stein zu synchronisieren, anstelle einer Person. Da kann man nämlich viel rein interpretieren. Animation ist da auch interessant, weil es in diese Richtung geht. Andererseits werde ich ja engagiert, damit man meine Stimme erkennt. So groß ist meine Bandbreite auch wieder nicht, und ich versuche dann halbwegs erkennbar zu sprechen. Ich stelle mir gerade vor, dass das Leben von Leonardo Da Vinci verfilmt würde, und man würde mich bitten, die deutsche Synchronisation zu machen. Dann würde man wahrscheinlich erwarten, dass Da Vincis Stimme so klingt wie Wigald Boning. Obwohl ich es interessant fände zu überlegen, ob ich die Sprachmelodie ändern müsste, um dieser Figur näher zu kommen.
Walt Disney Studios Motion Pictures
Wigald Boning
Ricore: Ihr aktuelles Album "Jet Set Jazz" klingt nicht nach Wigald Bonig - haben Sie bewusst eine andere Richtung eingeschlagen?

Boning: Da bin ich aus Konsumentensicht vorgegangen. Ich wollte ein Album machen, dass ich mir selber gerne anhöre. Denn es gibt wenig Musik, die ich mir am Stück komplett anhören kann. "Jet Set Jazz" kam dabei heraus. Ich höre es selbst immer im Auto, na ja jetzt nicht mehr so oft. Aber ich habe es eine Zeit lang an die 600 Mal gehört, immer auf der Strecke vom Allgäu zum Münchner Flughafen und zurück. Es hat seinen Zweck absolut erfüllt, es war sozusagen Gebrauchsmusik. Irgendwann werde ich mir wieder Musik selbst schenken, um mich und andere Menschen mit ähnlichem Geschmack zu erfreuen.

Ricore: In welche Richtung würden Sie dann gehen?

Boning: Ganz bestimmt würde ich wieder Instrumentalmusik machen. Das Spinett wird dabei eine Rolle spielen. Dabei könnte ich mir vorstellen, wieder mit dem Pianisten Roberto di Gioia zu arbeiten. Denn das war eine tolle Zusammenarbeit.

Ricore: Könnten Sie sich vorstellen etwas in Richtung Pop oder Hip Hop à la "Black Eyed Peas" zu machen?

Boning: Nee, gar nicht. Ich habe als Jugendlicher noch nicht mal Popmusik gehört. Ich habe mir aber angewöhnt so zu tun, als hätte ich Ahnung davon, wenn ich neben Hugo Egon Balder auf der Couch bei "Hitgiganten" saß. Da habe ich mir vorher einen Stapel Platten gekauft, um zu wissen, um was es eigentlich ging. Dabei habe ich schon großartige Sachen entdeckt, zum Beispiel "Fade to grey" von Visage. Da finde ich das Klangbild aus heutiger Sicht so sonderbar. In den 1980er Jahren fand ich eigentlich nur unter ironischen Gesichtspunkten bestimmte Sachen gut. Ich denke an Sabrina mit "Boys, boys, boys" und dann ein Jahr später "Hot girls".

Ricore: Was ist Ihr Antrieb Musik zu veröffentlichen, angesichts der Krise im Musikgeschäft?

Boning: Ich produziere grundsätzlich nur was mir auch gefällt. Sozusagen "primär für den Eigenbedarf". Wenn das Ergebnis anderen Leuten auch Spaß macht, um so besser. Popmusik würde ich in diesem Leben nicht mehr machen. Lieber versuche ich, aus eigener Kraft zu fliegen!
Gudrun Schmiesing/Ricore Text
Wigald Boning
Ricore: Könnten Sie sich vorstellen, wie der Originalsprecher Hurleys, Jon Favreau, mal Regie zu führen?

Boning: Ich weiß nicht, ob ich mir das zutrauen würde. Ich bin nämlich gar nicht so cineastisch. Im nonfiktionalen Bereich fühle ich mich wohler. Auch beim Schreiben von Büchern, denn Romane liegen mir nicht so. Ich müsste es einfach mal ausprobieren, Regie zu führen. Im Film mitzuspielen traue ich mir immer zu. Wenn ich hinter der Kamera stünde wäre zwar sicher, dass das Ergebnis recht originell werden würde, allerdings nicht, dass es auch gut wird. Dazu fehlen mir einfach die Kenntnisse. Ich hab mich einfach damit noch nicht beschäftigt wie mein Kollege Bully.

Ricore: Er hat es sich aber auch selbst beigebracht.

Boning: Ja, klar, beibringen könnte ich es mir selbst auch. Aber ich habe gerade auch schon genug zu tun.

Ricore: Sie moderieren die Wissens- und Entertainmentsendung "Clever!" Glauben Sie, dass diese Mischung überhaupt dazu beitragen kann, dass jüngere Leute sich mehr für Naturwissenschaften interessieren?

Boning: Ich erlebe weniger, dass Schüler sich damit beschäftigen, sondern eher die Lehrer. Physiklehrer haben mich schon öfters gefragt, wie sie ein Experiment im Unterricht nachmachen können, damit es so läuft, wie in der Sendung. Dazu muss ich dann schon mal aufklären, dass wir den ein oder anderen Effekt fürs Fernsehen verstärkt haben. Das müssten sie dann im Unterricht auch so machen. Für Lehrer wird die Messlatte durch solche Sendungen natürlich sehr viel höher gelegt. Eine Unterrichtsstunde kann nun mal nicht so unterhaltsam sein, wie eine perfekt durchgetimte Sendung. Insofern ist "Clever!" wahrscheinlich eher schädlich, weil sie die Bildungsbemühungen von Lehrern noch unterminiert. Aber bitte reißen Sie diese Bemerkung nicht aus dem Kontext!

Ricore: Was gibt es demnächst noch von Wigald Bonig?

Boning: Bis Ende dieses Jahres will ich mich erholen. Anfang nächsten Jahres erscheint von mir ein neues Buch mit Reiseberichten. Experimentalreisen, würde ich es nennen. Der Titel lautet "In Rio steht ein Hofbräuhaus". Am Ende war es noch ziemlich viel Arbeit. Eine Hälfte der Reisen hatte ich zwar schon erledigt, weil sie auch beruflich bedingt waren, wie nach Rio, Afghanistan oder Thailand. Aber es fehlten noch Reisen, die ich extra für das Buch machen musste. Nun habe ich diese Kofferpackerei erstmal satt und bleibe zu Hause. Dann hoffe ich, dass mich das Reisefieber nächstes Jahr wieder packt.

Ricore: Sie haben ja Mai 2009 eine Fotoausstellung gemacht, haben Sie das Buch als eine Art Bildband angelegt?

Boning: Teilweise. Über einige Reisen gibt es jede Menge Bildmaterial, andere wiederum werden nicht bebildert. In erster Linie soll das Buch aber ein Lesebuch sein.

Ricore: Können Sie sich denn vorstellen ein weiteres Fotoprojekt nach "Im Jahr der kleinen Häuser" in Angriff zu nehmen?

Boning: Auf jeden Fall. Fotografieren macht mir großen Spaß. Aber mit der Fotografie verhält es sich ähnlich wie mit meinen "Jazz-Ambitionen". Ich muss darauf achten, dass ich so etwas in einem vertretbaren Rahmen halte. Ich habe ja immerhin zwei Kinder und die haben auch manchmal Hunger.
Von  Gudrun Schmiesing/Filmreporter.de,  12. Oktober 2009

Zum Thema
G-Force soll einem wahnsinnigen Industriellen das Handwerk legen. Denn dieser will die Welt vernichten, indem er Haushaltsgeräten spezielle Chips einpflanzt. Die G-Force ist keine gewöhnliche Agententruppe, denn sie besteht aus den Meerschweinchen Darwin, Juarez und Blaster. Vervollständigt wird das Team von der Fliege Mooch und dem Maulwurf Speckles. Immer wieder geraten sie in... mehr


Weitere Interviews
Im wahren Leben ist Emily Blunt mit ihrem Traummann vor den Traualtar getreten. In der Komödie "Fast verheiratet" kommt der geplanten Ehe mit Kodarsteller Jason Segel immer wieder etwas...
 
Der von ihm in "Der Untergang" gespielte Propagandaminister Joseph Goebbels ist für eine unvorstellbare Anzahl an Morden verantwortlich. In Ulrich Matthes' aktuellem Projekt "GOTT von Ferdinand...
 
Michael Venus, 1976 in Jena geboren, studierte Visuelle Kommunikation an der Bauhaus-Uni in Weimar und nach einem Intermezzo beim Kinderfernsehsender Kika in Erfurt Regie an der Hamburg Media...
2021