Interview: Franziska Weisz zu Der Räuber | FILMREPORTER.de
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Eine seltene Szene in "Der Räuber": Zuneigung und Liebe

Eine seltene Szene in "Der Räuber": Zuneigung und Liebe

Ricore: Sie haben in England, Wien und Berlin gelebt. Wollen Sie nach Wien zurück?

Weisz: Nach der Schule habe ich für vier Jahre in England gelebt und studiert. Danach bin ich für circa ein Jahr nach Wien zurück, dann nach Berlin. Ich brauche Veränderungen dieser Art, damit es interessant bleibt. Aber Wien lässt mich nicht los, und das ist gut so.

Ricore: Was machen Sie, um Ihren Adrenalin-Spiegel ständig oben zu halten?

Weisz: Adrenalin ist zur Zeit ein gutes Wort. Dafür muss ich nicht viel tun, denn im Moment ist mein Adrenalin-Spiegel ziemlich hoch (lacht). Die gesamte Berlinale-Woche war Adrenalin pur - im positiven Sinne. Hysterische Freude wechselte sich mit Neugier ab. Sonst kommt das Adrenalin aus der Alltagslosigkeit. Es bringt der Beruf mit sich, dass man manchmal keine zwei Nächte am selben Ort ist. Aber das Leben habe ich mir ja selbst ausgesucht. Wenn ich mal nicht drehe, reise ich, streiche die Wände in meiner Wohnung und nerve meine Nachbarn mit lauten Bohrgeräuschen.

Ricore: Sie suchen keine Ruhe?

Weisz: Nein. Es muss immer etwas los sein.

Ricore: Der Regisseur meinte, Anspannung sei Teil des Glücksgefühls. Trifft das auf Sie zu?

Weisz: Nein, über Glück habe ich folgendes gelesen, und das stammt von Eckart von Hirschhausen, das Buch habe ich übrigens geschenkt bekommen: Glücksgefühle kommen aus der Überraschung. Wenn man das erste Mal einen guten Film sieht oder eine leckere Schokolade isst, dann werden Glücksgefühle freigesetzt. Versucht man ein zweites Mal, dieses Glücksgefühl nachzuempfinden, geht es nicht, da das Überraschungsmoment weg ist. Gerade bei Schokolade teste ich das regelmäßig.

Franziska Weiszin "In 3 Tagen bist du tot 2"

Franziska Weiszin "In 3 Tagen bist du tot 2"

Ricore: Werden Sie oft überrascht?

Weisz: Permanent. Mein Leben ist bunt und ich versuche, jede Sekunde bewusst wahrzunehmen.

Ricore: Haben Sie sich Hoffnungen auf den Goldenen Bären gemacht?

Weisz: Jeder der Wettbewerbsfilme hatte eine reale Chance auf einen Bären. Doch darum geht es nicht. Als wir erfuhren, dass "Der Räuber" im Wettbewerb der Berlinale laufen würde, haben wir schon begonnen zu feiern. Wir haben auch von Anfang an ausgemacht, nicht über das B-Wort und haarige Tiere zu sprechen. Diese Festivalplatzierung ist perfekt für den Räuber. Ein Preis spielte keine Rolle. Die Reaktionen bei Pressekonferenz und Premiere waren überwältigend und darüber habe ich mich wahnsinnig gefreut.

Ricore: Über Ihre Figur erfährt man nur sehr wenig. Wie haben Sie sich ihrem Filmcharakter angenähert?

Weisz: Über Gespräche mit dem Regisseur. Jedes Mal, wenn ich eine Rolle bekomme und das Drehbuch lese, fange ich an, Fragen über die Figur zu stellen. Ich denke mir eine Biografie aus, erwecke die Figur zum Leben. Ich weiß beispielsweise, in welche Schule die Erika gegangen ist, wie viele Geschwister sie hat. Das stammt allerdings aus meiner Phantasie. Natürlich hole ich mir Infos von Benjamin, denn seine Idee und meine Phantasie müssen natürlich zusammenpassen.

Ricore: Können Sie die Biografie ihrer Figur kurz umreißen?

Weisz: Erika wuchs in der gleichen Gegend wie Johann auf und die beiden waren in der gleichen Clique. Er hat sie früher schon interessiert, weil er immer schon ein bisschen anders war. Und dann trifft sie ihn irgendwann wieder. Erika ist durchaus eine Intelektuelle. Sie hat ein abgeschlossenes Doktoratsstudium, doch nach und nach starb ihre ganze Familie weg. Anfangs war es auch so, dass ich zu jung für die Rolle war. Daher sind im Film meine Haare auch dunkler, damit ich älter aussehe. Bei Erika waren die Grundvoraussetzungen da, um eine große akademische Karriere einzuschlagen, doch dann geschahen Dinge, die sie in eine andere Richtung drängten. Im Arbeitsamt zu arbeiten, mit einem Doktor in der Tasche, das war nicht Erikas ursprüngliche Bestimmung. Aber sie hat sich damit abgefunden und sich in der dunklen, kalten Wohnung eingeigelt, in der ihre Mutter starb. Mir war es dort immer zu kalt.

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