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Interview

Matt Damon

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"Vorwand, Krieg zu führen"

Matt Damon sieht US-Politik kritisch

Unter der Regie von Paul Greengrass war Matt Damon bereits als Kampfmaschine Jason Bourne im Einsatz. Nun wird der Darsteller in den Irak-Krieg geschickt. In Greengrass' Thriller "Green Zone" sucht Damon als amerikanischer Soldat nach Massenvernichtungswaffen - und muss feststellen, dass die eigene Regierung ihn belogen hat. Mit uns sprach der Oscar-Preisträger über seine Ansichten zum Irak-Krieg und die Entgleisungen der US-Regierung. Während des Gesprächs zeigt sich der politisch engagierte Damon energisch und verrät, ob er sich vorstellen könnte, selbst in den Krieg zu ziehen.

Matt Damon in "Green Zone"

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Ricore: Wie fit sind Sie nach den Dreharbeiten zu "Invictus - Unbezwungen" und "Green Zone"?

Matt Damon: Leider nicht so fit. Die vielen Promo-Touren sind ziemlich anstrengend. Aber Paul Greengrass treibt mich immer gut an. Ich hab keine Ahnung, warum er auf die Art Filme steht, bei denen ich immer so viel rennen muss.

Ricore: Wie war es, wieder mit ihm zu drehen?

Damon: Großartig. Ich arbeite gern mit ihm. Er ist ein toller Regisseur. Ich hab zwei Bourne-Filme mit ihm gedreht. Vorher hat er "Flug 93" und "Bloody Sunday" gemacht. Beide sind sehr real. So habe ich mich sehr darüber gefreut, einen Film mit ihm zu drehen, der eine Mischung zwischen beiden Werken ist. Wir wollten einen großen Action-Thriller vor einem realen Hintergrund machen. So hat er beispielsweise echte Soldaten gecastet. Ich musste mich ausgiebig mit der Rolle beschäftigen. In den Bourne-Filmen musste ich dagegen hauptsächlich durch die Gegend laufen und mein Charakter sprach auch nicht allzu viel. Bei "Green Zone" ermunterte uns Paul zu improvisieren, was er sehr gut macht. Das mitzuerleben war toll.

Ricore: Wie schwierig ist es, in Hollywood einen Film zu drehen, der Regierung und Militär kritisiert?

Damon: Ich finde nicht, dass wir in diesem Film die Armee kritisieren. Die Reise, auf die sich die Hauptfigur begibt, ist eine Reise, die viele machen mussten. Er ist im Irak auf der Suche nach Massenvernichtungswaffen und muss dann feststellen, dass es diese gar nicht gibt. Er fragt sich natürlich, wie das sein kann. Ich finde, das ist ein universelles Gefühl, das nicht unbedingt nur beim Militär stattfinden muss. Im Gegenteil, wir zeigen ein Militär, das handelt, wenn es gerufen wird. Deshalb sage ich am Ende des Films auch, dass die Gründe, warum wir in den Krieg ziehen, von Bedeutung sein müssen. Denn wenn man die Soldaten irgendwohin schickt, gehen sie auch. Und tausende von ihnen sterben. Dabei hieß es, dass Massenvernichtungswaffen der Grund gewesen seien.

Ricore: Das Merkwürdige daran ist, dass wir noch immer keine Antwort darauf gekriegt haben.

Damon: Ja. Es hieß, es habe an schlechten Geheimdienstinformationen gelegen. Aber in Wirklichkeit wollten sie einfach nur dorthin. So haben sie nach einem Vorwand gesucht, um in den Irak einzumarschieren und dort Krieg zu führen. Am Ende des Films sagt der General, dass man die Lüge glauben wollte, da man Saddam Hussein stürzen wollte.


Matt Damon in einer Soldaten-Uniform

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Ricore: Wie politisch sind Sie?

Damon: Nun, was diesen Film angeht... Niemand würde sich Samstagabend eine Vorlesung über das Thema anhören wollen. Stattdessen wollten wir einen großen, unterhaltsamen Action-Thriller machen, der vor dem Hintergrund dieser politischen Vorgänge spielt. Durch diese Welt wollten wir einen einfachen Mann schicken, der im Grunde simple Fragen stellt, um die Wahrheit herauszufinden.

Ricore: Denken Sie, dass es gute Gründe für einen Krieg geben kann?

Damon: Ich glaube definitiv daran, dass die Gründe für einen Krieg von Bedeutung sind. Persönlich wünsche ich mir wirklich, dass wir uns als menschliche Spezies so entwickeln könnten, dass wir unsere Differenzen auf andere Weise lösen könnten. Angesichts der heutigen Technologie müssen wir das auch. Die Welt wächst sehr schnell zu einer kleinen Insel zusammen. Wenn wir nicht lernen, unsere Probleme anders zu lösen, hören wir auf zu existieren.

Ricore: Glauben Sie denn, dass es auch einen gerechtfertigten Krieg geben kann?

Damon: Jedenfalls glaube ich nicht, dass dieser Krieg gerechtfertigt war.

Ricore: Sie haben oft mit Regisseuren gearbeitet, die eher auf der linken Seite des politischen Spektrums zu finden sind, wie Steven Soderbergh, Gus van Sant und nun Paul Greengrass. Versuchen Sie zusammen eine linke Lobby in Hollywood zu etablieren?

Damon: Nein. [lacht] Hollywood wird immer für liberal gehalten, aber ich verstehe nicht, warum die Leute Hollywood so verallgemeinern. Hollywood ist eine Ansammlung verschiedener Leute. Wir haben keine Gewerkschaftstreffen, in denen wir unsere Richtlinien vereinbaren. Es ist bloß eine Ansammlung von Schauspielern, Autoren und Regisseuren. Es gibt viele in Hollywood, die eher dem rechten Flügel angehören. Man könnte vielleicht argumentieren, dass Künstler eher zu liberaleren Ansichten tendieren. Da mag was dran sein, aber ich bin kein Soziologe. Ich weiß nur, welche Filme ich machen will und welche interessant für mich sind. Der Einmarsch in den Irak war die größte außenpolitische Fehlentscheidung, die ich miterlebt habe. Daher wollte ich einen Film darüber machen. Doch es sollte ein Film werden, der ein breites Publikum anspricht.


Green Zone

Universal Pictures (UPI)

Ricore: "Green Zone" ist ziemlich radikal. Man sieht, wie das amerikanische Militär einen amerikanischen Soldaten jagt. Gab es Diskussionen darüber, ob der Film für ein Massenpublikum zu kontrovers sein könnte?

Damon: Wir führten darüber lange Gespräche mit Soldaten. Sie stimmten zu, dass es nie zu einer Situation kommen würde, in der - am Ende des Films sage ich zu den Neokonservativen: "Was werden wir das nächste Mal machen, wenn die Menschen uns vertrauen müssen?" Es ist nach wie vor eine Frage, die uns alle betrifft, es geht dabei um das "Wir". Ich denke, wir waren alle aufgebracht darüber, dass die Dinge nicht so waren, wie die Regierung sie dargestellt hatte.

Ricore: Im Film wird versucht, die Soldaten durch die Wahrheit zusammen zu schweißen, während die Regierung das Problem durch eine Lüge versucht hat.

Damon: Ja, bevor wir uns nicht damit auseinandersetzen, was passiert ist, können wir nicht weitermachen. Monty Gonzales, auf dem meine Figur im Film basiert, wollte die Waffen möglichst schnell finden, um sie als erster bei CNN hochhalten zu können. Und er wusste schon beim ersten Ziel, das er durchsuchte, dass alles Schwachsinn war. Ich glaube, es war eine Porzellanfabrik. Er ging hinein, schaute auf die Geheimdienstinformationen [Damon nimmt einen Stapel Blätter vom Tisch und zeigt energisch darauf] und sagte: "Es ist unmöglich, dass ein rational denkender Mensch dort gestanden hat, wo ich gerade stehe und ernsthaft behaupten konnte, dass hier etwas anderes als Porzellan hergestellt wird. Etwas läuft hier furchtbar schief!" Am ersten Tag, an dem ich ihn traf, unterhielten wir uns einen Nachmittag lang. Ich stellte ihm eine Menge Fragen und schließlich fragte ich ihn auch, warum er bei dem Film mitmachen wolle. Der Typ ist in meinem Alter, wir machten beide im selben Jahr den Schulabschluss. Er wuchs in Nevada, ich in Boston auf. Ich wurde Schauspieler, er ging zum Militär. Zu dem Zeitpunkt war er bereits um die 20 Jahre beim Militär. Und nach einer Pause antwortete er: "Weil wir unsere moralische Autorität verloren haben. Ich will sie zurück haben." Es war nicht leicht für ihn, das zu sagen. Er ist Republikaner, so wie viele Soldaten im Film und sie wollten Rechenschaft haben für das, was passiert war.

Ricore: Ist er noch beim Militär?

Damon: Er hat sich letzten Sommer zur Ruhe gesetzt. Er glaubt nach wie vor fest an die Leute beim Militär. Darum geht es: Sie werden dahin gehen, wo man sie hinschickt.

Ricore: Das Gefühl hatte ich auch bei diesem Film. Soldaten werden darauf trainiert zu folgen, nicht zu fragen.

Damon: Ja, das werden sie. Wie mir Monty erzählt hat, ging er zu seinen Leuten, als er realisierte, dass alles gelogen war und sagte zu ihnen: "Unsere Mission hat sich geändert. Wir werden keine Massenvernichtungswaffen finden, aber wir werden die Wahrheit herausfinden." Sie verlieren da draußen Freunde. Ich fragte Monty wie viele Freunde er verloren habe. Er überlegte einen Moment lang und antwortete: "Fünf". In unserem Land gibt es keinen Sinn für gemeinsame Opfer. Wir haben diese militärischen Familien, die aus Tradition dienen und die gesamte Last auf ihren Schultern tragen. Wir schaffen es nicht mal, unsere Steuern zu erhöhen. Wir zahlen für die Kriege nicht aus eigener Tasche und wir kämpfen nicht in den Kriegen, weil das für einen sehr kleinen Teil unserer Gesellschaft bestimmt ist. Wenn man in Amerika eine Straße entlang geht, würde man nie auf die Idee kommen, dass das Land momentan in gleich zwei Kriege verwickelt ist.


Matt Damon

UPI

Ricore: War das in früheren Konflikten genauso?

Damon: Als es um Vietnam ging, sind die Leute auf die Straßen gegangen, weil jeder Mann in den Krieg einberufen werden konnte. Heute muss man nur in den Krieg, wenn man sich freiwillig zur Armee meldet. Wenn man mit den Soldaten spricht und realisiert, dass diese nicht einmal, sondern schon bis zu fünf Mal in den Krieg ziehen mussten, ist das wirklich demütigend. Das ist eine Sache, die uns im täglichen Leben nicht bewusst wird.

Ricore: Müssen Ihre Filme eine Botschaft haben, die mit Ihren eigenen Ansichten übereinstimmt?

Damon: Ich bin ein liberaler Typ. Ein Film wie "Invictus - Unbezwungen" über Nelson Mandela und Versöhnung reizt mich natürlich. Einen großen Action-Thriller über diesen außenpolitischen Vorfall zu machen reizt mich natürlich auch. Es geht aber weniger darum, ein Statement abzugeben, als vielmehr auf das Material zu reagieren, was man kriegt. Wie jeder andere Schauspieler, suche auch ich mir aus den Angeboten, die ich bekomme, das reizvollste heraus.

Ricore: Könnten Sie sich vorstellen, selbst einmal in einem Krieg wie den Zweiten Weltkrieg zu ziehen?

Damon: Der Zweite Weltkrieg unterscheidet sich sehr von allen anderen Kriegen. Außer bei einem solchen Weltkrieg kann ich mir keine Situation vorstellen, in der man von mir verlangen würde, in den Krieg zu ziehen. Das würde wohl eher die 17- bis 26-jährigen betreffen und nicht die 40-jährigen.

Ricore: Was dachten Sie, als die USA in den Irak einmarschierten?

Damon: Ich war dagegen und gab das auch öffentlich bekannt.

Ricore: Haben Sie je dran geglaubt, dass es dort Massenvernichtungswaffen gäbe?

Damon: Ich habe damals eine Petition unterschrieben, um den Waffeninspekteuren mehr Zeit zu geben. Denn sie sagten ja, dass sie keine Waffen gefunden hätten. Auf diese äußerst rationale Petition reagierte man damals sehr feindselig. 75 Prozent aller Amerikaner dachten zu der Zeit, dass Saddam Hussein mit den Anschlägen des 11. September zu tun hätte. Die Behauptung ist absurd für jeden, der sich mit der Region auskennt. Und das war nicht alles. Man sagte uns, dass die nächste Warnung in Form eines Atompilzes kommen könnte. Nach dem 11. September hatten die Menschen Angst. Das ging mir genauso. Ich war in New York und erinnere mich an die Unsicherheit, die nach den Angriffen entstanden war. Wenn Menschen unter Schock stehen und Angst haben, ist es leicht, sie bestimmte Dinge tun zu lassen. Aber ich bin in solchen Situationen immer misstrauisch. Wenn jemand dauernd sagt, dass man springen soll, frage ich mich: "Warum diese Dringlichkeit?" Ich erinnere mich, wie ich dachte: "Sie wollen im März einmarschieren, weil es in den Sommermonaten zu heiß ist, aber sie wollen nicht bis zum Herbst warten. Warum? Was würden sechs Monate ausmachen? Warum sagen sie plötzlich, dass eine Atombombe hochgehen könnte?" [in dem Moment betritt Paul Greengrass den Raum und ruft laut: "Hi!"] Warum diese Dringlichkeit? Das kam mir sehr verdächtig vor. In Großbritannien war das ganz anders. Aber das kann Paul ihnen alles erzählen.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.

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