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Interview

Hilary Swank
"Ein bisschen Eitelkeit würde ganz gut tun"

Hilary Swank über starke Frauen

Die zweifache Oscar-Gewinnerin Hilary Swank ("Million Dollar Baby", "Boys Don't Cry") fliegt in ihrem neuen Projekt über den Wolken. Als Amelia Earhart setzt sie sich in der Filmbiografie "Amelia" über gesellschaftliche Konventionen hinweg und wird zur ersten weiblichen Pilotin der USA. An ihrer Seite spielen Richard Gere und Ewan McGregor. Im Interview spricht Hilary mit uns auch über die Bedeutung von guten Vorbildern und ihre kurzen Haare.
Von  Julia Manfredi, Filmreporter.de, 17. Juni 2010

Selbstbewusst zeigt sich Hilary Swank als Flugpionierin Amelia

Selbstbewusst zeigt sich Hilary Swank als Flugpionierin Amelia

Ricore: In Ihrem neuen Film "Amelia" gibt es eine Szene, in der Sie mit voller Überzeugung sagen, was Ihr Traum ist. Kennen Sie einen solchen Moment aus Ihrem Leben?

Hilary Swank: Ja, das war im Alter von neun Jahren.

Ricore: Würden Sie sich als ebenso abenteuerlustig beschreiben, wie Amelia im Film ist?

Swank: Auf jeden Fall. Meine Karriere fühlt sich an, als wären es hunderte. Ich lerne wie man fliegt, wie man boxt, wie man unterrichtet. Ich habe die Möglichkeit, all diese Erfahrungen aus erster Hand zu sammeln, das ist unglaublich.

Ricore: Glauben Sie, dass Hollywood Angst vor starken Frauen hat?

Swank: Ich bin mir nicht sicher, ob das so ist. Zwar glaube ich, dass starke Frauen in Hollywood erfolgreich sind, dennoch ist es im Allgemeinen wohl so, dass die Kraft einer Frau Angst einflößend wirken kann.

Ricore: Haben Sie das Gefühl insbesondere Männer mit Ihrer Kraft zu erschrecken?

Swank: Das glaube ich nicht. Männer lassen sich von mir nicht einschüchtern, schon gar nicht die in meinem persönlichen Umfeld.

Hilary Swank mit frecher Kurzhaarfrisur

Hilary Swank mit frecher Kurzhaarfrisur

Ricore: Was schätzen Sie am meisten an Ihrer Arbeit, dem Filmemachen?

Swank: Ich kann meinen Traum leben. Es gibt nichts Besseres, oder? Ich liebe es, Geschichten zu erzählen. Und ganz ehrlich: Ich wüsste nicht, was ich sonst tun würde, wenn ich nicht Schauspielerin wäre.

Ricore: Haben Sie das Gefühl, Kontrolle über Ihr Leben zu haben?

Swank: Ja, ich habe das Steuer in der Hand. Sie müssen wissen, ich bin ein sehr privater Mensch, kein Partymädchen. Meine Familie ist mir sehr wichtig.

Ricore: Haben Sie sich für den Film die Haare geschnitten?

Swank: Ja, das habe ich gemacht. Das ist eine ziemlich lustige Sache an meiner Arbeit. Es war eine witzige Herausforderung. Und ich glaube, es hilft mir, dass ich keine besonders eitle Person bin. Manchmal würde mir ein bisschen mehr Eitelkeit ganz gut tun.

Ricore: Amelia Erhart war ein Einzelgängerin, eine Außenseiterin. Können Sie sich damit identifizieren?

Swank: Ich glaube, sie war eine sehr private Person, was sich aus ihrer Kindheit erklärt. In Bezug darauf sehe ich schon Parallelen zu mir. Ich glaube, jeder von uns fühlt sich irgendwann einmal in seinem Leben als Außenseiter. Je älter man wird, desto mehr erkennt man, dass es anderen auch so geht. Dann fühlt man sich nicht mehr so allein.

Amelia

Amelia

Ricore: Gab es mal eine Situation, in der Sie das Gefühl hatten, jemandem beweisen zu müssen, dass Sie in der Lage sind, eine Sache zu vollenden?

Swank: Es ist weniger, dass ich es jemand anderem beweisen wollte, vielmehr mir selbst. Meiner Person gegenüber wollte ich die Fähigkeiten unter Beweis stellen. Immer wenn ich solche Möglichkeiten bekomme, habe ich großen Respekt davor. Es ist jedes Mal eine große Herausforderung. Ich bin sehr hart zu mir selbst. Ich versuche immer tiefer zu gehen und zu einem besseren Menschen zu werden.

Ricore: Amelia hinterließ ein imposantes Lebenswerk. Was wird ihr Vermächtnis sein?

Swank: Es hat mir nie gefallen, Vorbild zu sein. Die Verantwortung war mir immer zu groß. Ich dachte dann immer, ich müsse perfekt sein. Wenn man älter wird, erkennt man, dass eben gerade auch die Makel ein gutes Vorbild ausmachen - die Art, wie man mit seinen Schwächen und Fehlern umzugehen weiß.

Ricore: Sie sagen also, keiner ist perfekt?

Swank: Genau das. Es gibt keinen Supermenschen. Keiner sieht perfekt aus, keiner führt eine perfekte Ehe, keiner trifft perfekte Entscheidungen. Ein gutes Vermächtnis wäre für mich, einige gute Filme zu hinterlassen, die den Zuschauern sagen, dass sie im Leben niemals aufgeben sollen.

Ricore: Sie sagten, Eitelkeit sei nicht so Ihr Ding. Trotzdem tauchen Sie regelmäßig in den Listen den am besten gekleideten Prominenten auf.

Swank: Das ist nur Glück (lacht) - nein. Ich liebe Mode! Es ist Kunst, es ist ein großartiger Weg, sich selbst zu zeigen. Es gehört zu meinem Job, sich ab und zu schick zu machen, das macht Spaß.

Hilary Swank in "Freedom Writers"

Hilary Swank in "Freedom Writers"

Ricore: Sie haben zwei Oscars gewonnen. Ist es dadurch leichter, neue Rollen zu bekommen?

Swank: Absolut. Ich kann aus sehr guten Drehbüchern auswählen. Ich glaube, das ist der Vorteil der zwei Oscars daheim.

Ricore: Wer hat Sie in Ihrem Leben inspiriert?

Swank: Nun, meine Mutter war eine große Inspiration. Sie ist ein so wundervoller Mensch, der immer an mich und meinen Bruder geglaubt hat. Sie hat uns das für Kinder wichtigste Geschenk gegeben, sie hat an uns geglaubt.

Ricore: Frau Swank, Sie kommen aus bescheidenen Verhältnissen. Wie gehen Sie heute mit Armut um?

Swank: Ich verspüre viel Mitleid für die Leute und ihre Geschichten. Ich beobachte Menschen und frage mich, warum sie einen bestimmten Weg gehen, warum sie nicht das erreicht haben, was sie wollten, warum sie in einem Auto leben. Ich denke viel darüber nach. Allein aufgrund der Tatsache, dass ich aus armen Verhältnissen stamme, kann ich alles, was ich jetzt habe, noch mehr schätzen. Es ist gerade eine sehr schwierige Zeit, die Leute verlieren ihre Jobs. Ich hoffe, dass es sich zum Besseren wenden wird.

Ricore: Was passiert mit Ihren Rollen, wenn Sie abends vom Set nach Hause gehen?

Swank: Nichts, ich nehme sie mit. Jede einzelne Rolle, die ich je gespielt habe, sitzt ganz tief in meinem Herzen. Für immer.

Hilary Swank bei der Premiere von "Amelia" in New York

Hilary Swank bei der Premiere von "Amelia" in New York

Ricore: Welche Menschen bewundern Sie?

Swank: Ich mag Menschen, die sich nicht für ihre Art zu leben entschuldigen. Das ist die größte Herausforderung überhaupt. Wir tun meist Dinge, die entweder unsere Eltern von uns erwartet haben oder unser Alter Ego. Irgendwo auf diesem Weg kommen wir dann vom Pfad ab.

Ricore: Sind Sie eine nervöse Fliegerin?

Swank: Nein, überhaupt nicht.

Ricore: Amelia Erhart war eine einsame Frau. Haben Sie das mit ihr gemeinsam?

Swank: Nein, ich komme gut mit meinem Leben klar. Über die Jahre lernte ich, offener zu sein und zu teilen. Ich wurde immer besser. Ich glaube, das Leben hat sehr viel mit teilen zu tun.

Ricore: Wie war die Zusammenarbeit mit Richard Gere?

Swank: Er fühlt sich sehr wohl in seiner Haut, eine alte Seele. Ein großartiger Kollege.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Julia Manfredi, Filmreporter.de - 17. Juni 2010

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