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Interview
Bjoern Richie Lob am Münchner Eisbach
Andrea Niederfriniger/Ricore Text

Münchens Eisbach: Surfen in einer Parallelwelt

Bjoern Richie Lob über Stadt-Surfer

Für viele ein Hobby, für andere ein Extremsport, für manche eine Philosophie und für wenige ein anarchistischer Lebensentwurf. So unterschiedlich wird das Surfen empfunden. Das gilt insbesondere, wenn der Sport mitten in München betrieben wird, hunderte Kilometer vom Meer entfernt und ansonsten eher für spießige Schicki-Micki-Kultur bekannt. Der gebürtige Kölner Surfer Bjoern Richie Lob ließ sich weder vom bürokratischen Spießrutenlauf noch von den Naturgewalten abhalten, und drehte mit "Keep Surfing" eine lebensbejahende Dokumentation über das mittlerweile in allen Reiseführern erwähnte Eisbachsurfen. Entstanden ist auch ein Portrait von sechs Sportlern, die Surfen zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht haben.
Bjoern Richie Lob am Münchner Eisbach
Andrea Niederfriniger/Ricore Text
Bjoern Richie Lob am Münchner Eisbach
Ricore: Surfen, ist das für Sie nur Sport und Freizeit oder birgt es auch Lifestyle-Aspekte?

Bjoern Richie Lob: Beides. Am Anfang stand für mich mehr der Sport- und Freizeitaspekt im Vordergrund. Ich kam grad aus dem Leistungssport Fußball. Damals war ich viel ehrgeiziger (lacht). Als ich es einigermaßen gut konnte, habe ich sogar bei deutschen Surf-Meisterschaften mitgemacht. Später habe ich gemerkt, dass viel mehr dazugehört. Dass eine Art Philosophie dahintersteckt. Man tauscht sich untereinander aus, hilft sich gegenseitig.

Ricore: Als Deutscher ist man ja auch gezwungen, weit zu reisen…

Lob: Klar. Man reist viel in fremde Länder. Dabei setzt man sich mit anderen Kulturen, Ansichten und Denkweisen auseinander. Das ist in meinen Augen auch das Faszinierende an diesem Sport. Man lernt verschiedene Lebensphilosophien kennen. Das ist das Schöne daran. Man nimmt viel Positives aus diesem Sport mit. Ich hoffe natürlich, dass dies im Film rüberkommt.

Ricore: Ist das auch die Botschaft Ihrer Dokumentation? Das Beste aus dem zu machen, was man hat?

Lob: Auf jeden Fall. Der Film fängt ja mit einem Statement eines kanadischen Coastguards an: "Making use of what you have!". Das bedeutet nichts anderes, als dass man sich an den kleinen Dingen erfreuen soll. Dann macht das Leben mehr Spaß. Und das macht einen großen Teil des Surfens aus.

Ricore: Würden Sie das Surfen als anarchistisches Lebensmodell bezeichnen?

Lob: (Lacht) Beschreibt man den Kontrast zwischen München und dem Surfen, dann kann man den Sport sicherlich als anarchistisch bezeichnen. Natürlich gibt es auch Surfer, die im klassischen Sinne anarchistisch sind. Im Großen und Ganzen aber würde ich eher die Bezeichnung alternativ bevorzugen. Anarchistisch im klassischen Sinne ist Surfen nicht.

Ricore: Sie sind wegen dem Eisbach von Köln nach München gezogen?

Lob: Ja. Daher hatte ich fast von Anfang an nur mit Leuten zu tun, die ich im Zuge des Surfens kennen gelernt hatte. Da war selten ein Schicki-Micki dabei.


Bjoern Richie Lob in Pose
Prokino Filmverleih
Bjoern Richie Lob in Pose
Ricore: Hatten Sie mit dem Localism nie ein Problem?

Lob: Ich erinnere mich noch an mein erstes Mal am Eisbach. Ein Mädel kam zu mir und klärte mich darüber auf, wie gefährlich das doch ist. Wenn man Anfänger ist, sollte man erst in die Floßlände gehen und dort surfen. Natürlich hat sie gesehen, dass ich neu in München war, weil ich nur ins Wasser gefallen bin. Aber zu diesem Zeitpunkt kam ich grad von einem dreiwöchigen Urlaub aus Bali zurück. Dort surfte ich in richtig fetten Wellen am Riff. Das fand ich viel gefährlicher als das Eisbachsurfen. Wobei das auch nicht ungefährlich ist, vor allem mit dem Steinen unter Wasser. Ich habe mich dennoch nicht davon abhalten lassen, zu surfen. Immerhin ist es mein eigenes Risiko. Ich habe es dann glücklicherweise schnell kapiert.

Ricore: Dennoch ist der Localism auch hier in München verbreitet...

Lob: Nun ja, es so, dass selbst Walter Strasser den Leuten meist nur gesagt hat, dass sie unkontrolliert ins Wasser fallen, falls sie es noch nicht gut beherrscht haben. Und das ist in der Tat sehr gefährlich. Wenn sich jemand verletzt, kann es natürlich geschehen, dass das Eisbach-Surfen komplett verboten wird. In Thalkirchen gibt es eine Anfängerwelle. Dort hat selbst der Walter seine ersten zwei Jahre verbracht, bevor er in den Eisbach gegangen ist. Er sagte zu den Leuten: 'Wenn ihr dort richtig gut geworden seid, könnt ihr zum Eisbach kommen, die Welle ist nur etwas für Fortgeschrittene'.

Ricore: Es gab einige, die nicht hören wollten. Die wurden dann anders verjagt…

Lob: Ja. Dann ist Walter lauter und direkter geworden. Hat die Leute teilweise ins Wasser geschubst, oder Kickboxübungen auf der Brücke gemacht, wie wir es auch im Film zeigen (lacht). Solche Leute trifft man am Meer aber auch. Selbst Renato Hickel, der ASP World Tour Manager hat gesagt, 'there are grumpy old locals everywhere'. Manchmal ist das auch gut so, vor allem wenn es um die Gefahren geht. An fremden Spots ist man froh, wenn die Locals nett sind und Tipps geben. Wenn man die Leute aber vertreibt, nur um selber mehr Wellen zu haben, ist das einfach nur daneben.

Ricore: Auch der neunmalige Surfweltmeister Kelly Slater wurde vom Eisbach vertrieben, beziehungsweise ferngehalten.

Lob: Walter hat einfach die Rampe rausgenommen. Er war der erste, der richtig gute Rampen gebaut und die Welle eingestellt hat. An einer Seite hat er Eisenbahnschwellen reingemacht. Dadurch lief die Welle konstant. Als sich Kelly Slater mit zwei Kamerateams angekündigt hatte - wegen der Ispo in München - hat Walter die Rampe rausgenommen. Die Welle lief nicht, Kelly Slater konnte nicht surfen und die konnten nicht filmen (lacht). Seitdem kennt Kelly Slater den Walter Strasser.

Ricore: Es gab während der Dreharbeiten zu "Keep Surfing" durchaus gefährliche Situationen. Stichwort: Tahiti…

Lob: Tatsächlich gab es auf Tahiti eine ganz krasse Situation. Ich war mit meiner gesamten Ausrüstung, der Wasserkamera und dem Wasser-Fotoapparat als Ein-Mann-Team unterwegs. Für mehr hat das Geld einfach nicht gereicht. Während des Contests erhielt ich aber von Billabong keinen Jetski, wie alle anderen Fotografen und Kameraleute. Ich war ja nur ein unwichtiger Deutscher, der darüber berichtete, wie Leute auf dem Fluss rumrutschen. Darunter konnten die sich halt nichts vorstellen. Vielleicht war es ihnen auch zu läppisch. Ich war also der Einzige, der nicht mit dem Jetski aufs Riff rausgefahren wurde.


Surfen am Eisbach ist Abenteuer und Action
Prokino Filmverleih
Surfen am Eisbach ist Abenteuer und Action
Ricore: Sondern?

Lob: Ich hatte ein kleines Boot ohne Ruder, mit dem ich jeden Tag zwei Mal raus und rein paddelte. An das Boot habe ich meine Leash festgemacht und bin mit dem Surfbrett im Schlepptau immer wieder raus. Pro Strecke habe ich eine halbe Stunde gepaddelt. Wenn man aber am Riff entlang paddelt, kann es schon gefährlich werden, vor allem wenn ein Set kommt. Ich habe immer darauf geachtet. Am letzten Tag aber war ich in Gedanken versunken. Ich dachte gerade über die Bilder nach, die ich vorher gedreht habe. Plötzlich sehe ich, dass ein riesengroßes Set auf mich zukommt. Wie ein Geistesgestörter paddelte ich weiter raus, schaffte es aber nicht. Die Wellte packte das Boot, an das ich mit der Leash festgemacht war. Das Boot wurde aufs Riff geschleudert, festgesaugt und ich wurde hinterher gezogen (lacht). Alle Sachen schwammen um mich herum, zum Glück waren die Kameras wasserdicht verpackt. Hätte ich mein Equipment nicht bergen müssen, wäre es kein Problem gewesen. Aber so war das schon eine etwas gefährliche Situation.

Ricore: Gab es im Laufe der Produktion Momente, wo Sie alles hinschmeißen wollten? Sie haben immerhin rund fünf Jahre an "Keep Surfing" gearbeitet…

Lob: Nein, eigentlich nicht. Ich habe immer gedacht, wenn ich nicht aufhöre, wird der Film irgendwann fertig. Einer meiner damaligen Fußballtrainer hat mal zu mir gesagt, man fällt ganz oft hin, nur muss man wieder aufstehen, dann wird auch alles gut. Das passt perfekt aufs Surfen. Gerade bei diesem Sport fällt man am Anfang ganz oft hin. Aber wenn man immer wieder aufsteht und weitermacht, wird es gut. Das war gewissermaßen auch ein Motto, das ich mir gesetzt habe.

Ricore: Können Sie sich noch daran erinnern, wie die Surfleidenschaft Sie gepackt hat?

Lob: Mit 20 Jahren habe ich mit einem Freund an der französischen Atlantikküste einen Surfkurs gemacht. Damals fand ich es schon ziemlich cool. So richtig auf den Geschmack gekommen bin ich aber erst zwei Jahre später auf Bali. Dort war ich dann drei Monate am Stück von morgens bis abends am Wasser. Das Badewannenwasser, im Boardshort, kein Neopren, türkisfarbenes Wasser, weiße Strände, Riffe und lauter Surfer, die einem Tipps gegeben haben. Ich weiß noch, wie ein Australier, mit dem ich unterwegs war, mir erklärt hat, wie man die Wellen richtig liest und wie man sie anpaddeln muss. In der ersten Welle, in der er mich geschickt hat, bin ich bis zum Strand gefahren. Das war ein geiles Gefühl, so lange auf einer Welle zu surfen. Ich konnte es gar nicht glauben.

Ricore: Das klingt abenteuerlich.

Lob: Das war es auch. Wir haben ein Boat-Trip gemacht, sind zu Inseln gefahren, immer auf der Suche nach neuen Wellen. Das war großartig. Nach Bali war klar, dass ich jeden Urlaub zum Surfen nutze. Damals wollte ich auswandern, irgendwohin ans Meer.

Ricore: Aber es kam anders, Sie zogen nach München?

Lob: Damals fing einer meiner besten Freunde hier in München an, Medizin zu studieren. Er rief mich an und meinte, ich solle unbedingt herkommen, denn hier könne man auch auf einem Fluss surfen. Ich konnte mir das nicht vorstellen. Als ich es mir angeguckt habe, habe ich mir gedacht, krass, ich brauche ja gar nicht auszuwandern. Vor allem waren die Münchner Surfer genauso drauf wie die Jungs, die ich in Bali kennen gelernt habe. Das war wie eine Parallelwelt mitten in Deutschland.


Keep Surfing
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Keep Surfing
Ricore: Bevorzugen Sie den Fluss oder das Meer?

Lob: Wenn ich in der Nähe von guten Flusswellen bin, surfe ich im Fluss. Wenn ich am Meer bin, surfe ich natürlich im Meer (lacht). Da ich aber in München lebe und den Eisbach in meiner Nähe habe, kann ich jederzeit in meiner Freizeit surfen. Natürlich sehne ich mich regelmäßig nach dem Meer. Und wenn ich wieder Zeit und Geld habe, fahre ich sicher wieder ans Meer. Ich mache beides sehr gerne.

Ricore: Im Zuge der Dreharbeiten waren Sie auch in Kanada und Frankreich.

Lob: Ja, das waren zwei sehr coole Abenteuer. Einige Ausschnitte von diesen Trips sind auch im Film gelandet. In Frankreich waren wir tatsächlich die ersten, die diese Welle jemals gesurft sind. Noch niemand hat diese Welle ausprobiert, keiner wusste, was sich dahinter befindet. Im Zuge dieses Abenteuers fühlte ich mich in meine Kindheit und Jugend zurückversetzt. Damals war ich total enttäuscht, als ich feststellte, dass heute bereits alles erobert und entdeckt ist. In Frankreich aber habe ich gemerkt, man kann doch noch etwas entdecken. Das waren mit Sicherheit die beiden besten Surftrips, die ich in meinem Leben gemacht habe.

Ricore: Stimmt es, dass Sie Schwierigkeiten hatten, Drehgenehmigungen am Eisbach zu erhalten?

Lob: Damals waren drei Behörden dafür zuständig. Die Stadt sorgte für die Brücke und den Parkplatz. Von ihr haben wir die Genehmigung schnell erhalten. Die fand es gut, was wir machten und hat uns unterstützt. Die Schlösser- und Seenverwaltung hatte den Teil des Englischen Gartens unter sich. Da war es sehr schwierig. Das Wasser- und Wirtschaftsamt war für den Kanal selbst verantwortlich. Wir wollten eigentlich schon ein Jahr früher drehen, aber da hatten wir noch keine Genehmigungen. Als Produzent Tobias Siebert dazukam, hat er mit ein paar Tricks es geschafft, dass wir tatsächlich dort drehen durften (lacht).

Ricore: Warum haben Sie die Drehgenehmigung erst später erhalten?

Lob: Der Schlösser- und Seenverwaltung ging es hauptsächlich um die Haftungsfrage. Sie befürchteten, dass der Dokumentarfilm den Eisbach noch bekannter macht und dadurch mehr Leute anzieht. Die Gefahr von Verletzungen und noch Schlimmeren besteht eben doch. Um nicht haftbar gemacht werden zu können, wollten sie nicht, dass dort gedreht wird.

Ricore: Wie sieht die Zukunft des Eisbachs aus?

Lob: Die Schlösser- und Seenverwaltung hat ihren Teil des Eisbachs an die Stadt übertragen. Jetzt sind also nur mehr die Stadt München und der Oberbürgermeister dafür verantwortlich. Bei ihnen ist die Haftungsfrage geklärt, nämlich über die Beschilderung. Dort steht, dass Surfen und Schwimmen auf eigene Gefahr verboten ist. Wenn was passiert, ist man eben selbst dafür verantwortlich.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.

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