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Interview

Oren Moverman
"Humanistische Botschaft"

Oren Moverman will Dialog

Oren Moverman machte sich als Drehbuchautor von Todd Haynes' Biopic "I'm Not There" über Bob Dylan einen Namen. Mit "The Messenger - Die letzte Nachricht" legt der in Israel geborene Künstler sein Regiedebüt vor. Das Kriegsdrama feierte auf dem Sundance Film Festival seine Weltpremiere und wurde für einen Golden Globe sowie zwei Oscars nominiert. Mit uns spricht Overman über seine israelische Herkunft, die Rolle der fortgeschrittenen Medizin im Krieg und die Hoffnung, mit seinem Film eine Diskussion auszulösen.
Von  Nina Klofac/Filmreporter.de,  1. Juni 2010

The Messenger

The Messenger

Ricore: Aus welchem Grund sprechen Sie im Film mehrere irakische Städte an?

Oren Moverman: Im Film und der Arbeit im Irak geht es letztlich darum, die Hinterbliebenen so schnell wie möglich zu informieren, wenn jemand gestorben ist. Man muss so schnell und so viel Information wie möglich filtern und sie dann nach außen tragen. Man muss die Leute zu Hause schnellstmöglich darüber unterrichten, wo ihre Verstorbenen sind. Was man meist leicht beantworten kann, ist wie und wo der Tod eingetreten ist, daher die verschiedenen Städte.

Ricore: Der Film ist ja sehr emotional. Wird er auch in Amerika in die Kinos kommen?

Moverman: Ja, wir befinden uns mit verschiedenen Verleihern in Verhandlungen.

Ricore: Wem kommt die Rolle des Protagonisten eher zu, Woody Moverman oder Ben Foster?

Moverman: Tja, das weiß ich auch nicht so recht, wenn man sich die Frage stellt, wer der Messenger eigentlich ist. Ich glaube, dass es letztlich um die Botschaft im Film geht.

Oren Moverman und sein Schützling Woody Harrelson

Oren Moverman und sein Schützling Woody Harrelson

Ricore: Bringen Sie ihre eigene israelische Herkunft in den Film ein? In Israel spielt die Benachrichtigung ja eine wichtige Rolle.

Moverman: Den Hintergrund bringe ich in alles ein, was ich tue. Der ist nun mal Teil von mir. Ich weiß, dass das Ganze in Israel etwas anders gehandhabt wird, aber in diesem Film geht es um die amerikanischen Streitkräfte. Dafür mussten wir entsprechende Recherchen betreiben, um es dann auch so zeigen zu können, wie es dort tatsächlich abläuft. Das heißt aber nicht, dass nicht auch ein Teil meiner Person mit drinnen ist.

Ricore: Wie wurden Sie bei ihren Recherchen von den amerikanischen Streitkräften unterstützt?

Moverman: Zum einen haben sie das Drehbuch gelesen. Zum anderen haben sie uns technische Unterstützung gegeben. Da gab es einen Oberstleutnant, der mit an den Drehorten war und sehr viel zum Film beigetragen hat. Der Grund, warum die Streitkräfte den Film auch unterstützen wollten, lag an ihrem Stolz. Viele sind stolz auf die Arbeit der Soldaten. Alle glauben, dass ist eine ganz anständige Sache. Viele beschreiben es auch als den härtesten Job, den man in der Armee machen kann. Die Bewältigung der emotionalen Belastung kann man in keiner Ausbildung lernen.

Ricore: Ist "The Messenger" ein Antikriegsfilm oder nicht?

Moverman: Naja, also ein Pro-Kriegsfilm ist es nicht. Ich weiß es nicht. Also wenn sie diesen Film sehen und die Konsequenzen des Kämpfens im Irak, dann ist es, vor allem wenn man sieht, dass es immer mehr und mehr Särge werden, ja, dann ist es wohl ein Antikriegsfilm. Es wird auf alle Fälle eine Seite des Krieges gezeigt, der die Gemüter nicht sonderlich positiv stimmt. Es geht in diesem Film nicht um politische Entscheidungen, um Außenpolitik oder Kriegsstrategie. Es geht um die Tatsache, dass gefällte Entscheidungen auch immer etwas für Leute zu bedeuten haben. Darum, wie diese Leute dann mit den Konsequenzen einer Entscheidung leben.

Ben Foster und Woody Harrelson in "The Messenger"

Ben Foster und Woody Harrelson in "The Messenger"

Ricore: Gibt es im Film eine Tendenz, dass Soldaten oder andere Kriegsteilnehmer vermehrt in ihrem Leid dargestellt werden? Oder hat das Ganze mit dem Ende der Bush-Ära zu tun?

Moverman: Ich glaube, das ist eine ganz normale Tendenz, eine ganz natürliche Entwicklung. Sehen Sie sich doch mal Vietnam an. Gerade in so kontroversen Kriegen, wie der im Irak, zeigt man eben auch das, was zu Hause geschieht. Damit haben wir in den Vereinigten Staaten erst begonnen. Etwa traumatisierte Soldaten, die nach Hause kommen. Die wären früher an ihren Verletzungen gestorben. Heute gibt es die fortgeschrittene Medizin, die sie sozusagen dazu verpflichtet, die nächsten 50 oder 60 Jahre mit ihren Verletzungen - auch den seelischen - klarzukommen. Ich hoffe schon, dass der Film eine Tendenz abzeichnet, zumindest in Bezug auf die Vereinigten Staaten. Auch was den Übergang von Bush zu Obama angeht. Das war für mich ziemlich ungewohnt, dass von einer so reaktionären Politik zu einer eher nachdenklichen übergegangen wird. Wir hoffen, dass der Film einen bestimmten Moment in der Entwicklung der Vereinigten Staaten einfängt.

Ricore: Wann haben Sie mit der Arbeit an dem Projekt begonnen?

Moverman: Drehbuchautor Alessandro Camon und ich haben ungefähr vor dreieinhalb Jahren mit der Arbeit angefangen. Zuerst hatten wir einige Ideen. Es haben sich mehrere Regisseure mit dem Thema befasst, es ist aber an mir hängengeblieben. Eine Karriere als Regisseur beginnt oft so.

Ricore: Der Film wurde bereits in Sundance gezeigt. Wie waren die Reaktionen?

Moverman: Die Reaktionen waren gut. Wir hatten ja dort unsere Weltpremiere. Die Leute waren schon beeindruckt - aber auch schockiert. Die Sache ist, dass diese Perspektive der Benachrichtigung oft die der Familie ist. Der Film baut darauf auf, dass immer neue Todesnachrichten überbracht werden. Ich glaube, dass viele Leute das aus einem persönlichen Blickwinkel gesehen haben. Es geht darum, wie man ganz grundsätzlich mit Trauer umgeht.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Nina Klofac/Filmreporter.de - 1. Juni 2010

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