Zorro Filmverleih
Robert Gwisdek in: Renn, wenn du kannst
Shrimps-Fischer und Obdachloser
Interview: Tausendsassa Robert Gwisdek
Die Schauspielgabe wird Robert Gwisdek quasi in die Wiege gelegt, sind seine Eltern doch die Schauspieler Corinna Harfouch und Michael Gwisdek. Obwohl Robert schon seit seinem sechsten Lebensjahr auf der Bühne steht sowie in zahlreichen Theaterstücken und Filmen mitwirkt, vermeidet er bis heute die Berufsbezeichnung 'Schauspieler'. Viele lieber hält er sich Wege und Türen für seine Zukunft offen. So betätigt er sich unter anderem als Drehbuchautor, Möbelbauer und Musiker. Seinen Unterhalt kann man ja schließlich auch so verdienen.
erschienen am 29. Juli 2010
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Robert Gwisdek in: Renn, wenn du kannst
Ricore: War es eine große Herausforderung, einen jungen Mann im Rollstuhl zu spielen?

Robert Gwisdek: Ja natürlich, es gab sogar zwei große Herausforderungen. Zum einen die Körperlichkeit eines Tetraplegikers zu spielen, der weder seine volle Handfunktion, noch Bauch- oder Beinmuskeln hat.

Ricore: Ihre Filmfigur sitzt schon seit acht Jahren im Rollstuhl...

Gwisdek: Ja, und daraus ergab sich auch die zweite Herausforderung. Meine Filmfigur Ben ist sehr geübt in seinen Bewegungen, dadurch dass er schon so lange im Rollstuhl sitzt.

Ricore: Konnten Sie sich leicht in Ben hinein fühlen?

Gwisdek: Mir sind seine Wesenszüge, seine Art von Charakter eigentlich sehr fremd. Er ist manchmal ein sehr zynischer, verschlossener und auch gemeiner Mensch. Das bin ich nicht.

Ricore: Wie haben Sie sich vorbereitet?

Gwisdek: Ich habe zweieinhalb Monate vor den Dreharbeiten Rollstuhlfahren gelernt. Ich habe mich mit Rollstuhlfahrern getroffen und mir zeigen lassen, wie bestimmte Vorgänge ablaufen, wie sie zum Beispiel essen, sich an- und ausziehen, wie sie sich ins Bett legen. Ich habe sehr viel geübt, grade auch was die Handmuskulatur betrifft. Das hat einige Zeit gedauert.
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Robert Gwisdek und Anna Brüggemann in: Renn, wenn du kannst
Ricore: Haben Sie im Zuge dieser Probezeit und der Dreharbeiten Ihren Körper neu kennen gelernt?

Gwisdek: Ja, denn hier musste ich üben, etwas nicht zu können. Bei anderen Rollen lernt man Jonglieren oder Reiten oder Tanzen. Hier war es eine ganz andere Herangehensweise. Ich musste mir gewissermaßen eine Blockade antrainieren. Das war wirklich eine Herausforderung und hat mich meinem Körper sehr nahe gebracht. Beispielsweise musste ich mich alleine vom Boden in einen Stuhl hineinsetzen, ohne die Beinmuskeln zu benutzen. Das war für mich anfangs sehr, sehr schwierig.

Ricore: Lieben Sie solche Herausforderungen?

Gwisdek: Ja, das mag ich am liebsten. Ich bewege mich noch nicht in dem Status, in dem ich meine Rollen nur von dem abhängig machen kann. Aber wenn mir dann eine solche Möglichkeiten geboten wird, wie hier, dann sehe ich das als großes Glück an.

Ricore: Tatsächlich sind Sie dann vom Glück verfolgt, denn auch in "13 Semester" spielen sie einen ganz speziellen Charakter.

Gwisdek: Ich glaube, ich kann mich mit allen Charakteren identifizieren. Bei manchen Drehbüchern habe ich aber das Gefühl, dass es keine wirklichen Figuren gibt, sondern aufgeschriebene Klischees. Damit habe ich dann ein Problem. Oder sagen wir es anders: Ich kann mich mit jeder Haltung eines Menschen identifizieren, aber nicht mit jeder Art und Weise, wie ein Mensch in einem Film dargestellt wird.

Ricore: Können Sie ein Beispiel nennen?

Gwisdek: Wenn die Art und Weise wie jemand spricht, in meinen Augen unrealistisch ist, dann habe ich ein Problem damit, mich in die Sprache rein zudenken, aber nicht in die Art wie er handelt.
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Renn, wenn du kannst
Ricore: Wann war der Moment da, als Sie wussten, Sie wollen Schauspieler werden?

Gwisdek: Diesen einen Moment gab es gar nicht. Ich würde eher sagen, es beginnt gerade jetzt erst realistisch zu werden.

Ricore: Wie meinen Sie das?

Gwisdek: Ich habe heute weniger Angst vor dem Beruf. Ich genieße die Arbeit viel mehr. Ich stand schon sehr früh auf der Bühne, mit sechs Jahren in "Klein Eyolf" zum Beispiel. Damals habe ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht, ob ich wirklich Schauspieler werden will. Im Grunde aber will ich mir alles offen halten und noch nicht wirklich die Berufsbezeichnung des Schauspielers geben. Wenn ich ehrlich bin, scheue ich mich vor Definitionen, die mein Leben bestimmen.

Ricore: Sie sehen sich also eher als Robert Gwisdek, denn als Schauspieler?

Gwisdek: Ja genau, diese Bezeichnung wäre mir am liebsten (lacht).

Ricore: Hatten Sie schon andere Berufsbezeichnungen im Kopf?

Gwisdek: Oh ja. Erst wollte ich Shrimps-Fischer werden, dann Friedensaktivist. Einmal wollte ich sogar Obdachloser werden, durch die Welt wandern, ohne Geld, einfach alles auf sich zukommen lassen. Ein Wanderer sozusagen.
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Robert Gwisdek und Anna Brüggemann in: Renn, wenn du kannst
Ricore: Sie machen auch viel Musik...

Gwisdek: Ja genau, mit meinem Bruder.

Ricore: Und Sie schreiben Drehbücher...

Gwisdek: Und ich baue Möbel, damit ich ein bisschen Geld verdiene.

Ricore: Ein richtiger Tausendsassa!

Gwisdek: Naja, ich will mich beruflich einfach nicht festlegen. Es gibt ja schließlich viele Wege, die nach Rom führen.

Ricore: Aber nicht auf dem roten Teppich...

Gwisdek: Auf roten Teppichen, Premieren oder sonstigen Großveranstaltungen fühle ich mich einfach nicht wohl.

Ricore: Warum nicht?

Gwisdek: Das fühlt sich für mich einfach unangenehm an.

Ricore: Sie fühlen sich also vor der Kamera wohler als im Rampenlicht.

Gwisdek: Auf jeden Fall.

Ricore: Sie werden sicher oft auf Ihre Eltern angesprochen...

Gwisdek: Ja, aber da meine Eltern tolle Personen sind, stört mich das nicht.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
erschienen am 29. Juli 2010
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Robert Gwisdek wird 1984 in Berlin geboren. Im zarten Alter von fünf Jahren steht er erstmals vor der Kamera. Von 2002 bis 2006 studiert er an der Leander Haußmanns "NVA" im Jahr 2005. Robert Gwisdek ist der Sohn der Schauspielerin Corinna Harfouch und des Regisseurs und Schauspielers Michael Gwisdek.
Rollstuhltyrann Benjamin (Robert Gwisdek), die schüchterne Cellistin Annika (Anna Brüggemann) und der lebensbejahende Zivi Christian (Jacob Matschenz) werden Freunde. Was sie verbindet, sind Einsamkeit und unerfüllte Sehnsüchte. Benjamins Vergangenheitsbewältigung sowie Annikas Entscheidungsunfähigkeit stellt die Freundschaft allerdings auf eine harte Probe. Klingt vielversprechend - oder? Dietrich Brüggemann bedient sich einer interessanten Thematik und kann diese zunächst auch glaubhaft..
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