Regisseur Adam Elliot am Set von "Mary & Max oder schrumpfen Schafe, wenn es regnet?"
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Regisseur Adam Elliot am Set von "Mary & Max oder schrumpfen Schafe, wenn es regnet?"
Australier sind faul und blöd
Interview: Mary & Max: Adam Elliot über Stereotype
Mit seinem Kurzfilm "Harvie Krumpet" gelang Adam Elliot ein Riesenerfolg, der mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Nun legt der Regisseur seinen ersten Spielfilm vor. "Mary & Max oder schrumpfen Schafe, wenn es regnet?" erzählt von der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen zwei Protagonisten aus Australien und Amerika, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Elliot bricht in seinem Werk einige Tabus. Warum, das erzählt er uns im Interview in Berlin. Dabei spricht der unkonventionelle Australier über Stereotype und die Werbemethoden Pixars.
Von  Ulrich Blanché/Filmreporter.de,  25. August 2010
Mary & Max oder schrumpfen Schafe, wenn es regnet?
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Mary & Max oder schrumpfen Schafe, wenn es regnet?
Ricore: Einer der Charaktere heißt Popodopulus. Finden sich darin typisch australische Sichtweisen auf die Griechen?

Adam Elliot: Ja, absolut. Vor allem in den 1970er Jahren gab es in Melbourne eine große griechische Bevölkerung, die während der 1950er Jahre nach Australien gekommen sind. Leider wurden sie nicht sehr freundlich empfangen, sondern waren mit viel Rassismus konfrontiert. Jetzt ist es besser. Es gibt zahlreiche Restaurants, auch viele meiner Freunde sind Griechen oder Italiener. Ich habe im Film versucht, die Perspektive der 1970ern zu zeigen.

Ricore: Warum wählten Sie den Namen Hazelhof? Besteht da eine Verbindung zu David Hasselhoff?

Elliot: Nein, nicht wirklich, Ich wollte den Hauch eines jüdischen Namens, der nicht zu jüdisch klingen sollte.

Ricore: Welche Stereotypen sind charakteristisch für Australien?

Elliot: Ein typischer Australier hat einen dicken Bauch, ein Bier in der einen Hand und Grillfleisch in der anderen. Außerdem trägt er Flip Flops. Er hat einen Strohhut auf und die Nase voll mit weißer Sonnencreme. Das ist der Klischee-Australier.

Ricore: Sie waren bereits oft auf Festivals in Deutschland. Was entspricht dem deutschen Klischee?

Elliot: Oh, ich war erst zwei Mal in Stuttgart, nun bin ich das erste Mal in Berlin. Ein deutsches Klischee? Sie tragen runde, kleine Brillen, haben ein schmales Gesicht, tragen dunkle Kleidung, oder?
Regisseur Adam Elliot am Set von "Mary & Max oder schrumpfen Schafe, wenn es regnet?"
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Regisseur Adam Elliot am Set von "Mary & Max oder schrumpfen Schafe, wenn es regnet?"
Ricore: In etwa. Wie sieht es mit verhaltenstypischen Merkmalen aus, wenn man Australier mit Deutschen vergleicht?

Elliot: Im Vergleich zu den Australiern sind die Deutschen analytischer veranlagt. Sie sind eher die Denker. Zudem sind sie direkter. Australier sind fauler und blöder. Deutsche hingegen sind organisierter, die Australier kümmern sich nicht sonderlich.

Ricore: Welcher Unterschiede bestehen zwischen Sydney und Melbourne?

Elliot: Die Einwohner der einen Stadt hassen die anderen. Nie würde jemand aus der einen Stadt in die andere ziehen. In Melbourne ist es kälter. Es gibt dort mehr Kreativität, mehr Kunst. Melbourne und seine Bewohner sind modischer. Auch die Sprache ist eine andere, als in Sydney. Der Akzent ist nicht so stark. Sydney ist eher eine kosmopolitische Stadt. Sydney ist auch schöner als Melbourne, nicht so flach. Ich glaube das sind die Hauptunterschiede.

Ricore: Inwiefern haben australischen Stereoptype die Filmentwicklung beeinflusst?

Elliot: Die Charaktere müssen auf jeden Fall identifizierbar sein. Ich habe aber versucht, zu viele Stereotypen zu vermeiden. Es gibt also keine Kängurus, welche die Straßen entlang hüpfen. Wichtig waren solche Details, wie die Briefkästen. Das sind wichtige Objekte, um Australien in den 1970ern zu zeigen. Es war auch toll, zu sehen, wie das australische Publikum es bemerkt hat. Die haben sich richtig gefreut, an die 1970er erinnert zu werden. Es soll zwar bemerkt werden, aber eben nur bis zu einem gewissen Grad.
Regisseur Adam Elliot
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Regisseur Adam Elliot
Ricore: Wie kamen Sie auf die Tabus, die in "Mary und Max" gezeigt werden?

Elliot: Ich finde, es gehört zur Aufgabe eines Regisseurs, Neues aufzuzeigen und Grenzen zu verschieben. Animationsfilme waren zu lange zu sicher, zu formell. Deswegen liebe ich Filme wie "Waltz with Bashir", weil dort letztlich auch eine Grenze verschoben wird. Es ist mein Job, dem Publikum etwas Neues, Anderes zu zeigen. Wo steht geschrieben, dass man einen Animationsfilm nicht auch über Selbstmord machen kann? Warum gibt es keinen Sex? Warum sind all diese Sachen nicht zu sehen? Zudem basiert "Mary und Max" auf echten Charakteren. Max ist mein Brieffreund, dem ich 20 Jahre geschrieben habe. Er ist Autist und es wäre nicht möglich gewesen, das aus dem Film wegzulassen. Es ist ein Teil von ihm, der zur Erklärung seines Charakters nicht fehlen darf. ich schreibe viel über Leute, die mich umgeben. Viele sind Autisten, ein Freund von mir hat das Tourrette-Syndrom. Es ist viel interessanter, als über perfekte Leute zu schreiben.

Ricore: Haben Sie Max je getroffen?

Elliot: Nein, noch nicht.

Ricore: Woran liegt es, dass solche Filme erst jetzt kommen? Am Publikum oder an den Machern?

Elliot: Erst kürzlich wurden wir in Amerika gefragt, wer uns ermöglichte diesen Film zu machen? Dort wäre es nicht möglich gewesen. Es wäre zu riskant, man will sein Geld schließlich wieder einspielen. Jemanden zu zeigen, der sich umbringt, würde die Leute erschrecken - diese Idioten. Nun, bis jetzt mögen die meisten "Mary und Max". Es sollte auch kein Blockbuster werden, der 50 Millionen Dollar einspielt. Zehn Millionen würden mir schon reichen.
Max aus "Mary & Max oder schrumpfen Schafe, wenn es regnet?"
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Max aus "Mary & Max oder schrumpfen Schafe, wenn es regnet?"
Ricore: Welche Rolle spielt die Werbung?

Elliot: Klar, das hängt auf jeden Fall zusammen. Aber wir haben ein Arthaus-Film gemacht, der sich ein wenig in die Mainstream-Richtung bewegen könnte. Ich wünsche mir nur, dass so viele Leute wie möglich den Film sehen. Es ist ein Test. Wenn "Mary und Max" gut ankommt, werden sicher viele ähnliche Filme herauskommen. Wir sind die ersten, die es wagen, eine Mischung aus Komödie und Tragödie zu zeigen. Bei "Waltz with Bashir" ist es anders, da ist alles finster und erwachsener. Ich denke, die Werbung unseres Films wird sich selbst regeln. Wir brauchen keine Riesenposter wie Pixar, die sie an der Autobahn aufstellen. Die Zuschauer werden unseren Film per Mundpropaganda verbreiten, weil er etwas Neues zeigt.

Ricore: Bevorzugen Sie 3D oder die Arbeit mit plastischen Figuren?

Elliot: Mir sind auf alle Fälle die plastischen Figuren lieber. Es würde mich frustrieren, an einem Computer zu sitzen und den ganzen Tag zu animieren. Das ist aber eine ganz persönliche Meinung. Ich glaube, die Figuren kommen immer noch so gut an, weil die Zuschauer etwas Persönliches damit verbinden. Wenn sie sehen, dass sich die Masse auf dem Bildschirm tatsächlich bewegt. Es liegt an der Form, wie der Film gemacht wird. Alles findet innerhalb der Kamera statt. Alles ist echt, man kann alles anfassen. Regen, Feuer, Tränen etc. Ich denke, das wird vom Publikum bevorzugt.

Ricore: Ist das zeitlos?

Elliot: Ja. Es ist definitiv zeitlos. Als ich auf dem Sundance Festival vor der Filmaufführung auf die Bühne ging und erklärte, dass im ganzen Film nicht ein Teil computergeneriert ist, haben alle geklatscht. Letztlich ist es die Geschichte, die am wichtigsten ist. Eigentlich sollte es keine Rolle spielen, ob es sich um Lego, plastische Figuren oder Computeranimierte Sequenzen handelt, was zählt, ist die Geschichte.
Mary aus "Mary & Max oder schrumpfen Schafe, wenn es regnet?"
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Mary aus "Mary & Max oder schrumpfen Schafe, wenn es regnet?"
Ricore: Mit welchen Problemen sehen Sie sich während dem Verfassen einer Geschichte konfrontiert?

Elliot: Ich habe eine sehr unkonventionelle Art zu schreiben. Ich habe keine Handlung, sondern arbeite mit Details. Um es bildlich zu sagen, habe ich all die Zutaten, die man zum Backen eines Kuchens braucht. Ich muss sie nur richtig zusammen mischen. Am Ende des Buchs bleibt dann immer die Hoffnung auf eine Handlung. Ich schreibe total intuitiv und spontan. Das größte Problem ist zu hoffen, dass am Ende tatsächlich eine Handlung herauskommt. Ich bin nicht einer dieser Handlungsbesessenen. Es gibt sogar einige die sagen, "Mary und Max" hätten gar keine Handlung.

Ricore: Sondern?

Elliot: Es geht um die Entwicklung der Charaktere, darum, nicht schon zu Beginn ein Ende in Aussicht zu stellen. Das Publikum soll nicht wissen, wie der Film endet, sondern mit Spannung darauf warten. Sie sollen wissen wollen, was als nächstes geschieht.

Ricore: Inwiefern hat Sie Ihr Aufenthalt hier in Berlin für Ihren nächsten Film inspiriert?

Elliot: Ich war nicht wirklich lange hier, da ich erst gestern angekommen bin. Aber vergangene Nacht hat mich ein Freund in eine Bar mitgenommen. Die Dekoration und die Leute waren großartig. Das hat mich beeindruckt. Berlin ist eine sehr kreative Stadt. Es würde mich reizen, hier eines Tages einen Film zu machen. Ich ähnele einem Schwamm - ich sauge alles auf.

Ricore: Wie sieht es mit ihren nächsten Projekten aus?

Elliot: Ich habe noch nicht mal eine Ahnung, worum es in meinem nächsten Film gehen soll oder welche Charaktere vorkommen werden.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Ulrich Blanché/Filmreporter.de,  25. August 2010
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