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Interview

Michael Mittermeier
Mit Humor agieren

Michael Mittermeier kämpferisch

Michael Mittermeier gehört zu den erfolgreichen deutschen Comedians. Seine Programme sind stets ein Ereignis. Doch Humor verbindet Mittermeier auch mit sozialem Engagement. Ob sein Einsatz für die Organisation ONE oder sein Eintreten für Deine Stimme gegen Armut - Mittermeier beweist, dass Komik und Kampf gegen Ungerechtigkeit sich ergänzen können. Das verbindet ihn mit dem Zarganar. Über dessen tragisches Schicksal - der Burmese ist wegen seiner politischen Satire im Gefängnis - hat Mittermeier mit Filmemacher Rex Bloomstein den Dokumentarfilm "This Prison Where I Live" gedreht.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de, 25. Oktober 2010

This Prison Where I Live

This Prison Where I Live

Ricore: Herr Mittermeier, wie kam es zur Zusammenarbeit zu "This Prison Where I Live". Waren Sie der aktiv oder ist Regisseur Rex Bloomstein auf Sie zugegangen? Michael

Mittermeier: Das war wohl eine Mischung aus beidem. Rex Bloomstein hielt sich mit den Leuten von Cinema for Peace in Berlin auf, als ihm die Geldgeber abgesprungen sind. Daraufhin schrieb Cinema for Peace weltweit Comedians an. Auch ich erhielt eine Mail. Ich fand das Thema spannend. Da ich seit vielen Jahren auch Burma-Aktivist bin, lag mir die Verquickung von Komik und Burma nahe. Als ich den Regisseur angerufen habe, war er zunächst verwundert, dass sich ein deutscher Komiker meldet. Für ihn als Engländer war das per se ein Widerspruch.

Ricore: Was war Ihre Motivation, an dem Projekt teilzunehmen?

Mittermeier: Das war eine reine Bauchentscheidung. Ich habe mich darüber informiert und wusste sofort, dass ich das machen will. Eine rationale Erklärung dafür habe ich nicht. Wenn ich mit Argumenten angefangen hätte, hätte ich den Film am Ende vielleicht nicht gemacht. Der Film ist etwas kleines Feines für ein kleines Publikum. Das war nicht etwas, wo ich sagte, ich mach das jetzt, um damit etwas zu erreichen. Wir wollten damit eine Kampagne machen, mit der Absicht, Zarganar aus dem Gefängnis zu holen. Außerdem wollten wir mit dieser Geschichte das Thema Burma ansprechen. Als Amnesty International von dem Projekt hörte, sind sie fast auf die Knie gefallen, weil sie den Mann seit Monaten unterstützen. Auch von ihnen gibt es eine Kampagne, Zarganar aus dem Gefängnis zu befreien. "This Prison Where I Live" ist ebenfalls eine Kampagne, gleichzeitig aber auch ein Film, bei dem man etwas über Burma und über Humor lernen kann.

Ricore: Haben Sie Hoffnung, dass Ihre Kampagne erfolgreich und Zarganar befreit werden könnte?

Mittermeier: Natürlich habe ich ein Fünkchen Hoffnung. Aber auch wenn die Hoffnung nicht wäre, hätte ich an dem Film mitgemacht. Sei es nur, um Zarganar ein Denkmal zu setzen. Die Hoffnung mag ein bisschen irrational sein. Trotzdem sagt mir irgendetwas in mir drin, dass ich ihn irgendwann sehen werde.

Michael Mittermeier in "This Prison Where I Live"

Michael Mittermeier in "This Prison Where I Live"

Ricore: Welchen Eindruck haben Sie sich von Zarganar als Mensch und als Komiker gemacht?

Mittermeier: Er ist wirklich ein großer Mensch. Seit über 20 Jahren macht er seinen Mund auf, obwohl er weiß, dass ihn das in Gefahr bringt. Er war schon mehrmals im Gefängnis, wurde auch gefoltert. Trotzdem hat er auch danach weitergemacht. Er verkauft das, was er macht, nicht mit einem Flammenschwert. Stattdessen sagt er: Der Feind ist mein Freund. Für mich ist Zarganar für Burma was Nelson Mandela für Südafrika ist. Ein Mensch, der für seine Überzeugungen viel geschunden wurde. Trotzdem war er nicht verbittert, sondern versuchte immer wieder, etwas zu verändern. Dieser Mut, trotz Gefängnis und Folter immer wieder aufzustehen und weiterzumachen, ist schon außergewöhnlich.

Ricore: Wie stellen Sie sich ihn im Gefängnis vor? Glauben Sie, dass er resigniert oder hat er sich seinen Lebenswillen bewahrt?

Mittermeier: Er resigniert nicht. Das wissen wir, weil wir über Kontakte Informationen rein- und rausgeschmuggelt haben. Er hält sich weiterhin aufrecht. Soweit ich weiß, hat er im Gefängnis sogar politische Witze geschrieben, die er rausgeschmuggelt hat. Wie es ihm im Augenblick geht, ist schwer zu sagen. Er sitzt in einem richtigen Dreckgefängnis. Das ist kein Gefängnis, wie wir es hier kennen. Man sieht das ja auch im Film. Schon die Gegend ist schrecklich. Es muss für ihn sehr hart sein. Aber er hat seinen Humor nicht verloren. Er weiß, dass der Film gemacht wird und dass Leute für ihn einstehen und das gibt ihm Kraft.

Ricore: Man merkt, dass Sie ein vertrautes Verhältnis zu Zarganar aufgebaut haben, obwohl Sie ihm nie begegnet sind. Sie nennen ihn öfters 'Zag'. Was würden Sie ihm sagen, wenn Sie ihm begegnen würden?

Mittermeier: Schwer zu sagen. Ich würde ihn wahrscheinlich erst mal ganz fest drücken. Das wäre schon ein glücklicher Moment. Das stimmt, ich habe ihn nie gesehen. Aber das, was ich von ihm gesehen habe, seine Filme, die Interviews, aber auch das, was seine Freunde und Kollegen über ihn erzählt haben, hat ihn mir sehr nahe gebracht. Deswegen habe ich auch das Gefühl, er ist wie ein guter Kumpel für mich. Ein Kumpel, den ich noch nie gesehen habe. Ich bin auch gespannt, was er sagen würde. Vielleicht würde er ja auch einen Witz machen. Er hat ja sogar noch gescherzt, als er auf dem Weg zum Gefängnis war. Das ist schon groß.

Zarganar ("This Prison Where I Live")

Zarganar ("This Prison Where I Live")

Ricore: Glauben Sie, dass "This Prison Where I Live" so viel Sprengkraft hat, dass er Eindruck auf die burmesische Militärregierung machen wird?

Mittermeier: Ich bin jetzt sicher nicht so naiv zu glauben, dass die Militärregierung Angst vor dem Film haben wird. Sie fürchten sich vor Zarganar, weil sie wissen, dass sie ihn nicht mundtot machen können. Aber ich glaube schon, dass ein Film wie "This Prison Where I Live" ein Stachel im Hintern einer Militärregierung sein kann. Der Film ist Teil einer weltweiten Kampagne, die auf diese Ungerechtigkeit hinweist. Er wurde auf verschiedenen Festivals gezeigt, in Amsterdam und in Thailand. Wahrscheinlich wird er auch auf einigen Filmfestivals in den USA gezeigt. Außerdem wird er in England aufgeführt. Amnesty International macht sogar Screenings in Neuseeland. Es passiert schon sehr viel, um diesen Film an die Leute zu bringen. Deutschland ist da nur ein kleiner Puzzlestein in der ganzen Kampagne für diesen Mann.

Ricore: Schleicht sich bei einem westlichen Komiker, der in seinem Land machen kann, wozu er Lust hat, nicht ein gewisses Unbehagen ein, wenn er mit so einem tragischen Schicksal eines Kollegen konfrontiert wird? Vielleicht sogar auch ein bisschen schlechtes Gewissen?

Mittermeier: Nein, schlechtes Gewissen würde ich nicht sagen. Ich muss kein schlechtes Gewissen haben, weil ich in einer Demokratie lebe. Es spornt mich an, dem Rechnung zu tragen, indem ich mein Maul gegen Ungerechtigkeit aufmache oder politische Nummern aufführe. Ich engagiere mich auch für die unterschiedlichsten Dinge, für die Organisation ONE etwa. Ich sehe meine Situation eher als Ansporn, sich bewusst zu sein, wie gut es einem geht. Aber ohne schlechtes Gewissen zu haben. Das würde 'Zag' auch nicht wollen. Er würde bestimmt sagen, wieso solltest du ein schlechtes Gewissen haben, wenn es dir gut geht. Man kann ein schlechtes Gewissen haben, wenn man es nicht schätzt, dass es einem gut geht. Aber ich schätze das schon sehr. Ich weiß schon, dass wir hier ein großes Glück haben.

Ricore: Sie haben eben das Wirkungspotenzial von Zarganars Komik angesprochen. Glauben Sie, dass Komik in den Köpfen der Menschen etwas bewirken kann. Kann sie die Welt verändern?

Mittermeier: Dass Komik die Welt verändern kann, ist ein wenig zu pathetisch formuliert. Aber ich glaube schon, dass sie in den Köpfen der Menschen was bewegen kann. Der Fall Zarganars zeigt das doch deutlich. Er war ja auch einer der ersten geistigen Initiatoren des Aufstands von 1989. Er hat mit seinen Nummern die Menschen beeindruckt. Millionen wurden auf ihn aufmerksam und erkannten, dass sich da einer traut, den Mund aufzumachen. Das hat auch sie dazu ermutigt, genauso mutig zu sein. Insofern hat er schon etwas bewirkt. In einem Land wie Deutschland wird Humor sicher keine Missverhältnisse beseitigen. In einer freien Gesellschaft kann Humor aber Diskussionen anregen und das ist ja auch schon ganz viel.

Michael Mittermeier

Michael Mittermeier

Ricore: Sie haben Ihr eigenes soziales Engagement angesprochen. Ist das der zukünftige Michael Mittermeier: mehr soziales Engagement und weniger ausverkaufte Stadien?

Mittermeier: Das ist eine Quatschgegenüberstellung. Es gibt ja kein Entweder-Oder. Wenn mir nicht viele Menschen zuhören, dann kann ich mir mein Engagement ja auch sonst wohin stecken. In Deutschland wird Erfolg immer negativ bewertet. Damit muss ich mich seit 30 Jahren auseinandersetzen. Zarganars Fall beweist doch, dass sich Engagement und Erfolg nicht ausschließen. Er ist der beliebteste Mann Burmas und schaffte es, mit seiner Komik Millionen Menschen zu erreichen. Natürlich muss es auch die rein politischen Kämpfer geben. Es kann ja nicht nur Humoristen geben. Sie sind nur ein Teil des Widerstandes in Burma. Auch wenn es in diesem Fall ein sehr großer Teil ist.

Ricore: Sie haben sich einen Eindruck von der Komik Zarganars verschaffen können. Was ist das Besondere an seiner Komik, was macht sie so gefährlich?

Mittermeier: Das Gefährliche seiner Komik funktioniert auf zwei Ebenen. Zunächst einmal ist er einfach ein lustiger Comedian. Er berührt die Menschen und bringt sie mit den einfachsten Mitteln zum Lachen. Wenn er das mit politischer Satire vermengt, dann wird es gefährlich. Diesen Spagat mag ich sehr an seinem Humor. Er betet jetzt nicht eine Stunde lang die aktuelle Tageszeitung runter. Da würde irgendwann keiner mehr zuhören. Er schafft es, die Leute zum Lachen und sie gleichzeitig zum Nachdenken zu bringen. Das macht er sehr gut, was man ja auch im Film gut sehen kann. Er trägt schöne witzige Kurzgeschichten vor, die diesen politischen Background haben. Das macht er aber nicht mit einem erhobenen Zeigefinger, damit es auch der letzte Depp begreift. Seine Kunst ist es, die politische Anklage immer mit einer tollen Pointe zu versehen.

Ricore: Haben Sie eigentlich weitere Projekte mit sozial-politischen Themen vor?

Mittermeier: Projekte kommen wie sie kommen. Ich bin keiner, der nach dem Kopf entscheidet. Themen fliegen mir zu. So ist es auch gewesen, als ich letztes Jahr die Dokumentation in Kapstadt gemacht habe, für die ich auf einem Festival aufgetreten bin und in den Townships mit den Leuten gesprochen habe. Daraus wurde ein ganz toller Film. Als ich auf einem Festival in Kanada auftrat, haben wir mitgedreht und eine Doku daraus gemacht. Das war jetzt nichts Ernstes. Trotzdem war das eine Dokumentation, die mich im Rahmen eines internationalen Festivals zeigt. Und das als Deutscher, dessen Humor in der Welt da draußen nun mal keinen guten Ruf genießt.

Zarganar ("This Prison Where I Live")

Zarganar ("This Prison Where I Live")

Ricore: Wird der deutsche Humor im Ausland überhaupt wahrgenommen?

Mittermeier: Nicht wirklich. Wir haben ein Problem und das ist die Sprache. Der Deutsche ist nun mal auf deutsche Sprachräume beschränkt. Das wären dann neben Deutschland Österreich und die Schweiz. Andere Comedians weltweit, selbst Italiener oder die Franzosen, machen auch englische Sachen. Wir Deutschen tun das nicht. Ich bin der erste deutsche Comedian, der weltweit durch internationale Festivals tourt. Das ist der Wahnsinn und das sage ich nicht, um mich hochzuheben. Der Hauptgrund ist einfach die Sprache. Wenn man jahrelang Comedy macht, hat man seinen Humor gefunden. Man weiß, wie man auf der Bühne sprechen muss. Es ist wahnsinnig schwierig, das Ganze dann auf Englisch zu machen.

Ricore: Vielleicht funktioniert es bei Ihnen, weil Sie nicht nur ein Sprachkomiker sind, sondern auch Körperkomiker. Vielleicht sollten deutsche Komiker mehr Slapstick in ihr Programm aufnehmen.

Mittermeier: Das ist irrelevant. Als Komiker ist man nach zwei Minuten von der Bühne, wenn man keinen lustigen Gag parat hat. Die Menschen wollen nicht nur einen Deutschen sehen, der sich lustig bewegt. Das wäre zu einfach. Mag sein, dass die Leute lachen würden, wenn jemand eine geniale Pantomimen-Nummer machen würde. Aber ein Kriterium ist das nicht.

Ricore: Was ist dann das Geheimnis. Welche Inhalte müsste ein deutscher Komiker vortragen?

Mittermeier: Man kann es ganz lapidar formulieren: Entweder man ist lustig oder nicht. Nehmen Sie das Beispiel Jerry Lewis. Es geht nicht um Themen. Natürlich thematisiere ich in meinem Programm auch Deutschland - den Zweiten Weltkrieg, Nazis, Juden. Im Ausland kann man damit außerdem viel freier arbeiten als in Deutschland. Hier gibt es immer irgendwelche politisch-korrekten Korinthenkacker, die einem vorschreiben, was man als Komiker sagen darf und was nicht. Das ist Quatsch. Satire darf alles, solange es nicht reine Beleidigung und Beschimpfung ist.

Michael Mittermeier

Michael Mittermeier

Ricore: Sie nannten eben Jerry Lewis. Auch in anderen Kontexten verwiesen Sie auf diesen Komiker. Ist das ein Vorbild für Sie?

Mittermeier: Jerry Lewis war sicher einer der besten Comedians dieser Welt. Aber es gibt ja viele Komödien-Genres und Abstufungen. In Deutschland wird immer alles in einen Topf geworfen. Lenny Bruce könnte man zum Beispiel niemals mit Jerry Lewis vergleichen. Er ist sicher mein großer Comedian-Held. In Deutschland kennt ihn aber kein Mensch. Auch Jerry Lewis war großartig. Er hat mit seinem Humor Millionen Menschen erreicht. Das muss man erst mal schaffen.

Ricore: Ihr Buch "Achtung Baby" handelt von Ihren Erfahrungen als Vater. Ist das das große Thema, dass sich in nächster Zeit durch ihr Programm ziehen wird?

Mittermeier: Ja. Ich habe ja immer Kompaktthemen in meinen Programmen. Das neue heißt "Achtung Baby Live". Dazu gibt es auch ein Hörbuch, das genau zwischen dem Buch und dem Live-Auftritt steht. Als Stand-Up-Comedian habe ich eine gewisse Bühnensprache, die sich von der Buchsprache unterscheidet. In der Mitte befindet sich das Hörbuch. Dafür konnte ich nicht einfach ein paar Stellen aus dem Buch vorlesen. Ich musste es so vortragen, als stünde ich auf der Bühne. Das war die Herausforderung. Ansonsten sind in meinem Programm natürlich viele Kindergeschichten drin. Aber es gibt auch andere Themen, auch politische.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Willy Flemmer, Filmreporter.de - 25. Oktober 2010

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