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Interview

Luc Besson am Set von "Arthur und die Minimoys"
"Ehrlichkeit ist das Wichtigste"

Luc Besson blickt zurück

Luc Besson ist aus der französischen Kinolandschaft genauso wenig wegzudenken wie der Eifelturm aus Paris. Mit modernen Klassikern wie "Nikita", "Léon - Der Profi" und "Das fünfte Element" hat der Regisseur das Kino wie kaum ein anderer Filmemacher seines Landes geprägt. Zwar hatte Besson angekündigt, nicht mehr als Regisseur zu arbeiten, dennoch inszeniert er weiter. Anlässlich des Starts von "Adèle und das Geheimnis des Pharaos" verrät uns Besson, warum er seine Regie-Karriere nicht an den Nagel gehängt hat. Zudem spricht er mit uns über die Anfänge seiner Laufbahn, berufliche Fehler und die Vorteile, mit der eigenen Produzentin verheiratet zu sein.
Von  Carlos Corbelle/Filmreporter.de,  5. Oktober 2010

Adèle und das Geheimnis des Pharaos

Adèle und das Geheimnis des Pharaos

Ricore: Warum wollten Sie aus dem Comic von Jacques Tardi einen Film machen?

Luc Besson: Es gibt zwei Arten von Komik. Die eine ist eher simpel, im Stile einer Torte, die man ins Gesicht kriegt. So wie bei Louis De Funès oder Pierre Richard. Dann gibt es eine etwas subtilere Art - wie bei Asterix. Es gibt dauernd Wortspiele mit den Namen und Situationskomik. Bei Adèle ist das auch so. Die ist zwar ernst, aber durch die Situation wird es komisch. Eine Mumie, die zum Leben erweckt wird, ist normalerweise nicht witzig. Das ändert sich jedoch, wenn sie nach einer Tasse Tee fragt. Das hat mich sehr interessiert. Es ist das erste Mal, dass ich einen witzigen Film gemacht habe. Meistens drehe ich ernste Filme, die Witz haben. Aber das hier ist ein echter Kinderfilm, der Spaß macht.

Ricore: Worin unterscheidet sich Ihr Film von der Comic-Vorlage?

Besson: Das war das erste, worüber ich mit Tardi diskutiert habe. Ich sagte: "Jaques, für das Comic braucht man 20 Minuten. Ich muss 90 daraus machen, also habe ich ein Problem." [lacht] Er musste mich die Geschichte interpretieren lassen und er verstand das vollkommen. Die Herausforderung bestand darin, das Gefühl und die Seele der Comic-Charaktere zu bewahren, aber eine andere Geschichte zu erfinden. Viele Elemente stammen also aus dem Comic, wurden aber erweitert.

Ricore: Inwiefern hat sich die Protagonistin in Adèle und das Geheimnis des Pharaos geändert?

Besson: Louise [Bourgoin] arbeitete jeden Abend im Fernsehen. Sie hatte eine Sendung, in der sie das Wetter moderierte, aber auf eine sehr witzige Art. Ich hab sie mir zwei Jahre lang fast jeden Abend angeschaut und sie war sehr gut. Jeden Abend versuchte sie, etwas Neues zu machen. Sie verfasste auch die Texte. Dann traf ich sie und fand sie brillant für die Rolle. Ich wollte jemanden, der neu und frisch ist. Ich wollte nicht, dass die Leute 20 Minuten warten müssen, bis sie vergessen haben, dass es sich eigentlich um eine Schauspielerin handelt. Das Witzige ist, dass Tardi am Anfang skeptisch war. Er fand sie zu hübsch und zu groß für die Rolle. Doch als er schließlich den Film sah, sagte er, dass er sich niemand anderes für den Part vorstellen könne.

Ricore: Als moderne, durchsetzungsfähige Heldin passt sie gut zu anderen Protagonistinnen Ihrer Filme. Was fasziniert sie an starken, weiblichen Charakteren?

Besson: Von Männern erwartet man, dass sie stark sind und von Frauen, dass sie schwach sind. Ich bin daran interessiert, die Schwäche der Männer und die Stärke der Frauen zu sehen. Andernfalls macht es keinen Spaß. Was bringt es, wenn es bloß darum geht zu zeigen, wie stark der Mann ist?

Luc Besson mit Ehefrau auf dem Filmfest von Cannes (2007)

Luc Besson mit Ehefrau auf dem Filmfest von Cannes (2007)

Ricore: Woran liegt es, dass männliche Kino-Helden trotzdem nach wie vor die Regel sind?

Besson: Ich weiß es nicht. Vielleicht haben einige Regisseure noch unbewältigte Konflikte mit ihren Müttern zu lösen. [lacht]

Ricore: Und wie ist das bei Ihnen?

Besson: Ich hab das Problem nicht. Ich liebe meine Mutter. [lacht]

Ricore: Ihre Ehefrau Virginie Silla hat den Film mitproduziert. Wie war die Zusammenarbeit mit ihr?

Besson: Am Anfang hatte sie ein wenig Angst. Als Paar sind wir sehr glücklich, daher wollte sie nicht das Risiko eingehen, dass der Film das eventuell zerstört. Aber ich drehe Filme, seit ich 17 Jahre alt bin und kenne meinen Job sehr gut. Am Ende sagte sie, dass ich der unkomplizierteste Regisseur sei, mit dem sie bislang zusammengearbeitet hat.

Ricore: Was macht das Arbeiten mit Ihnen so unkompliziert?

Besson: Das liegt daran, dass ich Menschen respektiere und weiß, wie es funktioniert. Ich werfe kein Geld aus dem Fenster. Ich habe keinen Stuhl mit meinem Namen und eine Karawane. Es ist wie in einer Küche, in der wir uns alle gemeinsam aufhalten, es geht sehr familiär zu. Man hat immer Zweifel bei manchen Szenen, aber ich lasse das nicht an anderen aus. Manche Regisseure können das nicht und versuchen, anderen die Schuld dafür zu geben. Sie schieben es auf den Kameramann, die Schauspielerin oder den Produzenten. Doch man ist der Chef, also muss auch dem Druck standhalten. Mir fiel es sehr leicht, mit meiner Frau zu arbeiten. Außerdem konnte ich so ab und an die Produzentin küssen. [lacht]

Ricore: Zuvor waren sie mit Anne Parillaud zusammen und mit Milla Jovovich verheiratet. Inwiefern macht es die Dinge einfacher, wenn man mit jemandem zusammen ist, der ebenfalls in der Filmbranche arbeitet?

Besson: Es ist witzig. Als Journalist nimmt man drei Punkte und macht daraus eine Gerade. Doch ich bin 50 Jahre alt und es ist wie bei anderen auch. Man hat seine erste Freundin mit 18 oder 19 und teilt sein Leben im Laufe der Zeit mit einigen Frauen, von denen ehrlicherweise manche in der Filmbranche sind und andere wiederum nicht. Man erinnert sich nur an die, die beim Film sind, aber das waren eben nicht alle. Wenn man als Arzt im Krankenhaus arbeitet, ist es doch auch wahrscheinlich, dass man sich in eine Ärztin verliebt. [lacht]

Luc Besson am Set von "Arthur und die Minimoys 2"

Luc Besson am Set von "Arthur und die Minimoys 2"

Ricore: Ist es denn dadurch leichter, Privates und Berufliches in Einklang zu bringen?

Besson: Ich denke, das kommt auf die Personen an. Für mich ist das einfach, weil ich die beiden Dinge voneinander trenne. Die Arbeit ist eine Sache und das Leben eine vollkommen andere. Am Set können wir rumschreien und es völlig vergessen, sobald wir zu Hause sind.

Ricore: Wie haben Sie Ihre Liebe für das Erschaffen von Charakteren, das Erzählen von Geschichten entdeckt?

Besson: Als ich klein war, lebte ich in Griechenland und Jugoslawien. Da hatte ich keinen Fernseher, praktisch keine Bücher, kein Radio oder Musik und auch kein Kino, bis ich neun war. Der erste Spielzeugladen war um die 300 Kilometer entfernt, so dass ich auch keine Spielzeuge hatte. Im Grunde nahm ich ein paar Steine, ein Stück Holz und alte Schachteln und begann, damit zu spielen. Ich stellte mir Piraten, Armeen, Indianer, Astronauten und Dinosaurier vor. Die Vorstellungskraft ist wie ein Muskel, der dabei immer stärker wurde und so begann ich, mir Geschichten auszudenken, die ich selbst nicht hören konnte, weil keiner da war, um sie zu erzählen.

Ricore: Wie entdeckten Sie dann Ihre Leidenschaft fürs Kino?

Besson: Ich war 17 und ging an den Set eines Kurzfilms, weil ich einfach neugierig war und verliebte mich auf der Stelle. Ich ging nach Hause, um meine Mutter zu sehen und sagte, dass ich nun wüsste, was ich machen will. Ich wollte ins Filmgeschäft. Sie sagte: "Ja, toll. Du beendest zuerst die Schule und dann sehen wir weiter." Und ich sagte: "Nein, nein. Morgen ziehe ich nach Paris und gehe ins Filmgeschäft." Daraufhin brüllte meine Mutter mich an und versuchte alles, um mich umzustimmen. Doch um acht Uhr am nächsten Morgen packte ich meinen Koffer und verließ mein Zuhause mit 17.

Ricore: Wie lief es dabei am Anfang für Sie?

Besson: Zunächst hatte ich nicht die Absicht, Regisseur zu werden. Je länger ich als Assistent arbeitete und je mehr ich den Ablauf verstand, desto mehr dachte ich, dass ich nie Regisseur werde, weil ich es für zu kompliziert hielt. Da ich relativ stark war, bestand mein erster Job darin, Gepäck und alles Mögliche zu tragen. Ich war auch sehr gut darin, Sandwichs und Kaffee zu machen.

The Big Blue  - Im Rausch der Tiefe

The Big Blue - Im Rausch der Tiefe

Ricore: Wie fanden Sie heraus, dass Sie schließlich doch Regisseur werden wollten?

Besson: Schritt für Schritt. Ich machte zuerst einen Kurzfilm, dann einen zweiten und einen dritten. Und nach dem dritten sagte ich mir, dass ich es versuchen sollte. Es ging ziemlich schnell. Mit 17 war ich noch Assistent und mit 20 habe ich bereits meinen ersten Film gemacht.

Ricore: Bevor Sie sich fürs Filmgeschäft entschieden haben, wollten Sie als Meeresbiologe arbeiten. Was ist aus diesen Plänen geworden?

Besson: Während des Sommers tauchte ich und gab auch Unterricht. Damals wollte ich Delphine studieren. Doch wenn man Delphine studieren will, muss man sie einsperren und ich denke, sie sind im Meer besser aufgehoben. Ich realisierte, dass ich sie gar nicht studieren wollte, sondern sie einfach liebte.

Ricore: Ist diese Leidenschaft für das Meer der Grund, dass Sie "Im Rausch der Tiefe" drehten?

Besson: Ja, ich war vom Thema fasziniert und konnte durch das Schreiben der Geschichte meine Leidenschaft fürs Meer und fürs Kino verbinden.

Ricore: Wie hat sich der große Erfolg dieses Filmes auf Ihre Karriere ausgewirkt?

Besson: Nicht besonders. Wie erfolgreich ein Film auch ist, um den nächsten besser zu machen, gibt es nur eine Lösung: Man muss noch früher aufstehen und noch mehr arbeiten. Das Leben ändert sich insofern, dass man von den Leuten auf der Straße erkannt wird, mehr Geld verdient. Doch in Bezug aufs Filmen ändert sich nichts. Man muss selbstkritisch sein und auch schauen, was nicht so gut war beim letzten Film, um es beim nächsten Mal besser zu machen.

Luc Besson

Luc Besson

Ricore: In welchen Momenten Ihrer Karriere war das der Fall, dass Sie mit dem Ergebnis Ihrer Arbeit nicht zufrieden waren?

Besson: Besonders bei den ersten Filmen lernt man immer wieder dazu. Einmal musste ich beispielsweise beim Schnitt 20 Minuten des gefilmten Materials in den Müll werfen. Ich war wütend auf mich selbst und fragte mich, warum ich den Fehler nicht schon vorher erkannt hatte. "Nikita" war auch so ein Fall. Ich drehte die Handlung chronologisch und realisierte zwei Wochen vor dem Ende, dass der Schluss des Drehbuchs nicht funktionierte. Also stoppte ich die Dreharbeiten für eine Woche und schrieb das Ende um. Das sind die Momente, in denen man merkt, dass man keinen tollen Job gemacht hat. Doch daraus lernt man.

Ricore: Wovon werden Sie als Künstler am meisten beeinflusst?

Besson: Vom Leben. Wenn man durch die Straßen läuft, kann man überall Geschichten finden.

Ricore: Auf welche Weise hat Ihr filmisches Schaffen das französische Kino beeinflusst?

Besson: Ich weiß nicht. Darüber denke ich nicht nach. Wir haben überall tolle Künstler, in Deutschland, Frankreich, Italien. Jeder Künstler hat sein Leben, seine eigene Vision. Bei der Malerei sagt man zum Beispiel, dass gerade die blaue Periode vorherrscht und dann die pinke Periode. Bei uns ist es dasselbe. Wir sind alle Künstler, die durch nichts und zur selben Zeit durch alles beeinflusst werden. Man muss jedes Werk einzeln betrachten. Erst wenn Regisseure bereits alt sind und viele Filme gemacht haben, kriegt man einen Eindruck davon, wer sie wirklich sind.

Ricore: Wie würden Sie Ihren eigenen künstlerischen Stil charakterisieren?

Besson: Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich einen bestimmten Stil habe. Möglicherweise ist die wichtigste Charakteristik, dass ich ehrlich bin. Ich habe Vertrauen in die Filme, die ich mache. Sie sind meine Babys und ich bin stolz auf sie. Wenn ich sie dem Publikum zeige, akzeptiere ich vollkommen, dass manche kein Interesse an ihnen haben, manche sie nicht mögen und andere sie wiederum lieben. Ehrlichkeit ist aber das Wichtigste für mich, Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und allen anderen. Das ist alles, was für mich zählt.

Luc Besson

Luc Besson

Ricore: Sie hatten angekündigt, dass Sie nach zehn Filmen keine mehr inszenieren würden. Wieso haben Sie Ihre Meinung geändert?

Besson: Warum nicht? Es ist witzig. Ich habe das vor langer Zeit mal gesagt und nun verfolgt es mich. Ich glaube, ich habe das gesagt, um mich selbst zu motivieren. Als ich meinen ersten Film beendet hatte, sagte ich: "Bitte, bitte, lasst mich einen zweiten machen." Dann machte ich den zweiten und fragte, ob ich noch einen dritten machen kann. Bloß noch einen dritten, danach wollte ich nicht mehr stören. Nach "Im Rausch der Tiefe" und "Nikita" waren es bereits fünf Filme. Erst zu dem Zeitpunkt begriff ich, dass sie mich weitere Filme machen lassen würden. Von da an war es mehr eine Frage der Auswahl. Ich erlegte mir selbst diese Einschränkung auf und sagte mir: "Okay, du hast zehn Patronen. Mach nichts Dummes, tue nichts des Geldes wegen, gehe nicht nach Hollywood, um dämliche Filme zu machen." Es war in gewisser Weise ein Selbstschutz. Was für eine Art von Film macht man, wenn es der letzte sein soll?

Ricore: Was war, als Sie die zehn Filme geschafft hatten?

Besson: Danach hörte ich zwei Jahre auf und war sehr glücklich. Ich wollte nicht mehr drehen. Doch dann kam die Flamme zurück. Vielleicht lag es an der zweijährigen Pause. Es ist wie bei einer Person, die man mag und eine Weile nicht sieht. Dann ist man umso glücklicher, wenn man sie wieder sieht. Ich schrieb das Drehbuch zu "Adèle", das zunächst nicht für mich selbst war. Doch dann verliebte ich mich in das Skript und wollte es selber machen. Ich muss nicht drehen, was eine unglaubliche Freiheit ist. Ich will einfach drehen.

Ricore: Wollen Sie eines Tages auch eine Fortsetzung von "Léon - Der Profi" drehen? Es wäre doch toll, Natalie Portman als erwachsene Mathilda zu sehen...

Besson: Das würde ich auch liebend gern sehen, aber ich will es nicht machen. Wo wir eben über Ehrlichkeit sprachen: Sie können mir glauben, die Leute rund um den Globus würden Millionen dafür ausgeben, um die Fortsetzung zu sehen. Aber - ich bin ehrlich. Tut mir leid. [lacht]

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Carlos Corbelle/Filmreporter.de - 5. Oktober 2010

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