Interview: Philipp Leinemann zu Transit | FILMREPORTER.de
Filmreporter-RSS

Interview

Philipp Leinemann
Helden der Arbeit?

Philipp Leinemann verloren im Transit

Der gebürtige Braunschweiger Philipp Leinemann studiert zunächst Maschinenbau, bevor er sich an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) anmeldet. Seinen Abschlussfilm "Transit", der vom Leben eines Lkw-Fahrers erzählt, präsentiert er auf dem Filmfest München 2010. Im Interview spricht er über seine eigenen Erfahrungen als Berufsfahrer und warum es ihm wichtig war, diesen Film zu realisieren.
Von  Nina Klofac/Filmreporter.de, 26. November 2012

Ricore: Wodurch ergibt sich der Rhythmus des Films?

Philipp Leinemann: Der Film hat einen sehr langsamen, leisen Rhythmus. Mein Professor hat das kritisiert, weil er meinte er hätte gerne den Druck des LKW-Fahrers auch im Tempo des Films wiedergefunden. Klar, ein normaler Pkw-Fahrer, gibt Vollgas, wenn er spät dran ist. Doch ein LKW darf nicht schneller als 80 Stundenkilometer fahren. Deswegen passt der Rhythmus des Films sehr gut.

Ricore: Ich fand, dass das ruhige Tempo den psychischen Zustand Martins gut charakterisiert hat, wie er vor dem Druck fast kapituliert.

Leinemann: Man sieht es schon an seiner Körperhaltung, Martin (Clemens Schick) funktioniert nur noch. Er hat keinen Stolz mehr, sein Rücken ist vom jahrelangen fahren kaputt.

Ricore: Haben sie eigene Erlebnisse in dem Film verarbeiten?

Leinemann: Die Geschichte ist fiktiv. Aber die Beobachtungen des Milieus basieren auf Erfahrungen, die ich als LKW-Fahrer gesammelt habe. Es ist eine eingeschworene Gemeinde, die sich einerseits ausgestoßen fühlt, aber auf der anderen Seite mit Stolz behauptet, dass sie eh keinen brauche. Darin Lebt Martin, das Milieu ist seine Ersatzfamilie geworden. Der LKW ist sein letzter Rückzugsort.

Ricore: Deswegen kann er auch nicht mit Ramona (Annika Blendl) umgehen?

Leinemann: Martin hat einfach jeden sozialen Umgang verlernt, vor allem mit Frauen. Er muss erst einmal damit klar kommen, dass jemand in seine Welt eingedrungen ist - dazu noch eine Frau.

Transit

Transit

Ricore: Wie lange sind Sie LKW gefahren?

Leinemann: Das war nach der Bundeswehr, vier, fünf Jahre vor und während des Maschinenbaustudiums. Den Schein hab ich bei der Bundeswehr gemacht und wollte dann unbedingt einen 40-Tonner fahren. Während meiner ersten Fahrt hab ich gemerkt, was das eigentlich bedeutet. Ich war drei Tage unterwegs und bin danach einfach ins Bett gefallen. Ich war immer froh, dass ich das nicht Hauptberuflich machen musste.

Ricore: Haben Sie Ihre Zeit als LKW-Fahrer genauso frustrierend erlebt, wie es im Film portraitiert wird?

Leinemann: Es gibt eine Szene in der Martin morgens wach wird und seinen kaputten Körper kaum aufrichten kann, an ähnliche Situationen kann ich mich gut erinnern. Im Winter fühlt man sich wie der einsamste Mensch, es ist dunkel, es regnet und man ist von anderen LKW zugeparkt. Es ist einfach nur grässlich.

Ricore: Wieso haben Sie nicht einfach aufgehört?

Leinemann: Es ist wie eine Sucht, man kann nicht einfach aufhören. Es bedeutet auch Abenteuer. Für mich war es nur ein Nebenjob um Geld zu verdienen, ich hatte nichts zu verlieren, weil ich, zumindest auf dem Papier, studiert habe. Heute würde ich es nicht mehr machen wollen.

Ricore: Was war Ihr schlimmstes Erlebnis auf der Straße?

Leinemann: Gott sei Dank ist mir das, was Martin im Film zustößt, nie passiert. Es ist der schlimmste Albtraum unter einer Brücke durchzufahren, die nicht hoch genug ist. Dafür sind mir auf einer der ersten Touren bei einem Wendemanöver alle Verbindungskabel zwischen dem Aufleger und dem Führerhaus abgerissen. Der LKW stand dann quer über vier Spuren, es war glücklicherweise Nacht und niemand kam. Es hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert, bis ich alles wieder eingesteckt hatte.

Seite: 1 Seite vor >>

Zum Thema

Porträt zu Philipp Leinemann

Philipp Leinemann

Regisseur, Drehbuch
Philipp Leinemann wird in Braunschwaig geboren. Nach der Bundeswehr beginnt er das Studium des Maschinenbaus, allerdings nur auf dem Papier, denn... weiter

Filmplakat zu Transit

Transit

mehr
Ein Lied in Gottes Ohr (Coexister, 2017)

Weitere Interviews: Fabrice Éboué "Ein Lied in Gottes Ohr"

Fabrice Eboué ist in Frankreich ein Superstar. Der 1977 geborene Komiker erobert zu... weiter
Ferzan Özpetek am Set von "Das Geheimnis von Neapel"

Ferzan Özpetek zu "Das Geheimnis von Neapel"

Ferzan Ozpetek zeiht als Korrespondent türkischer Zeitungen nach Rom, wo er... weiter
Detlev Buck ("Asphaltgorillas" 2018)

Detlev Buck zu "Asphaltgorillas"

Detlev Buck, Jahrgang 1962, schafft mit "Karniggels" und "Wir können auch anders"... weiter
© 2019 Filmreporter.de