Interview: Philipp Leinemann zu Transit | FILMREPORTER.de
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Interview

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Transit

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Ricore: Wie lange sind Sie LKW gefahren?

Leinemann: Das war nach der Bundeswehr, vier, fünf Jahre vor und während des Maschinenbaustudiums. Den Schein hab ich bei der Bundeswehr gemacht und wollte dann unbedingt einen 40-Tonner fahren. Während meiner ersten Fahrt hab ich gemerkt, was das eigentlich bedeutet. Ich war drei Tage unterwegs und bin danach einfach ins Bett gefallen. Ich war immer froh, dass ich das nicht Hauptberuflich machen musste.

Ricore: Haben Sie Ihre Zeit als LKW-Fahrer genauso frustrierend erlebt, wie es im Film portraitiert wird?

Leinemann: Es gibt eine Szene in der Martin morgens wach wird und seinen kaputten Körper kaum aufrichten kann, an ähnliche Situationen kann ich mich gut erinnern. Im Winter fühlt man sich wie der einsamste Mensch, es ist dunkel, es regnet und man ist von anderen LKW zugeparkt. Es ist einfach nur grässlich.

Ricore: Wieso haben Sie nicht einfach aufgehört?

Leinemann: Es ist wie eine Sucht, man kann nicht einfach aufhören. Es bedeutet auch Abenteuer. Für mich war es nur ein Nebenjob um Geld zu verdienen, ich hatte nichts zu verlieren, weil ich, zumindest auf dem Papier, studiert habe. Heute würde ich es nicht mehr machen wollen.

Ricore: Was war Ihr schlimmstes Erlebnis auf der Straße?

Leinemann: Gott sei Dank ist mir das, was Martin im Film zustößt, nie passiert. Es ist der schlimmste Albtraum unter einer Brücke durchzufahren, die nicht hoch genug ist. Dafür sind mir auf einer der ersten Touren bei einem Wendemanöver alle Verbindungskabel zwischen dem Aufleger und dem Führerhaus abgerissen. Der LKW stand dann quer über vier Spuren, es war glücklicherweise Nacht und niemand kam. Es hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert, bis ich alles wieder eingesteckt hatte.

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Ricore: Wie sind Sie darauf gekommen, diesen Film zu drehen?

Leinemann: Auf der Filmhochschule ist eine Kommilitonin auf mich zu gekommen, Arbia-Magdalena Said, die schon länger einen Film über das Arbeiter-Milieu machen wollte. Dann hab ich angefangen zu schreiben.

Ricore: Wollten Sie mit ihrem Drama Kritik an den Umständen üben, unter dem diese Männer leiden müssen?

Leinemann: Ich wollte nicht mit der Moral-Keule kommen, sondern eher das Schicksal dieser Männer beschreiben. Was es bedeutet heute LKW-Fahrer zu sein, in einer Zeit, in der es unmöglich geworden ist pünktlich zu sein. Sie befinden sich in einer Zwickmühle, entweder sie halten ihre Ruhezeiten ein und riskieren ihren Job, oder sie fahren weiter, um pünktlich anzukommen und verlieren eventuell ihren Führerschein. Beides würde das Ende ihrer Karriere bedeuten.

Ricore: Es gibt viele Zuschauer, die mit LKWs die amerikanischen Trucker-Romantik assoziieren, mit Country Musik ganz entspannt über verlassenen Highways zu donnern. Der Film zeigt das Gegenteil...

Leinemann: Hoffentlich, denn es ist alles andere als romantisch. Hier ist es nicht die weite Steppe auf die sie blicken, sondern der LKW vor ihrem und der davor.

Ricore: Haben Sie während der Dreharbeiten mit anderen Fahrern gesprochen?

Leinemann: Auf den Rastplätzen haben wir mit vielen Fahrern gesprochen, die haben sich gefreut und bedankt, dass endlich mal jemand das Thema aufgreift. Die Fahrer der Spedition, die uns den LKW gestellt haben, waren mit dem Film auch sehr zufrieden, das war natürlich eine große Bestätigung.

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