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Interview

<< Seite zurück Philipp Leinemann verloren im Transit   (Seite 2)
Transit

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Ricore: Wie sind Sie darauf gekommen, diesen Film zu drehen?

Leinemann: Auf der Filmhochschule ist eine Kommilitonin auf mich zu gekommen, Arbia-Magdalena Said, die schon länger einen Film über das Arbeiter-Milieu machen wollte. Dann hab ich angefangen zu schreiben.

Ricore: Wollten Sie mit ihrem Drama Kritik an den Umständen üben, unter dem diese Männer leiden müssen?

Leinemann: Ich wollte nicht mit der Moral-Keule kommen, sondern eher das Schicksal dieser Männer beschreiben. Was es bedeutet heute LKW-Fahrer zu sein, in einer Zeit, in der es unmöglich geworden ist pünktlich zu sein. Sie befinden sich in einer Zwickmühle, entweder sie halten ihre Ruhezeiten ein und riskieren ihren Job, oder sie fahren weiter, um pünktlich anzukommen und verlieren eventuell ihren Führerschein. Beides würde das Ende ihrer Karriere bedeuten.

Ricore: Es gibt viele Zuschauer, die mit LKWs die amerikanischen Trucker-Romantik assoziieren, mit Country Musik ganz entspannt über verlassenen Highways zu donnern. Der Film zeigt das Gegenteil...

Leinemann: Hoffentlich, denn es ist alles andere als romantisch. Hier ist es nicht die weite Steppe auf die sie blicken, sondern der LKW vor ihrem und der davor.

Ricore: Haben Sie während der Dreharbeiten mit anderen Fahrern gesprochen?

Leinemann: Auf den Rastplätzen haben wir mit vielen Fahrern gesprochen, die haben sich gefreut und bedankt, dass endlich mal jemand das Thema aufgreift. Die Fahrer der Spedition, die uns den LKW gestellt haben, waren mit dem Film auch sehr zufrieden, das war natürlich eine große Bestätigung.

Ricore: Sind einige von ihnen im Film zu sehen?

Leinemann: Viele haben spontan mitgemacht und ihre LKWs zu Verfügung gestellt. Anders wäre es auch nicht möglich gewesen, weil wir nur sehr wenig Geld zur Verfügung hatten.

Ricore: Wo haben Sie gedreht?

Leinemann: Wir haben bis kurz vor Start der Dreharbeiten keinen Rastplatz gefunden. Da Sommerferien waren, haben viele Rastplätze aus Angst um ihre Einnahmen sich geweigert. Aber ein kleiner privater in der Nähe von München hat uns vorbehaltlos aufgenommen. Alle Aufnahmen sind rund um München entstanden, die Autobahnpolizei hat uns auch ganz toll unterstützt.

Ricore: Wie sind sie bei der Recherche zur Figur Ramona vorgegangen?

Leinemann: In München habe ich niemanden gefunden, die Recherche war auch nicht so intensiv wie zu Martin. Aber ich hab viel im Internet recherchiert und gelesen, außerdem konnte ich mit Mitarbeiterinnen in anonymen Beratungszentren für diese Frauen sprechen, das hat mir sehr weitergeholfen.

Ricore: Sie wollten für die Rolle Ramonas unbedingt Annika Blendl haben, die hat sich aber erst gesträubt, warum?

Leinemann: Vielleicht ist Ramona keine Rolle, die man als Frau gerne spielt. Tatsächlich, war das die einzige Rolle, zu der ich keine alternative Besetzungsidee hatte. Diese Frauen, wie Ramona, lernen Männer immer nur von ihrer schlechtesten Seite kennen. Dagegen müssen sie sich mit ihrer Toughness schützen, haben aber gleichzeitig viel Melancholie und Kindlichkeit in ihrer Persönlichkeit. Das alles in einer Figur zu casten war unglaublich schwer. Deshalb wollte ich unbedingt Annika, weil sie für mich all das verkörpert.

Ricore: Wie war es mit den anderen?

Leinemann: Clemens Schick hat nach der ersten Anfrage sofort zugesagt. Danach kamen die beiden Tatort-Kommissare Bernd Michael Lade und Andreas Hoppe dazu. Jürgen Vogel hab ich nur bekommen, weil ich ihn kenne.

Ricore: Sind weitere Projekte in Planung?

Leinemann: Das Buch für den nächsten Film "Und Morgen leben wir wieder" ist so gut wie fertig. Er handelt von zwei Gruppen von Männern, deren Strukturen ich versuche zu vergleichen. Auf der einen Seite gibt es eine Gruppe Jugendlicher aus einer Trabantenstadt, keine Gangster und auf der anderen Seite eine Gruppe korrupter Polizisten. Ich hab versucht die Ursprünge für diesen Hass, Rassismus und die Vorurteile in dem Film zu bearbeiten.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Nina Klofac/Filmreporter.de - 26. November 2012

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