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Interview

Lisa Cholodenko
Universal Pictures

Schluss mit schwul-lesbischen Tragödien!

Lisa Cholodenkos Familiensinn
In "The Kids Are All Right" schickt Lisa Cholodenko die Kinder eines lesbischen Paares auf die Suche nach deren biologischem Vater. Die Regisseurin kennt sich mit dem Thema aus. Wie ihre Protagonistinnen hat auch Cholodenko einen Sohn durch künstliche Befruchtung bekommen. Im Interview mit Filmreporter.de berichtet uns die Regisseurin, wie sie mit ihrer Lebensgefährtin das Kind groß zieht und wie sich die Geburt auf das Drehbuch ausgewirkt hat. Zudem spricht sie mit uns über die Darstellung von Homosexualität auf der Leinwand und warum sie von Filmen wie "Brokeback Mountain" die Nase voll hat.
Von  Carlos Corbelle/Filmreporter.de,  18. November 2010
The Kids Are All Right
Universal Pictures
The Kids Are All Right
Ricore: Die Entstehung des Drehbuchs zu "The Kids Are All Right" hat mehrere Jahre in Anspruch genommen. Was war der Grund?

Lisa Cholodenko: Nun, zunächst habe ich alleine daran gearbeitet. Ein paar Monate später stieß dann mein Koautor Stuart Blumberg hinzu. Da wir in verschiedenen Städten leben, verging immer eine Menge Zeit, bis er nach Los Angeles kam oder ich zu ihm nach New York ging. Dazu kam, dass ich während der Entstehung ein Kind bekam. So legte ich eine eineinhalbjährige Pause ein, um mehr Zeit mit meinem Sohn verbringen zu können. Daher hat sich alles ein wenig verzögert. Insgesamt hat der Schreibprozess etwa vier Jahre in Anspruch genommen.

Ricore: Im Gegensatz zu Ihnen ist Stuart Blumberg eher für Mainstream-Filme bekannt. Wie verlief der kreative Arbeitsprozess mit ihm?

Cholodenko: Die Unterschiedlichkeit unserer Filme war der Grund, warum ich mit ihm zusammenarbeiten wollte. Auf der anderen Seite wollte er aufgrund meiner bisherigen Werke mit mir zusammen arbeiten. Wir wollten uns gegenseitig ergänzen. Als ich ihm von meiner Drehbuchidee erzählte, sagte er mir, dass er während seiner College-Zeit Samenspender gewesen sei. Das war witzig, weil ich mit meiner Lebensgefährtin eine Familie gründen wollte und auf der Suche nach einem Samenspender war. Zuvor hatte ich nie einen Samenspender persönlich kennen gelernt. Es war eine Art glückliche Schicksalsfügung.

Ricore: Inwiefern hat ihre Mutterschaft die Entwicklung des Drehbuchs beeinflusst?

Cholodenko: Dadurch habe ich das Thema Kinderkriegen mit mehr Humor gesehen. Es stellt dein Leben auf positive und unvorhersehbare Weise auf den Kopf. Ich konnte mich besser in die Mütter meiner Geschichte hineinversetzen. Mir wurde bewusst, dass es im Film um die Familie geht und darum, was sie durchmachen muss. Doch im Kern sollte es um die Beziehung der beiden Frauen gehen und darum, was ihnen die langjährige Ehe bedeutet, während sie älter werden und zwei jugendliche Kinder haben, die rebellieren. Ich wollte alles ein wenig mehr aus ihrer Perspektive beleuchten.


Lisa Cholodenko
Universal Pictures
Lisa Cholodenko
Ricore: Wie hat sich Ihr eigenes Leben durch die Geburt Ihres Kindes verändert?

Cholodenko: Oh mein Gott, darüber könnte ich zwei Stunden reden. [lacht] Mein Leben hat sich dadurch auf großartige Weise verändert. Ich hätte nicht erwartet, dass sich alles so verändern würde. Dadurch hatte ich eine Art Identitätskrise. Ich wohnte in der Vorstadt mit einem Baby und meiner Frau. Meine Frau ging arbeiten und ich blieb zu Hause mit dem Kind. Es verlief ziemlich konventionell, auf eine lustige, aber auch furchteinflößende Art.

Ricore: Nach der Premiere auf dem Sundance Film Festival mussten Sie einige Szenen verändern, damit Ihr Film eine niedrigere Altersbeschränkung bekommt. Was haben Sie geschnitten?

Cholodenko: Es waren zwei Szenen, die ich ändern sollte. In diesem Land haben wir ein, wie ich finde, lächerliches System der Altersbeschränkung. Es hatte also nichts mit dem Produktionsstudio zu tun, sondern mit der MPAA. Sie wollten, dass ich Teile des Schwulen-Pornos schneide, den sich die Jungs auf ihrem Computer anschauen. Sie dachten, dass es gefährlich sei, wenn man zeigt, wie sich Jugendliche Pornos ansehen. Zudem ging es um die Sex-Szene zwischen Julianne Moore und Mark Ruffalo. Sie mochten nicht, dass sie so lange dauerte und meinten, dass sei nicht mehr lustig, sondern pornographisch. Ich fand das verrückt. Es war deprimierend, aber ich musste auch darüber lachen.

Ricore: Wie schwierig ist es generell, in Hollywood seine künstlerischen Visionen umzusetzen?

Cholodenko: Bei diesem Film war es eine wirklich aufregende Erfahrung, ihn vollkommen unabhängig von einem Studio realisieren zu können. Es war ein Investor aus Frankreich beteiligt, doch der war sehr weit entfernt und besaß nicht die Rechte, so dass er mir nicht vorschreiben konnte, was ich zu tun hatte. Die Tatsache, dass wir den Film realisieren und in die Kinos bringen konnten, ist ziemlich bemerkenswert. Für die meisten ist es sehr schwierig, Filme wie diese zu machen und den Leuten zeigen zu können.

Ricore: Das Schöne an "The Kids Are All Right" ist, dass die beiden homosexuellen Protagonistinnen Nick und Jules als vollkommen gewöhnliches Paar dargestellt werden. Würden sie Ihren Film dennoch als politisch bezeichnen?

Cholodenko: Ja, ich bin sehr stolz darauf, dass Stuart und ich diese beide Frauen und ihre Familie einfach darstellen, ohne es zum Problem zu machen. In diesem Sinne sind wir politisch, wenn auch nicht so offensichtlich. Indem wir Aspekte wie Ehe, Treue, die Erziehung der Kinder und all die anderen Konflikte fokussieren, können sich die Zuschauer auf die Dinge konzentrieren, die viel spannender sind. Für mich ist das viel interessanter, als zu zeigen, wie schwer oder seltsam es ist, homosexuell zu sein.


Lisa Cholodenko
Universal Pictures
Lisa Cholodenko
Ricore: Homosexuelle Beziehungen, die nicht problematisiert werden, sind nach wie vor die Ausnahme im Film.

Cholodenko: Ja, und genau so eine Beziehung wollte ich zeigen. Selbst die großen Filme, die in den letzten Jahren herauskamen, etwa "Brokeback Mountain", stellen das Ganze immer auf tragische Weise dar. Man sollte es aus einer anderen Perspektive betrachten. Ich habe es satt, dass in Filmen Homosexualität mit Tragödie gleichgesetzt wird.

Ricore: Warum denken Sie, dass es nach wie vor die Regel ist?

Cholodenko: Ich glaube, dass die Leute nicht wissen, wie man homosexuelle Charaktere in eine Geschichte einbaut, ohne es Effekthaschend darzustellen. Es ist schwierig, die richtige Perspektive zu finden, um einen homosexuellen Charakter für den Film relevant zu machen, ohne dass seine Homosexualität im Fokus der Handlung steht.

Ricore: Inwiefern spiegeln die Charaktere Ihre eigenen Erfahrungen sowie Ihre Persönlichkeit?

Cholodenko: In jedem der Charaktere steckt viel von mir und Stuart. Es ist nicht so, dass ich ihm die männlichen und mir selbst die weiblichen Figuren gegeben habe. Überall ist was von uns beiden zu finden. Es war toll, einen Film zu machen, der so persönlich ist. Irgendwie sind die Charaktere überhaupt nicht wie ich und gleichzeitig genauso wie ich.

Ricore: Welche der Figuren ist Ihnen am ähnlichsten?

Cholodenko: In gewisser Weise identifiziere ich mich mit Mark Ruffalos Charakter. Er will sein Leben und seine Freiheit genießen, doch auf der anderen Seite verspürt er eine Sehnsucht nach etwas Tiefergehendem und Dauerhaftem. Ich verstehe sehr gut, wie sich dieser Zwiespalt anfühlt. Während ich die Geschichte schrieb, habe mich in diesen Charakter verliebt.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Carlos Corbelle/Filmreporter.de,  18. November 2010

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