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Lambert Wilson in "Von Menschen und Göttern"
"Auch in mir steckt ein Mönch"
Interview: Lambert Wilson findet seine Mitte
Lambert Wilson sieht seinen Wirkungsraum in Frankreich, auch wenn er mit Rollen wie in "Matrix Reloaded" und "Matrix Revolutions" auch international wahrgenommen wird. Aufsehen erregt auch das viel beachtete Drama "Von Menschen und Göttern". Darin verkörpert der Franzose einen Mönch, der mit seinen Brüdern sein Leben für eine höhere Idee opfert. Mit Filmreporte.de sprach der 1958 in Neuilly-sur-Seine geborene Schauspieler und Sänger über die Spiritualität und darüber, wo er seine innere Ruhe findet.
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Von Menschen und Göttern
Ricore: "Von Menschen und Göttern" basiert auf einem wahren Fall, der sich 1996 ereignete. Wie präsent waren diese Ereignisse in Ihrer Erinnerung?

Lambert Wilson: Überhaupt nicht. Als ich die Geschichte gelesen habe, erinnerte ich mich plötzlich, von diesen Ereignissen mal gehört zu haben. Ich weiß auch, dass ich damals daran dachte, wie viele Familien da zerstört würden. Daran muss ich immer denken, wenn ich in den Nachrichten mitkriege, wie viele Menschen in Krisenregionen wie Bagdad oder Afghanistan sterben. Es werden immer auch Familien zerstört. Mir war auch klar, dass diese Mönche ein großes Risiko auf sich genommen haben. Wieso sind sie nicht früher gegangen? Wieso sind sie geblieben und haben ihr Leben riskiert? Aber letztlich haben sie am Ende das bekommen, wonach sie ihr Leben lang gesucht haben.

Ricore: Wären Sie selbst in dieser Situation geblieben?

Wilson: Nein, ich bin ein Angsthase. Ich hätte überleben wollen. Andererseits lebe ich mein Leben nicht für andere Menschen. Zumindest nicht in dem Ausmaß, wie es die Mönche taten. Das ist das zentrale Thema dieses Films. Die Mönche stellen sich im Zuge der Ereignisse viele existentielle Fragen und am Ende entscheiden sie sich zu bleiben. Vielleicht könnte ich einer von ihnen sein. Ich könnte auch jemand sein, der fast seinen Glauben verliert, indem ich mich die Frage gestellt hätte, warum ich Gott nicht mehr höre. Vielleicht hätte ich auch von der Hauptfigur Christian überzeugt werden müssen.

Ricore: Der Film stellt die Mönche als Märtyrer dar. Dass sie am Ende sterben, ist auch ihre eigene Entscheidung.

Wilson: Ja, aber sie wollen keine Märtyrer sein. Das ist entscheidend bei ihrer Handlungsweise. Sei bleiben, weil sie ihre Mission weiterführen wollen. Ihre Mission war es, bei den armen Menschen zu bleiben und ihnen zu helfen. Ich weiß nicht, ob Christian, mein Charakter, in diesem Punkt ehrlich ist. Es gab durchaus die Versuchung vom Martyrium. Sich wie Jesus aufzuopfern, ist ein zentraler Aspekt im Leben eines jeden religiösen Menschen. Das ganze Leben eines Mönches ist nach dem Evangelium ausgerichtet. Sie leben nach dem Motto opfere dein Leben für andere. Das Märtyrertum ist also etwas, was bei einem Mönch ganz tief in seinem Inneren präsent sein muss.
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Lambert Wilson unter Mönchen
Ricore: Wollten Sie ihren Charakter demnach als menschliches Wesen und als Heiligen darstellen?

Wilson: Mit dem Begriff 'heilig' habe ich so meine Schwierigkeiten. Das ist mir zu abstrakt. Entsprechend schwierig ist es, einen Heiligen darzustellen. Christians Handlung mag zwar heilig sein, aber letzten Endes ist er ein Mensch. Er ist ein menschliches Wesen aus Fleisch und Blut und daraus macht er etwas Größeres. Um mich diesem schwierigen Charakter zu nähern, habe ich viel über ihn gelesen. Vor allem habe ich mich mit etwas Entscheidendem und doch sehr Simplem auf diesen Charakter vorbereitet, nämlich dem Singen. Ein Teil von mir war schon wie die Figur. Auch in mir Steckt ein Mönch. Ich mag die Einsamkeit, die Stille und die Natur. Außerdem bete ich auch und gehe gerne spazieren. Das alles habe ich mit Christian gemein. Das Singen war insofern wichtig, als es uns geholfen hat, uns als Einheit zu fühlen. Wir haben uns in ein Kloster begeben, um uns von der Welt komplett zurückzuziehen. Wenn man also alle diese Vorbereitung hinter sich gebracht hat, dann eignet man sich Eigenschaften des Charakters an.

Ricore: Sie sprachen von Parallelen zwischen Ihnen und der Figur Christians. War das ausschlaggeben dafür, dass man Sie für diesen Part besetzte?

Wilson: Ich glaube, eine der wichtigsten Leistung eines Regisseurs ist es, die richtigen Schauspieler zu finden. Das würden Ihnen viele Regisseure bestätigen. Was mich angeht, so hatte der Regisseur offenbar einen guten Instinkt. Er muss den Mönch in mir gesehen haben und auch dass ich für die Fragen des Glaubens sehr empfänglich bin. Das trifft auch auf die anderen Schauspieler zu. Abgesehen von Michael Lonsdale ist keiner von ihnen berühmt. Trotzdem sind sie alle genau die Richtigen für die Rollen. Sie waren nicht besonders gläubig, aber sie hatten diese Ernsthaftigkeit und Unbedingtheit, mit der sie an das Thema herangingen.

Ricore: Sind Sie ein religiöser Mensch?

Wilson: Ich mag die Religion nicht. Aber ich bin durchaus ein spiritueller Mensch. Ich brauche die Spiritualität. Insofern bin ich ein Mann des Glaubens, aber kein Mann der Religion. Auch wenn es furchtbar klingt: Ich mag die Kirche nicht. Sie ist für mich viel zu kompliziert und nicht einfach genug. Ich verstehe nicht, wieso sie dort so reden, wie sie reden. Vielleicht wäre ich bei der protestantischen Kirche besser aufgehoben. Ihr Zugang zum Glauben ist einfacher und direkter. Ich bin zwar als Erwachsener getauft, doch nicht wegen des katholischen Glaubens. Ich wollte unbedingt von einem Priester getauft werden, den ich schon mal in einem Film verkörpert habe. Sein Name war Abbé Pierre und er war zu Lebzeiten sehr populär. Ich habe mich taufen lassen, weil ich diesen Weg unbedingt mit ihm gehen wollte.
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Lambert Wilson in "Von Menschen und Göttern"
Ricore: Was kann uns heute den rechten Weg weisen, wenn die Kirche zunehmend diese Funktion einbüßt? Ist es die Kunst oder ein Film wie "Von Menschen und Göttern"?

Wilson: Ja, das glaube ich. Die Literatur, der Film die Musik können definitiv dazu in der Lage sein. Viele Angehörige religiöser Gemeinschaften vertreten die gleichen Philosophie und Werte wie in "Von Menschen und Göttern".

Ricore: Hat der Film Sie zu einem besseren Menschen gemacht? Haben Sie etwas von den Figuren gelernt?

Wilson: Was mich an meiner Figur faszinierte, war ihre Entschlossenheit. Ich war beeindruckt von der Kraft seines Denkens und seiner Überzeugung. Er hat seine Brüder zum Selbstopfer überzeugt. Er hat auch versucht, eine Brücke zu schlagen zwischen dem Christentum und dem Islam. Im Vergleich zu ihm bin ich kein Mann der Entschlossenheit. Ich bin viel schwächer. Das Wichtigste, das ich von Christian gelernt habe, ist, keine Angst vor anderen Menschen zu haben. Wie viele Menschen kann auch ich manchmal gegenüber anderen reserviert und aggressiv sein. In diesem Punkt hat Christian sicher einen Einfluss auf mich ausgeübt.

Ricore: Haben Sie eine Offenbarung erfahren?

Wilson: Das wurde ich auch französischen Journalisten oft gefragt. Es wäre eine tolle Sache, wenn es in einem Artikel über mich plötzlich hieße, Lambert Wilson habe einen Wandel durchgemacht. Nein, ich habe einfach meine Arbeit gemacht. Dennoch hatte ich während der Dreharbeiten oft das Gefühl, dass irgendwas über uns wacht, dass der Film von einer Art Gnade umhüllt war. Wir hatten immer die besten Wetterbedingungen, wenn wir Schnee brauchten, war welcher da, usw. Das war schon außergewöhnlich. Dann wurde der Film in Cannes gezeigt, hat Auszeichnungen erhalten und war ein großer Erfolg. Über drei Millionen Menschen haben ihn sich im Kino angesehen. Dabei dachten wir, dass er nicht mehr als 500.000 Zuschauer vor die Leinwand locken wird. Immerhin handelt es sich um einen anspruchsvollen Arthouse-Film.
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Lambert Wilson spendet Trost
Ricore: Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Wilson: Im Moment wollen ihn die Menschen wohl vor allem sehen, weil er so erfolgreich ist. Doch abgesehen davon vermittelt der Film den Menschen bestimmte Werte, nach denen sie sich sehnen. Es sind Werte wie Liebe und Brüderlichkeit. Außerdem vermittelt er ein Gefühl für eine ganz andere Zeit. Er ist sehr langsam erzählt. Nach und nach gewöhnt man sich als Zuschauer an diesen Rhythmus und merkt, dass sich dieses Timing gut anfühlt. Die Mönche füllen die Zeit mit den einfachsten Handlungen aus. Sie beten, spülen das Geschirr, arbeiten im Garten, usw. Nach dieser Einfachheit und diesem ganz anderen Zeitgefühl sehnen sich viele und der Film gibt es ihnen.

Ricore: Haben Sie ein hektisches Leben oder ist es eher so ruhig wie das der Mönche im Film?

Wilson: Früher war mein Leben hektisch, heute ist es ruhiger. Nach "Von Menschen und Göttern" bin ich durchgedreht (lacht). Ich musste mich bremsen und ruhiger werden. Ich habe ein Plätzchen in Burgund, wo ich ein bisschen Mönch sein kann. Hier ziehe ich mich zurück und höre klassische Musik, zum Beispiel die spirituellen Kompositionen von Hildegard von Bingen. Damit kann ich in Kontakt mit der anderen Zeit treten.

Ricore: Sie mögen also klassische Musik?

Wilson: Ja, die religiöse Musik des Mittelalters ist sehr wichtig für mich.

Ricore: Da müssen Sie sicher auch die Musik Bachs mögen, die ja bekanntlich sehr spirituell ist.

Wilson: Ja, absolut, Bach höre ich sehr gerne.
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Von Menschen und Göttern
Ricore: Hat die Zeit Ihre Einstellung zu Ihrem Beruf geändert?

Wilson: Ich wünschte, das wäre so. Was sich geändert hat, ist die Tatsache dass ich älter geworden bin. Trotzdem würde ich sagen, dass ich im Vergleich zu früher weniger Illusionen habe. Ich lebe viel mehr in der Gegenwart und weniger in einer hypothetischen Zukunft. Dinge wie etwa eine amerikanische Schauspielkarriere anzustreben sind für mich heute nicht mehr relevant. Ich genieße das Jetzt. Die Dinge, die ich heute haben will, sind kleiner und bescheidener. Früher wollte ich ein Hollywoodstar sein, ich wollte Regie führen und Sänger werden. Heute habe ich meine Wünsche und Ziele auf wenige Dinge reduziert.

Ricore: Sehen Sie sich als internationaler Schauspieler oder sind Sie stolz, ein französischer Schauspieler zu sein?

Wilson: Für mich ist die Nationalität etwas Abstraktes. Ich bin irischer Herkunft und weiß nicht einmal genau, was es bedeutet, ein Franzose zu sein. Es ist interessant, "Von Menschen und Göttern" ist mein erster Film, der aus Frankreich wirklich 'ausbricht'. Er wurde nicht nur hier gesehen, sondern wird weltweit wahrgenommen. Das passiert nicht oft, dass ein französischer Film so eine Wanderung durchmacht. Das ist mit dem deutschen Film sicher ähnlich. Insofern fühlt man sich nicht nur als Schauspieler oft von der Welt isoliert. Dennoch, als internationaler Schauspieler habe ich mich niemals wahrgenommen.

Ricore: Sie sagten, dass Sie sich heute bescheidener seien als früher. Ihre Tätigkeit als Theater-Regisseur werden Sie aber fortführen?

Wilson: Ja, ich liebe es zu inszenieren. Die Tätigkeit als Regisseur ist für mich eine Notwendigkeit. Ich liebe es, andere Schauspieler zu führen. Dadurch lerne ich auch mehr über die Schauspielerei. Ich denke, ich bin ein besserer Schauspieler, seit dem ich auch als Regisseur arbeite. Als Regisseur muss man sich viele Fragen über das Ganze stellen. Die Schauspieler machen sich dagegen viel mehr Gedanken über ihren Charakter. Aus diesem Grund möchte ich mit der Regie unbedingt weitermachen.

Ricore: Sind auch die Theaterschauspieler besser, wenn sie von einem Schauspieler in Szene gesetzt werden?

Wilson: Ich glaube, Schauspieler sind gute Schauspielerführer. Sie haben vielleicht nicht die außergewöhnlichen Visionen, wie sie große Regisseure haben. Aber sie können fühlen, was ein Schauspieler braucht und sich auf ihre Bedürfnisse einstellen.
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Lambert Wilson in "Von Menschen und Göttern"
Ricore: Sehen Sie sich auch als Filmregisseur?

Wilson: Ja, ich möchte sehr gerne einen Film machen. Doch leider habe ich noch nicht die passende Geschichte gefunden. Ich bin kein Autor, insofern bin ich auf das passende Buch angewiesen. Oder ich müsste die passende Idee zu einem Film haben, die aber von jemand anders zu einem Drehbuch verfasst werden müsste.

Ricore: Sie haben in Ihrer Karriere mit vielen großen Schauspielern und Regisseuren zusammengearbeitet. Von wem wurden Sie am meisten inspiriert?

Wilson: Ich denke, den größten Einfluss haben auf mich Schauspieler ausgeübt, mit denen ich niemals zusammengearbeitet habe. Zum Beispiel liebe ich die Arbeit von Anthony Hopkins. Heute bin ich auch ein großer Fan von Philip Seymour Hoffman und Meryl Streep. Das sind Schauspieler, die sich im ständigen Wandel befinden und mit jedem Film etwas anderes spielen. Das ist nicht typisch für die französischen Schauspieler. In Frankreich bleiben die Schauspieler immer gleich. Ein Gérard Depardieu ist immer Gerard Depardieu. Meryl Streep oder Philip Seymour Hoffman verändern sich dagegen permanent. Das möchte ich auch machen. Diese Vorstellung von Schauspielerei habe ich übrigens in England bekommen. Die Transformation ist auch bei den englischen Schauspielern von großer Wichtigkeit. Judi Dench möchte ich da besonders hervorheben, auch sie hat mich sehr beeinflusst.

Ricore: Im Moment drehen Sie einen Film mit Gérard Depardieu mit dem unglaublichen Titel "Houba! Le Marsupilami et l'orchidée de Chicxulub". Können Sie uns etwas darüber sagen?

Wilson: Ja, die Dreharbeiten dazu finden gerade statt. Das Ergebnis wird sicher nicht vor April 2012 in die Kinos kommen. Ich habe darin nur einen kurzen Auftritt und Depardieu ist darin eigentlich noch weniger zu sehen. Ich glaube, er tritt nur auf einer Fotografie in Erscheinung. Eine größere Rolle spielt da schon Jamel Debbouze, der in Frankreich ein großer Star ist. Es handelt sich um eine Komödie und ich spiele einen Diktator, der eine große Leidenschaft für Céline Dion hat. Mehr darf ich leider nicht verraten.

Ricore: Eine Rolle also, die so ziemlich das Gegenteil von der in "Von Menschen und Göttern" ist.

Wilson: Ja, absolut das Gegenteil (lacht). So sollte es auch sein.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  17. Dezember 2010
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2021