Natalie Portman gut gelaunt auf der "Black Swan"-Premiere
20th Century Fox
Natalie Portman gut gelaunt auf der "Black Swan"-Premiere
Tanzender, neurotischer Schwan
Interview: Natalie Portmans Verwandlung
Natalie Portman ist nicht die Frau, die sie einst war. Die Schauspielerin durchlebt eine seltsame Transformation. Zumindest ist das in ihrem aktuellen Film der Fall. Als ehrgeizige Ballett-Tänzerin in Darren Aronofskys "Black Swan" muss die zierliche Darstellerin eine tiefe Identitätskrise ertragen und droht den Verstand zu verlieren. Wie Sie das zwanghafte Verhalten selbst diagnostizieren würde, verrät uns Portman im Interview. Zudem erzählt sie uns, welche körperlichen Strapazen sie auf sich nehmen musste und ob sie nach dem Dreh wieder die Frau werden konnte, die sie zuvor war.
Von  Julia Manfredi, Filmreporter.de,  20. Januar 2011
Black Swan
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Black Swan
Ricore: Die Tanzwelt ist ein Traum für Sie, nicht wahr?

Natalie Portman: Ich habe schon in jüngeren Jahren getanzt, bis ich zwölf war. Ich schätze, ich habe das Tanzen schon immer als wunderschöne Kunst idealisiert, als Ausdrucksform ohne Worte. Seit jeher wollte ich einen Film machen, der mit Tanz zu tun hat. Als Darren diese unglaubliche Idee hatte, die sich nicht nur mit der Tanzwelt beschäftigte, sondern auch diese beiden wirklich komplizierten Charaktere beinhaltete, ergriff ich die Chance. Zumal Darren ein Regisseur ist, für den ich alle tun würde. Es war einfach absolut aufregend.

Ricore: Was haben Sie als erstes gegessen, als Sie Ihr Training beendet hatten?

Portman: Meine erste Mahlzeit war Pasta, die ich zum Frühstück, Mittag- und Abendessen aß - also die ganze Zeit. [lacht]

Ricore: In "Black Swan" geht es um eine Transformation und Sie selbst verändern sich komplett während des Films. Wie gehen Sie vor, um sich für eine Rolle so sehr zu verwandeln?

Portman: Nun, es war eine große Herausforderung und ich wurde auf wirklich großartige Weise unterstützt. Die ganzen Lehrer und Trainer, der Choreograph sowie der Regisseur trieben mich voran. Ein Jahr zuvor begann ich, mich mit meiner Ballett-Lehrerin während der ersten sechs Monate jeweils zwei Stunden täglich vorzubereiten. Auf diese Weise wurde ich gestärkt und darauf vorbereitet, mich nicht zu verletzen. Schließlich übten wir täglich fünf Stunden. Ich schwamm eine Meile am Tag und hatte dann drei Stunden Ballettübungen. Zwei Monate vorher kam noch die Choreographie hinzu, so dass ich mich etwa acht Stunden am Tag vorbereitete. Die körperliche Disziplin war für die emotionale Seite des Charakters sehr hilfreich. Man lebt fast wie ein Mönch. [lacht] Das ist das Leben einer Ballett-Tänzerin: Man trinkt nicht, geht nicht mit Freunden aus, isst nicht viel und setzt seinen Körper dauernd extremen Schmerzen aus. Auf gewisse Weise bekommt man ein Verständnis für die Selbstgeißelung einer Ballett-Tänzerin.
Natalie Portman als Ballerina in "Black Swan"
20th Century Fox
Natalie Portman als Ballerina in "Black Swan"
Ricore: Haben Sie sich auf die beiden Rollen unterschiedlich vorbereitet?

Portman: Es gab verschiedene Choreographien für den schwarzen und den weißen Schwan. Ich hatte eine großartige Trainerin, Georgina Parkinson, die leider zwei Wochen vor dem Drehstart gestorben ist. Sie hat mit mir an allen Aspekten sehr genau gearbeitet, von den Fingerspitzen bis hin zu der Art und Weise wie man bei verschiedenen Bewegungen schaut. Das waren kleine Gesten, wodurch man die beiden Charaktere differenzieren kann.

Ricore: Können Sie uns etwas über die Beziehung zu ihrer Filmmutter Barbara Hershey erzählen?

Portman: Darren hatte den schönen Einfall, dass Barbara in ihrer Rolle als Erica Briefe für mich schrieb. Diese gab er mir an wichtigen Drehtagen, an denen ich ein Gefühl für meine Mutter entwickeln sollte. Barbara hat wirklich herrliche Briefe verfasst, die voll und ganz ihrem Film-Charakter entsprachen und ein Gefühl für unsere Beziehung zueinander vermittelten.

Ricore: Sie haben in Harvard Psychologie studiert. Wie würden Sie ihren Charakter Nina diagnostizieren?

Portman: Das war ein Fall, bei dem ich etwas, das ich dort gelernt hatte, auf etwas Praktisches in meinem Leben übertragen konnte, was sehr selten vorkommet. [lacht] Es ist ganz klar ein Fall von zwanghaftem Verhalten, das Kratzen, die Bulimie. Das Ballett passt dazu, weil auch dabei Rituale eine Rolle spielen. Das tägliche Einwickeln der Schuhe, die Vorbereitung neuer Schuhe für jeden Auftritt ist fast wie ein religiöser Akt. Es ist fast so wie bei Juden mit ihren Tefillin [Gebetsriemen] oder Katholiken mit ihren Rosenkränzen. Zudem haben sie im Direktor einen Gottgleichen Charakter, so dass es wirklich zu einem frommen, religiösen Akt wird. Damit kann man sich als Schauspieler identifizieren, weil man sich bei einem Film dem Regisseur auf ähnliche Weise hingibt. Es ist, als ob der Regisseur alles für einen wäre und man will ihm dabei helfen, seine Vision umzusetzen. Diese Art von religiöser Obsession wäre also meine professionelle Diagnose. [lacht]
Natalie Portman verwandelt sich in "Black Swan"
20th Century Fox
Natalie Portman verwandelt sich in "Black Swan"
Ricore: Ist Ihr Charakter Nina eine Russin?

Portman: Ich betrachte sie nicht als Russin und ich erinnere mich, dass sie den Namen Nina erhielt, weil er nach einem kleinen Mädchen klingen sollte.

Ricore: Sie haben sich diesem schwierigen Charakter, der nach Perfektion sucht, völlig hingegeben. Wie gelingt es Ihnen, ihre eigene Balance zu finden und sich als Schauspielerin von der Rolle auszuklinken?

Portman: Ich klinke mich aus, sobald ich eine Szene beendet habe. Wenn der Dreh fertig ist, bin ich wieder ich selbst. Ich will wieder ich selbst sein und nicht jemand, der weiterhin in seiner Rolle drin bleibt. Nun, diesmal war eine Disziplin notwendig, durch die ich wahrscheinlich mehr wie mein Charakter werden musste, während wir drehten, als bei früheren Arbeiten. Aber ja, danach gehe ich einfach zurück zu meinem normalen Leben.

Ricore: Wie schaffen Sie es, sich selbst immer wieder anzutreiben?

Portman: Nun, ich denke, einer der Gründe, warum zwischen mir und Darren so eine Art telepathisches Band bestand, ist seine unglaubliche disziplinierte und fokussierte Art. So versuche ich auch zu sein. Ich bin zwar keine Perfektionistin, aber ich mag Disziplin und bin gehorsam. [lacht] Ich denke, dass es wichtig ist, so hart wie möglich zu arbeiten und so menschlich wie möglich zu jedem zu sein, mit dem man arbeitet. Das ist das Ziel, jeden Tag sollte man sich darauf konzentrieren.
Natalie Portman auf der "Black Swan"-Premiere in New York
20th Century Fox
Natalie Portman auf der "Black Swan"-Premiere in New York
Ricore: Wie war es für Sie, wieder in hohen Schuhen zu laufen, nachdem Sie als Ballerina dauernd flache Schuhe tragen mussten?

Portman: Ich mag es, flache Schuhe zu tragen. [lacht] Wirklich glücklich war ich aber darüber, keine Spitzenschuhe mehr anziehen zu müssen. Spitzenschuhe sind Folterinstrumente. Ballett-Tänzerinnen gewöhnen sich daran, für mich war es definitiv eine neue Erfahrung. Die Schuhe fühlen sich sehr mittelalterlich an.

Ricore: Sie haben auch in der von Mike Nichols inszenierten Aufführung von Anton Chechows Stück "Die Möwe" einen Charakter namens Nina gespielt. Hat das Ihre Figur in "Black Swan" beeinflusst?

Portman: Ich habe tatsächlich viel darüber nachgedacht, wahrscheinlich wegen dem Namen. "Black Swan" hat offensichtlich ein ganz anderes Ende als "Die Möwe". Aber in dem Stück muss das Mädchen sich selbst einen Namen geben, anstatt ihn von einem Mann zu erhalten. Und auch die Nina in unserem Film muss verkünden, wer sie ist, anstatt dass man es ihr vorgibt.

Ricore: Der Film hat von der Environmental Media Association ein grünes Siegel für ökologisches Bewusstsein bekommen. Wie kam das?

Portman: Darren ist ein großer Umweltschützer und redet darüber die ganze Zeit. Er sorgte dafür, dass es auf dem Set keine Wasserflaschen gab, was eine große Sache ist. Wir tranken tonnenweise Wasser, weil wir tanzten und eine Menge Energie verbrauchten. Alle bekamen Behälter, die man überall auf dem Set abfüllen konnte. Zudem benutzt man für das tägliche Mittagessen bei den meisten Filmdrehs Styroporbehälter. Stattdessen kann man Ökobehälter verwenden. Dadurch wird einem bewusst, dass hunderte Leute einfach Dinge verschwenden, die giftig sind.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Julia Manfredi, Filmreporter.de,  20. Januar 2011
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